Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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sie,hierzu die Fähigkeit, so kann,dann ihre Rolle eine mehr führende und repräsentative sein. Auch dies gilt für alle zionistischen Organisationen vom engeren Aktionskomitee bis zum letzten Verein. Nun wird man uns einwenden, das alles wäre ja recht schön aber woher die Mittel nehmen? Darauf ist folgendes zu antworten: j Am Beginn unserer Organisationstätigkeit wäre es. in Oesterreich zum Beispiel mit Hilfe einer st ra mm en Z entralis.ation. nicht schwer gefallen, einen grossen Verein mit. einem entsprechenden Generalsekretariat in Wien zu begründen, der seine Tätigkeit auf ganz Oesterreich erstreckt hätte..An die Gründung von Zweigvereinen hätte erst dann geschritten werden sollen, wenn die Zentrale ein für allemal gesichert gewesen wäre. Statt dessen wurde viel zu früh eine Dez entralisation eingeführt Vereine und Distrikte fröhlich darauf losgegründet, ohne vorher deren geistige und materielle Fundierung zu sichern. Kein Wunder, dass viele auf dem Papier ' stehen oder, nur .zeitweilig aufleben. Dieser Fehler muss nun.um jeden Preis gut gemacht werden; denn von der Lösung dieser Frage hängt in erster Linie die gedeihliche Entwicklung unserer Organisationen ab. Entweder wird man, wenn nicht für ganz Oesterreich,' so zumindest infolge der bereits begonnenen Zweiteilung für Ost und West, zur Zentralisation zurückkehren müssen und vermittelst einer energischen Aktion Generalsekretariate einrichten müssen. Dieser Weg erscheint uns, vorausgesetzt, dass die Gesinnungsgenossen eine einmalige Anstrengung vorziehen, der aussichtsvollere. Oder aber, wenn dieser Weg sich als ungangbar erweisen sollte, möchten wir ein anderes Mittel vorschlagen, dessen Erörterung wir uns im Zusammenhang mit dem Punkte „Presse“ für einen folgenden Artikel Vorbehalten. G. Palästina. . Diel Ausschreitungen in Jaffa. Wir erhalten folgenden Bericht: Die schweren Ausschreitungen stellen sich nunmehr als die Missetat des Ja-ffaer Kaimakams Assef Bei heraus, unter dem die jüdische Bevölkerung auch schon vorher zu leiden hatte. Schon seit 6—7 Monaten werden die Juden aufs Empfindlichste von ihm unterdrückt und geschädigt Er: reizt die arabische Bevölkerung in Stadt »xnd Land gegen die Juden auf und schickte wiederholt, ohne jede Veranlassung Gendarmerie in die Kolonien, um die Kolonisten zu schrecken und die Araber gegen die Juden aufzureizen. Auch kam es in letzter Zeit mehrfach vor, dass Juden von Arabern auf der Strasse geschlagen und misshandelt wurden, ohne dass die Tater bestraft wurden. Am Montag, den 16.’März 1908 abends (Erew Purim) kam es neuerdings zu einem Zusammenstoss zwischen einem Araberund einem jüdischen Arbeiter, wobei der Araber, verwundet wurde. Diese Rauferei dehnte sich in einengrösseren Auflauf zwischen Arabern und. Juden aus, wobei beide Seiten sich der Sodawasserflaschen: aus einem -arabischen Laden,-dessen Besitzer zu den arabischen Rädelsführern gehörte, als ' Wurfgeschosse bedienten. Bald jedoch'liefen die Araber davon; die Juden gingen auseinander und es kehrte wieder Ruhe ein. Nach einer Stunde etwa erschien ein türkischer. JPplizeibeamler in Begleitung des Dragomans. {jles -russischen -Konsulats und einiger Araber.die mr'^er .Rauferei beteil^t gewesen waren, in dein Hot^jl^nidi, Jp, dem viele jüdische Arbeiter wohnen. Hiehewprjled. von. den''iilFabem dem türkischen Beamt®, d^Lfiptel/.als'Teiliiehmer an dein Auflauf bezemhnet,. dccc9..S^^üld.ihdess®. durchaus nicht fest? steht? - -und. übler Zustimmung. des Dragomans von eiriefLfistoReiSoidaf®:päcbv,deib Serail abgetuhrt.r HJSÄpP-begaben sich.