Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 11 {-■' Lgesetze wie das gegenwärtige auch nie vertreten sein können. Die letzten Wahlen, bei denen die jüdischnationale Partei zum ersten Male/aktiv beteiligt war, haben es jedem Klarsehenden, notorisch gemacht, dass wir vom passiven Wahlrechte buchstäblich ausgeschlossen sind und für die Zukunft solange ausgeschlossen bleiben müssen, bis nicht das Landtagswablrecht auf demokratischer Basis gründlich reformiert Werden wird. Darin liegt der grösste Ertolg unseres Wahlkampfes, mit dem wir vorläufig zufrieden sind, da er doch, von vornherein aussichtslos, nur zur Aufklärung des jüdischen Volkes -unternommen wurde. Wir Zionisten sind nicht nur, Nationaljuden, sondern auch Demokraten. Wir sind uns dessen bewusst, dass das jüdischnationale Programm nur zusammen mit dem demokratischen Programm aller in der Monarchie lebender Nationen verwirklicht werden kann. So wie erst die Demokratisierung des Reichswahlgesetzes den Jüdischen Klub möglich machte, ebenso werden wir erst bei der Einführung des allgemeinen Landtagswahlrechtes auch in dieser Körperschaft unsere Plätze einnehmen können. Vorläufig genügt uns das Bewusstsein, dass wir und nicht die Assimilanten das jüdische Volk hinter uns haben, dass wir und nicht die Hausjuden, uns des Vertrauens der breiten Massen unserer Brüder in Galizien erfreuen. Dass aber dem so ist, das beweist der Enthusiasmus und der frenetische Jubel mit'dem die Abgeordneten' des Jüdischen Klubs bei ihrer parlamentarischen Berichterstattung in den meisten grösseren Städten Galiziens und der Bukowina empfangen wurden, sowie nicht minder die Furcht der Hausjuden, sich dem Urteil der Oeffentlich- •keit auszusetzen. Um die Gunst der ßlaublütigen aber, denen die .Polen mosaischer Konfession“ ihre Mandate zu verdanken haben, um diese Gunst bewerben wir uns nicht und .Erfolge“- dieser Art gönnen wir der Clique aus vollem. Herzen. Solange wir jedoch aus der Landesgesetzgebung, ausgeschlossen sind, müssen wir* mit verdoppelter Intensität unsere Tätigkeit im Zentral pariament konzentrieren. In der jetzt beginnenden Deuen parlamentarischen Session wird unser Klub, der trotz seiner kurzen Wirksamkeit auf eine schöne Vergangenheit zurückblicken kann, wiederum schwele Aufgaben zu; erfüllen haben. Er wird zu jeder Frage, die das Volkshaus beschäftigen wird, vom Standpunkte des nationalen Judentums seine Wünsche genau präzisieren müssen und was vorläufig im Lemberger Landhause nicht gesagt werden kann, das muss jetzt in Wien umso mächtiger, mit umso kräftigerer Stimme in die Welt hinausgerufen werden, damit die Stimme der geknebelten Gerechtigkeit auch in den dunkelsten Winkeln Galiziens gehört werde. Doch auch wir Juden dieses Landes haben eine Pflicht zu erfüllen: Wir müssen den einheitlichenWillen des jüdischen Volk es in Galizien zugunsten einerdemokratischen Lösung der Landtagswahlref-örm öffentlich kundgeben. Wir müssen uns in diesem Punkte mit den freiheitlichen Elementen beider Nationalitäten des Landes solidarisch erklären und dem Landtage, der in seiner Mitte keinen jüdischen Volksvertreter hat, die mächtige Stimme des ganzen, geeinigten jüdischen Volkes vernehmen lassen, dass auch wir das Recht haben, an der Verwaltung des Landes, in dem wir wohnen und für das wir an Gut- und Blutsteuer weit mehr hingeben als die bisherigen privilegierten Repräsentanten desselben, teilzunehmen, ja, dass wir dieses Recht nicht nur für uns, sondern für alle entrechteten Klassen der