Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 12 (20.3.1908)
- Date
- 1908-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 jüdische zbitung Nr. 12 iien v q r g e w a 11 i g t werden!! Dies .aber Näebtunagyaren und Oesterreich. ist durchaus nicht, wie Gesinnungsgenosse K o h n aus . Ungarn ineint, eine, stark iiber- Darum ist das. (mi c hUvon, mir ./gebüligte) '•Wort vom „j u d ä o - magyarischen Regime“ triebene, der'Wahrheit .sehr ferne-stehende Behauptung des deutschen Sch ul Vereines und der österreichischen AntisemitenaposteL-, sondern die Auffassung aller modernen Politiker sämtlicher europäischen Iyulturaationeiu.de in der jüngsten Zeit auch Björnson und Tolstoi zum Ausdruck brachten. Die Majorität der Bewohner Transleithaniens, nahezu 10 Millionen Deutsche, Slawen und Rumänen, werden durch ein ultrareaktionäres Wahlgesetz (von 17 Millionen Bewohnern wählen kaum eine Million) fast mundtot gemacht, während die magyarische Minderheit nicht nur seit 40 Jahren über die Herrschaft im ungarischen Reichstage verfügt, sondern sieauch fjir alle Zukunft usurpieren will. Aber nicht nur das ungarische Wahlgesetz ist ein Holm auf die angebliche „Gleichberechtigung“ der Nationalitäten in Ungarn, sondern auch die gesetzwidrige Handhabung der Press-, Versammlung-- und Ykreinsgesetze sowie die flagrante Verletzung des ungarischen Nation a 1 i t ä t c n g e s e t z e s, welches n; acht einen einzigen Paragraphen enthält, der nicht durch die magyarische Staatsgewalt und die betreffenden Behörden verletzt worden wäre. Dazu kommt noch der Umstand, dass der ungarische Staat nicht nur nichts aus Staatsmitteln für die niehtmagyarischeu Schulen beiträgt, trotz der Verpflichtungen des National i tä tengesc t zes, sondern die magyarischen Machthaber auch jene Kulturinstitute erschweren und vernichten, welche die Nichtmagynren aus ihren eigenen Mitteln errichten. Die s]ow.ik:schen Gymnasien, die slowakischen Ma.tiee wurden gewaltsam vernichtet und ihr Vermögen von den magyarischen Machthabern eingezogen. Die kroatischen Schulen an der gewesenen Mildaergrenze, wurden in staatliche umgewandelt, die deutschen, rumänischen und «»■bischen" Schulen' ~Viirden :m -höchsten Grade beengt, ja in eine,r südungarisohen Stadlt wurde den Serben verwehrt, aus ihren eigenen Taschen einen Platz zum Zwecke der Errichtung eines serbischen Gymnasiums zu kaufen. * * * Diese kulturmörderiseke, reaktionäre Magyarisierungepolitik haben bisher die ungarischen assimilatorischen Juden gefördert, sie waren die engsten Verbündeten der Kossuthdsten sowie aller übrigen magyarischen Chauvinisten und Separatisten im Kampfe gegen die um ihre Existenz ringenden in Ungarn-Kroatien entständen. In diesem Sinne ‘schrieb ic-h in meinem Artikel vom 17. Jänner, „Rück- und Ausblicke“: ,,Je mehr und je länger aber die ungarischen Juden sic-h in den Dienst des magyariseh-qligarchisehen Regimes stellen, um so grösser wird die Erbitterung gegen die jüdäo-magyarisehe Gewaltherrschaft in den deutschen, slawischen, sowie rumänischen Gebieten der Osthälfte dös Donaureiches. Damit habe ich keineswegs ge-: sagt, dass „die Herrlichkeit ' der ungarischen Juden grösser ist als die Herrlichkeit aller mit-, tefeuropänischon Juden“ oder gar) dass das jüdische Volk in Ungarn („das leider in seiner •Majorität noch immer keine Nationalität sein will“), sich in einem Zustande befindet, der jenen Recht gibt, die von dessen Herrschaft iir Ungarn sprechen. — Diese Auffassung ist nur die Konsequenz jener magyarisch-chauvinistischen Politik der kapitälistiseh-assiinilatorisehen Schichten der ungar’sehen Juden, zwischen „deren Bestrebungen und. Erfolgen allerdings die Kluft eine klaffende ist“. Aber daraus folgt eben, dass die ungarischen Juden und allen voran unsere Gesinnungsgenossen, in Ungarn sich nicht länger als Werkzeuge