-der- Aüiv tische Beamte, der rüssSclft^Dragoman- und-die! arabischen Zeugen nach; dC§£ Hirtel ‘Spektor,’ wo gleichfalls jüdische Arbeiter! womW^yerhafteten ■hier.jedoch niemand. Kurze Zeit däfauf^drangdpnh plötzlich der Gendarmerieoffizier Deud Efferndi gefolgt von Polizisten, Soldaten und bewaffneten Arabern durch eine Hintertür in das Hotel Spektor ein, schossen auf die Anwesenden — der anfuhrende Offizier tat sich dabei besonders hervor — und schlugen ohne Erbärmen auf sie ein. Dreizehn jüdische' Arbeiter wurden verletzt, darunter zwei lebensgefährlich und. liegen im jüdischen Hospital. Auch Geld und Kleider'wurden geraubt. DieHnruhen haben .'sich vorläufig nicht wiederholt. Der russische Konsul beobachtet eine abwartende Haltung. Der- Kaimakam selbst soll in der Nähe des Hotels gewesen sein und den Befehl zum Einbruch erteilt haben. Der Mutesariff (Generalgouvemour aus Jerusalem) der sich in «len letzten Tagen in Ramlah aufbteh, war in Jaffa und empfang eine Deputation jüdischer Bürger. Er betonte, dass er den Juddn sehr gewogen sei und alles daran setzen werde, dass die Untersuchung sofort eingeleitet und: die Schuldigen der ^Strenge des Gesetzes anheimfallen sollen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die vorgekommenen ungeheuerlichen Ausschreitungen, lediglich von dem Kaimakam ausgehen, denn vor der Zeit seines Wirkens bestanden bei der arabiscben.Bevölkerung niemals irgend welche bemerkenswerte-Feindseligkeiten gegen die Juden. Selbst zur Zeit, als die jüdische Einwanderung überaus stark war, ist es niemals zu irgend einer gegnerischen Kundgebung unter den Arabern gekommen. Der Vorfall erregt unter den Juden des Landes um so grösseres Aufsehen und um so lebhaftere Entrüstung, als niemals hier oder überhaupt in 'der Türkei derartiges gegen Juden vorgekommen ist. Nachstehend bringen wir die offizielle Liste der bei diesen Ausschreitungen verletzten Juden, die im Hospital Schaare Zion .untergebracht sind. Benzion Blufstein, 43 Jahre alt, 3 Slockwunden an der Stirn, 2 im Gesicht. Janke Klind, 23 Jahre alt, 2 Wunden an Arm und Schulter. Hirsch Mus sin, 23 Jahre alt, ein Schusswunde im Rücken, 3 Kopfwunden. Abraham Komarpff, 24 Jahre alt, mehrere Verletzungen am linkeii Bein. Josef Dormann,.J27. Jahre alt, mehrere Verletzungen ah Arm und“ Bein, mehrere Wunden im Gesicht . Benia Blak, 18 Jahre alt, 3 schwere Säbelwunden am Kopf, eine Verletzung im Gesicht Nahom L e w i n,‘19 Jahre alt, mehrere Verwundungen an Schulter und Arm.. Jakob Zolkind, 23 Jahre alt, Wunden äni Kopf und Schulter. ’ ' Jakob R e s k i n, 32 Jahre alt, Säbelwunden am Kopfe. Enoch Löb Hersckkowitz, 30 Jahre alt, Säbelwunden am Kopf und Schulter. Chaim Bürstein, 25 Jahre alt, schwere Schussverletzung im Rückgrat, Zustand lebensgefährlich. Jossel Sachrive, 30 Jahre alt, schwere Schusswunde am Arm, Blutvergiftung, Hieb über /len Kopf, Zustand lebensgefährlich. Abraham L. Goldmann, 35 Jahre alt, 5 Wunden am Kopf, 2 an der. Stirn und eine im Rücken. Alle Verwundeten, mit Ausnahme des letztgenannten, der Amerikaner ist, stammen aus Russland. Unsere letzten Nachrichten lassen dieses beklagenswerte Geschehnis, als einen isolierten Fall eines in Palästina beispiellosen polizeilichen Krawalls erscheinen. Die Bevölkerung liess sich durch die künstlich inszenierte lokale Hetze, die der Kaimakam auf eigene Faust betrieben hatte, nicht in den Zustand einer allgemeinen Aufregung .versetzen. Man hat es hier mit der wilden Laune eines kleinstädtischen Satrapen zu tun, der in vollständiger Missachtung der Gesetze Und der Traditionen seiner Regierung den friedsamen Juden .gegenüber, einen durch nichts motivierten Ueberjall arrangiert hat. Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass die türkische Regierung schleimigst durch die Bestrafung der Schuldigen und in erster Reihe durch die Absetzung des Kaimakams, Remedur schaffen wird.' * * * Jaffa. Die Generalversammlung der Weinbau-Gesellschaft, die jüngst -hier tagte, gab ein Bild' des. guten.. Gedeihens des Weinbaues in Palästina. ’ In -diesem Jahre wurde ein Rein- .gewinn von 13 Francs pro Zentner erzielt, wähe.rend im vorigen" Jahre/: der Verdienst gleich ‘'-Null-war. Von der. Verwaltung erhielten die Kolonisten bisher 16 Francs jjeberschuss pro Zentner, Adi©- Weinbau-Geiclllüiäft hat also schon, im PB§ij^3phre ihres Bestehens fast denselben 'Satz erzielt,-.