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Jüdische Zeitung · 1908-04-03 · 14 (3.4.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
14 (3.4.1908)
Date
1908-04-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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beite 2 J Ü DI SG HE ZEITUNG befinden, dass. es im politischen Kampfe keine Stagnation geben darf und dass der Feldruf unserer Partei immer nur „Vorwärts“ lauten muss. Wir dürfen uns nicht mit unserer ausgezeichneten parlamentarischen Vertretung, mit dem Jüdischen Klub allein, zufrieden geben. Ein Klub von Abgeordneten im Volkshause ist nur das Exekutivorgan :der Partei, das nach dem einfachen Gebot der :Logik eine massgebende beschliessende Organisation zur Voraussetzung haben muss,;von der sich die Exekutive, die Richtung 'bestimmen lässt und an der sie im Bedarfsfälle den nötigen Rückhalt findet Als eine ^solche richtunggebende Organisation ist der jüdische National verein gedacht. Nun ist er bereits gegründet, damit ist aber noch lange nicht .alles getan, was zu diesem Zwecke getan werden soll. Wir b r a u c.h e n eine grossangelegte, österreichische, jüdischnationale Organisation, die alles umfassen soll, was nur in Oesterreich jüdisch fühlt und 3 üdi s ch de nkt und zu einer solchen weitverzweigten, aber gleichzeitig gutfunktionierenden ‘Reichsorganisation muss . der Nationalverein .ausgestaltet werden. Die -Zugehörigkeit. zu diesem Vereine soll das ScMbolet sein, an dern der wahre Jude erkannt wird. Wir wissen von keinem Unterschiede zwischen- Juden und Juden. Nach unseren Begrifien gibt es nur entweder Juden .die sich ihrer Nationalität bewusst sind, «der gar keine Juden. Individuen aber, die sich für ein Linsengericht verkaufen; in Galizien .das Stimmvieh für die Polen abgeben, in Böhmen den Steigbügel für deutsche Politiker bilden, die Mangel an deutschen Wühlern leiden und in Wien als „das dumme Volk“ für. sogenannte deutschlibärale Komödianten dienen, solchen Individuen können wir den Ehrennamen „Jude“ nicht beilegen, wenn sie sich auch durch das auch ihnen zugerufene „Hep-hep“ berechtigt fühlen; diesen . JSlameUyZU führen. Es mjiss daheyemeremliehe, Scheidung durchgeführt werden. Was morsch ist und feul, das möge abfallen, was aber gesund-jüdisch ist das soll in einem gemeinsamen Lager vereint sein, das schare sich um die Fahne des jüdischen Nationalverein es für Oegterreich, der die ausserparlamentarische Vertretung der österreichischen Judenschaft bilden und unserer Partei Macht und Würde verleihen soll Der Zweck dieser Zeilen ist nicht etwa der, die Jahresbeiträge des neuen Vereines durch zahlreichen Beitritt zu vermehren. Nein, nicht um das Geld der Mitglieder handelt es sich uns. Wir rufen nur die Kämpfer;,. die, tapferen Streiter für die Idee,, der nationalen 'Einigkeit. D ve mögen in unsere Reihen kommen und die Fahne verteidigen; zu der. sie schwören. Wir rufen nur J urd e n, die es der Welt zeigen wollen und können, dass sie nichts anderes als Juden sind. Die mögen sich in unserem Lag$r vereinigen, damit wir i durch festes, unermüdliches Zusammenhalten [ die noch immer ^geleugnete Existenz einer jüdischen Nationalität beweisen und mit vereinten Kräften ihre Anerkennung durchsetzen können. . *| - ■ 'Uv Politische Rundschau. •Seinerzeit konnten wir. melden, dass sieh die Direktoren des Theaters au der Wien mit dem Plane traget, anlässlich des Jubiläüni~- jahres. ihr Theater . Sehawmelortruppen aller . in Oesterreich widmenden Nationalitäten zu. Gastspielen einzuräumeu. Es ist fast selbstverständlich, dass sie, sieh. auch bereit erklärten,, in ihrem Musent§mpel ,eme jüdische Truppe auftreten zu lassen. Sie lancierten eine diesbezügliche Notiz m eine Wiener Tageszeitung, um die Stimmung Mer Wiener Judbn kennen zu lernen. Sie ^mussten nicht