Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7 Nr. 13 Bukowina. Die Inskriptionen an der Czdrnowitzer Universität. CzemowitZ. Bekanntlich -wird die Czeruovvitzer Universität zumeist von jüdischen Hörem frequentiert. Den deutschen Charakter wahrte sie nur dadurch, dass die jüdischen Hörer widcrrechüiieh in den Ausweisen als Deutsche bezeichnet wurden. Als nun. vor einigen. Jahren die jüdischen Studenien in die Rubrik Muttersprache wahrheitsgetreu „jüdisch“ schrieben, wurde das Wort „jüdisch“ gestrichen unid durch „deutsch“ ersetzt. Die jüdischen Hörer demonstrierten dagegen, indem säe in das Nationale „ruthe-niseh“ oder „rurnäniseh“ ein trugen, so dass die offiziell angegebene Anzahl der deutschen Hörer beträchtlich zusamanenschmolz. Die Folge waren Inständige Verhandlmiigen. zwischen den jüdischen Studenten und den Dekanen, bis es schliesslich dem Prof. Leon Kellner nnd Prof. Ehrlich gelang, die jüdischen Hörer xu bewegen, in das Nationale „deutsdi“ als Mutte'rsprajohfc mitder H'inzufügung „jüdischer Nationalität“' zu schreiben:' Die jüdischen Studenten entfalteten eine lebhafte Agitation, damit alle Juden die Klausel mit „de-utfech! jüdischer Nationalität“ ausfüllen. Leider fanden sich-viele, wie die Mitglieder der „Lesehalle“, diie fast aius lauter Juden besteht, die Corps „Gothia“ und „Allemanda“, ebenfalls fast christenrein, die sich ihr Deutschtum nicht nehmen lassen mochten. Im Rektoratsatasweis für das Wintersemester 1907/S sind daher von den rund 300 jüdischen Hörem bloss 174 unter „jüdischer Nationalität“ aiusgewiesen.- Bei den Inskriptionen für das Sommersemester liat sich aber das Bild verändert. Durch, die lebhafte Agitation der jüdischnationalen Studenten, die in der' Universitätsquästur förmlich ein Bureau errichtet hatten, gelang es sogar; bei verbissenen AssLmilanten das Ehr-, geiuhLztt"tfe<kGfl)T öö'JlassVon'9eir'32llf jüda-' sehen Hörem, die inskribiert haben, bloss 40 sich als Deutsche bezeiclmeten. Zumeist heissen diese Teutonen Benzion, Moritz, Abraham- und ihre Grossväter imd Väter sind fromme echte Juden, aber ihr Deutschtum lassen sie sieh doch nicht nehmen. Welch klägliche Bolle sie aber unter den an Zahl siebenfach überlegenen jüdischen Hörern spielen, kann man sich leicht vorstellen. Deutschland. Achad Ha’arn in Berlin. Berlin. Der bekannte hebräische Schriftsteller und Philosoph Achad Ha’am (U. Giüz.- terg) aus Odessa, der jetzt in London wohnt und dort vor kurzem eine grosse Propaganda für die hebräische Sprache eingeleitet hatte, wiid, wie wir erfahren, demnächst in Berlin erwartet. Wahrscheinlich hängt sein Aufenthalt in Berlin mit Besprechungen zusammen, die er hier mit massgebenden Persönlichkeiten über die Gründung der geplanten höheren technischen Schule in Jerusalem haben wird. Russland. Ein Pressprozess Nahum Sokolows. Warschau. Am 17. März fand in Warschau ein Pressprozess gegen N. Sokolow, den gewesenen Herausgeber der „Hazc-phira“ statt. -Sokolow war angeklagt, die Antwort welche der Zar einer Deputation: der eehtrussisdhen -Männer,- die um die Ausweisung aller Juden sus Russland baten, gab, ohne die vom Gesetze hierfür vorgesehriebene Zensur des Ministers des kaiserlichen Hauses abgedruckt zu haben. Ausserdem veröffentlichte er seinerzeit in der „Hazephira“ eine Notiz, dass Kosaken einen Pogrom veranstaltet? haben. Beide Notizen entsprachen der Wahrheit-, Die Wahrheit darf aber iu Russland nicht gesagt werden und Sokolow, . dfer persönlich nicht erschienen war, wurde zu 3 Monaten Kerker nnd 300 Rubeln Geldstrafe, wie auch zur Tragung der Prozesskosten verurteilt. JÜDISCHE ZEITUNG Schweiz. Die „Russenu-Hetze In der Schweiz. Bern, den 19. März. (Orig.