Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 denken. — Bisher haben die jüdischen Kolonien •in Palästina• ihren Kadiharn n-ur Nutzen, gebracht — sie wirtschaftlich gestärkt. Ueber die Aussichten des Zionismus will ich gleichfalls einige Worte sagen : . Es wird jetzt in der -Tat -viel von günstigem Aussichten gesprodten. Oh mit Recht oder nicht, wird die Zukunft lehnen. Eine Aufmunterung zu energischerer Arbeit kann angesichts der, Kotlage dter Juden in vielen Ländern Europas n!ur nützlich sein. Anderseits ist freilich Vorsicht anzuwenden, damit nicht ein temporärer Misserfolg einen zu grossen Rückschlag hervorruft. Dagegen ist die „Prophezeiung“, dass wir Zionisten mit eigenen Augen die Erlösung unseres armen Volkes sehen werden, ganz einfach wahr zu machen: Wenrs ernst darum ist, braucht nur selber nach Palästina zu gehen und an der Entwicklung ' der Sache mitzuarbeiten; — das ist auch besser als blosses „Sehen“. Und nun sehliesslieh zum Verhältnis zwischen Deutschen und Juden in Palästina. Ich meine, eine Begünstigung der jüdischen Kolonishtionsbestrebungen durch die türkische Regienung braucht die Deutschen nicht zu schrecken. Idli halte es fürganzf a 1 s ch, wenn Herr Lorch meint, die Interessen der deutschen Kolonisten würden dadurch „aufs empfindlichste getroffen“, und wenn er förmlich dazu auffordert, sieh „zeitig auf den bevorstehenden Kampf einzurichten“. Kein! Soweit halten wir noch lange nicht! Ich bin sogar der festen Ueberzeugung, dass zwischen der jüdischen und deutschen Kolonisation in Palästina eine Interessen -Gemeinschaft existiert und in noch viel höherem Masse anzustreben wäre.; Die paar hundert Deutschen im Lande {jetzt sind es an 1650, alles zusammen!) hätten sit-h meines Erachtens auch s o w e i t nicht entwickelt, und auch ihr nicht unbeträchtlicher Handel hätte nicht den jetzigen Umfang angenommen, wenn sie nicht au den Zehn-, tausenden deutschsprachlicher Judeh einen starken 'Stützpunkt gehabt hätten. Anderseits wäre es den an Landwirtschaft wenig gewöhnten jüdischen Kolonisten kaum gelungen, der Sdiwieaügkeiten Herr zu werden, wenn eie nicht das Beispiel der deutschen Dörfer in Palästina, vor Augen gebäht hätten. Letztere wieder profitierten nicht selten von der Existenz der jüdischen landwirtschaftlichen Schule bei Jaffa usw.*) — Man halte sich doch auch dlas Beispiel Jerusalems vor AJugen. Wo gäbe es eiine zweite Stadt in Asien mit einer deutschen Mundart als vorher sch ende Sprache. . Deutsche sowohl wie Juden sind ein europäisches Element in diesem bisher so arg vernachlässigten Lande, das jetzt sieh zu entwickeln beginnt. Audi wir Juden verfolgen kulturelle und wirtschaftliche Zwecke in vollster Loyalität gegenüber der Türkischen Regierung, und Palästina ist g r o s .< genug, um den wenigen Hunderten deutscher Templer und anderer auch, neben uns Raum zur Entfaltung ihrer Kräfte zu gewähren. Unter solchen Umständen ist es wahrlich, nicht am Platze, das Deutschtum Palästinas zürn Kampfe gegen die Juden aufzurufen. Es wäre unangebracht — aber auch verderblich für dias Deutschtum! Wohl würden beide Teile bei einem so unnützen Kampfe leiden, aber in diesem Lande sind wir so sehr die Stärkeren, dass Feindseligkeiten gegen uns fast gerade so *) Ueber diese Dinge schrieb ich .gelegentlich: - ■. VonBedentong ist es auch für die Machtstellung Deutschlands im türkischen Orient, dass die zahlreichen ans Osteuropa eingewanderten Jaden nicht nur ein sozusagen deutschsprachliches Element bilden, sondern anch ans Osteuropa eine Vorliebe für deutsche Indnstrieprodokte mitgebracht haben. Dies kommt den deutschen auf Gewinnung des Orient handeis hinzielenden Bestrebungen sehr zu statten, ln