Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 urteilt zu gleicher Zeit den Professor Draucle, der darin, keiiie Beleidigung zu selien vermag, wenn ein frecher Junge pausclialiter eine ganze Nation als,.minderwertigerklärt, als aucli den, ganzen akademischen Senat, der trotz des Rekurses diesen Spruch nicht aufgehoben hat. Für uns ist es eine Bestätigung einer alten Wahrheit, dass in puncto Judenhass alle Klassen und Stande einig sind. Der Universitätsprofessor unterscheidet sich darum trotz seines öeleha’tendiin'kels nicht vom ungebildeten Greisler. Das Vorgehen des polnischen Studenten, dessen Yolk in Preussen nicht allzu glimpflich behandelt ■wird1, ist jedenfalls be- “zeichnend für den Geist dieser Nation, die in einem Lande, wo sie selbst besiegt und unterdrückt ist,, bei jeder Gelegenheit ihr Hütchen an den noch schwächeren Jaiden kühlt. Von den Polen gilt dasselbe wie von den Bourbonen; trotz Demütigungen lind Unglück haben sie nichts gelernt und nichts vergessen. Die sehlaehzizisdhe Herrenmoräl zeigt sich im fremden, wie im eigenen Lande. Die . Verachtung der Juden liegt ihnen im Blute. Wir sind' neugierig, wie unsere polnisch-nationalen Moschkos diese Naehrieht aufgenommen haben; Organisation und Presse.**) i. .Organisation* und „Presse“, diese beiden Punkte stehen nicht ohne Grund auf der Tagesordnung aller Parteitage und Kongresse; sie bilden das Rückgrat jeder aufstrebenden Bewegung. ' Welche Macht einer gutfundierten Organisation oder Zeitung innewohnt, kann schon daraus ersehen werden, dass sie oft nicht nur ihre Schöpfer, sondern mitunter selbst die Idee überleben, zu deren Vertretung sie begründet wurden. Das hat auch der Zionismus gleich bei keinem Entstehen erkannt. Dank vor allem der genialen Propaganda Herzls. und zwar namentlich jener durch die Kongresse, wurde in wenigen Jahren ein Netz von Organisationen geschaffen, das fast die ganze Erde umspannte. Ebenso wird es. bald keine Kultursprache geben, in der nicht zumindest ein zionistisches Blatt erscheint. Die imposante Liste der Länder und Sprachen, in denen der Zionismus heimisch geworden, ist so recht geeignet, die. ungeheuere Werbe¬ *) Mit diesem Artikel eröffnen wir in unserem Blatte die Diskussion über die akuten Fragen der Organisation und der Presse. (Anm. d. Red.) kraft unseres nationalen Befreiuqgsgedankens jedermann zuut Bewusstsein zq bringen. Leider wird jedoch bei näherem Zusehen, unsere Genugtuung gar sehr durch die Wahrnehmung eingeschränkt, dass die Quantität mancher dieser Organisationen sich nicht immer mit der Qualität deckt. Es lässt sich nicht leugnen, dass die Beiträge die der Zionismus für seine grossen und kleinen Aufgaben, für seine weiten und näheren Ziele alljährlich aufbringt, in gar keinem Verhältnis zu der enormen Zahl seiner Anhänger, selbst nur der organisierten, stehen. Worauf ist diese Erscheinung zurückzuführen? Etwa auf die mindere Opferwilligkeit der organisierten Zionisten oder der Juden überhaupt? Wir müssen dies auf Grund persönlicher Erfahrung entschieden bestreiten. Sowohl ideell wie materiell sind die Leistungen vieler zionistischer Organisationen, sofern die Leitung sich nur in den richtigen Händen befindet, viel grösser uud bedeutender als bei anderen Parteien. Zur Aneiferung der Säumigen wurde zwar wiederholt auf die viel grösseren Beiträge hingewiesen. die zum Beispiel ein organisierter Sozialdemokrat jährlich seiner Partei entrichten muss. Man übersah aber hierbei einen sehr wichtigen Unterschied. Während der sozialdemokratische Arbeiter seinen Beitrag zu neun Zehnteln der Gewerkschaft zuwendet, also der Berufsorganisation, die ihm, im Falle der Arbeitslosigkeit, Krankheit, Streik, Reise