Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-03-27 · 13 (27.3.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
13 (27.3.1908)
Date
1908-03-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438180--0447-2439963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 13 Warn Ln diesem Blatte die mangelhafte Verbreitung des achten Kongresses sowie manche Vorgänge auf diesem selbst getadelt wurden, «o geschah dies ausschliesslich, um zu verhindern, dass beim neunten Kongress dieselben Fehler gemacht werden. Ebenso ist die Kritik, welche die „Jüdische Zeitunjg“ seither an der zionistischen Zenitralleitung üben musste,. stets wur sachlichen Gründen entsprungen und dluxeh die zwingende Notwendigkeit diktiert gewesen. Zwei lange Jahre vergehen von Kongress zu Knnmw» In dieser Zwischenzeit sind die wichtigsten Entscheidungen zu treffen, ja, wie die letzten Monate gezeigthaben, sind nach dem Kongress viel wichtigere Dinge entschieden worden, als am Kongresse selbst. Wenn nun bei solchen Anlässen nicht einmal das Grosse Aktionskomitee zu Bäte gezogen, sondern übergangen wird, wie es zum Beispiel bezüglich einer höchst bedeutsamen Entscheidung über den Nationalfonds versucht wurde — so ist es Pflicht dier Presse, welche die öffentliche Meinung darstellt, ihre Stämme zu erheben, damit der demokratische Charakter unserer Organisation gewahrt bleibt und nicht einzelne Personen. wer sie auch sein mögen, ohne die Erwählten des Volkes zu hören, entscheidende Beschlüsse zu. fassen. In den letzten Wochen hat sich wieder ein Fall abgespielt, der zur Abwehr herausfordert. Wir meinen die Art und Weise, wie unser Zentralbureau die Propaganda für die Palästina*- arbeit und: speziell die Palestme Development Company vernachlässigt. Tröte wiederholter - Aufforderung von kompetenter. Seite hat unser Zentralorgan „Die Welt“ bis heute noch keinen Propagandäartiikel über die P. D. C. gebracht. Stichhältige Gründe lassen sieh für diese Unterlassung absolut nicht anfiihren. Die Gründung der P. D. C. wurde vom A. C. mit grosser Begeisterung beschlossen; die Sammlungen, vom Palästinaressort wirlcsamst eingeleitet, sind in vollem Gange und die Arbeit der Gesellschaft wind in kurzem beginnen. Der untrügliche Instinkt des Volkes hat die Idee des P. D. C. mit Jubel aufgenommen, ein Zeichen, dass wir -uns damit auf Idem rechten Wege befinden. Wenn unser Zentralbureau, anstatt den ganz haltlosen Eimvänden, welche vereinzelt gegen die Gründung erhoben wurden, mit Energie und Autorität zu begegnen, selbst nichts für ihre Propagierung tut und durch diese passive Resistenz die Opposition gegen das bedeutsamste und zukunftsreichste Werk, das seit langem von .der zionistischen, Organisation unternommen wurde, moralisch stärkt, so hat die zionistische Oeffentilichkeit ein Recht, dies .zu kritisieren. Ueber dem Beschlüsse des A. C. steht niemand. Das Zen- - traJhureau. ist ausführendes Organ der Bewegung und daher des A. C. aber nicht' irgend einer einzelnen Person. Wir haben diesen Fall nur als Beispiel dafür erwähnt, dass der zionistischen Oeffentliehkeit das Hecht der Kritik zustehen muss. Wir werden uns dieses Hecht niemals nehmen lassen. Nicht etwa deshalb, weil wir besondere Gefallen daran finden, es ausznüben oder ans kleinlicher Bechthaberei, sondern weil wir glauben, dass der öffentliche Meinungskampf innerhalb unserer Organisation ein wichtiges Mittel zur Erreichung einer der wichtigsten Aufgaben des Zionismus ist: der Erziehung unseres Volkes zur Demokratie und zur Selbstverwaltung. Politische Rundschau. In Nr. 11 -unseres Blattes haben wir darauf aufmerksam gemacht, wie Dr. Karl Renner vor Juden über das Judentum spricht und wie bornierte jüdische Genossen solche Ausführungen aufnehmen. Wie verständnislos und lieblos eänanderer sozialdemokratischer Abgeordneter, ' Herr