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Jüdische Zeitung · 1908-03-20 · 12 (20.3.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITtJHG Nr. 12 studentischer Fröhlichkeit gewidmeten Bäume boten mit ihrem Trauerschmucke einen ungewohnten Anblick. Die schwa i-z-gold-blauen Farben der Verbindung, die der Verstorbene so gern getragen und .denen er so treu und wacker gedient hatte, sie wären schwarz umflort. Vertreter sämtlicher monistischer Korporationen, der innerösterr. und mähr.-sehle6.- D. K„ der jüd. Turnvereine, Ekrenkurseh Abg. Doz. Dr. Maliier und viele Freunde waren erschienen. Der Brüses Winterstein eröffnete den Trauerkonvent und gah das Wort nur nachfolgenden Gedenkrede: Aufgelöst von langer, schwerer Krankheit-- ist Budolf Nassau hinübergelitfcen in das grosse Bedßh der Buhe! Njichf in das Beich des Vergessene. Er hat sieh in dem Gedächtnis und dem Herzen seiner Freunde, die von seinem Schmerze tief ergriffen waren, mit einer Kraft eingeprägt, die seiner Liebe zum Judentum entsprang. Mit einer Intelligenz, die alles erfasste, nur nicht den eigenen Vorteil, mit einer Umsicht, die alles sah, nur nicht sich selbst, war er einer jener grossen Idealisten, wie ihrer unser Volk so viele bedarf und so wenige besitzt. Seinem Gefühle war es unfassbar, das eine Kation, deren Heroismus im Brande des zweiten Tempels über die ganze Welt erstrahlte, im Sklavenzwinger verharren konnte; seiner Ehre war es unerträglich, dass ein Volk, das so viele Helden der Waffen, des Leides und. des Gedankens erzeugte, um Gnadenplätze zu fremden Tischen kam. Und so wurde er einer der ersten Bebellen gegen die jüdische Politik der Geduld, befreite er sich selbst von den Lockungen, die wegen seiner und seiner vielseitigen Talente ans fremdnationalen Lagern ■wie Sirenentöne zu ihm hinüberklangen, und VAirdte ein entschlossener Vorkämpfer der jiidisdhen Selbstbefreiung. Wie er litt und wieer stritt, das lässt sieh bewundern, aber nicht beschreiben. In jenen Kreisen, wo die Wertschätzung der Menschen als eine Geldsehätziung betrieben wird, da Liebt man es, den jüdischnationalen Studenten als einen Johann ohne Land verächtlich abzutun. Alter mögen diese Leute, die auf dem Boden abgestorbenen Vorurteiles stehen, uns doch in üirenBeffhen denTypns zeigen, den Budolf Kassau in höchster Vollendung verkörperte, einen Mann wie ihn, der die Armut verspottete, die Kot des Lebens verlachte und eine schwere Krankheit lange besiegte, um der grossen und gerechten Sache zu dienen. Wie gross muss nicht die Siegerkraft des Zionismus sein, dass er von seinen Dienern alles verlangen kann. Ganz anders als jene Parteien, hei denen ans Pfründen die Ueberzeugungem - ent-sielienj verdangt die jüdische Freiheitbewegung die Selbstaufopferung ihrer Führer. Budolf Kassen war einer von denen, welche niemals die grosse Wleltfrage des Egoist gus „was habe ich davon?“ im Herzen oder auf den Lippen hatten. Wie ein Löwe musste er kämpfen, mochten der Jäger wenige oder viele sein, mochte es Wunden setzen oder Sieg. Denn er ist von keinem Klügeln und Bedenken zu uns gerufen worden, sondern von seiner grossen Seele, und solange noch sein hedsses Blut durch seine Adern rollte, gehörte jeder' 'Tropfen davon dem’ jüdischen Volke, dessen treuer Sohn er blieb. So drang -er als einer der ersten und erfolgreichsten Pioniere, des Zionismus in die Sümpfe der Assimilation ein, in das wirre ■Dickicht der jüdischen Politik, die keine jüdische war. Mähren, das in Liebe zum Deutschtum und zum Tsc-heehentum versunkene jüdische Mähren, war der Acker seiner unaufhörlichen Arbeit. Besser als-jede Statistik es könnte, beweist eine allgemein bekannte Tatsache den Fledss und die Aufopferung, mit