-Korr.) Die wüste Hetze, die seit langen Jahren von einem grossen Teil der schweizerischen Presse, liberalen und konservativen Zeitungen in schönster Eintracht, gegen die „russischen“ Studenten betrieben wird, beginnt mm herrliche Früchte zu zeitigen. Bekanntlich haben die schweizerischen Universitäten in echt liberaler Weise für die „russischen“ Studenten,. die ja in der überwiegenden Mehrzahl, wohl bis zu 95 Prozent, Juden sind, denen es :n Russland unmöglich gemacht ist, ein Reifezeugnis zu erwerben, besondere Prüfungen eingerichtet, deren Bestehen das Recht zur Immatrikulation in der Universität verleiht. Diese Zulassungsprüfung war nun seit langem den schweizerischen Antisemiten ein Dorn im Auge. Da aber die .meisten Professoren doch einsahen, dass es in höchstem Grade ungerecht sein würde, die Zulassungsprüfung einfach aufzuheben, so arbeiteten sie auf eine Reform der Prüfung in dem Sinne hin, dass durch die Ablegung dieser Prüfung wirklich eine als Vorbereitung für das Hochschulstudium genügende Vorbildung nachgewiesen würde. Das genügte aber gewissen Herren nicht, denen ja im Grunde die ganze Zulassungsprüfung verhasst ist, weil sie es den. „Russen“ ermöglicht, überhaupt au der Universität zu studieren. Da griff man zu dem probateren Mittel, d:e liberalen Professoren (die nebenbei bemerkt durchaus nicht immer zu den polt fisch-liberalen Elementen gehören, denn diese letzeren sind hierzulande sehr oft grössere Antisemiten als die alt-demokratischen Konservativen) aus den Prüfiungskommlasionen heran szmkeln:. So. ist es vor kurzem -hier in Bern1 gegangen. Die Professoren Graf, Töbler und Haag wurden aus der Zulassungskommission teils freundlich, teils mit sanfter Gewalt entfernt, und'an ihre Stelle wurden die den Russen ni(clit .^ehr. freundlich gesinnten Professoren Singer, Schulthess und Huber ernannt. Ausserdem bat man die Immat-rikulatiönsgebühr, die .für alle anderen 32 Francs beträgt, für die Russen auf 50 Frs. erhöht. Eine weitgehende Verschärfung des Aufnahmerejgle.men't'S steht noch bevor. So sehen die neuesten : Reformen der demokratischen Republik Bern aus. Der Gerechtigkeit halber sei indessenhinzugefiigt, dass hier eine liberale Regierung gegen eine von der Presse seit langem aufgehetzte Bevölkerung bisher die „russischen Studenten“ vor solchen- Vergewaltigungen meist geschützt hat. Nun scheint sie allerdings den Treibereien gegenüber ihre Macht verloren, zu haben. Und es muss noch weiter gesagt werden, dass ein Teil der russischen Studenten durch sein äusseres Verhalten bisweilen der Aufstachelung der Masseninstinkte gewissermasseni Vorschub geleistet -hat. Natürlich kann das alles so schroffe reaktionäre Massnahmen keinesfalls rechtfertigen. Zu deren Erklärung genügt aber auch vollständig der hier herrschende Antisemitismus, der bisher stiller war als anderswo, -dafür aber auch viel tiefer sitzt, nnd von dein die Juden ja in den letzten Jahren schon manche Ueberraschiumg erlebt haben. Türkei. Das jüdische Viertel in Könstantinopel eingeäschert. Konstantinopel. (Orig.