Leopold W i n a r s k y, über den grössten Teil der Judenbeit urteilt, zeigt, sein Artikel, „Karl Marx“, im „Jugendlichen Ar,bester“, einem Blatte, das die Bestimmung •bat, auf die arbeitende Jugend erzieherisch zu wirken. : Dort heisst es unter anderem: . . Heinrich Karl Marx, wie sein voller Name lautet, wurde am 5. Mai 1818 in Trier in Bkeinprenssen als der Sohn des. Advokatamvailtes und späteren Justizrates Heinrich Marx geboren. Seine Mutter Henriette war holüänjdäsdier (soll helissen, liolländ’scfh -jiidiiseher. Anim. d.Red.) Abstammung, gebome Pressburg. Seolis; Jahre nach der Geburt von Marx traten seine Eltern mit der ganzen Familie vom Judentum zum Protestantismus übei*. Nicht sosehr aus religiöser Ue'berzeugung, sondern vielleicht mehr in dem treffenden Sinne, in dem Heinrich Heine einmal einen Taufzettel den Eintrittsschein zur europäischen Kultur nennt.“ Heine hat bekanntlich bloss von Entreebillett in die europäische Gesellschaft gesprochen; was denn doch nicht ganz das Gleiche bedeutet: Denn auch ohne. Taufzettel kann man kulturell hoek stehen, viel höher, als Herr Winaröky es sich vorzustellen vermag. Hören wir ihn aber weiter: „. . . So klebte dem Judentum von Marxens Eltern nichts von jenem Unangenehmen Beigeschmack an, den düs Judentum östlicher gelegener Gebiete noch bis in die neueste Zeit' aufanweisen hat — und diesem’ Umstande hat: es Klart Marx zu danken gehabt, dass er selbst in der Zeit seines ganzen Lebens dem Judentum unbefangener gegenüberstand,'wie irgend, eine historische Persönlichkeit von Bedeutung, die aus jüdischen Kreisen hervorgegangen ist.“ Man traut kaum seinen Augen. Ist s wirklich ein Abgeordneter der völkerbefreienden Sozialdemokraten, welcher der bildsamen,, eindrucksfähigen Jugend derartige- Gesinnungen und Urteile einzupflanzen suchte,, welche man sieh nicht wundern würde, in den Jugerid'schrifteil des Katholischen Gesellenvereines zu finden? Dass Marx dem Judentum gegenüber unbefangener gewesen, als andere historische Persönlichkeiten jüdischen Ursprungs, hat er augenscheinlich dadurch bewiesen, dass es m Vorbehalten blieb, das ganze jüdische Volk nach einigen jüdischen Bankiers zu beurteilen und nn Bausch und Bogen als ,jüdisch-kapitalistisch4 zu verdammen. Wir sind weit entfernt davon, in jeder gedankenlosen Bemerkung irgend eines Genossen Antisemitismus vu wittern, aber die Gesinnungen und Urteile, wie sie in den zitierten Aeusseningen der Herren Benner und Winarsky zutage treten, bilden unseres Erachtens gewisseher Bestandteile einer antisemitischen, als dersozialdemokratischen Weltanschauung. * * * Die christliehsoziale Partei ist nicht bloss eine Reichspartei, sie entwickelt sich zu einer der österreidhistjh-ungarischen Monarchie. In Ungarn versucht es die katholische Volkspartei nicht mehr, ihren antisemitischen Charakter zu verhüllen. Auch sogar in Kroatien, wo doch,. wie man meinen sollte, die Leute genug an den eigenem Schmerzen zu tragen~hähen, wurde eine-' antisemitische Partei gegründet. Ihr nach aussen sichtbares Zeichen -ist die Zeitschrift: „Aatisemita“, von. einem Herrn J.Kannegiesserredigiert. In dieser Zeitschrift wird zu. Nutz und: Promimen des kroatischen Volkes .der reinste Antisemitismus ’ verzapft. Eine zweite ant-i— semitische Zeitschrift ist der „Putnilc pocjelom ssvjetu“, redigiert von Obradovic Ame--' ri-kanee, der aber nur ein Strohmann ist; der Hintermann ist ein blaublütiger Graf-,, der au dem Feuer nationaler Verhetzung sein Süppchen kochen will. Vielleicht vrird für die kroatischen Juden, welche vor einigen Jahren noch behaupteten, -der antisemitische Bazillus werdein Kroatien: nie einen Nährboden finden, diese Wendung der Dinge eine heilsame Lehre sein.. * * * Im Budgetaussohuss wird grosse Wäsche das Volk und für die Armen nicht-, denn sein affektierter, krankhafter, weil