usw. usw. sofort greifbare materielle Vorteile bietet, leistet der Zionist seinen Obulus doch vornehmlich aus ideelen Gründen. Nein, unser Menschenmaterial — wenn dieser Ausdruck gestattet ist — ist nicht schlechter als das jeder anderen Partei. Im Gegenteil, sowohl der arme, wie der reiche Jude ist für allgemeine Zwecke viel freigebiger als der Nichtjude. Zwei Beispiele: Das bitterarme Galizien bringt alljährlich, für die Chalnkah nahezu eine Viertel Million Kronen auf. Und man mag über die reichen Jaden denken, wie man will, Philantropen wie Baron Hirsch , und Baron Edmund Rothschild wird man doch nicht so leicht unter Nichtjuden finden. In einer Hinsicht unterscheiden sich jedoch unsere Organisationen zu unserem grossen Nachteile wesentlich von jenen anderer Parteien: in der Ünbeständigkeit ihrer Leistungen, die wiederum nur eine Folge des fortwährenden Wechsels der Funktionäre darstellt, wie er sonst nirgends vorkommt. Dies gilt vom Aktionskomitee angefangen bis zum Obmann und Schriftführer der letzten Ortsgruppe. Das allein ist die Ursache, weshalb Vereine, Distrikte und Landesorganisationen, deren glänzende Leistungen eine Zeitlang in allen Blättern gerühmt wurden, plötzlich still werden und einschlafen. Das liegt nicht etwa an dem schlechteren Menschenmaterial der Funktionäre, unserer Offiziere und Unteroffiziere. Im Gegenteil, man findet gerade bei diesen eine Opferfreude und Selbstverleugnung, die oft geradezu rührend ist. Bei welcher Organisation kommt es sonst poch vor, dass die Vorsteher nicht nur leiten und verwalten, mündlich und schriftlich agitieren, sondern zumeist auch ganz untergeordnete, administrative, physische Arbeiten besorgen müssen? Wir sagen: müssen denn gerade darin liegt die Erklärung dafür, dass im Zionismus nichts so beständig ist als der Wechsel der Persönlichkeiten. Die Ueberbürdung mit allen möglichen Arbeiten hat das ihrige dazu beigetragen, die Rieseneiche Herzi zu fällen' und die Ueberbürdung unserer Funktionäre, die alle, wie der Witz lautet, noch einen privaten „Nebenberuf* haben, führt dazu,, dass selten einer länger als drei bis vier Jahre seine Funktion behält. Daher der ephemere Charakter vieler zionistischer Organisationen, deren Leitung immer wieder neuen Personen überantwortet werden muss, die bestenfalls von vorne an fangen müssen. Es gibt in der Tat keinen schlagenderen Beweis für die Lebenskraft des Zionismus als dass, er sofort neu aufblüht, sobald sich die richtige Persönlichkeit wiederfindet, die die Propaganda aufnimmt. Allein eine Bewegung, die so ungeheure Probleme zu lösen hat wie die zionistische, darf nicht dem fortwährenden Wechsel ihrer Vertrauensmänner ausgesetzt sein. Sollen viele unserer Organisationen ihren labilen Charakter endlich verlieren, dann müssen wir uns in dieser Richtung an anderen Parteien, insbesondere der Sozialdemokratie ein Beispiel nehmen. Die Hauptarbeit der Agitation und Organisation, insbesondere die administrative, sollte nicht Leuten aufgebürdet werden, die nach ihrer schweren Berufsarbeit ihre abgespannten Nerven für ein paar Stunden dem Zionismus opfern, sondern von gutbezahlten Gesinnungsgenossen geleitet werden, die ihre ganze Kraft dauernd der Organisation widmen. Hierbei dürfen diese letzteren auf keinen Fall zu gewöhnlichen Bureauangestellten herabsinken, sondern haben als Vertrauensmänner auf dieselbe Wertschätzung zu rechnen wie die freiwilligen Mitarbeiter, deren Hilfe wir dann erst recht nicht entbehren können. Ihr Tätigkeitsgebiet wird dann ein nur geistiges sein und haben Offiziere, die durch die erforderliche künstlerische Abtönung auch im Jiddischen, die volle Illusion militärischer Strammheit