Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 13 (27.3.1908)
- Date
- 1908-03-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 13 JÜDISCHE ZEITUNG •über die Kosten, der Fahrt der Beförderung von Bagage und Waren, über empfehlenswerte Gasthäuser usw.; 4. erwies rechtlichen Beistand, iim weitesten Sinne des Wortes, in allein, was das Beesen nach Palästina betrifft; 5. sorgte für Ermässigung der Preise der Fahrkarten, der Beförderung von Bagage, ferner für die Begehung und Verbilligung der Landung in Jaffa u dergl. mehr; 6. suchte die Emigranten vor Uebervorfeilung za schützen; 7. half den.-Bauenden hei der Beförderung von Briefen, Telegiumimen, Paketen und Geldsendungen nach Palästina; 8. erteilte mündlich Auskunft an ödessaer und zugereiste Besucher. Briefe liefen im Laufe des Jahres beim Odessaer Bureau in folgender Anzahl ein : aus Russland S67 (aus Südrussland 418, aus Iithauen 259, aus Polen 123, von ausserhalb des Ansiedlungsrayons 67), aus dem Auslände (abgesehen von Palästina) 33, aus -Syrien unid Palästina 252. Die Briefe aus Russland; und dem (nichttürkischen) Auslande enthielten durchwegs Anfragen an das Bureau, während diejenigen aus Eonstantinojpel und Palästina Antworten auf Anfragen oder allgemeine Informationen, Nachrichten und Mitteilungen über das Leben in Palästina und' die Entwicklung des jüdischen Elementes dortselbst enthteltea. Daneben wurden von den Bureaus in Palästina Listen mit statistischen Angaben über die Neuangesiedelten in den Städten und den Kolonien), "ihre Zahl,’ Beschäftigung u. dexgi. zugesandt. Die Anfragen an das Bureau betrafen: 1. die Reise selbst, die Fahrkosten, den Fahrplan u. dergl.; 2.. verschiedene gesetzliche Bestimmungen und Verordnungen; 3. die Bedingungen von Bodenerwerb in Palästina, landkauf gegen Ratenahzahlungen und Agrarkredit; 4. Handel, Industrie und Handwerk; 5. die allgemeinen Bedingungen des Landes, seine Lebens- und Ansiedlungsveihältnisse. Die Anfragen betreffs Handel und Handwerk konnten grösstenteils in positivem Sinne beantwortet werden, wohingegen die Fragesteller über Landerwerb und Agrarkredit fastalle abschlägig beeehieden werden-mussten, da eine Institution für Agrarkredit, welcher eine unumgängliche Voraussetzung der agrikultureHen Kolonisation «st, in Palästina zur Zeit nicht besteht. Viele dieser Fragesteller waren erfahrene Landlente, die über einiges Kapital verfügten und mit Hälfe von Agrarkredit leicht als Bauern im Lande hätten,Boden fassen können. Das Informarionsbureau erhielt auch Anfragen aus Russland und Palästina über die Handelsbeziehungen zwischen diesen beiden Ländern, speziell über verschiedene Waren, die Transport- und Zollkosten derselben u. dergl. Diese Anfragen, zeugten von der Zunahme des kommerziellen Verkehrs zwischen, diesen beiden Ländern, die den neuen Ansiedlern, zu verdanken ist. Während der ersten Monate des abgelaufenen Jahres erhielt das Bureau monatlich 50 biß 60 Briefe; in dien letzten Monaten stieg die Zahl derselben auf 90—100 monatlich. Mündliche Informationen, wurden, abgesehen von den, Emigranten; noch vielen Personen aus Odessa und Südrussland erteilt Das Bureau wurde täglich von vielen. Personen aufgesucht; bisweilen erreichte ihre Zahl nahezu hundert, ■ Mit lnformatipnen aus Palästina reichlich verseilen, war das Bureau in der Lage, für eine Weitgehende Publikation derselben zu sorgen. In der in Odessa erschienenen Wochenschrift „Jewrelskaja Mysl“ wurden regelmässig aus Palästina eingelaufene Informationen über Arbeitsgelegenheit, Handel und Industrie, ebenso Mitteilungen allgemeiner Art veröffentlicht. Das Bureau versandte ferner bei.gebotenen Gelegenheiten an die jüdischen Zeitungen, verschiedene Mitteilungen und publizierte Informationsbroschüren, die an Interessenten versandt