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Jüdische Zeitung · 1908-03-20 · 12 (20.3.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 JÜDISCHE ZEITU N G sanioiien mit den Aufgaben des Zionismus und einer wahrhaft modernen, jüdischen. Volhspolntik in Oesterreich. Von dem. Verständnisse der national-jüdischen Politiker für diese Identität der österreichischen Reiehsinferessen und jüdischen' Volksinteressen und von d!er Stärke unserer Organisation wird es abhängen, ob die politische und wirtschaftliche Lage ckr 'Jnden Oesterreichs in der nächsten Zukunft sich verbessern oder verschlechtern wird. Pie Fusion des Polenklubs mit der Volkspartei. Die Vergrösserang, die der PdenMub durch den Eintritt der Volkspartei erfahren hat, ist für die 'weitere Entwicklung elfer Dinge in Galizien von' weitgehendster Bedeutung und darf deshalb aneh vom Standpunkte der jüdischnationalen Politik nfeht gleichgültig übergangen werden. Einerseits hat der nach, den Maiwahlen, numerisch stark geschwächte Polenklub jene Zahl an Mandaten, die er im Kurienparlament in sich vereiriigte, wieder erreicht, und wrenn auch die jetzige Parteizeridüftimg innerhalb dieses Verhandes, der aus den heterogensten Elementen zusammengesetzt ist, in Betracht gezogen wird, so steht dennoch zu befürchten; dass er in stärkerem Masse als bisher efnen verderblichen Einfluss auf die Regierung geltend; machen wird, um für dc'e Unterdrückung nationaler Minoritäten wiederum freie Hand zu liaben. Anderseits aber ist diese Fusion als eine erfreuliche Tatsache zu begriissen, da sie der Eintagsherrsehaft der Allpolen, die das Land! mit ihrer — wenn der Ausdruck gestattet ist •— politischen Prastitmertenmoral zu verseuchen drohten', ein jähes Ende bereitet hat. Der 29köpf?gen demokratischen Union, innerhalb welcher die Allpolen mit ihren 16 Stimmen die ■ Führung hatten, stehen nunmehr die koalierten . Konservativen unid Volksparteiler zusammen mit der Stojalowaki-Gruppe in einer Gesamtzahl von 42 Mandaten gegenüber und! die Führung geht somit, wenn auch vorläufig nicht formell, wieder in die Hände der Konservativen über, die sie für einen Moment den Allpolen abtreten' mussten. Von einer Demokratisierung des Polenklubs infolge der Fusion' ist natürlich keine Rede, denn obwohl die polnische Volkspartei zu den sogenannten „Freiheitlichen“ gezählt wurde, so muss man doch in Erwägung ziehen, döss ihr politisches und wirtschaftliches Programm einen ijedri agrarischen Charakter trägt rund: dass auch die Stellung dieser Partei zur Judenfrage, für die sie den neuen Namen „Asemitismus“ geprägt hat, nicht, recht zum „Freisinn“ passen will. Daher,.kann mit Bestimmtheit vorausgesagt werden, dass aus dieser morganatischen Ehe nur die Konservativen Vorteile ziehen werdfen, die polnische Volkäpartei aber wird von den Sympathien, deren sie sich als Opposition bei der, im Gegensätze zu Ostgalizien, mehr aufgeklärten Landbevölkerung der westlichen Landeshälfte erfreuen konnte, sehr viel ednbüssen' und ‘ bei künftigen Wahlen wird sie in den Sozialdemokraten stärkere Gegner vorfinden, als es bis jetzt der Fall war. Uns Juden drängt sich schliesslich angesichts der neuen Partei gruppierung im Polenklub unwillkürlich die Frage auf: Was haben noch jetzt jüdische Abgeordnete in diesem, In seiner überwiegenden Mehrheit aus offenen Antisemiten bestehenden parlamentarischen Klub zu suchen? Wie können Vertreter eines ausschliesslich, vom Handel lebenden Volkes öi den Rahmen eines Klubs hineinpassen, der doch miu/mehr sein agrarisches Gepräge in noch schärferen Umrissen liervorkebren