Bevölkerung ohne Unterschied der Nationalität reklamieren. Der neugewählte Landtag wird voraussichtlich nicht von 'langer Dauer sein. Er wird neben dem Landesbudget als seine einzige wichtige Aufgabe, die Wahlreform durchzuführen haben. Da wird es schwere Kämpfe' geben und da darf auch die Stimme der Juden, wenn sie auch dort keine Vertreter haben, nicht überhört werden. In allen jüdischen Zentren Galiziens sollen Volksversammlungen veranstaltet und Resolutionen gefasst werden, . die auch für den Landtag das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht ., fordern. Die Juden müssen , vereint mit den andern bedrückten Nation§n.und Klassen für die Demokratisierung .ßaiiziens kämpfen, denn nur in einem f r e i e 11; Lande können auch sie frei ihre nationale Fahne erheben. . Joachim Neiger. oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschäftsbücher-Fabrik A.Griinsfeld & Co., Wien, I., Gonzagagasse 21. Parteinachrichten. Sitzung des Engeren Aktionskomitees. Ueber die letzte Sitzung des Engeren Aktionskomitees liegt folgender Bericht vor: Am Freitag, den 28. Februar, fand in Köln ian Zionistischen Zentralburaiu eine Sitzung des E. A. C. statt. Anwesend! waren, die Herren Präsident David Wolffsohn, I. H. Kann, Professor Warburg, sonne die Hemm Sokolow und Berger als Protokollführer. Den ersten Punkt der Beratungen bildete die Frage der Abänderung der Bankstatiuten. Zu diesem Punkte wurde folgender Beschluss gefasst: Nachdem das E. A; C. die Gutachten der vom Kongress gewählten Juristen entgegengenommen hat, sieht es keine Veranlassung, jetzt das schwebende Verfahren zu unterbrechen- und besehliesst vielmehr, die Entscheidung des .englischen Gerichtes vom 7. April abzuwarten. 'Das E. A. C. hat ferner Veranlassung genommen, sieh dahin auszusprechen, dass die von einigen Mitgliedern der Bankverwaltung gegen die Abänderung der- Statuten geführte Agitation mit der erforderlichen Parteidisziplin nicht in Einklang zu bringen ist. •Der 'Sitzung lag ein vom zukünftigen Leiter des Palästina-Amtes, Herrn Dr.R-uppin, aufgestelltes Budget vor. . Dieses Budget sowie das von Herrn Professor Warburg vorgelegte Budget des Palästinaressorts wurden genehmigt ■Das Engere Aktionskomitee nahm Kenntnis von der inzwischen -erfolgten Ausführung seines früheren Beschlusses, uus den Mitteln des russischen Hilfsfonds sechs russische Waisemnädckeh, die durch die Pogrome gelitten haben, im jüdischen Mädehenheim in Jerusalem. erziehen zu e lassen'- ■ Auf Vorschlag, dtes Palästina-Amtes erklärte sieh das E. A. C mit der Aufnahme eines siebenten Mädchens im Mädchenheim, einverstanden. Gemäss einem früheren Beschlüsse des E. A. C. wurde der Leiter des Lemaan-Zion- Waisenhausas in Jerusalem ermächtigt, vier von ihm inzwischen vorgesehlagene Pogromwäisenknäben auf Kosten des russischen Hilfsfonds in diesem Waisenhause unterzubringen. Der beabsichtigten Unterbringung von Pogrouiiwaisenmädchen in einer jüdischen Kolonie, wo sie eine vorwiegend landwirtschaftliche Erziehung gemessen sollten, stellten sich bisher Schwierigkeiten in den Weg, die die Ausführung dieses Planes vorderhand unmöglich besserer — Weltverbesserer sind ja., gewöhnlich . jung — .vertritt selbstsicher seinen Standpunkt. Wenig Durchgeistiguug, dafür viel Ungestüm. Ohne Zusammenhang mit der ganzen Welt, förmlich losgelöst von seinem; Milieu, so tritt -jeder hin.als wollte ersagen: „Welt, ich bin eine Grösse, dir die zweite; ich fordere dich zum •Kampfe heraus!