gemachter aristokratischer Zug wird ihn immer dtem Meinen jüdischen Mann unverständlich machen. In einem Kellergemaeh hat Perez ein junges Paar entdeckt, einen Melamed mit seinem jungen, ihm unlängst angetranten Weibe. Perez müht sich nun, darzustellen, wie der Melamed liebt, oder besser gesagt, wie der Mann im Melamed erwacht. Diese Idee ist sehr gut und zeugt von Perez’ Min stl erschein -Empfinden. Er will uns zeigen, wie ein allgemein menschliches Gefühl sieh in einem gewissen Kreise äussert. Der Begriff „Mann“ ist international, seine Erscheinungsform aber ist national und vom Milieu unabhängig. Die Idee ist gut, aber Perez' Können reicht nicht aus. Der Uebergang vom „Manne“ schlechtweg zum Manne in der Form einc-s Melamed ist zu kantig und aufdringlich. Anfänglich sind die Personen, mehr Juden als Menschen. Und wie dann über beide die Liebe kommt, da werden sie Figuren aus einem französischen Roman und der Melamed verschwindet vollständig. Die Dialoge zwischen dem Melamed und seinem jungen Weibe sind ganz unnatürlich; man vermeint Claude und seine Geliebte in Zolas Roman „L’oeuvre“ zu hören. Diese Gespräche sind unwahrscheinlich, weil sie nicht -notwendig sind, oder richtiger. weil sie nicht organisch mit dem Wesen der handelnden Personen verknüpft sind. Andere Bilder, wie „Die neue Melodie“'. „Der Fasttag“ übei-zeugen -uns noch mehr, dass Perez Stoffe wählt, die ’ seinen Fähigkeiten nicht entsprechen. Und dann die Bilder, in denen er uns die Leiden der Armen schildern will! Sie machen auf uns weder einen künstlerischein. Eindruck, noch den Eindruck der Lebenswahrheit, denn Stoff und Form passen nicht zu Perez’ Talent. Perez verstellt es, mit einigen Strichen, mit einigen Worten, ganze Menschen zu formen und zu beleben— oder richtiger —, mit einigen Worten gelingt es ihm, unsere Plia-ntasie zu erregen, so dass sie sieh die gewünschten Bilder vorstellt. Zum Beispiel: In demselben Kellergemache sehen wir vor uns förmlich lebend die alte Nachbarin, die Perez nebenbei mit einem einzigen Strich gezeichnet hat; wenn sie hei Nacht durch die spanische Wand hört, wie sieh das junge Paar küssit, da sagt sie verbittert: „Die haben eine Kusswoehe!“ Durch diesen Satz lebt für uns die Alte auf. -Jeder Leser sieht vor sieh eine alte, vertrocknete Seele, denn durch die abstrakte Darstellung wird die Phantasie erregt und zum Mitsohaffen herangezogen. Perez liebt aber die Mitarbeit dies Lesers nicht und' darum vermeidet er zumeist Abstrahierun'gen, sondern verliert sich in detaillierte Schilderungen. Er will der alleinige Schöpfer sein, selbst.das Objekt von allen Seiten betrachten. Damit aber schneidet, er seiner- Kunst die Flügel ab und macht sie trocken, gesehmacMos, zur Photographie, welche Details wiedergibt und mit fremden Klischees arbeitet.. Im zweiten Kapitel habe ich behauptet, dass Perez Fähigkeiten, sich verschiedene Kunstformen anzueignen, sein Verhängnis sind.. Und in der Tat! Wenn wrir in Perez’ Schriften blättern, finden wir darin eine Fllekkunstohne eine persönliche, künstlerische Note. Was ist- Perez? Welches ist seine spezielle Kunstform? Ein wenig sjanibolistisch, ein wenig impressionistisch, er liebt es auch, gedämpft zu sprechen, versteckt-tendenziös, aber manchmal auch realistisch und ausserdem auch hin und wieder romantisch. Diesallein erbringt'schon den Beweis, dass Perez’ künstlerische Individualität nicht ausgeprägt ist uud dass Perez unter dem Eindrücke, die Bücher bei ihm hinterlassn, schafft, und' nicht unter dem Einflüsse des Lebens. Die äussere Form, die in der Kunstwelt nicht vom inneren Wesen geschieden werden kann, stammt bei Perez nicht aus seinem innerlichen „Ich“, sondern er eignet sich dieselbe durch Lesen an. Und darum lässt sie. uns -immer kalt, mag sie noch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.