Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 1 Nr. 12 Bukowina. Abgeordneter Dr. Sträucher in Suczawa. Suczawa. Eine Abordnung der Leitung, -des jüd. Naitionolvereines in Ozernowitz, unter Führung -des Abgeordneten Dr. Sträucher, begab sich Sonntag, den S. d., einer Einladung jüdischer Volksgenossen folgend, nach Suczawa, Nachmittags fand in. der -städtischem. Turnhalle eine jüdische Versammlung unter Vorsite des Obmannes des Empfangskamitees LG®. Dr. Rosenfeld statt, diie massenhaft besucht war. In dieser entwickelte Abgeordneter Dr. Strauclier in einer gross angelegten' Rede das Programm und die Ziele der jüdischnationalen Partei in Oesterreich und speziell der Bukowina. Die Ausführungen Dr. Sträucher* gipfelten in der Forderimg nach nationalen Organisationen -der Bukowdnaer Judenschaft und fanden wiederholt stürmische Zustimmung.. Die Delegierten des jüdischen Naittonatvereines in Gzernowitz Kinsbrunner und Taubes hielten zündende Ansprachen und betonten, die Notwendigkeit einer •einheitlichen, stramm disziplinierten Organisation auf Grund des jüdischmtionalen Pno- . gramms. Herr Kultuspräses Dr. Finkler befürwortete' gleichfalls unter Zustimmung der Versammlung eine Organisation der Juden- -sehaft auf nationaler Grundlage und betonte die Notwendigkeit eines einigen Zusammenhaltens. Vorsitzender LGR. Eosenfeld teilte das Ergebnis der eingeleiteten Vorbereitungen zwecks Gründung eines jüd. Nätionalveremes in Suczawa gleich jenem in Czernoiwite mit und -empfahl der Versammlung dringend die Gründung 'dieses Vereines. "Unter Beifall wurde dieser Antrag einstimmig von der Versammlung angenommen. Der Verlauf dieser Versammlung hat gezeigt, dass die Suczawaer Judenschaft, gleich jener in Eadautz, die Notwendigkeit der einheithohen nationalen Organisation und des ’ Zusammenschlusses der Juden einsehen gelernt hat. Russland. / iehuda Steinberg-und J. Berschatzka. Warschau. Vorige Woche sind in Russland zwei bedeutend hebräische Schriftsteller .gestorben1. Beide in jungen Jahren. Steinherg zählte kaum 44, Berschatzki oder wie er eigentlich hiess, Domosehewitzki, 37 Jahre. Der erste starb an einem Magenkrebs, der zweite an Schwindsucht — beide aber starben vor Hunger und Not. Das ist keine Uebertreibung, sondern •buchstäblich wahr- "Und! dies wirft ein grelles Lieht auf die Verhältnisse, in denen jüdische Dichter und Denker, die Blüten des Volkes, leben. Bei armen Eltern herangewachsen, mühen1 und rackem sich die jungen Talente, leben in einem Zustande beständiger * Entbehrung, sind geswungen, sieh zu zersplittern; bevor noch ihr Talent amsgereift ist und haben sie sich durchgerungen, da sind die Lebenskräfte aufgezehrt. So ging es auch den zwei Verstorbenen. Eine Würdigung ihres Lebenswerkes behalten wir uns vor. Sieg der Nationaljuden bei einer Wahl. St. Petersburg. Vorige Woche fanden hier -die Wahlmömnerwahlen für die Wahl eines Rabbiners der Petersbuiger Judengeneinde statt. Zwei Parteien standen einander gegenüber, die halbassimilatarisehe Volksgruppe und der Block der Zionisten und Nationaljuden. Die Volksgruppe erreichte kaum ein Viertel der abgegebenen Stimmen. Das Resultat dieser Wahl ist ein deutlicher Beweis von dem ausgeprägten jüddsclien Nationalbewusstsein der russischen Juden. ‘Kongress der echtrussischen Männer. St. Petersburg. Russische