“ An ihrem Aeusseren erkennt mau. sie schon; langwallendes Haar, lange Fingernägel, bjzarre Pelerinen. Uhr Blick ist hohl oder fieberhaft glänzend. Ihre. Bewegungen, gemocht honeha- Iaht' oder extaiisek eridinstelt.k Für jeden Fall erlogen. Jeder von ihnen, wiü originell sein. Bei einem drückt sieh die Originalität in der " mächtigen Krawatte, heim zweiten in dem zum Tuebfetaen präparierten Hute aus. Der eine spricht gedämpft:. Pose. Der zweite feierlich, der dritte sucht die passenden Worte, indem er •immer «inen. Begriff durch mehrere einander ■widersprechende Ausdrücke bezeichnet : Wieder Pose. Bis zur Anrfopferungefälngkeit gesteigerter Glaube, bis zur vollständigen Konsequenz dnrefagaebaehte -Gedanken. — das ist -bei ihnen nicht zu finden.. Glühende Worte,/-pathetische Gebärden ■— nervöse Zuckungen-kranker Gemüter, das ist alles! Wären sie doch wenigstens gesunde Egoisten, dann würden sie sich betätigen: auch das fehlt ihnen. Einen eigenartigen Mädekentypus finden wir unter den Krakauer Studentinnen. Eine fast puritanische Einfachheit in der -Kleidung, das Haar ganz flach gescheitelt, mit unruhigen Blicken und! exaltierten Bewegungen.' Sie sind mit sieh selbst im Unklaren, sie wissen nicht, was sie sind; ob Weltbejaher oder -Ver- ’ neiner. Sie leben in einem; Nebel. Sic scheinen ' die nächsten Ziele nicht zu sehen. Die Umrisse der Aussenwelt sind für sie verschwommen: Mit neurasfcheni scher Hartnäckigkeit Mammern sie sich an Kleinlichkeiten, verbeissen sichin un-. fruchtbaren Theorien, debattieren leidenschaftlich über Ehe, Liebe, Gott und Teufel. Meinen; dass die Welt mit verschrobenen Theorien gelenkt und von einseitigen Gesichtspunkten, aus begriffen werden könne. Diese Mädchen wollen keine konventionellen Lügen, möchten natürlich sein und sind alle unnatürlich unld unwahr. Sie bilden eine Boheme, aber keine lebenslustige und offenherzige wie in Paris — sondern sie sind dekadent. Du« Unzufriedenheit mitder Welt setzt sich nicht in Taten unld Schöpfungen um, sondern erstirbt in wüsten Träumen und krank- . haftem Selbstgrühlerium, Anstatt befreienden zukunftsfrohen Handelns, wissenschaftlich ■ tuendes Phrasengetön: Nie ist ein Untertan echten, unverfälschten Empfindens hörbar. Die Krakauer männliche Boheme hat Fanatismus, der sieh in Kleinlichkeiten verpufft, die weibliche bloss Autosuggestion und Selbstbetrug. Beide sind, die letzten Ausläufer einer ersterbenden Kultur. Um Grosses zu schaffen, ist Kraft, wirkliche Jugendkraft nötig. Säfte, die infiziert sind von der Dekadenz dreier Kulturen — der jüdischen, polnischen und französischen — sind unrein. Sie können nur durch einen Strom starker, gesunder -Lebenskraft ..gereinigt. werden. Die. Boheme, die männliche, und weibliche, ist das Gärende, das Chaotische, das alte orthodoxe, eigensinnige Judentum; das sich entweder -in Löchern versteckt oder hinter, -fremden Schössen verbirgt, die bilden die Masse.'In dem Widerstreit des senilen Alten und des-krankhaften Jugendlichen in Krakau werden aber, auch echte, feste, in sich festwurzelnde Individualitäten geschaffen. •Nur sein selten findet man sie,- die sich durchgerüngen haben, die ■ Selbstsicheren und •Einsamen, die sich voll und ganz ihrer Ueberzeugung widmen, derart, dass zwischen ihrem Leben und! ihrer Ueberzeugung kein Zwiespalt besteht — sie leben.dhre Üeberzeuguiig. Diese wenigen sind die festen .Pole-in der Theorien Flucht und sie machen einem Krakau lieb und wert, Jetzt tobt es noch dort. Die alte Welt, die jüdische Passivität und Skepsis, das jüdische )