Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., 9 Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden tiglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. — Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abonnementspreise: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. E 5.—, Vierteljahr. E 3.— . In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ansland ganzj. Eres. 15.—. □ ■ . —□ Vertretungen ln der Provinz ln Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitnngsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bachstab. Bucbhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig.. Nr. 15. Wien, Freitag, den 10. April 1908. II. Jahrgang. An unsere Leser. Die nächste Nummer der „Jüdischen Zeitung“ erscheint am 15. d. mittags als Passah-Nummer in verstärktem Umfang mit zahlreichen .Originalbeiträgen von hervorragenden Gesinnungsgenossen. Wir ersuchen Bestellungen auf diese Nummer umgehend, bis längstens 14. d. bei uns aufzugeben. Die Expedition der Jüdischen Zeitung“. ' * Palästinaamt und Palästinarat. In, kurzem wird Dr. Rup p in in Jaffa eintreffen und damit das Ralästinaamt in vöUeTätigkeit^esetztw-erderu^Di&'ScIut^img dieses Äintes;entspricht einer richtigen Auffassung des Charakters der zionistischen Arbeit in Palästina: Als einer solchen, die vom organisierten jüdischen Volke planmässig im Hinblick auf das Endziel geleistet wird. Dem staatsähnlichen Charakter unserer Organisation entspricht es, dass sie an die Spitze des gesamten Komplexes der praktischen Arbeit in Palästina einen Ressortchef setzt, dem teils direkt in seinem Amte, teils in Palästina verantwortliche Beamte unterstehen. Gegen diese vom achten. Kongress getroffene Einrichtung ist von keiner Seite Widerstand erhoben worden. Differenzen ergaben sich nur in bezug auf die Stellung des Palästinaamtes zu den in Palästina wohnhaften Mitgliedern des A. C. Am Kongress (Palästina-Ausschuss) und hei der Berliner A. C.-Sitzung wurde von diesen eine gewisse Koordination zu dem Amte verlangt, beide Male aber von der Majorität abgelehnt. Und dies mit vollem Recht. Der Zionismus, der einen Staat im Werden darstellt, kann sich unmöglich den Luxus erlauben, von den bewährten Verwaltungsprinzipien abzugehen, welche die mächtig fundierten Kulturstaaten als einzig richtig erprobt haben. Dies umsoweniger, als gegen die jllzuweit gehende Demokratie unserer Organisation ein Gegenf.. gewicht nötig ist, das "ineinem Status verantwortlicher Beamten, weiche die Arbeiten ausführen und gewisse Traditionen schaffen, gefunden werden kann. Sollen auch stets die -prinzipiellen Beschlüsse, (fern Kongresse, ipJsidgr ,äu&..4deii;'örwiQ|^V^§ü:^^i3:^:dEi^ jüdischen Volkes bestehenden LegfsläSVfe- Vorbehalten bleiben, so muss die fachmännische Ausarbeitung der Vorlagen und die Ausführung der Arbeiten unbedingt durch verantwortliche Beamte erfolgen. Bisher überliess man auch dies den zufällig dazu Gewählten oder gelegentlich Berufenen. Die Folge davon war, dass entweder nichts geschah oder aber das Beschlossene in langsamer und oft unrichtiger Weise ausgeführt wurde. Das Beste, was wir in Palästina geschaffen haben, die Bank, leistet nur deshalb so Bedeutendes, weil sie von verantwortlichen Beamten — Direktoren— geleitet wird. Wenn sich im Momente, wo unsere Organisation sich endlich entschloss, für die Leitung der Palästinaarbeit ebenfalls verantwortliche Beamte einzusetzen, Widerstände dagegen erheben, so müssen diese, da es sich um den ersten und wichtigsten Schritt für die Konsolidierung unserer Arbeit handelt, durch eine entschiedene Stellungnahme beseitigt werden. Dabei soll nicht ailzuviel Gewicht auf die formelle Frage gelegt werden. Formell sind die geschätzten Freunde, die in Palästina wohnen und Mitglieder des A. C. sind, vollständig im Unrecht, wenn sie als solche eine entscheidende Stimme in Fragen der Palästinaarbeit und Gleichstellung mit dem Palästinaamt fordern. Denn das Mandat für das A. C. bedeutet nur, dass man in der beratenden und beschliessenden Körperschaft des gesamten A. C. eine Stimme hat. Es bedeutet ferner, dass man für das Land, in pvefehem -man seinen Wohnsitz, bat*. Ver- - ’ frauensmann der Organisation ist. Als solcher hat das A. G.