oder kosakischer Brutalität hervorriefen. Es wird übrigens interess:erein, zu erfahren, «dass im Gegensätze zur Rednertribüne, wo die Mundart der litba.uisehen Juden herrscht, auf der Bühne die der südrussisehen, ostgalizischen, bukowinischen und rumänischen Juden vorgesc-hrieben ist. Das ist so strenges Gesetz, dass Schauspieler mit 'lithauisc-hcfr Aussprache uicht Unterkommen können. Ich kenne einen solchen, einen tüchtigen Darsteller, dCn man nur in Gordins „Golus Galizien“ verwenden konnte, weil es dort eine lithauischjiidisohe Figur gibt. Auf den ersten Blick scheint vielle’cht die Sprachenfrage nicht mit der Frage der Schauspieler selbst zusammemzuhängen. Aber es ist doch der Fall. Denn erstens lässt die sprachliche Zwielicht-Atmosphäre im jiddischen Schauspieler des Mititelmasses nicht jenen Enthusiasmus für seine Buhne aufkommen, der notwendig ist, um ihm seine besten Leistungen zu entlocken. Und danin ist dieses „Deutsch“ ins Jiddische hineinmauscheln am Ende nichts anderes als eine Art Hände- und BeinescMenkem mit dem Munde. Mangelnde Erziehung, mangelnde Schulung — das ist der Hauptmangel der jüdischen Schauspieler. Schwache Ausbildung namentlich der kleinen Kräfte. Darum reden sie, wenn aueh schon weit weniger als in Europa, doch noch immer manchmal „deutsch“. Und darum können sie gewisse andere Spidunarten nicht lasen, halten zäh an vielen leeren und niehtssagjmdfen Gesten, oder fc>tS mmhebungen. und St i mm Senkungen fest. Sie rufen dadurch öfter als gut" ist,-den Eindruck der Schmiere hervor und 'dies um so mehr, als auch das Zusammenspiel nicht so ist, wie es sein soll. Diese letztere Sc-hwiiche ist allerdings zum Teile aiuch auf die verhältnismässige Armut der jüdischen, Bühne zurnckzuführen, die Hauptschuld trägt jedoch die Regie, und noch mehr, weil auch so ziemlich an dieser, der Mangel genügender Ausbildung! Daher 'braucht die jiid/isehe Bühne vor allem zwei Dinge: Erstens eine regelmässige ernste Kritik, die sich ihrer eigenen und der Bedeutung der Bühne bewusst ist. Zweitens eine Schauspielschule. Die erste ist erst in den ersten Anfängen, die zweite gibt es überhaupt noch nicht . . . Aber was nicht ist, kann und wird werden. New-York, den 20. März 1908. Matthias Acker. Allerlei. Der letzte Gottesdienst in der Buschweiler Synagoge. Da vor einigen Tagen die Synagoge in Buscnweiler, wo heute nur noch sieben israelitische Seelen vorhanden sind, versteigert wurde, versammelten sieb, ein er Einladung ih es Rabbiners folgend, die Gemeinden Hegenbeim, Hagentbal, St. Ludwig am Sonntag Nachmittag inderseiben. Es batten sieb anch mehrere Herren aus Basel und der grösste Teil der christlichen Bevölkerung von Buschweiler eingefunden. Es sollte, nachdem schon über zehn Jahre hier kein Minjan mehr war, noch einmal nnd zum letzten Male hier in dieser Synagoge ein Gottesdienst abgebalten werden. Nachmittags um 4 Ihr wurde zunächst Mincha gebetet. Hierauf bestieg Herr Rabbiner Dr. Schäler za einer Abschiedsrede die Kanzei. Er schilderte, wie das Aufbören der jüdischen Landgemeinden — es ist dies in einem Umkreis von kaum einer Stunde nun die zweite Gemeinde, die eingegangen ist und leider werden voraussichtlich noch mehrere dasselbe Schicksal teilen müssen — einen grossen Verlust für das Judentum bedeutet, da mit dem Aulhören dieser alten Kehtilos stets ein Stück alten, wahren Judentums za Grabe getragen werde. Im zweiten Teile nahm der Redner anknüpfend an die Worte „Luchos nischberu weaussiaus porchaua beawir“ Abschied von der Synagoge and gelobte im Namen der St. Ludwiger Gemeinde, dass sie die zwei Seforim nnd die silberne Jad, die sie von Buschweiler erhalten hat, stets in Ihren halten werde.