-,obgleich ihre technischen Anlagen erst im Laufe des kommenden Jahres ganz benützt werden können. Es steht somit zu erwarten, dass in den nächsten Jahren mindestens der gleiche Verdienst erzielt werden wird, wie der, dfen die Verwaltung verteilte. Dafür aber sind die Kolonisten nunmehr vollständig selbständig und nicht, mehr von der Administration abhängig. Auch der Karmel-Weinhandel hat sieh gut entwickelt und brachte im letzten Jahre nicht -unbedeutende Einnahmen. Man ist jetzt insbesondere darauf bedacht, sich auch den östlichen 'Markt zu erschliessen. Demnächst wird dem Karmel-Weinhandel in Palästinaeine Konkurrenz erstehen in Gestalt einer neuen orthodoxeil Weinbau-iGfelsellsehaft, für die in den strenggläubigen Kreisen ein grosses Interesse herrschen soll. - Die Kolonisten kommen immer mehr von der einseitigen Pflege des Weinbaues ab. Neuerdings wurden in einigen-Kolonien Versuche mit der Anpflanzung von Obstbäumen gemacht, auch wurde die Kultur von Gemüsen in Angriff genommen und brachte bereits gute Erträgnisse. Dass man neuerdings auch mit der Anpflanzung von Rizinusbäumen vorgeht, haben wir bereits berichtet. Die bisher erzielten Erfolge sind durchaus ermutigend. . Vor einigen Tagen fand hier die Grund- ., steinlegung des .neuen Hauses für die Hundwerkersekü le statt, die f-eierli eh böga ngen wurde. Dies Unternehmen ist ganiz aus orthodoxen Kreisen hervorgegangen und lediglich aus palästinensischen! Mitteln!, ohne Uniterstützung der Diaspora, entstanden. Die Schule hat in ihrem alten Heim im Laufe der anderthalb Jahre ihres Bestehens bereits 20 Zöglinge ausgebilidet und sic in die Lage gesetzt, sieh einö ei eene Existenz zu verschaffen. * * * Jerusalem. Unsere Stadt entwickelt sich such in architektonischer Beziehung durchaus zunr Vorteil. Fortwährend entstehen ganz neue Strassen und Platze. Die Häuser werden ■meistens von jüdischen Gesellschaften gebaut, die. sich'äüsschliesslidfei'jödiselMr Arbeiter<;bedienen. Auf diese Weise entstellen ganze Häuserviertel mit jüdischen, Benennungen, z. B. „Sichron- Moschch“, „Bothei-Aehwah“ usw. L\ a. wird1 von einer hiesigen Ballgesellschaft der Bau einer grossen Talmud-Thora unternommen, die 40 Zimmer enthalten' soll und für die bereits ein Kapital von mehreren 10.000 Francs vorlianden ist. Vor einiger Zeit war viel die Rede von einer neuen, Richtung innerhalb der Chalukakreise. Man sprach von der Gründung einer Arbeitskolonie ‘für junge Leute, die bisher nur. auf die Chalukah angewiesen waren. Es sollte damit die Möglichkeit geschaffen werden, diesen jungen Leuten eine Nebenbeschäftigung mit landwirtschaftlichen -Kleinarbeiten za gewähren, ohne sie ganz von ihrem Studium abzulenken. Angeblich handelte es sich um ein grosses Terrain, das spottbillig zu erlangen wäre und wofür in der ganzen Welt Sammlungen unternommen wurden. Nun stellt sich aber heraus, dass es sich lediglich um ein paar Dunam schlechtes Land handelt, -das ganz ver- ■eumpft und! auch von Malariakeimen nicht frei ist. Das 'Bekanntwerden dieser Tatsache hat viel böses Blut gemacht und mannigfache heftige Auseinandersetzungen, liervoigerufen. * * * Die Mauern von Jericho. Aus Jerusalem, 17. März, wird uns geschrieben: Gestern abends hielt Prof. Dr. Ernst Sellin aus Wien im Deutschen archäologischen Institut einen interessanten einstnindigen Vortrag über seine gegenwärtigen Ausgrabungen an der Stätte des alten kananitischen Jericho. Zuerst skizzierte der Vortragende kurz die Vorgeschichte der Ausgrabungen. Schon in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatte nämlich ein Engländer einen missglückten Versuch unternommen, die kananitisclie Stadt aufzudecken. Die heutige Ausgrabung zeigt jedoch, dass hierbei nicht das richtige Verfahren beobachtet wurde. Sodann er- /