Zeitungen beachten: Der jüngst abgahaltene Kongress der echtrussischem Männer beschäftigte sich eingehend mit der Judenfrage, deren spezielles Studium er einer Kommission überwies. Diese beriet längere Zeit und legte dem Kongresse eine von „tiefer Weisheit“ und „Erleuchtung“ zeugende Resolution vor: Man möge sieh an die russische Regierung mit der Bitte wenden, dass •sie alle Juden-nach Kamtschatka und Sachalin -atisweise. Diese Resolution wurde unter dtiür- JÜDISCHE .'ZEITUNG .mischem Beifall aufgeuammen. Hinzugefügt sei, dass an diesem Kongresse viele Dumaabgeordnetfe teilgenomimen haben, ilie sichwahrscheinlich bestreben werden, die'Resolution: des, Kongresses zu verwirklichen . . . Und: von solchen Leuten erhoffen manche Juden eine Gleichberechtigung und Emanzipation?! Ein neuer Schulverein in Russisch-Polen. Warschau. Ein überaus wichtiges Ereignis für die jüdische Bevölkerung Rnfsisch-Polens ist die hier erfolgte Begründung des Vereins „Daas“ (Wissen), dessen alleiniger Zweck in der Verbreitung elementarer Bildung in den ■ breitesten jüdischen Volksmassen besteht. Be- sonders hervorgehoben zu werden -verdient, weil -das hier nicht immer selbstverständlich ist, dass -. der Verein ganz tendenziös ist und kein anderes Bestreben hat, als dos genannte, Bildung zu verbreiten, dass ‘ er dagegen nicht die Bildung in einer parteipolitischen Saiuce verabreichen will. Wie sehr dieses neue Institut den Bedürfnissen unserer Massen entspricht, zeigt am besten die Zahl der Anmeldungen, die schon jetzt in die Humdterte geht. Das Bureau des Vereines ist stets von Bittenden belagert. Vom Warschauer Emigrations-Bureau. Warschau. Dem. Berichte des hiesigen Informations-Bureaus für jüdische Emigranten entnehmen wir folgende interessante Daten: Seit April 1907 bis Anfang Jänner 1908 haben hier 915 Emigranten (darunter 649 Männer und 266 Frauen) persönlich Auskunft erhalten. Darunter waren 829 Personen ans Polen, 42 aus Lithauen, 16 aus dem übrigen Russland. 'Schriftliche Auskünfte erteilte das hiesige Bureau an 332 Emigranten. Insgesamt hat also das Warschauer Bureau allein im Zeitraum von 9 Monaten 1247 Auswanderer beraten. Das Ziel der erfolgten Auswanderung ist dem Bureau allerdings nur von der Hälfte bekannt geworden. Es wanderten aus nach New York 436 Personen, nach Galyeston 106, nach Oanada 30, nach England und nach Palästina je 25. Die übrigen, deren Ziel unbekannt blieb, dürften sich jedoch im gleichen Verhältnis auf die verschiedenen Länder bezw. Hafenorte verteilen. Metamorphose. ■Den grossen Chemiker Dominik. Erkennt man auf den ersten Blick, Und seine verblüffenden Experimente Erregen Erstaunen am Kontinente. — So hat er jüngst in finstrer Nacht Ein unerhörtes Werk vollbracht: Ekombinierte durch Mischen und Löten Ans einem Wald- und Wiesenpoeten Und1 einem gutkatholisehen Küster Einen Aekerbaummister. Oder: durch Röntgentrahlenbehandlung Vollzog er eine tiefe Verwandlung In dem Gehirn dfes Professors Schulz; Es ward verkauft als Schweinesulz. Vor einiger Zeit in den Rothsdhildschen Gärten Begegnete ich dem Gelehrten. Er war verkümmert und käsefahl Wie ein Liberaler nach jedier Wahl, Und als ich ihn besorgt gefragt, Da hat er nervös an den. Lippen genagt. „Es ist ein Unglück, junger Mann! Der Mensch weiss nie, was er nicht kann, Und wenn er die Grenzen des Könnens spürt, So ist er bla- und deprimiert.