und unter die Reisenden verteilt wiurden. Das Bureau veröffentlichte ferner systematisch in der Presse Mitteilungen über die Fahrpläne, Fahrkartenpreise, Quarantäne u. dergl. Infolge des Uebereinkonrmens zwischen unserem Bureau und der „Russischen Gesellschaft für Schiffahrt und Handel“ wurde den nach Palästina Reisenden eine ErmässSgung von 40 Prozent für die dritte und 30 Prozent für die erste und zweite Klasse gewährt. Der Umstand, dass viele Reisende häufig unterwegs verschiedene Hafenstädte der Türkei und Aegyptens aufsuehen müssen, veraulasste unser Bureau, auch für die Reise nach diesen Punkten eine Ermässigung zu erwirken, und zwar in der Höhe von 20 Prozent für die dritte und 10 Prozent für die erste und zweite Klasse. Eine entsprechende Ermässigung wurde auch für die Beförderung von Gepäck gewährt. Infolge unseres Abkommens mit der Schiffahrtsgesellschaft sparten die Passagiere allein an den Personenbilletts ca, 14.000 Rubel. Hie rau kommt noch eine beträchtliche Summe als Ersparnis an dler Beförderung des Gepäcks. Auf Ersuchen unseres Bureaus wurde von der russischen Seliiffahrtgesellscihaft die Anordnung getroffen, dass die Dampfer der alexandririschen Linie einmal in 14 Tagen in Haifeh landen sollten. Wie sehr diese Neuerung zeitgkmäss war, zeigt die Tatsache, dass seit Anfang 190S diese Dampfer allwöchentlich in Haifeh Halt machen, was bereits ohne jede Verwendung unsererseits eingeführt worden ist. Um einer Uehervorte) 1 ung seitens der Inhaber der Landungsboote in Jaffa vorzubeugen, traf . unser Bureau eine Vereinbarung ,-mit Jaffeer Boofabesitzern, dass sie die Passagiere mit samt dem Gepäck zu drei Francs pro erwachsene Person und Francs 1.50 pro mindierjährige Person ans Land 'bringen sollten. Unser Bureau verabfolgt hier an die Passagiere entsprechende Scheine, die für die Landung gelten. Solche Scheine wurden im Laufe des Jahres zirka tausend (darunter auch Halbbülets) ausgestellt. Dadurch, sparten die Passagiere insgesamt zirka 600 Rubel. (Früher wunde von jeder Person für die Landung nicht weniger als 5 Francs, häufig aber viel mehr, erhoben.) Insgesamt bedienten sieh im Laufe des Jahres der Hilfe unseres Bureaus 1746 Passagiere (1022 Männer und 724 Frauen). Ihrem Ältest* nach lassen, sie sich.folgenderanassen erteilen: Leute vom mehr als 50 Jahren,, die grösstenteils aus religiösen Motiven ihre letzten Jahre im heiligen Lande Zubringern, wollen — 538 (mehr 30 Prozent). Unter den älteren Personen gab es auch manche, die zu ihren in Palästina ansässigen Kindern himiberfuhren, ebenso Familienväter, die nach Palästina auswanderten, mitder Absicht, sieh dort mit dem Handel, Handwerk oder Agrikultur zu befassen, so dass die Zahl der ökonomisch Passiven nur zirka 20 Prozent betrug. Im Alter von 30 bis 50 Jahren standen 428 Personen (28 Prozent), junge Leute von 15 bis 30 Jahren — 429, jünger als 15 Jahre waren 352 (20 Prozent), so dass das Kontingent der Arbeitsfähigen 50 bis 60 Prozent betrug. Unter 757 Passagieren, die Auskunft über ihre Beschäftigung erteilten, waren: 374 (zirka 50 Prozent) Handwerker und Arbeiter, 302 (zirka 40 Prozent) Handelsleute, S1 (mehr ak 10 Prozent) Männer von liberalen Berufen. Zu dauerndem Verbleib im Lande reisten 1032 Personen (60 Prozent), „um d:e letzten Jahre im heiligen Lande zuzubringen“, 372 (mehr als 20 Prozent), zeitweilig (das Land zu sehen, Verwandte' zu l>esuehen, Gesckäftshalber und dergleichen) — 288 (mehr als 15 Prozent), zur Kür 28 (1,5 Prozent), eine Lehranstalt — das Bedruter Kolleg, das hebräische Gymnasium in Jaffa, das Lehrerseminar und die „Bezalel“ in Jerusalem —. zu Ix-suchen 21. Manche, die die Absicht hatten^, im Lande zu verbleiben, kehlten indfess zurtick, wohingegen manche, die nur das Land zu besuchen beabsichtigten, schliesslich