gleiehern Sinne sind anch die Enltnrbestrebnngen deutscher Joden im Orient zu verzeichnen, die seit wenigen Jahren — speziell seitens de? „Hilfs Vereines der deutlichen Juden*— sich in Schnlgründnngen mannigfacher Art ünssern. J0DIS OPE: zEIT U NG sinnreich wären, wie etwa in Deutschland eine Kampforganisatidn .der Juden gegen ehe Deutschen! Es gibt leidet Juden, die ihrem Gegnern gar." nicht genug Demut bezeigen .können. — Njäch dem eben Gesagten wird man mich zu diesen; nicht zählen. So wird man auch einige Worte des Friedens nicht missdeuten, mit denen ick. sehliessen möchte. Herr Lorch sagt, „dass schon heute ziondstisüke Sehrdf tsteller mehr oder minder verhüllt andeuten, dass eine Ruinierung der deutschen Ansiedlungen seitens der Juden angestrebt weiden müsse.“ - Mir ist von solchen „Andeutungen“ nichts bekannt. Sollte es derlei gegeben haben, so hoffe ich, da® es .höchstens Aeussenungen vorüber-, gehenden Unmutes waren, als welche ich auch Herrn Lordhs „Kampfruf“ ansehen will.*) Herr Lorch sagt: „Lediglich kulturelle und wirtschaftliche Zwecke“ verfolgen die deutschen Kolonien in Palästina, — Ich glaube aber, es gibt noch ein Plus dabei: Ddte Templer verliessen ihr deutsches Land und. zogen nach Palästina alsihrergeistigen Heimat! .— Und auch die Juden wären, wohl, wemrs nur um Knltur und1 Wirtschaft gewesen wäre, nicht gerade nach P a last i na gegangen! — Beide kamen hieher mit einer Idee! Diese Idee i st aber dem Frieden sicherlich viel näher als dem Kampfe!' Jaffa; Ende Februar 1908.. ., Davis Tri'etseh. Korrespondenzen. Die Märzfeier der zionistischen Studentenschaft. Die zionistische Studentenschaft hat den Helden , des Sturmjahres den Tribut der Ehrfurcht, gezöllt. Was dem einzelnen in jugendlich flammender Begeisterung, ein Herzensbedürfnis war, gestaltete sieh durch den Chor gleichgestimmter Seelen zur mächtigen Kundgebung. Und' keine; bessere Dokumentierung konnte die erwachsende politische Tätigkeit der österreichischen Judenschaft finden, als das demokratische Bekenntnis der Jugend am Grabe der Freiheitshelden. i'Aim Morgen dies 13. Marz versammelten sich zirka 200 Studenten am Hianiptporfcal des Zentralfriedhofes. AUeKorporationen waren vertreten. Der Zug formte sich in Viererereihen, schweigender Emst überschattete die jugendlichen Gesichter, der gleichmässige Takt der Schritte hallte über den gefrorenen Boden, eine neue akademische Legion, der als Banner zwei mächtige Kränze vorangetragen wurden mit wehenden hlan-weissen Schleifen, die in hebräischer und deutscher Sprache die Widmung trugen: „Die zionistische Studentenschaft den Freiheitskäimip&m von 1848.“ ‘Beim Obelisken, der das Massengrab dev Frühlingsopfer österreichischer Freiheit ziert, hielt der Zug. , Alles eütiblösste das Haupt, die Toten dtes fremden Stammes nach deren Brauch zu ehren. Herr'Lucian Brunner, der sieh mit den Mitgliedern des demokratischen Zentralvereines gleichfalls so früh am Morgen eingefunden. hatte, hielt eine Ansprache, in welcher er einen Rückblick über die Ereignisse des Revolutionsjahnes gab unddie Helden pries, die ihr Leben der Idee aufopferten. Hamens der Studentenschaft sprach Dr. Uebrigens ist dieser .Kampfruf“ die erste feindlich klingende Aenssernng von deutscher Seite, der ich in den Jahren meines hiesigen Aufenthaltes begegne. Sie stammt anch von keinem hiesigen Ein-, wohn er und es stehen ihr von seiten hiesiger: Deutscher so viele ganz andersgeartete Aensserangen gegenüber, dass wahrlich1 niemand sich dadurch t&uschen lassen sollte. ' „Nr. .1.2 '. 