wird? Die Antwort werden uns die semitischen „Polen“ natürlich schuldig bleiben, aber zu beneiden sind die Herren Löwenstein und Koliseher in ihrer bejammernswerten Rolle sicher nicht. J o a e h i an N e i g e r. Rudolf Nassau. Das Begräbnis. Sonntag den 15. d. M. tim halb 10 Uhr fand das Begräbnis Rudolf Nassaus statt. Hunderte von Gesinnungsgenossen hatten sich emgefnnden, am dem Manne die letzte Ehrung zu erweisen, der sein ganzes Leben dem Dienste der grossen Sache geweiht hat. Die Studenten, die Nassau so Vieles verdanken, deren Berater und Freund er gewesen, waren fast vollzählig erschienen. Sie trauerten um ihren bestem Freund'. Wer Ansehen und Namen in der zionistischen Bewegung besitzt, war erschienen, um Nassau zu ehren. Die grosse Halle des Zentralfriedhofes war von Leidtragenden überfüllt. Als der Sarg in die Halle gebracht wurde, bemächtigte sieh, aller Anwesenden tiefe Ergriffenheit, welche sieh noch steigerte, als Herr Gemeinderabbiner Dr. Baue r dem Verstorbenen einen warm empfundenen Nachruf 'hielt, in welchem er seine grosse Liebe zum jüdischen Volke pries. Der Name, den sich Nassau iu der Geschichte der Renaissance des Judentums erworben hatte, werde nie vergehen), Seile denn er habe sieh im Herzen aller ein ewiges Andenken geschaffen. Der Präses der jikLakad. Verbindung „I v r i a“, deren alter Herr Nassau gewesen, nahm rührenden Abschied vom Verewigten. Mit Nassau hätten die Ivriauer ihren besten und treueste» Freund, ihren wackersten Vorkämpfer, ihren Lehrer und Erzieher verloren. Die Ivria werde seiner nie vergessen und nur einen kleinen Teil der Dankesschuld abtragen,' wenn sie in seinen Intentionen fertwirke. Aktive und tüte Herren der „Ivria“ hoben hierauf den Sarg und trugen ihn zu seiner letzten Ruhestätte. Am offenen Grabe sprach der Herausgeber der „Jüdischen Zeitung“, Isidor M a r g u 1 i e s, namens der Parteipresse und' insbesondere der „Jüdischen Zeitung“, deren erster Redakteur und ständiger Mitarbeiter Nassau war. Er nannte ihn einen zielbewussten Pfadfinder, einen, unerschrockenen itnd ehrlichen Politiker, der sich von keinerlei Rücksichten von seinem geraden Wege habe abbringen lassen. Die jüdische Publizistik habe durch seinen Tod einen unersetzlichen Verlust erlitten. Die Monumente des Ge:stes, die Nassau durch sein reiches, historisches Wissen, sein politisches Können geschaffen, werden seinen Namen in der Geschichte der jüdischen Journalistik für alle Zeiten einen ehrenvollen Platz sichern. Im Namen' der zionistischen Organisation und zugleich im Namen der Freunde des Verstorbenen ergriff als letzter Dr. J. Schalit das Wort. Auch er pries den Verblichenen als tapferen Zionstreiter, der nichts so sehr hasste, •eds die Assimilation und die Pose, von dem nichts Unwahres standznhalten vermochte. Wie er als Student seine Klinge auf den Gegner niedersausen liess, so habe er seine scharfe Feder Stegen alles geführt, was sieh dem Fortstürmea dfer Wahrheit und cler Erkenntnis der guten Sache in den Weg stellte. Der Stärkste sei Nassau gewesen, stärker als all die Jungen und Gesunden nun ihn herum, er, dem schon lange ein unverdientes, grausames Schicksal dien Stempel des Todes anfgeprägt habe. Mit seinem klaren und weiten Blick sah er weit über Jahre hinaus und ragte über viele empor, dienen er in seiner bescheidenen Selbstlosigkeit die Wege geebnet hat. Unser Gg. Kantor Grob sang hierauf das ergreifende „ed mole raehamun" . . . Unter tiefster Rührung der Anwesenden fiele» die Schollen auf den Sarg, der den teuren Toten barg. Kein Auge blieb tränenleer ... Der