lange warten. Schon am nächsten Tag stellte sich ein Herr, ein einflussreiches Redakti ousm i t-glied einer grossen liberalen Tageszeitung ein und protestierte im Namen des „deutschen“ Wien, dass Schauspiele in jüdischer (Sprache von jüdischen Schauspielern aufgeführt werden, denn dies sei eine Provokation allerärgster Art. Auf die kleinlaute Einwendung, dass polnische Schauspieler polnische Draniöm, böhmische Schauspieler -tschechische Dramen aufführen werden, polnisch und tschechisch, aber auch nicht Sprachen des „deutschen. Wien“ seien, - meinte die liberale Zeitungsgrötee,' ,;das wäre etwas anderes, denn diese Nätkjpenexistieren' in Oesterreich,.; :' ei'n«,; : jüd'5'scilip' existiert ‘ •n i c h t“: Vor Zeitungsmännern beugen sieh . -Minister und sogar1 Kanzler, kein Wunder, dass die Herren Karczag und Wallner dem Proteste stattgabea und ihren Plan, auch, jüdische Dramen aufziuführen, fallen liessen. Die Macht Mausehels, dies' Zeitungsschreibers ist gross. Eikonnte jahrelang der Oeffentliehkeit verbergen, dass es ein jüdisches Volk, eine jüdische Sprache und eine jüdische Kunst gibt. Er kann heute noch Aufführungen jüdischer Dramen verhindern. Leider aber hat auch seine, Macht eine Grenze. Nicht verhindern konnte er, dass das „nicht existierende“ Volk Ueppigkeit zusammengesetzten Rebbezin mit glücklicher Plastik darzustellen. Grossen“ Eindruck machte Frau LipzinJ, die wahrlich nicht umsonst gefeierte Interpretin Goldmacher Frauengestalten, auf mich. Ich sah sie in mehreren Rollen — immer auf den Höhen der Kunst. Ihre Darstellung nervöser und hysterischer Erregungszustände’ kann wohl kaum überboten werden. Um so lieber ist es mir aber, von ihr sagen,zu könnten, dass ihre beste Rolle nicht in dieses Fach einsclilägt: Mirele Efross. Die Gestalt dieser edlen, patrizisehen Frau, die der pöbelhaften Sippe ihrer Schwiegertochter gegenübergestelli ist, weiss sie, bloss dureh die Geberde und den Ton der Stimme oder durch den Blick, in so wunderbarer Yornelunheit zu zeigen, dass die ganze Zuhörerschaft aus ihrem Banne nicht herauskommt. Und ich muss auch Ferdinande .Eliseu besonders erwähnen. Sie fiel mir schon durch . einen Umstand auf, der an und für sieh nichts mit der Schauspielkunst zu tun hat: Dass sie nämlich erst vor kurzem von der englischen zur jüdischen. Bühne .übergegangen ist. Schon in Amerikaals Töchter rirmänischrjüdiseher ' E)terii^ge3|oren,'. mutete jyC'.das Jiddische erst sprechen lernen, tun auf ..der jüdischen Bühne auftreten zu können. Und sie beherrscht es auch nicht -vollkommen, was eine gewisse, küMe Eremdheitssphäre hm sie schafft. Aber ihr Rollenfach — dasjenige nämlich, das ihr am besten entspricht, kommt, ihr zu Hilfe. Die unbeholfene Aussprache unterstreicht womöglich noch die rührende oder erschütternde Wirkung ihrer Frauengestalten voll keusch verschwiegener Glut und mit stolz-anmutigen Dulderscelen. Eine Bemerkung David Pinskis — ich sah die Eliseu audh als Fanny in dieses Dichters “G1 üekverlassene“ an einem literarischen Abende — hat mich zu dieser Beobachtung geführt. , Merkwürdig, pst nur: Dieser Schauspielerin, die sich ehrlich abmüht, gut jiddisch zu sprechen und auch, wirklich nur im Akzente fehlt, glaubt maus immer und immer wieder, aussetzen zu müssen. Aber wdnn die anderen, die gut jidd.'seh- Spreehe!nden, plötzlich „deutsch“ hineinpatzen, so soll das . erlaubt sein. Ich erzählte schon im. meinem ersten. Briefe, dass G ordin; um die Bekämpfung dieser Unsitte sich grosse Verdienste erworben hat und erzählte von seiner Yankeefamilie, die christlichen! Glauiben- und Antisemitismus in reinem Jiddisch bekennen, ohne dass es . jemandem auf fällt. Doch sah ich auch noch in seiner „Sehetite“, eine deutsche „Stütze der Hausfrau“ auftreten, die deutsch spricht, wiewohl sie selbst erzählt, dass sie jiddisch erlernt ■ i Nr. 14 seine Vertreter ins Parlament sandte. Er. muss sogar deren nationale Reden abdrueken. Der ■ jüdisebnatioühlen. Partei scheint die Totsehweigetafctik Mausehels „ebenso gut zu bekommen, rvie der antisemitischen — sie' wild gross und stark dabei und wird eines. Images sogar dem-mächtigen Mauschel das ..