“ Der Pessimismus war mir neu. Ich frug: „Wieso? Warum? Wbbei?“ Herr Dominik sah sich vorsichtig um Und; sprach:;,Im Laboratorium Bei mir erscheinen die seltsamsten! Leute; Doch so ein Unikum wie heute Und was es für ein Ende genommen, Das ist mir noch' nicht vorgekoimmenI“ - ■Die Ueberiresbung war mir neu. Ich frag: „„Wieso? Warum? Wobei?““ I Hferr Dominik bohrte sich düster die Nase,,. Und setzte fort in dumpfer Extase: „Kömmt da ein Mann mit scharfem Profil , Und zwar in orientalischem Stil, Die Stirne schmal, die Lippen wulstig, Die Nase krumm, die Worte schwülstig, Ein kleiner Hut am krausen Haar — Kurzum ein Fünfzigkreuzer-Magyar. Er grüsst sehr laut, wirft weg den Stechen, Dann spukt er mir in alle Ecken, Betastet meine feinsten Retorten Und überschüttet mich nicht, nur mit Worten. Es sei, so meint er, gar nicht schön, Als Jud auf der, Welt hernmzmgeh’n, . Man wird bedrückt, beschimpft unflätig Und wozu habe man das nötig?? Er habe es satt, so herumzulaufen —“ „„Nu,““ sag’ ich, „„lassen Sie sieh taufen!““ Da macht er ein Sehdiranda-tiesicht Und klärt mir, das genüge nicht — Er habe sehr viel getaufte Bekannte, Zum Beispiel eine reiche Tante, Die sei gezwungen, sozusagen. Den Taufschcn stets bei sieh zu tragen. Und jedem zu zeigen, das sei keine Phraae — loh sagte: „„Ieli glaub’s, bei dieser Niase!!““ „loh will,“ fuhr er fort, „nicht sein wie diese Und will als Christ auch Sachen ize —“ Und diese Worte ergänzte die Hand Sehr eindrucksvoll und ich verstand. Und da der Kerl mit dem Geld nicht geizte, Des fernem das Problem mich reizte, Hab’ ieh nicht lange naehgedaeht, Ich nahm das Geld und sprach: „Gemacht!“ Drauf liab’ ich ihn hypnotisiert Und allerortsanästhesiert Und liess ihn durch mein „Seheker-Patent“, Das niemand auf der Erde kennt, (Pardon! Max Harden dürfte es kennen!) Zr einer organischen Asche verbrennen, Vermengte bei 90 Grad Reaumur Dieselbe mit Hi, S04 Und liess sodann unter emsigem. Rühren Die Masse durch den Filter passieren; Nach gründlichem Pressen und Zerstampfen Liess ieh dann den Brei verdampfen Und führe den Dampf durch ein Platin-Rohr Im Perlivu ta tions-Lavoir. Dann warte ieh einen halben Tag Und untersuche den Niederschlag: Es zeigen sieh in allen Ecken Die charakteristischen gelben Fleoken Dndi statt des Hirns find’ ieh erfreut Ein Exemplar vom „Fester Llovd“. Die so gewonnene neue Masse Entleere ich in einem Fasse, Befestige das Fass am Drehtisch Und sehJdess’ den Deckel ganz hermetisch. Die Kurbel fängt sieh an zu direh’n Und ieh erwarte das Phänomen. Und kaum eine Viertelstunde vorbei Vemehim’ ieh im Fasse ein dumpfes Geschrei, Die Wände dröhnen, die Kurbel kracht, Nun ist das grosse Werk vollbracht — Und! mit Paracelsus, Darwin und! Hackel •Hebe ich den schweren Deckel — Ich schau’, erschrecke und erheb’ mich, Schau’ noch einmal und übergeb’ mach, Denn was ich in dem Fasse sah — Sanetissima Rhebarbara!“ Die Redeweise war mir neu. „„Ich frug: Wieso? Warum? Wobei?““ „Sie ahnen nichts, Sie reiner Tor! Da kreucht mir aus diem Fass hervor Ein. Mann mit gewaltigem Räuspern und Kredcen Und spuckt mir gleich in alle Ecken, Die Stirne schmal, die Lippen wulstig, Die Nase krumm, die Worte schwülstig, Efn Meiner Hut am krausen Haar — Kurzum ein FünfzigkreaBer-Magyar.