1 U ,Hugo Zuckermann.: .Die .jüdische Jugend Rabe den Geist:der .Achtundvierziger, übempudiaen und führe den Kampf gegen; alles, was mbisph •und faul, feig^und unwahr ist. Wo alle Stummbahner flattern, solle auch die kampferpfobtp blau-weisse Fahne nicht fehlen und, wenni -allp Sprachen die Helden preisen, solle auch die hebräische gehört weiden/ die als erste das Wort verkündete: „Du sollst nicht Sklave sein.“ Die Studentenschaft hole sich vom Grate die Losung für ihren Kampf. Freiheit predige dieser Stein und unsere Parole sei: „Ein freies - Volk im. freien Land“. Kräftige Hedldnife schallten durch die Rahen der Grabkreuze. Die Studenten, dureli Kaeliziigler noch bedeutend verstärkt, durchschritten in fester Marscüiordnung das weite Gräbergefilde und seharten sich um Fiselihofs Grab. Med. Theodor Kolm hielt eine zündende Ansprache zur Ehre dessen, der das erste freie Wort in Oesterreich auszusprechen gewagt. Das hohe Ziel Fischhofs, die nationale ' Autonomie d’dr Völkelr,, wolle die jüdische SHudientensöhalft verwjirktiichen helfen. Hierauf feierte Herr Luciän- Brunner den grossen Toten in einigen tiefempfundenen Worten, nnd damit endete die erhebende und imposante Kundgebung, welche, wie kaum nötig ist zu bemerken, von der liberalen Wiener Tagespresse fast vollständig totgeschwiegen worden ist. Z.. Galizien. Zaleszczyki. Am 26. v. verschied hier einer unserer Bestem, Gg. Herr Leib L i n d n e r. Der Verstorbene war Kultusrat, Ehrenmitglied und Ehrenpräsident des Vereines „Zion“. Kadi kurzem Leiden verschied Herr Lindiner in der schönsten Blüte des Lebens dm 42. Lebensjahre. Er war der erste Vorkämpfer der zionistischen Idee, Gründer des Vereines „Zion“ und dessen erster Präsident, jahrelang blieb er der Leiter des Vereines. Herr Lindner war eine Zierde im Kultusrate, dort war er der einzig wahrhaft jüdisch fühlende Vertreter, frei von Servilismius, tfrei von; Selbstsucht. - Herr Rabbiner Wolf Thuuii hielt ihm unter stetem Schluchzen einen wohlverdienten! warmen Nachruf. Die hiesige jüdische Haltionalpartei verliert in ihm einen wackeren unerschrockenen Kämpfer, die zionistische Partei einen begeisterten Anhänger und Verfechter. Die Gesinnungsgenossen werden ihm stets ein treues Angedenken bewahren. Friede seiner Asche! Sitzung der „Ivria“ in Lemberg. Lemberg. Unter Vorsitz des Vizepräsidenten der Vereinigung aller hebräischen Klubs in Galizien, des Gg. Bemard Jahr, fand Sonntag den 15. d. M. eine Sitzung des galizdsdhen Exekutivkomitees statt. Diese Vereinigung ist eine Filiale des allweltliehen Verbandes „Ivria“, dessen Zentrale bekanntlich von Bern' nach Jaffa (Jerusalem) verlegt wurde. Das galizisohe Exekutivkomitee wurd vor einigen Monaten eingesetzt und unter die Obmaninechaft des Dr. Markus Braude gestellt. Der Sitz desselben ist in Lemberg. Demselben gehören bereits ca. 25 Vereine ans verschiedenen Städten des Landes an. Die Aufgabe des Exekutivkomitees ist, alle hebräisch sprechenden Juden Galiziens zu vereinigen und für das Studium wie auch die Pflege der hebräischen Sprache zu wirken. Die Sitzung des Exekutivkomitees, welche Sonntag abends in Lemberg stattfanfl und zu welcher auch einige auswärtige Mitglieder erschienen, nahm zuerst die Berichte dter verschiedenen Gäste über den Stand der Bewegung in den Provinzstädten entgegen. Mit Befriedigung wurden die bedeutenden. Fortschritte konstatiert. Das Studium der hebräischen Sprache, die Verbreitung der hebräischen Literatur und auch die Zahl der untereinander . hebräisch Sprechenden ist bedeutend geiwachsen. Der Hauptzweck der Sitzung war den Vorbereitungsarbeiten für die während der Osterfedertage stattzufindenden Konferenz der :n dem Verbände „Ivria“ angeschlossenen Vereine gewidmet. Als Schriftführer fungierte Gg. Ja we t z aus Lemberg/- Die Beratung wurde ausschliesslich in hebräischer Sprache geführt.