welcher er seine Arbeit verrichtete: er war so oft in so und so viele Städte und Städtchen des Eronlandes gekommen, dass er fast in jeder jüdischen Familie Mährens persönliche Bekannte und liebe Freunde hatte. Und es ist keine Ueberhebung für den Toten, wenn nmn einen Grössten aller der bedeutenden Erfolge unserer Bewegung in den. rechtsseitigen Sudetenländern für ihn reklamiert. So wurde es natürlich, dass unsere Verbindung die Basis seines politischen und gesellschaftlichen Lebens wurde. In einer schlagenden Verbindung war Budolf Kassaus natürlicher Platz; ist doch die persönliche Ehre die Voraussetzung für einen Streit um die Ehre seines Volkes. Er hat tapfer mitgeholfen, die Köpfe unserer Fehde dem Gedanken zu öffnen, dass wir Juden nicht mehr die •Sehutzjuden im Ghetto, sondern selbstbewusste Juden moderner, nationaler Kampfzeit sind. Aber so wie es für ilm dem .Gegner gegenüber kein Zurüekweichen und kein Zagen gab, so weich und hingebungsvoll war er für seine Freunde, deren Sorgen ihn auf das tiefste bekümmerten, deren Freude er stärker empfand1 als sie selbst Vielleicht die rührendste und für ihn bezeichnendste Tatsadhe war es, dass er •immer gerade mit den Jüngsten am innigsten zusauinrenhing. Bührcnd war es von Budolf Kassau als Menschen, dass er unter dem Drucke des eigenen Schicksals immer noch genug Zeit und Lust fand, die Unerfahrenen, die Verzagenden in ihren kleinsten Angelegenheiten wie ein Bruder zu betreuen. Selbstverständlich war es von dem eifrigen Agitator, von dem Tribun der jüdischen Freiheit, dass/es. ihn' zu dem nachrüekendien Geschlechtern' am meisten hinzog; denn.’ ihr -Kommen war ja dereinzige Lolin seiner Arbeit, sie waren die lebenden Beweise dafür, dass es gut war, was er getan hatte. Dass es gut war, hbt man ihm wohl auch anderweitig gezeigt, Herzl selbst und alle seine Mitarbeiter verfolgten Kassaus Wirken mit Dank und hoher Anerkennung. Gleich im Beginne sainerTätigkcit war er trotz seiner grosse* persönlichen Bescheidenheit aus der Masse der Anhänger unserer Bewegung emporgestiegen, und als es nötig wurde,;. die Propaganda des Wortes durch die Propaganda der Schrift zu unterstützen, richteten hieb immer alle . Augen auf Budolf Kassau als den Mann der eigenen Gedanken, des eigenen Urteils und der Fähigkeit des kurzen und klaren Ausdruckes. So errichtete er sieh Monumente des Geistes in der „Jüdische Volkastimme“ dann in der „Welt“, und als ‘mit der Keusohöpfung der „Jüdischen Zeitung“ ein Leiter für dieses Organ gebraucht wurde, der die moderne Politik vom Grande aus verstehen musste, bewährte sich Budolf Nassau als ein zeilbewusster Pfadfinder der jüngsten Partei in Oesterreich, .gab ihrem Organ Willen und Bichtung, war wieder vornweg einer der Stürmer und Dränger, der Politiker „Vorwärts“, der kein Beehts und kein Links kannte. Bis schliesslich die lange niedergezwungene Krankheit doch, stärker wurde als er. und ilm niederwarf, ihn, der sich vor nichts und niemand hat beugen ■wollen. Budolf Kassau war in dieser langen Krankheit von überwältigender und ergreifender Mannesgrösse, denn er hatte zu viel vom Leben gesehen, um nicht mit grausamer 'Deutlichkeit zu erkennen, wo Ende und. Ausgang liegen mussten. Und als edn unverdientes Schicksal ihm das Krankenlager zur Schmerzensfolter machte, da blickte er doch jedem der besuchenden Freunde mit' heiterer Miene entgegen. Aufrecht und stolz ist dieser Held’ gestorben, der .sich vor nichts und niemand hat beugen wulien, auch vor dem Tode nicht ... Knn stehtder Kopf still, still das Herz, die so lange und so stark die Motoren eines i stolzen, strahlenden Lebens gewesen sind. Wir i können es nicht fassen, nicht begreifen. Zu enge! -war er