in Palästina verblieben und ihre Familien dorthin abholten. Die Passagiere, die 'nach Palästina zur Kur reisten, waren meistens herz-, lungeu- und asthmaleidend, oder wollten auf ärztliche Verordnung die tiberiadischen Wiarmquellen aufsuehen. Unter 244: Personen, die über ihre Vermögensveihältmisse Auskunft gaben, waren: Wiener Notizen. |! (Ein neuer Verein. Die Gemeinderats wählen. Momentaufnahmen.) Jüdischer M äd eben klu b: Ein neuer Verein, von dem ich mir viel verspreche. Hauptsächlich deshalb, weil wenig Heuchelei an dei Sache ist. Die Statuten tragen keinen •Kothurn. „Wir wollen wohltun, jüdisch sein und uns unterhalten.“ i Die Wohltätigkeit will sieh gleichsam für die 'Lebensfreude entschuldigen. Und alles in allem dämmert es in den intelligenten und schönen Köpfchen von jungjüdisehein Lichte. Sind wohl noch lange nicht d müssen aus dem blauen Dunst der bürgerlichen; flachen Freigeisterei und Allerwellsromantik. Den reichsten vom ihnen steckt die Sozialdemokratie bedenklich in den Gliedern. Aber, wie gesagt-, es dämmert! Das Wort „jüdisch“ prangt auf der Fahne, auf dem Austritte aus dem Judentum steht die Strafe der Aussehliessung und, wenn ich nicht irre, ist auch von ' „Zusammengehörigkeitsgefühl, jüdisdien Interessen“ und solchen Ketzereien die Rede. Kennst du die Sphäre, in welcher die Mädchen bisher geatmet haben, wirst du über den jüdischen Einschlag staunen. Es wird auch nicht an Feindseligkeiten ans dem Lager der Wahrmnnd-Entliusiasten und Taufwasserköpfe ermangeln. Von unserer Seite aber wird man die angenehme Annäherung mit Freude begriissen. Die männliche Jugend haben wir. Nun naht die weibliche. Unsere Gegner werden sich bald als Veteranenverein organisieren können. * * ■* Gestern rief ich um 5 Uhr die Sdiriftlaitung (des „Dautfedhen Voiksblatt“ telephonisch an. Es entspann sich das Gespräch: „Wiesteh’n die GemeinderatswaMen?“ „Normal.“ „Nämlich?“ Alle 21 Bezirke mit erdrückender Mehrheit ehristliebsozial.“ Und nun ein Geständnis! Heiliger Güdemann, sei mir gnädig! Ieh habe bei dieser Nachricht eine rosige Genugtuung empfunden. Wie ich mich überhaupt freue, wenn sich ein politisches Ereignis, und sei es auch an und für sich gleiehgiltig öder sogar düster, in der geahnten und logischen Entwiekiungslinie vollzieht. Und dann las ieh die Wahlergebnisse. Die winzigen Zahlen neben den freisinnigen Bewerbern erschienen mir. wie jene tief beklagenswerten Männlein, die in Hauswirts Restauration mit Windmühlarmen, und unter Wasserfaillbeglleitung die klerikalen Machthaber allabendlich vor der Taroekpartie töten; rädern, vernichten; die längst der Prater- und Taborstrasse der Freiheit eine Gasse bauen: die i m Tempel' treudeutsche Waild auf «de verteilen; die das komischeste, harmloste, unmodernste Völklein sind, welches das sonst geschmackvolle Wien liervorgebraeht hat. Ja, beim lieben Augustin! Sehen denn diese merkwürdigen Menschen noch •immer nicht ein, dass es sich für reife Menschen nicht geziemt; Hanswurst zu spielen? Und glauben sie, dass man die alten Liberalen in ihrer deutsch-demokratischen Purim-Vermummung nicht auf den ersten Bliok erkennt?! Und gar in der Leopoldstadt! Der Kampf mrt dem Drachen — der edle Recke K1 e - bind er („Gehorsam ist des Christen Schmuck!“) gegen den rasenden Neustadtl („ein. Drache scheint es von Gestalt mit weitem Krokoclilsraehen“). ... Und weiter geht die alte, aber immer noch schlechte Komödie!, Wieder wird jede Versammlung des D. D. V., der „Freien Schule“, des „Donauklub“ hnd der übrigen Antiqnitätensamiiiiiu ogen spaltenlangen Wiederhall in der grossen Tagespresse finden. Und' hinter dem riesigen Schalltrichter stehen ein paar verknetsehte Deutsche israelitischer .oder frisch-katholischer Konfession unid spielen mit dem Maul den Hutten!