Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. <1,4: Seite 5 . J.PJ>ISCHE ZE^ T.UN G läuterte Prof. Sellin mit Hilfe, eines vorzüglichen Planes der Ausgrabungsstätte den allmählichen Werdegang und jetzigen Standder nunmehr insgesamt . drei Monate währenden Ausgrabung. Der Vortragende kam auf die bis jetzt zu verzeichnenden Erfolge seiner Tätigkeit zu sprechen und betonte Vor allem die Wichtigkeit der aufgefundenen gewaltigen kanani tischen Stadtmauer, die ohne Ecke abgerundet verläuft und 'bisher etwa in ihrem halben Umfang aufgedeckt wurde: Sie reicht mit ihrem sieben Meter tiefen steinernen Fundament bis auf den felsigen Grund und bestand in ihrem oberen Teil aus einer zwei Meter dicken, kaum noch erhaltenen Lehmmauer. Parallel zu ihr fand man in grösserem- Abstand eine weitere Befestigungsanlage, nämlich eine Doppellehm maxier von bedeutender Breite und imposanter Höhe. Es wurde auch bereits ein kauanitisdier Stadtteil blossgelegt und eine Menge von steinernen Mühlen, Tür-, angeln, Spindelgewiehten und vor allem von Tonselierben und Krügen zutage gefördert. In einem anderen Teil des Ausgrabunigsgebietes, wo gegenwärtig die Hauptarbeit verläuft, stösst inan auf eine Reihe übereinander liegender Schichten, die verschiedenen Zeitperioden von der ältesten kananitisehen' bis zur jüngsten byzantinischen, angeboren, nie namentlich aus den jeweilig zum Vorschein kommenden Tonsdherben geschlossen werden kann. Inschriften wurden noch nicht entdeckt, ausgenommen etliche Stempel auf Krughenkeln mit althebräischen und aramäischen Buchstaben. Die Ausgrabungen, die bisher von grossem Erfolg begleitet waren, aber noch lange nicht beendet sind, scheinen auch für die Zukunft viel versprechen zu wollen. Mit einer Einladung an das zahlreich erschienene Publikum, persönlich die Ausgrabungsstätte besuchen zu wollen, schloss Prof. -Sellin .seinen anregenden Vortrag, der lebhaftes Interesse waehrief, wie der am Schluss reichlich gespendete Beifall bewies. * * * V-Industrie und Handalin Palästina Die Behörden Jerusalems beschäftigen sieh seit einiger Zeit -mit 'dem Projekt, hier oder in Jaffa eine Handelsschule zu -begründen. Es braucht kaum gesagt zu wenden, von welcher Bedeutung die Ausführung dieses Planes für den Handel Palästinas wäre, denn es fehlt gar sehr an gebildeten Kaufleuten. Grosse Bedeutung kommt auch den Versuchen zu, die man kürzlich wieder mit der Kultur der Seidenraupe in der Umgegend von Jaffa gemacht hat. Vor Jahren -waren in einer jüdischen Kolonie solche Versuche bereits gemacht worden, die damals aus äusseren Gründen wieder eingestellt wurden. Wenn jetzt, wie es heisst, die erneuten Experimente sehr ermutigend ausgefallen sind, so eröffnete sieh damitvielleicht auch für eine Reihe von jüdischen Kolonien ein neues Tätigkeitsfeld, dessen mögliche Entwicklung noch gar nicht zu übersehen ist. Vom Hilfsverein der Deutschen Juden. Sonntag den 29. v. M. fand die Generalversammlung des Hilfsvereines Deutscher Juden in Berlin statt. Besonderen Eindruck machte die Mitteilung, dass die Familie des verstorbenen Wolf Wissotzky in Moskau eine Viertejl Million Francs zur Begründung technischer Mittelschulen im Orient gestiftet habe. Dr. Nathan führte unter anderem aus, dass insbesondere im Hinblick auf die zunehmende wirtschaftliche Erschliessung Palästinas, Vorder- und Hinterasiens die intellektuelle kaufmännische und technische Ausbildung der Juden des Orients von besonderer Bedeutung sei. Die Mitgüederzahl des Hilfsvereines hat sich von 14.000 auf 18.000 vermehrt, die Jahreseinnahmen sind von Mk. 9S.000 auf Mk. 138.000 gestiegen. Bezüglich des Schulwesens des Hilfsvereines wurde konstatiert, dass jenes in Palästina den grössten Umfang hat. Dort ist das Schulwerk aus den Bedürfnissen der jüdischen Bevölkerung des Landes heraus entstanden, ist dem re ligiösen, verkehrs- und wirtschaftlichen Leben desselben aufs engste angepasst und entwickelt sich als ein Organismus von lebendiger Kraft