Trauerkonvent. Um 6 Uhr abends fand im Feehtsaale der ,J v r! a“ der Trauerkonvent statt. Die sonst wartete Kleinigkeiten kommen hinzu und rufen eine andere Wirkung hervor, als man erwartet hatte. Der junge Mann ist in der Judengase erzogen worden, in der Klans’ ist er herangewaehsen. Und die Lehensbegriffe der Judengasse und der Klans’ sind ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Darum wird er sich nicht hängen, wenn seine Hoffnungen unerfüllt geblieben sind und wird sieh nicht über eine Epidemie freuen. Seine liebe zum Leben und die Furcht vor dem Tode werden dafür in seinem Herzen einen zu breiten Raum einnehmen. Noch ein Beispiel von Perez’ Vorliebe für unnatürliche, überraschende Effekte. Die Skizze „Der Zorn eines Weibes“. Das Weib will sieh erhängen, denn ihr Mann hat ihr mit der Hölle gedroht, da sie ihn vom Studium der Thora ablenkt. Sie hatte bereits den Strick um den Hals geschlungen, da erwachte ihr Säugling in der Wiege un d begann zu weinen. Und dies hielt sie vom Selbstmord zurück. Man bedenke! Eine einfache Jüdin, auf welcher die Sorge um die ganze Familie lastet, die dennoch nie unzufrieden wird, im Gegenteil oft mit ihrem Lose zufrieden ist — dieselbe Jüdin will cüten Selbstmord begehen; weil sie die Hölle fürchtet.; Derartiges kann. nur dferjenige erfinde», der in der Kunst nach Effekten hascht, lim Leben kommt es zwar oft vor, dass einfache Juden Selbstmorde begehen Aber bei diesen Geschichten handelt es sich ja nicht um die Wahrheit, sondern um die Wahrscheinlichkeit, die in der Kunst die Hauptsache ist. Und eben an Wahrscheinlichkeit fehlt es in den Erzählungen von Perez. Die Frau ist eine jener jüdischen Frauen; die mit allen Fasern ihres Herzens am Leben hängen. Sie rackert sieh unverdrossen durchs Leben. Sie ist die Emähererin ihrer Familie. Der Mann sitzt beständig zu Hanse und studiert. Sie aber ist Verdienerin im Geschäfte und Wirtin zu Hause und ist mit ihrem Schicksale zufrieden. Freut sich, dass •ihr Mann Gelehrter ist und ist entzückt, wenn sie ihn über die Gemara gebeugt beim Studium sieht. Ist denn dies kein Beweis, dass diese Frau alles ertragen wird, ohne auf Selbstmordgedanken zu kommen. Und da will uns Perez einreden, dass site sich entleiben will, weil es ihr um ihr Seelenheil bange ist. Das geht denn doch zu weit! Sogar nach der mathematischen Kopfpsychologie. Wenn sie die Hölle fürchtet, da wird sie sich erst recht nicht hängen, denn das wäre eine noch grössere Sünde. Freilich hat sich die Frau bloss hängen wollen, aber der blosse Wille ist unwahrscheinlich. Darum habe ich behauptet, dass Perez gerne-Theatereffekte verwendet. Deswegen .lässt er den Bochur in „Während der Epidemie“ Selbstmord begehen und die Frau in „Der Zorn einer Frau“ begehen wollen. Er will wahrscheinlich beweisen, dass man auch in einer jüdischen Skizze mit Selbstmord und Verrücktheit operieren kann, genau wie in den modernen europäischen. Purim. Von Hugo Zuckeimann. Rachel, leg ab das Maskenkleid, Den Flittertaml, Lass" die anderen in bunten Schwärmen Singen und' tanzen, spielen und lärmen, Im Mummenschanz sich selber vergessen, Wir indessen Suchen des Lebens verschüttete Thermen, Wollen die fröstelnden Seelen erwärmen, Rachel, reich mir die blasse Hand, ln meiner Sehnsucht verborgenes Land Führt uns das Lied aus der Väterzeit. Wenn wir lesen im alten Buch, Kommen die Träume all auf Besuch Und wispern und raunen Von einem braunen Mädchen, das spielte mit Köuigpkranen. — Feig und. fad War des Königs Sinn: Juden am Seil Sollt ihr hangen

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