Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 ' werden, weil sie von Juden propagiert wird. Hock | wollte mit seiner „Freien Schule* Wien erobern, j erobert hat er 'nur die „Leopoldstadt.“ Der gesell- . scbaftüche Antisemitismus ist nach der Auffassung der. Referentin einigermassen berechtigt, doch sei er eine direkte Folge der Assimilation unter den Juden. Der wirtschaftliche Antisemitismus wird durch die Konkurrenz der aus demOsten kommenden armenJuden hervorgerufen. „ Im vorigen Jahre waren in Niederösterreich . 25.000 jüdische Hausierer, 113.000 Juden sind aus dem Osten in den Westen gekommen.* Diese Einwanderer bieten den Einheimischen eine heftige Konkurrenz. Den Juden ' ergeht es nun infolge des Antisemitismus von Tag zu Tag schlechter. Die Frage der Berufswahl sei eine der brennendsten des jüdischen Mittelstandes. Die Juden aus Russland werden über das Meer gehetzt Selbst in Amerika bestehen jetzt vier antisemitische Zeitungen. In Südafrika ist der Antisemitismus ganz heimisch. Es gibt da nur ein Mittel, der jüdischen Not zu steuern, eine Konzenirierung der Massen in Palästina.;Die Itoisten, die auch andere Gebiete als entsprechend betrachten, haben weder Land noch Leute. Man muss auch mit Gefühlsmomenten rechnen, denn ohne Gefühlsmomente wäre kein geeinigtes Italien und kein Gross-Deutschland entstanden. Die Referentin erzählt von ihren Bemühungen ein Komitee zu begründen, das sich mit der Frage eingehend beschäftigen solle. Mitglieder der höchsten arischen Aristokratie haben sich sofort bereit erklärt, dem Komitee beizutreten. Bittere Erfahrungen habe sie bloss bei den grossen Juden gemacht, von denen der erste meinte, dass mit den Juden nichts anzufangen sei, da sie bloss für alte Hosen |r,tow»ggp hätten, der zweite sich als Deutschnationaler erklärte, den die Juden nichts angingen, der dritte erklärte, dass es ihm schlecht werde, wenn er von Juden höre, der vierte sich anfänglich einigemal .verleugnen liess, Briefe nicht beantwortete und schliesslich sagte, dass er für Juden keine Zeit habe. Auf die politischen Verhältnisse der österreichischen Juden übergehend, sagte die Referentin, dass es ausser den vier jüdisch-nationalen Abgeordneten keinen Vertreter des Judentums im österreichischen Parlamente gebe. Schliesslich sprach sie von dem ethischen Werte des Zionismus, der ihr als dasSchönste am Zionismus erscheine. Herzls ftehrtftpn kämen für, sie ihrem ethischen Gehalte nach gleich nach der BibeL — „Es gibt keine Kultur ohne Bodenständigkeit Die Juden im Golus nehmen arische Kultur an, prägen sie aber um. — Wenn sich die arischen Völker gewöhnt haben werden, unter jüdisch eine nationale und keine konfessionelle Bezeichnung zu verstehen, dann wird sich vieles in den Beziehungen zwischen Ariern und Juden bessern.* Zum Schluss bedauerte die Vortragende, dass ihr Plan, ein Komitee zur Unterstützung der zionistischen Bestrebungen aus Juden und Christen zu bilden, .gescheitert sei. Die Entwicklung lasse sich eben nicht von aussen her beeinflussen. 6g. Adolf Böhm sprach unter stürmischem.Beifall der Gesinnungsgenossen dem Frl. Theimer namens der zionistischen Organisation für das Verständnis und Interesse, das sie den zionistischen Ideen entgegenbringt den wärmsten Dank aus. Er knüpfte an ihre Schlussbemerkung an und sagte, dass die Lösung nur organisch durch die nationale Selbsthilfe, wie sie in unserer Organisation verkörpert ist, erfolgen werde. Namens des zionistischen Frauenvereines dankte zum Schlüsse Frau Fanni Weiss der Referentin für die gediegenen Ausführungen und forderte die anwesenden Damen auf, dem zionistischen Frauenverein, der seinen Sitz im Cafe City, IX., Porzellangasse hat, beizulrelen. . Nach Süden und Norden führt die Deutsche Touristen-Vereinigung ihre diesjährigen Reisegesellschaften, Am 6. Juii beginnt in Basel eine Mitielmeerfahrt, die 17 Tage dauert und 385 Mk. kostet Am 9. August geht ein Sonderdampfer von Hamburg nach den schönsten Fjorden der norwegischen Küste. Reisedauer 12 Tage. Preis von 220 Mk. an. Reiseteilnehmer aller Stände willkommen. Näheres im heutigen Inseratenteil. Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschäftsbücher-Fabrik A. Grünsfeld & Co.; Wien, I., Gonzagagasse 21. JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 14" Der Fäll Back. Es rennt wie ein Feuer'durch die Stadt: Der reiche Back hat sich geschmadt! Die Armen und Reichen, die Grossen und Kiemen, Sie sagen, vermuten, erklären und meinen, Sie glauben und schmusen und Werdens nicht satt: Der reiche B a c k hat sich geschmadt! * ..e - ♦ s t 3F - / . Dem Oberkantor Samuel Stein, Dem geht es nicht in den Kopf hinein Und er bespricht die Sache leise Im allerengsten Familienkreise: „Wo bleibt der Glaube.? Wo ist das Gefühl? Noch vorigen Schabbes in der Schul Und heute ist er ein Geschmadter — Hätt’ das erlebt sein guter Vatter!“ Besorgt entgegnet die-Frau darauf: „Geh’,- Sami, reg dich nicht so auf. Du weisst doch, wie die Leute sind < Und ist er dein Geschwisterkind?!“ „„Geschwisterkind hin,' Geschwisterkind her, Was soll ich dir sagen, es ist ein Malheur!“ Und er beginnt in der Luft zu rudern : „„Der Back ein Goi! Wer soll jetzt schnudern?“* * * * Der kaiserliche Rat, Herr Blau, Bespricht den Fall mit seiner Frau — Sie legt die Hand auf die mollige Büste Und flüstert sanft und logisch : „Siehste! In diesem Wahnsinn ist Methode, Das Taufen ist ganz einfach Mode Und was da nobei ist und fein, Das soll und muss katholisch sein!* Dem Herrn Blau wird kalt und heiss, Er murmelt nur: „Ich weiss! Ich weiss! Doch ich bin heut’ in Pension, Sag’ selbst, was hätt’'ich jetzt davon?? “ Tiefäugig entgegnet sein trautes Weib: „Du glaubst, dass ich noch Jüdin bleib’ —? Ein Christ ist Back, das dicke Schwein, Ich kann genau dasselbe sein!“ * * * Nichts, was der Menächengeist errungen. Nichts, was ein Dichter je gesungen, Nichts, was ein Denker, je erfand Ist Fräulein Marry.unbekannt. Ob sie nun komponiert, ob pinselt, Den Ibsen mimt, den Schumann winselt, Gleich’sägt ein jedeif,'dor sie kennt: Gott, hat das Mädel ein' Talent! Als sie bei ihrem letzten Jour Von der Skandalaffaire. erfuhr, Da machte sie die Nase eng Und wiegte sich im Hüftgelenk: „Was soll ich da zur Antwort geben? Der Mann hat doch kein Innenleben! Ich würde nie und nimmer Christin; Denn innerlich bin ich Budhhistin, Dass ich nach aussen Jüdin bin, Auch das hat einen tiefen Sinn!* „ „Ich glaubs! “ * Sprach der Herr K o h n prosaisch: „„Buddhisten heiraten mosaisch!*“ * * * Nur einer war im ganzen Ort, Der sprach darüber nicht ein Wort Und alle Leute sagten trist: „Das nennt sich dann ein Zionist!“ Doch während all die Tiefempörten So nach wie vor bei Back verkehrten, Kam dieser Mann des steifen Nackens Nicht einmal mehr zum Jour bei Backens Und hat sogar — wer kann es fassen — Das Wiedergrüssen unterlassen Und zwar im öffentlichen Park. Das war dem Herrn Back zu stark! - Sein Antlitzerker wurde länger, Sein Blick verstört, sein Kragen enger: „Wie heisst? Sie grüssen nicht zurück? Sie sind ein Laff! Ein Chuzpenick! Sie sollten sich ein wenig schämen, Das ist ein jüdisches Benehmen!“ Der Angebellle blieb nur steh’n Und sprach, als wäre nichts gescbeh’n: „Geh’ nur, Meschumed, geh’ nach Haus!“ Und spuckte dann gewaltig aus. Herr Back war starr. Die ganze Kille Versank in schwere Grabesstille —: Nur ganz geheim zwei volle Wochen Ward allgemein der Fall besprochen. So fragte auch der Herr Rabbiner Verstohlen seinen Tempeldiener Ob er so sehr von der Affäre, Wie alle’ sonst, begeistert war’. Der alte Schammes sagte: „Nein!