-Mitglied die Pflicht, darüber zu wachen, dass in diesem Land nicht die Organisation oder das zionistische Leben verfalle, hat wohl auch das Recht, dem engeren A. C. zu berichten, ihm Ratschläge zu geben und seine Meinungsäusserung zu übermitteln. Die Ansicht, dass etwa die A. C.-Mitglieder eines Landes zusammen eine Körperschaft bilden, oder dass sie befugt und beauftragt wären, die zionistischen Institutionen zu leiten ist vollkommen unrichtig. Die zionistische Arbeit in Palästina darf auch nicht jener in den Golusländern gleichgestellt werden. Sie ist Endzweck und ihre Durchführung Sache der gesamten Organisation. Die FEUILLETON. Finsternis. Von Moses Sil bürg. — — — Da alle genau wussten, dass hart hinter den verriegelten Türen und geschlossenen Fensterläden sich das Reich des Dunkels erstrecke und hier im Zimmer der einzige Ort sei, wo man einander sehen könne — ward die Gesellschaft intimer und die Menschen rückten einander immer näher ... Wie dunkel war es draussen! ... Die stumme, zitternde Stimme der kindischhilflosen Seelen aber sagte: „Wenn es wirklich eintreten sollte — dann werden alle besinnungslos in entsetzlicher Angst mit stieren Augen und ausgestreckten Händen in das starre und stumme Dunkel zerstieben — — —* Gleichsam als Folge des stummen Gedankens wurden die Worte aufrichtig und zärtlich . . . Es war schon tiefe Nacht. Doch mochte niemand zu Bette gehen und allein bleiben. Mit den eigenen hilflos umherirrenden Gedanken . . . Einer wollte dem anderen etwas zuraunen, die Lippen wollten etwas 'sagen r— nur blieb alles ungesprochen in der Luft hängen und verwandelte sich’ in eine stille, sehnsuchtsvoll flatternde Nachtmelodie. Wehmütig still, mit der Stimme eines längst | Verstorbenen spricht die Nachtmelodie zu jedem Herzen. Es existiert eine unbekannte Welt, ein Jenseits . . . geheimnisvoll . . . voll stummer unkörperlicher Wesen . . . hinter dir fliesst das Jenseits ohne Rauschen ... deine Augen können es nicht sehen, dein Verstand kann es nicht begreifen ... es existiert ein Jenseits . . . eine andere Welt . . . stumm ist sie . . . tief ist sie . . . unbegreiflich ... Am Tische verharrte alles in tiefer Stille. > Das blasse, volle Gesicht der Hausfrau, die matten, ruhigen Augen, halb verschleiert vom Schatten des grünen Lampenschirmes, wurden still — wehmutsvoll und kindlich — gut . . . „Mir sagt eine Ahnung, dass man heute zu uns kommen wird“, spricht sie angstvoll abgebrochen den quälenden Gedanken aus und schweigt still ... „Wer kann es wissen ... Aber wachen muss man“, sagt der Hauslehrer, ein langer junger Mann mit weissen, glotzenden Augen, mit einer rauhen Stimme, die fremd klingt. Täglich hört man von Raubmorden und Diebstählen in der Umgegend. Man stiehlt Pferde, Vieh; auf den Strassen findet man verstümmelte Körper . . . Schädel, Beine, Arme . . . Personen verlassenihre Wohnungen und kommen nicht mehr wieder . . , die Hunde werden vergiftet... [m benachbarten Maierhof hat man eine ganze Familie hingeschlachtet ... sie war allen bekannt . . . Wie weit ist es her? . . . Und dieses Haus steht einsam im Felde. . . Zwar in der Nähe der Bahnstation . . . aber — — — Erst heute hat man von dort berichtet, dass man mit dem Zuge einen misstrauenerweckenden, einäugigen Passagier habe ankommen sehen . . . hoch von Gestalt, mit schwarzem, dichtem Haar und einem Ohrring im linken Ohrläppchen . . . Andere wieder haben erzählt, dass sie gehört haben, der verdächtige Unbekannte hätte gepfiffen, worauf vom- Walde her ein Antwortsignal ertönt wäre. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Räuber aussieht“, sagte angstvoll zitternd und naiv, wie ein Kind aus dem Schlafe, die Schwester der Hausfrau. Alle schwiegen . . . Niemand konnte sich das vorstellen . . . Das Vorstellungsvermögen konnte es unter keiner Bedingung fassen, wollte es nicht glauben, dass Menschen mit einem Kopf, mit Augen, mit Händen, genau wie sie selbst, kommen werden und dass man vor ihnen Angst haben und flüchten müssen wird . . . Und .unter keiner Bedingung vermochte man es zu glauben, dass aus dieser Stille und Ruhe, die ringsherum herrschte, etwas Schreckliches herausbrechen werde . . . etwas Wildes . . . das alle in smnbeiraübende Augst versetzen werde... das alle wie ein Wirbelwind erfassen werde...