des magyarischen Oligarchenregimes gegen die nichtmagyamsche Majorität jenseits der Leitha missbrauchen lassen, da sie sich dadurch naJturgeanäss deren Hass zuziehen, von - magyarischer Seite aber nicht einmal die politische Gleichberechtigung in des Wortes wahrster Bedeutung als Ersatz dafür erhalten. Im Gegenteil, die cliristl iehsoziale-klerikale Politik der Volkspartei benützt den magyarischen Chauvinismus als Mittel, um sieh in Ungarn immer mehr festzusetzen und schon die nächsten Wahlen werden beweisen, wie stark in Ungarn die christlichisozia.l - anuti:semiitiische Strömung ist und wem die ungarischen Juden mit der Förderung des magyarischen Chauvinismus den Weg geebnet haben. Die verkehrte Politik der ungarischen Judeu bringt es aber auch mit sieh, dass in Z i s 1 e i t h a n i e n die . amfcimagyarische Strömung zur anti semitischen wird und die westösterreichischcn Juden so in Mitleidenschaft gezogen werden, da man sie mitverantwortlich macht für die magyarisch-diauvinis tiselie Politik der führende» jüdischen Kreise Ungarns. Die neuösterr eichi sehe Politik muss der historischen Mission, der ethnographischen Zusammensetzung, der geographischen Lage und den wirtschaftlichen Bedürfnissen des Donaureiehes entsprechend lauten: Ostwärts uiif vorwärts! Sie fällt also zu- Volke entrissen, welches diesen echtes! en seiner Söhne, diesen treuen Diener und tapferen Streiter nicht vergessen wird. Ostwärts und vorwärts. Von Dr. Hermann Kadi sch, Wien. Wenn man sich üilier die} Stellung der Juden zum österreichischen Staate und zu seinen einzelnen Völkern sowie über den engen Zusammenhang zwischen der jungjüdisehen und der jung österreichischen Politik einerseits und mit dem Zionismus anderseits klar werden will, dann muss, man die einschneidenden Wandlungen ins Auge fassen, die in Oesterreich inncrlialb der letzten 40 Jahre vor sieh gegangen sind und sieh noch vorberejten. Oesterreich hat nach Königgräiz fiir immer aufgehört, ein deutscher Staat zu sem und der im Jahre 1867 unternommene Versuch, mittels des dualistischen Doppelzentralismns eine dLnitsch-magyarisehc Herrschaft im Donaureiehe dauernd zu etablieren, muss nach Einführung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechte in Westösterreteh und dessen nunmehriger baldiger Verwirklichung auch in Ungarn-Kroatien als endgültig gescheitert betrachtet werden. Die vorwärts schreitende Demokratisierung des Donaurewihes zertrümmert eiten jede künstliche Vorherrschaft in Zis- und Translcithanien, sic führt zur nationalen Autonomie, die um so weniger an der Leitha Halt machen wird, als jenseits derselben (mit Ausnahme der Polen und Italiener und Magyaren) dieselben Nationen wohnen, wie in Zlslcithanien. Dazu kommt noch der Umstand, dass das Balkanproblem und überhaupt das gesamte orientalische Problem, in einem engen Zusammenhänge mit der österreichischen Frage stehi. Jetzt um so mehr, da Oesterreich seit der Okkupation Bosniens und der Herzegowina eine Balkanmacht geworden ist und seine ganze innere Politik •ii) einem untrennbaren Konnexe mit der äusseren sieh befindet. Seit Oesterreich aufhörte, die Vormacht des Deutschen Reiches zu sein, seitdem es seine Position in Deutschland und Italien einbüsste, befindet sidh aber seine wirtschaftliche und politische Interessensphäre am Balkan. Sieh von dort abdrängen lassen, bedeutet für das Donaureich und für einen guten Teil der jüdischen Gesehäftswelt den wirtschaftlichen Ruin. Wie kann aber Oesterreich unter den Balkanvölkem Sympathien finden, mit ihnen wirtschaftlich und politisch in Fühlung treten, wenn deren Volksgenossen in Ungarn, Siebenbürgen sowie in Kroahönt im Beih-Hamidraseh, wie der Rabbi vom Lohne, der treuen Frauen im Jenseits predigt. Dort im Garten Eden — sagt der Rabbi — werden die frommen Weiber als Fusssehemel für ihre Männer