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Jüdische Zeitung · 1908-03-20 · 12 (20.3.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
12 (20.3.1908)
Date
1908-03-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zeitun 0 Redaktion, Administration und *" Wochenschrift. J' - U Abonnementspraiss: ji Jnseratenaufnahme: Erscheint jeden Freitag. In O este 1rei ch-ü ng ar n : i IX., <f>äpl{ei)stFass3 9* Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. * Telephon Nr. 14.199. In Deutschland: : Verkaufs*eilen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Ganzjähr. Mk. 10.—, Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile Nr. 11. halbjähr. Mk. 5.—. Vierteljahr. Mk. 3.—. vormittags. fr H Einzelne Nummern 20 Heller. Im übrigen Ausland ganzj. Fres. 15.—. J-E- Vertretungen in der Provinz In Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — ln.:Zeitungsverschleiss \V 1 c z e k, Graben 33. — In Lemberg: Karl ßuchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 12 Wien, Freitag, den 20. März i908. II. Jahrgang. Ein jüdischer Journalist. Die Revolutionierung der jüdischen Geister, welche der Zionismus in den letzten zehn Jahren bewirkt hat, kann vielleicht nicht deutlicher zum Bewusstsein gelangen als wenn man dem Typus des jüdischen Journalisten, wie er bis dahin in der liberalen und sozialdemokratischen Presse dominierte, die Gestalt eines Rudolf Nassau, entgegenhält. Diesem schlichten, starken, gradgewachsenen Geist war nichts so fremd wie die Pose und die pathetische oder sentimentale Phrase, nichts lag ihm so fern, wie die Sucht zu blenden, zu prunken und sich selbst zu bespiegeln, nichts war ihm so verhasst, wie jene unruhige Geschäftigkeit, welche ungewünscht und ungebeten um alle möglichen fremden Dinge sich kümmert, nuri nicht um die Not ciss eigenen . Volkes, D i vsb vielmehr war“ es, welche- Nassau zum Journalisten gemacht hat, er stellte seine ausserordentlichen Gaben ohne Zaudern und ohne Schwanken in den Dienst der zionistischen Presse, weil er glaubte, auf diese Weise seinem Volke am meisten nützen zu können. Und dieser Glaube war wohl begründet; denn an der moralischen und politischen Renaissance des jüdischen Volkes, welche in den letzten Jahren begonnen hat und durch welche eine auf die Dauer unausbleibliche gewaltige Veränderung auch seiner äusseren Lage vorbereitet wird, muss zweifellos ein Hauptverdienst der rastlosen Aufklärungs- und Werbearbeit der zionistischen Presse zugeschrieben werden. FEUILLETON. k Literarische Spaziergänge. Von A. L o u b e t z k y. J. L. Perez. li. Perez’ Fähigkeiten sind sein Verhängnis. Er ist einer jener jüdischen Tausendsassas, die sieh alle möglichen Künste aneignen könnten, deren leichte Anpassungsfähigkeit aber ihre Entwicklung auch in den Kunstgattungen hemmt, für die sie durch die Natur geschaffen sind. Perez spielt auf allen Instrumenten, es gibt keine Kunstgattung, in der er sieh nicht versucht härte. Lyrik, Erzählung, Drama, Feuilleton, das sind die Fächer, in dienen sich Perez betätigt; Romantik, Realismus, Symbolismus und Impressionismus, das sind die Erscheinungsformen der Perezschen Kimstindividualität, Ueberall ist er zu Hause. Und das ist sein Unglück. Weil er seine Fähigkeiten in den verschiedensten Dingen zersplittert, fehlt ihm die ■ Möglichkeit, sich zu kon¬ In dieser aber hat sich niemand eifriger, hingebungsvoller und mit stärkerer Wirkung betätigt, als Rudolf Nassau. In ihm vereinigten sich in erstaunlichem Grade die Eigenschaften, welche den echten, vornehmen modernen Journalisten machen: eine ungewöhnliche politische Bildung, ein reiches historisches Wissen, ein scharfsinniger vorurteilsfreier Geist, welcher stets zum Kern der Dinge zu dringen suchte, eine kunstvoll einfache, blendend klare, scharfgeschliffene und treffsichere Sprache, dazu ein unbeirrbarer Sinn für das Echte, ein unantastbarer, makelloser Charakter, eine unbeugsame, trotzige Unabhängigkeit nach allen Seiten und eine vollkommene Unbestechlichkeit nicht nur der Gesinnung — was selbstverständlich ist — sondern auch des Urteils. Mit diesen Eigenschaften ausgestattet, hat -RudidLJi^^^^p^pze&npL- -aHit*-kurats>-£r*err"-Öf^'össafuger"“SÖrtfefw“ Vergessenheit ausschliesslich der jüdischen Volkssache gewidmet. Als Mitbegründer der „Jüdischen Volksstimme“, als langjähriger Leiter der „Welt“, zuletzt als Chefredakteur der „Jüdischen Zeitung“ hat er unermüdlich und unverdrossen daran gearbeitet den Geist der Heuchelei, des Selbstbetruges, der feigen Resignation zu zerstören und den Geist der Wahrheit, der Selbstachtung und Selbsthilfe aufzirufen, die Feinde des jüdischen Volkes: unschädlich zu machen und seine falsche^ Freunde zu entlarven. Nassau wollte nie ein Deutscher heissen, immer nur ein Jude sein, aber nicht nur joder m o s a i s ch e, auch mancher unvetzentriereu und/ sieh za disziplinieren. Darum liat ä* niieht jene künstlerische Höhe erreicht, juf die er kraft seiner Veranlagung hätte gjlangen können und müssen. Perez will Psy-hologe sein. Er begnügt sieh aber nicht mit derpsy chologisc-hen Stimmungsmalere', nein, er ^11 um jeden Preis analytisch arbeiten. Darm ist seine Psychologie gemacht, gekünstelt, Jf Effekthascherei berechnet. Mit einem Worts Eine Kopfpsychologie, welche sieh auf . jbekene, mathematische Formeln stützt; kei# Herzpsychologie, welche mit Gefühl und ’anstlerisehem Instinkte arbeitet. Die |benskontraste sind in. der Wirklichkeit niCroso zugespitzt und explodieren nicht mit jen/® gewaltigen Elan, wie man sie auf der Szeif darstellt oder in spannenden psychologisch« Romanen schildert. Im Gegenteil, ineist 'jfrbergen sieh die Ideenkonflikte im Leben-Vater einer ruhigen Maske; sie entwiekeljsich derart ruhig, dass sogar derjenige, in de^P Herzen <Lie Explosion sieh vorbereitet, dave^f nichts merkt. Die meisten Künstler habc/J-ber für die gewöhnlichen Lebenskonfliktjjpn deren natürlicher Ruhe eine gewaltige, tiesfijpragik liegt, keinen Sinn. Sie sind gewöl-jK schreiende, herzbrechende, unnatürliche, fälscht deutsche Schriftsteller hätte ihn um die Meisterschaft beneiden dürfen, mit welcher er die deutsche Sprache handhabte. Wer es nicht wusste, würde nie geahnt haben, dass die formvollendeten, magistralen Schöpfungen seiner Feder, von denen viele verdienen würden, der Vergessenheit entrissen zu werden, einem totsiechen Körper abgerungen waren, dass es ein sterbender Fechter war, der diese scharfe und glänzende Waffe für die Wohlfahrt und die Ehre des jüdischen Volkes führte. Schon vor Jahren hatte Rudolf Nassau sich bei einer Agitationsreise in Mähren den Keim zu der unheilbaren Krankheit geholt, welcher er schliesslich erlegen ist. Seit Jahren umschwebte ihn der Schatten des Todes, und das vielleicht machte seinen Blick so merkwürdig, so unheimlich scharf und durcliäisesfebeii konnte. Was vor diesem Blick bestehen sollte, musste im tiefsten Kern echt und wahr sein. Darum galt manchen unter uns nichts als gewichtigeres Zeugnis für die Wahrheit der zionistischen Idee, als dass gerade in diesem scharfen und kritischen Geist, in diesem skeptischen Herzen die Liebe zu Palästina und der Glaube an nie Zukunft des jüdischen Volkes so unerschütterlich festgewurzelt waren. Sein Volk frei zu sehen, auf eigenen freien Boden, das war das grosse Zierseiner Arbeit, seines Kampfes, die grosse Sehnsucht seines Lebens. Er sollte ihre Erfüllung nicht mehr schauen, ein allzufrüher Tod hat ihn dem jüdischen auf Stelzen schreitende Lebens- oder richtiger gesagtTheaterkon f 1 ikte darziistellen. Dass die Wirklichkeit von solchen Kämpfen nichts weiss, sieht sie nicht ein. Dazu sind sie ja Künstler, um mit ein wenig Phantasie und Erfindiungsgeist kunstvolle tragische Kämpfe zu erfinden und zu schaffen. Und die grosse Masse brüllt Bravo und fühlt und versteht nicht, wie falsch, wie unnatürlich all die mathematisch konstruierten, gekünstelt tragischen psychologischen Konflikte mit pathetischen Seelcukämpfen und gewaltigen Erschütterungen sind. Das Publikum verlangt Effekte, Theaterpuppen und die „psychologischen Künstler” sind sofort bereit und machen alles, was mau von :huen verlangt. Wie niedrig und hässlich! Achnlieh ist es L’erez mit seinen psychologischen Skizzen gegangen. Ivnige von ihnen mögen als Beweis dienen. Nehmen wir zum Beispiel den „Hausfrieden*". Der einfache fromme Jude liebt sein Weib mehr wie sich selbst und dies ist e;ncs von Perez' Lieb'ingsthemcn, welches er zum Vorwurfe für ein ganzes Drama nimmt, für eine gewaltige Tragödie, für Konflikte, die sich zu Kämpfen, zu Katastrophen gestalten. Der fromme Jude, welcher sein Weih über alles in der Welt sehäizr.

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