in engem Zusammenhänge mit der Gesamtentwicklung des paläsinensischen Lebens, Als eines der werlvollsten Ergebnisse der Reise des Herrn Dr. Nathan ist es anzusehen, dass ein prinzipielles Einverständnis mit den beteiligten Kreisen über eine zeitgemässe Ausgestaltung des Unterrichtes an den Talmud-Thora-Schulen h e r b e i g e f ühr-t werden konnte, so dass bei voller Wahrung des religiösen Charakters und der religiösen Grundlage der Anstalten in ihnen den Bedürfnissen des praktischen Lebens in Zukunft Rechnung getragen werden kann. Der Lehrplan soll nach der Richtung hin erweitert werden, dass die Zöglinge nach Verlässen der Schule in den Stand gesetzt sind, sich im wirtschaftlichen Leben zu betätigen und ihr Brot selbst zu.erwerben, statt mehr oder weniger von der Chalukah abhängig zu bleiben. Auch in der europäischen Türkei, so zum Beispiel in dem durch den furchtbaren Brand in den letzten Tagen bekannt gewordenen Haskieu wurden neue Schulen errrichtet oder die bestehenden erweitert imd ausgebaut. In gleicher Weise wurde das Schulwerk in Bulgarien und Rumänien fortgeführt. Das gesamte Unterrichtswesen des Hilfsvereines umfasste im Jahre 1907 35 Schulen der verschiedensten Art mit mehr als 4000 Zöglingen. In Galizien wurde gemeinsam mit dem Wiener Hilfsverein und der Grossloge für Deutschland die Einführung der verschiedensten Hausindustrien weiter tatkräftig gefördert und die Bestrebungen haben das Resultat gezeitigt, dass im Jahre 1907 zirka 3100 Arbeitskräfte mit einem Jahresverdienst von K 267.846.45 beschäftigt waren. Um das Kleinhandwerk und die Kleinindustrie zu heben, lieh der Hilfeverein den in Julicum bestehenden Kreditorgani-; sationen weitgehend;^. Upterstütz,ungen. Für eine energische Bekämpfung des Mädchenhandels hat. der Hilfsverein gleichfalls Mittel zur Verfügung gestellt. In Rumänien galt es im Berichtsjahre die Wunden zu heilen, die die Bauemunruhen und die damit verbundenen Exzesse gegen die Juden geschlagen hatten. Ein Schaden von über 2*/j Millionen Francs wurde nach der niedrigsten Schätzung den ohnehin meistenteils in denärmstenVerbältnissen lebenden Juden Rumänienszugefügt. 3023 Familien in nahezu 100 Ortschaften hatten unter den Plünderungen gelitten. 42 Personen waren, verwundet, von den Hunderten, die Misshandlungen erleiden mussten, zu schweigen. Damit aber war das Mass der Leiden unserer rumänischen Glaubengenossen nicht voll. Auf die Gewaltätigkeiten der Bauern folgten die Unterdrückungen und Verfolgungen seitens der Regierung und der Behörden und häuften neues Ungemach auf die schwer betroffenen Juden. Die massenhaften Ausweisungen, die jedem Recht und jeder Menschlichkeit Hohn sprechen und die gerade in diesen Tagen ein Jahr nach den blutigen Agrarunruhen in besonders grossem Umfange wieder stättfinden, verschlimmern die. an und für sich verzweifelte Lage der rumänischen Juden. Auf Anregung des Hilfevereines der Deutschen Juden einigten sich sämttiche jüdische Organisationen in einer am 5. Mai 1907 in Wien abgehaltenen Konferenz zu einer gemeinsamen Hilfsaktion zugunsten der so schwer geschädigten rumänischen Juden. Das Hilfewerk, das von der Israelitischen Allianz in umsichtigster Weise geleitet wurde, hat bis jetzt über 600.000 Kronea erfordert. Der HUfsverein allein hat rund 80.000 Kronen für Rumänien verausgabt. Der Emst der Lage der rumänischen Judenheit erweckt schwere Besorgnis und es ist leider zu befürchten, dass weitere Hilfsmittel für die Verfolgten und Vertriebenen notwendig sein werden. Die wirtschaftliche Krise und eine schwere Teuerung im Orient schufen auch in Palästina einen Notstand, zu dessen Linderung der Hilfeverein das seinige getan hat In ganz besonders grossem Umfange war naturgemäss auch in diesem Jahre Hilfe für die Juden Russlands notwendig. Der Sieg der Reaktion in Russland und die immer mehr sich befestigende ’ Herrschaft der echten Russen haben den russischen. Juden auch in diesem Jahre wieder unzählige Leiden gekracht