dienen. Wie dies unser frommer Jude vernimmt, läuft er rasc-h zu seiner Frau nach Hause und versichert sie, dass er nie darein willigen -wird, dass sie im Garten Eden für ihn ein Fusssehemel werde. Gegen die Geschichte allein habe ich gar nichts. Sie ist ein ganz guter Witz. Alter wahr ist sie nicht, weder lebenswahr, noch künstlerisch wahr: Im wirklichen Leben sieht man ganz anderes: der fromme Jude hält sein Weib in Ehren, das ist wahr; aber der fromme Jude ist bedingungslos gläubig und für keinen Fall wird er sich unterfangen, an den Warten seines Rabbi Kritik zu üben. Und wenn er aus dem Munde seines Rabbi vernommen, dass der Midrasch sein frommes Weib verurteilt hat, der Fusssehemel für ihn zu sein, wird auch seine Frau es sieh nicht einfallen lassen, dagegen zu protestieren. „Gott will es eben so.“ Der Widerspruch zwischen sc-iner Frömmigkeit und der Liebe zu seiner Frau ist logisch, aber er bringt keine persönlichen Kämpfe und psychologischen Konflikte hervor, wie wir überhaupt im Leben bemerken können, dass . logische Widersprüche kein Hindernis dafür bilden, dass zwei Weltanschauungen nebeneinander existieren. Aber der Künstler von Gnaden einer erkünstelten Psychologie fühlt und denkt anders. Er stellt sieh vor: die Mischung von soviel Schwefel und soviel Salpeter erzeugt eine derartig starke Explosion und so ist ihm das Leben aus lauter Katastrophen zusammengesetzt und er freut sieh schon im vorhinein auf die kunstvollen Explosionen, die er durch seine chemischen Zusammensetzungen liervorrufen wird, denn er versteht nicht und fühlt nicht, dass die menschliche Psvehe kein chemisches Laiboratorium ist. Da halten -wir eine zweite Skizze, „Während der Epidemie“. Zur Zeit einer Choleraepidemie befinden sich in der Stadt bloss zwei Menschen, welche sich über die Pest freuen. Der eine ist der Doktor, welcher bisher'keine Praxis gehabt hat und von der Cholera Hilfe erwartet. Der zweite ist ein armer alter Boeliur, der auf Gemeindekosten in der Klause erzogen wurde und der bis jetzt keine Möglichkeit zu heiraten hatte. Und ausserdem durfte er auch nicht hoffen, dass ihn irgend ein Mädchen zum Gatten nehmen würde. Nun kam die Cholera und die Hoffnung erwachte in ihm, dass er einen Talith, das Zeichen der Verheirateten-, tragen wende. Mit der Epidemie war neues Lehen über ihn gekommen, er fühlte, dass seine Erlösung nahe. Bald, bald wird er unter der Cbupe stellen, eine Frau bekommen und einen Talith anziehen. Die Epidemie kommt immer näher und näher, in den Städtchen ringsum sterben die Menschen wie Fliegen im Herbste. Die Gemeinde wird sieh doch vor dem drohenden Unglück behüten wollen. Und das beste Schutzmittel ist, wenn man ein armes Paar auf dem Friedhofe tränt. Der Boehur sucht daher schon eine Braut, nicht als ob er sich eine. wählen wollte! Et weiss, dass er diejenige heiraten muss, die die Gemeinde ihm bestimmen wird. Nutzlos wäre es da, irgend eine schöne Larve zu wählen! Er betrachtet bloss so, ohne Nebenabsicht, alle Kandidatinnen für eine Trauung auf dem Friedhofe; er will erraten, welche die Gemeinde für ihm wählen wind. Doch ist der Sommer verschwunden und die Epidemie, die Hoffnung der beiden, ist vorbeigezogen, ohne im Städtchen eingekehrt zu sein. Der Doktor ist darum in ein anderes Städtchen gezogen, um dort sein Glück zu versuchen und der Boehur — hat sich erhängt. Nach der chemisch-mathematischen Psychologie — wenn man so sagen darf — ist diese Auffassung sehr richtig. Seine ganze Hoffnung hatte der Boehur auf die Cholera gesetzt, ja die Hoffnung war für ihn bereits zur Gewissheit geworden. Und plötzlich erlebte er eine Enttäuschung. Keine Epidemie und aus war es mit allen Träumen von Weib und Talith! Bleibt ihm' denn ein anderer Ausweg als der Strick? Perez vergisst aber, dass die menschliche Seele'kein Laboratorium ist. Viele uner-