-Korr.) Konstautinopel war am veigangenen Freitag den 12. d. der Schauplatz eines grossen5 Brandes. In der Vorstadt Hhsikeny, fast ausschliesslich von armen spaniolisehen Juden bewohnt, wurden 377 Häuser, darunter 3 Schulen und eine Synagoge ein Raub der Mammen. Kaum 4 Stranden haben genügt, um über 1500 jüdische Familien obdachlos zu machen und;hrer ganzen armseligen Hübe zu berauben. Das Feuer nahm Anfang im Laden des jüdischen Händlers Abram Leon, wo von einem fortgerworfenenen Streichholz ein Petroleumibehälter in Brand geriet, Mangel an Wasser verhinderte, den Branld im Anfang zu ersticken, und mit Blitzeseile wurden die eng aneinander gebauten Holzhäuser vom Feuer erfasst. Viele, die ihre Habe nach entfernteren Strassen gebracht hatten, wurden auch dort vom verheerenden Element überrascht. Die wenigsten waTen versichert und seihst unter diesem Häuflein. „Glücklicher“ gibt es eine grosse Anzahl, für die die Auszahlung der Versicherungssumme fraglich ist, d'a sie infolge ratenweiser Zahlung der Versicherungsprämien an die Agenten nicht im Besitze der Polizzen sind. S. M. der Sultan batte sofort den Stadtpräfekten S. E. Rechid Pascha beauftragt, sich auf den Unglueksplaltz zu begeben und die Hilfeleistung au organisieren. In einigen Synagogen, Schulen, Kirchen und Privathüusera wurden die Unglücklichen, zu Hunderteu zusammengepfercht, untergebraeht und mit Brot, Käse und Oliven gespeist. Auch wird auf Ordre des Sultan» eine Liste der Betroffenen aufgestellt, die dem Souverän präsentiert werden wird. Das Grossrabbinat empfing Konklolation von verschiedenen Notabiilitäten. unter anderen auch vopn rumänischen Patriarch. 30 Telegramme sind von hier an philantropisehe Gesellschafter; de» Auslandes abgegangen, einstweilen hat nur der HiSfsverein deutscher Juden die Summe von 1000 Francs als erste Hilfe telegraphisch an Rabbiner Herrn Dr. Markus überwiesen. Erst gestern um 6 Uhr abends vereinigten sieh die Vertreter des Grossra'bbinats, des Konsistoriums, dies HilfsveTeins und der Alliance, um über die Beschaffung der Mitte! zu beraten, clie zur Linderung der grossen Not notwendig sind. Als erste Zeichnung einschliesslich der 1000 Francs des Hilfsvereins sind 600 türk. Pfund (13.800 Francs) aufgeöraqht. Reichtum oder.. wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt Für die Lieferung bester and billigster Bücher und aller Boreaurequisiten empfiehlt sich Geschäftsböcher-Fabrifc A. Grünsfeld & Co., Wien, I., Gonzagagasse 21. Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. Wien. Dienstag, den 31. März, präzise halb 8 Uhr abends findet im Saale des wissenschaftlichen Klubs, I., Eachenbachgasse 9, bei freiem Enttee ein vom Ersten Z i on i s tis c hen Frauenvereine veranstalteter interessanter Vereinsabend statt, an welchem die Schriftstellerin Fräulein Kamitla Theimer einen Vortrag über „Zionismus und Antisemitismus* halten wird. Gäste herzlich willkommen. Wien. (Akad.Verein „Jüdische Kult ur“.) Samstag, den 28. d. M. hält Herr Dr. Josef Z i p « e r im Vereinslokale des genannten Vereines (II. Flossg. 9/6) einen Vortrag über: .Die derz. gesetzliche Organisation der israel. Kultusgemeinden in Oesterreich“. Beginn präzise 8 Uhr abends ab. Gäste herzlich willkommen. Wien. (Jüdische Toynbee-Halle Wien, XX., Othmargasse 46.) Vortragsprogramm für die Zeit vom 28. März bis 3. April 1908: Samstag, den 28. März; Konzert, Arrangement: Oberkantor Bass er. — Sonntag, den 29. März: .Lose nnd Lotto“, Diskussionsabend, eingeleitet von Sekr. Guido Fuchsgelb. — Montag, den 30. März: .Oesterr. Geschichte“ (Schluss des diesjährigen Zyklus), Prof. Dr. Edm. Jerusalem. — Dienstag, den 31. März: „Altjüdische Sagen und Märchen*. Dr. M. Berkowitsch. — Mittwoeb, den 1. April: .Das Alter“. Univ.- Prof. Dr. Josef Pollak. — Donnerstag, den 2. April: .Ueber das Wetter*. Univ.-Prot Dr. Königstein. — Freitaag. den 3. April: Bibelvortrag: „Das hohe Lied*. Lehrer H. Löw-Vogel. Wien. DiejenigenDamenund Herren, die bereit sind, einem jüdischen Gesangverein» beizutreten, werden ersucht, ihre Adresse an die „Jüdisch» Zeitung* möglichst bald bekannt zu geben. •S -.:yi ' &