mit uns verwachsen, als dass wir ilm ■ nicht noch jetzt an unserer Seite zu sehen, zu \. fühlen meinen. Und wir können uns auch seinen : Tod nicht als einen Abschied vorstellennur als i eine Trennung über den Baum zwischen hier I und dort, durch den er mit seinem guten, ' klugen Geiste teilnehmend iiinunterbliekt auf i sein geliebtes Volk, auf seine Ivriä, der er so Kach Hamans Verlangen! Er hat euch empfangen Vom König zu teil Für gold’ne Hinge und Spangen Zu schmücken der Königin Die bräutlich errötenden Wangen. Dass er sie erfreue. Verschenkt er Provinzen -Wie kleine Münzen, . Verschenkt er die Hälfte der Länder und Beiehe, Dass er die bange Sorge ihr scheuche. Dass er sie kröne Mit prunkender Weihe. Jüdisches Mädchen, sieghafte Schöne, Jüdisehes Weih voll inniger Treue! Darum sollt ihr Kronen tragen, Wie in Ahasveros; Tagen, Der die Schönste zur Königin kor — Wenn eure Stirne die Krone verlor, Soll nicht falsches Geschmeide sie zieren, Kieht erboigter Glanz. Kiekt zum Tanz Will ich dich führen, Mädchen mit den fragenden Blicken: Ueber der Träume schimmernde Brücken In meiner Sehnsucht verborgenes Land, — Bache! leg" ah das Maskengewand: Esther auf der Bühne. Israel Abrahams, der bekannte jüdische Gelehrte in Cambridge, widmet zwei Kapitel seines letzten Werkes: Festtagsstudien, dem Thema: Esther auf der Bühne. Kaclidem er den Estherdramen Baeines und Grillparzers den ihnen gebührenden Ehrenplatz hoch über allen Werken gleichen Inhalts eingeräumt hat, wendet er sich nach kurzer Erpihnung einiger unbedeutender englischer Versuche aus dem 17. unld 18. Jahrhundert einem älteren Estherdrama zu, das nach dem Tagebuobe Henclowes am 3. Juni 1594 von den „Dienern des Lord Kanzlers“, der Schauspielertnuppe, der, damals auch Shakespeare angehörte, in London aufgeführt wurde. Es ist nicht klar, auf welches Estherdrama Henelowe anspielt, da uns ans damaliger Zeit mehrere Dramen, die denselben Stoff behandeln, erhalten sind. Da ist vor allem „Die Komödie der Königin Esther und. des hochmütigen Haman“, die 1620 in deutscher Sprache erschien, aber unstreitba.r älteren Datums und englischen Ursprungs, ist. Sie wurde von einer wandernden ■Schauspielertmppe in vielen deutschen Städten .gespielt, und ist -für uns deshalb von grossem : Interesse, weil sie /den Uebergang ~ vom kirchi liehen zum weltlichen. Dra-ina kennzeichnet, Der; darin vorkommepde Narr Hans Knappkäse ist ein Mittelding zwischen dem Shakespeareschen Karren und dem deutschen Hanswurst. Ein anderes englisches Drama wurde am 3. Juli 1626 von englischen Schauspielern:; in Dresden auf geführt und errang so grosse? Popularität, dass Hans Sachsens erstes Esfcherdrama nicht dagegen aufkommen konnte. Um dieser Einfuhr ausländischer Stücke zu steuern, schrieb Valentin Andreae, wie wir aus sicherer Quelle wissen, eine „Esther“. 1516 erschien bei Pi ehe ring und Hachet in London ein Stück „Godly Q.ucene Hester“. Der Käme des Autors ist verschollen, doch das Werk selbst bürgt für seinen Btiiim. Wählend in den deutschen Estherdramen der Beformationszeit der Sturz Hamans als Satire gegen Papst und Papsttum angewendet wurde, verfolgte die „fromme Königin Esther“ eine politische Tendenz: Mit Haman sind dort die Minister Heinrich VII1., vielleicht sogar Kardinal Wolsey selbst gemeint. Uaendels Oratorium . „Esther“ -wurde daserstemal am 23. Februar 1732 auf geführt y der. Text hierzu ist von Hiumphreys nach Alexander.. Pope und Arbuthurst verfasst, während die lyrischen Stellen hauptsächlich' Racine entlehnt sind. Das Oratorium schien grossen Erfolg ger habt zu hohen, clares im selben Jahre io4 zweimal inLondon'aufgeführt-;wurde, y..' ."!

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