In verschiedenen Orten fanden Pogroms statt und in Odessa herrscht ein permsmenter Pogrom, der die Sicherheit der Juden stündlich gefährdet und Handel' und Wandel zum Stocken bringt. Die zunehmende Verarmung der rassischen Juden hat zur Folge, dass die gemeinnützigen Anstalten, Schulen und sonstige Institutionen sich in einer ausserordentlich kritischen Lage befinden. Um bei all diesen Notständen Abhilfe zu schaffen, hat der Hilfsverein sehr grosse Mittel aufzuwenden gehabt, in besonders grossem Umfange musste er einer Anzahl abgebrannter Städte, in denen namentlich Juden schwere Verluste erlitten hatten, seine Hilfe gewähren. Die grösste Unterstützung, die der Hilfeyerein den verfolgten Juden des Ostens zuteil werden lassen konnte, bestand darin, dass er ihre Auswanderung aus den Ländern des Hasses und der Unterdrückung ermöglichte und erleichterte. Für Auswanderungszwecke sind seit dem Ausbruche der russischen Wirren durch den Hilfsve rein derDeutschen Juden l1/* Millionen Mark ausgegeben worden. Die jüdische Auswanderung hat sich gegen das Vorjahr nur um ein Geringes vermindert. Unter den Auswanderern nach Amerika befanden sieh im Jahre 1907 149.182 Juden. Die jüdische Gesamtauswanderung dürfte mit 180.000 Personen zu berechnen sein, von denen 74 aus Russland stammen. Die Zahl der jüdischen Durchwanderer durch Deutschland hat in diesem Jahre zirka 94.000 betragen. Während die Gesamtheit der jüdischen Auswanderer nur Auskünfte und Belehrung durch Veröffentlichungen und Briefe erhalten konnten, waren diese 94.000 Auswanderer in der Lage die Organisation des Hüfsvereines, seine Komitees und Vertrauensleute direkt und persönüch in Anspruch zu nehmen. 125.000 Auswanderer in runder Zahl wurden vom Hilfeverein befördert, 35.000 beherbergt, verpflegt und bekleidet, 2500 ausgeheilt, so dass insgesamt 50.000 Auswanderern, also über der Hälfte aller jüdischen Auswanderer, die ihren Weg durch Deutschland nahmen, geholfen werden konnte. ' ‘ ’ Das hauptsächliche Bestreben war, der jüdischen Auswanderung den Weg zu weisen, die Massen, die durch die Verfolgungen, denen sie in ihrem Heimatland ausgesetzt sind, zur Emigration gezwungen werden, nach Möglichkeit dorthin zu lenken, wo sie begründete Aussichten haben, ihren Unterhalt zu verdienen und sie von einer planlosen Auswanderung und von dem Aufeuchen solcher Länder und Orte abzuhalten, in denen sie kein Fortkommen hätten finden können. Das gesamte p hil an t r o p i s c h e und soziale Hilfswerk des Hilfsvereines der Deutschen Juden erforderte im Jahre 1907 die namhafte Summe von drei Viertel Bf illione n Mark. Vortrag Kamilla Theimer. Der erste zionistische Frauenverein veranstaltete am Dienstag den 31. März einen Vortragsabend, an welchem Frl. Kamilla Theimer, die Verfasserin der Broschüre „Antisemitismus und Nationaljudentum“, über „Zionismus und Antisemitismus“ sprach. Der rühmlichst bekannte Name der Referentin bewog viele Personen, die sich sonst nicht um jüdische Fragen kümmern, zu erscheinen. Aus gesinnungsgenössischen Kreisen waren Mitglieder fast aller Vereine und Verbindungen erschienen. Der Vortrag des Frl. Theimer rechtfertigte die Erwartungen vollständig. In knappen, treffenden Worten beleuchtete sie alle Erscheinungsformen des Antisemitismus, deckte seine Ursachen auf und erläuterte dann die Grundprinzipien des Zionismus, der die einzige Lösung des osteuropäisch-jüdischen Problems bedeute und die Reibungsflächen zwischen den Juden und Ariern im Westen vermindere. Auf die Ursachen des Antisemitismus eingehend, erklärte sie, dass die meisten Arier Asemiten seien. „Wer sich Philosemit nennt, macht gewöhnlich aus seinen Gefühlen ein Geschäft. Die Antisemiten haben eine ererbte und anerzogene Scheu vor den Juden. Die Antisemiten sind entweder Geschäfts- oder intellektuelle Antisemiten. Die Ursache des intellektuellen Antisemitismus ist die jüdisch-liberale Presse. Manche Reform, wie ’ die Ehereform, wird nur darum nicht durchgeführt