“ „Warum?“ fiel rasch der Rebbe ein. Da rief der Knirps mit Augenrollen: „Ins Ponem hält’ er spucken sollen!“ Beda. Korrespondenzen. Jüdische Turner. Wien. Samstag den 14. März fand wie alljährfieh‘das Schauturnen des I. W. J. T. W statt. Wenn im Schauturnen der Beweis für die Leistungsfähigkeit eines Turnvereines sein soll, so liät dieser heuer seine Probe glänzender "bestanden,. denn je. Die von GO Turnern ausgeführten Freiübungen bezeugten das hohe Mas von. Strammheit und Disziplin," das die Reihe« der jüdischen Turnersdhaft beherrscht und in* einem vom Turniwarte Rudolf Pollafc einstudierten Damenreigen ' hatten unsere Turnerinnen Gelegenheit, mit vollendeter Eleganzihre Grazie und Elastizität zu bewähren. Vollends auf der- Höhe , stand das Geräteturnen. Von den fünf Riegen, die angetreten waren, gebührt das .uneingeschränkteste Lob vor allem der ersten, die auf dem Barren die schwierigsten Hebungen mit perfekter turnerischer Gewandtheit austfülirte. Den Schluss bildeten Freiübungen mit Unterstützung, Pyramidensteilen und! das Turnen einer Musterriege am Tisch. 'Mit herzlichem Beifalle wurde eine Rede des Obmannes Dr. Werner aufgenommen, in welcher dieser unter anderem auf die Hindernisse hinwies, die dem Verein selbst von den eigenen iStammesgenossen in dem Weg gelegt werden, deren Beseitigung aber dank der Arbeitskraft und Opferwilligkeit seiner Mitglieder -bisher, gelungen sei. Mit einem warmen Appell an die Interessen ahme und die Hilfsbereitschaft des jüdischen Publikums schloss Redner seine Ausführungen. An das Turnen reihte sich ein wohlarrangiertes Tanzkränz-' chen, das ebenfalls einen recht gelungenen Verlauf nahm. Marx als Kronzeuge gegen das Judentum. Eger. Am 24. Februar fand vor dem hiesigen Schwurgerichte eine Verhandlung gegen die Sehneidersgattin Barbara Fritsch aus Zobrau statt, die beschuldigt war, ihrer jüdischen Dienstgeberin. Wotfner zwei,Sparkassebüeher. entwendet zu haben. Tn seinem Plaidover bestritt der Verteidiger Dr. Traub, der Sohii eines hiesigen getauften Lanldesgerielitsratcs, die Glaubwürdigkeit der Zeugen Eduard und Julius Wolfner. Dr. Traub, dersel bst noch als Jude zur Welt k a m, sagte wörtlich: „In der Familie Wolfner herrschte Misstrauen. In der Bibel wird schon erzählt von dem Tanze um das goldene Kalb; ob mit Recht oder Unrecht, b-at der grösste Jude des neu nz ehnteil Jali rh u n d e r t s. Ka r 1 M a r x, eine ungünstige 0 h a r a k t e r i s t i k des Judent um s geböte n, w onaeh der wei11 i c.be-Gott des Judentums Geld sei. In einer Familie, wo Misstrauen herrscht, ist ein günstiger Boden für Familiendiebstähle/* Der A'orsitzendo liess natürlich diese Pauschalverleumdung gegen das Judentum u-ngerügt. Marx" ..Unbefangenheit"' in Bezug auf das Judentum ist also nicht nur für die mehr oder weniger gelehrten Führer der Sozialdemokratie, sondern charakeristisclierweise auch für getaufte Juden massgebend. Drollig, ist nur, dass der g e t a u f t e Dr. Traub, Karl Marx als „den grössten Jude n les 19. Jahrhunderts bezeichnet, trotzdem dieser bekanntlich seit seinem sechsten Lebensjahre gleichfalls getauft war. Galizien. Ein zionistischer Kultuspräsident. Lemherg. (Originaltelegramm.) Zum Präsidenten der Kultusgemeinde in S k o 1 e wurde Gesinnungsgenosse Benjamin Kl iiger, ein eifriger Anhänger. der zionistischen Partei, gewählt. ■ Eine zionistische Bank in Lemberg. Lemberg. (Orig.-Korr.) Bekanntlich, wurd« am letzten; .im Herbste abgehaltenen Parteitage in Galizien, eine Kommission zur Prüfung der Angelegenheit einer jüdischen Landesbank in Galizien eingesetzt. Nach, eingehender Prüfung aller in Betracht kommender Faktoren, ' kam die Kommission zu dem Ergebnis, dass di«