örbarmliehe Handwerk legen. Aber gründlich und für immer!. . ■ ' J : - ' ■ * * * - Abgeordneter Mahler hat in der Universitätsdebatte zur Genüge naehgewiesen, inwieweit die Behauptung von der Verjudüng der Universitäten berechtigt ist. Die Christlichsozialen hören aber nicht auf, von der Judengefalir zu faseln. Sie haben entdeckt, -dass Wahrmuhd ein Jude ist und dass alle gefährlichen Lehren von Juden stammen. In der Budgetdebatte logen sie unverschämt darauf los, so dass Dr. Adler, der doch gewiss kein Judenverteidiger ist, zwei Beispiele anführte, wie verdiente jüdische Gelehrte bei der Ernennung zu Professoren übergangen wurden. Ludo Hartmanu, der längst Konfessionslose; ist seit Jahren Privatdozent, trotzdem so mancher, der nicht würdig ist, ihm das Wasser zu reichen, schon seit Jahren Ordinarius ist. Dr. Friedjung, einer der besten Kenner der österreichischen Geschichte, wird auch seiner jüdischen Abstammung wegen nicht zum akademischen Lehramt zugelassen. Und trotzdem normt man die Universitäten verjudet! Man stützt diese Behauptung auf die Tatsache, dass die Juden unter den akademischen Lehrern einen relativ hohen Prozentsatz bilden. Wenn -dies1 aber, trotz der Schwierigkeiten dter Toll; die ihnen bei dieser Laufbahn gemacht werden, so beweist dies nur die auch von dem en regier testen Gegnern nicht abzuleugnende-Molie vwissensdiaffcjliehe Qualifikation dieser*’jüdischem Hochschulprofessoren. * ' * * •* Ein Gegenstück der-Wiener „Marchia“ ist ■ die-Berliner-y,SteÄia“:v Dort spielte;sieh‘ folgendes ab: Ein-/ pöteisch-nätionäler - Student wurde von einem Mitgliede'der “„Stauffia“ gefordert.- Der Pole nahm die Forderung' nicht an, mit der Motivierung, dass er einem Juden keine Satisfaktion gebe. Das Enteetzen der „Stauffen“ wrar ungeheuer und sie erklärten den Polen für ehrlos. Dieser rannte zürn. Universitätsrichter, dem Professor Draude, und rief seine Hilfe an. Der Professor fällte nun folgendes salomonische Urteil: Die Weigerung, einem Juden Satisfaktion zu geben ist keine Beleidigung. Die „Stauffia“ war also nicht im Rechte, als sie den Polen für ehrlos erklärte, darum sei sie aufzulösen. Dieses Urteil verbat. Das mag nun noch mit einer Verlockung^ die das dramatische Gesetz der Einheit der .Sprache verschleiert, entschuldigt werden. Was soll man aber dazu sagen, wenn die Schauspieler, auch ohne allen äusserliehen Grund plötzlich „deutsch“ zu sprechen beginnen. Oder gar ein ganzes Stück, weil es. in den französischen Hofkreisen, zur Zeit der Bartholomäusnacht handelt, „Die Bluthochzeit“, einfach „deutsch“ auffahren! „Deutsch!“ Wenn es wenigstens deutsch wäre! So ist es aber etwas, ■pis -den deutsch, sprechenden Zuhörer zum Platzen vor Lachen, denjenigen, welchem die jüdische Bühne am Herzen liegt, . zur sehamvollen Verzweiflung -und das Publikum in eine heillose Konf ussion ihrer nationalen und ästhetischen Empfindungen treibt. Und. alles dies, weil sich' diese übel 'beratenen .'Menschen einbilden, dass z. B. der König von Frankreich oder der Kardinal so und so auf der jüdischen Bühn° nicht jiddisch sprechen dürfen- Dabei spielte der König in der „Blüthoehzeit“ — Thomasche'vsky —gerade dort am besten und überzeugendsten, wo er in echter künstlerischer . Erregung die „deutsche“- Maske verliess und in seine jiddische Muttersprache verfiel. Und dabei . .sah ich in eimemi. Sensationsstüek, das die Leiden der nach Sibirien Verschickten' schildert, verschiedene russische

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