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Jüdische Zeitung · 1908-03-13 · 11 (13.3.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
11 (13.3.1908)
Date
1908-03-13
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 JÜDISCHE ZEITUNG Seite S len. So entstand! die jüdisehnationale Idee, tfref-lieh' nur ermöglicht durch die Arbeit der Zionisten. Noch gibt es leider zu wenig Juden, welche dies einsehen. Die grosse Masse zieht es vor, im Schutzjudentum zu verharren und schreit erschreckt,- man solle sich nicht isolieren. DSe Armen! Als ob sie nicht stündlich fühlen müssten, dass sie schon längst isoliert und ihrer Hechte beraubt sind. Was den Einzelnen aber nicht gelingen kann, gegenüber den organisierten Nationen, das vermag die geeinte Kraft des organisierten National]' udentuims. Wir wollen und müssen geeint uns die Yollwertigkeit erzwingen und dem Helotentum gegen andere Völker und Parteien ein Ende.machen. Das ist jüdisehnationale Politik. Jüdisehnatfonal heisst auch-, die guten Eigenschaften des eigenen Volkes pflegen. Das ist bei uns der Drang nach Bildung, die Liebe zum Fortschritt und der Freiheit. Die Bedrückung hat uns geleint, vorurteilsfrei und voraussetzungslos zu werden und deshalb -st der Jude seinem Wesen nach kosmopolitisch. So paradox es klingen -mag, jüdiselroational sein, heisst kosmopolitisch sein. Die nationale Idee bei den. Juden steht njcht im Gegensatz zur Idee der Humanität, sie heisst nicht Hass gegen andere Nationen, sie ist im Gegensätze dazu eine humanitäre Bewegung. Wir wollen nicht mehr ein Gastvolk sein, wie uns die Antisemiten uns höhnisch zurufen, sondern uusereßechte auf Existenz behaupten, wo wir leben. Nicht Duldung, sondern Recht verlangen wir. Das verstehe ich unter dem Schlagworte — jüdischnational. Demokratie. Die Erfüllung aller dieser Bestrebungen kann uns jedoch nicht genügen. Wir wollen njcht bloss unsere Rechte, erkämpfen1, wir wollen sie auch gemessen und ausüben. So wie wir unseren gut gemessenen Teil zu tragen haben an den Lasten und Pflichten, so wollen wir auch. Teil haben an der Gesetzgebung und Verwaltung. Das wäre eine falsche Bescheidenheit zu sagen, wir haben uns nur für das zu erwärmen, was uns zunächst berührt. Es gibt gemeinsame Interessen, eine Solidarität aller Staatsbürger. Der Klerikalismus ist nicht nur der Feind der Katholiken, er ist auch der unsere. Die Volksbildung und ihre Ausgestaltung, dm Kampf uan Befreiung des Staates von kirchlichen üjlnfliisseu, die Verheerungen des Mildtärismns, der Missbrauch der Amtsgewalt durch die Bureaukratie, alles das' sind Dinge, welche iu den Bereich unserer Interessen fallen ö und deren Wirkungen uns gerade so angehen, . wie andere Staatsbürger. Wir wollen mit einem Worte Vollbürger sein und 'nicht solche zweiter Klasse. Deshalb finde ich die Möglichkeit, alle diese Rechte zu besitzen, zu gemessen und im vSinne des Fortschrittes auszoüben, nur in dem Programm der Demokratie. Dtas ist der Rahmen, in welchem, ich alle geschilderten Bestrebungen vereint finde, die des Zionismus, des Jüdischnationalismus und der Demokratie. Man kann natürlich Zionist oder auch jüdisehnatfonal sein, ohne dem demokratischen Programm zuzustimmen, bissel be bildet aber jedenfalls keinen Widerspruch, sondern die natürliche Ergänzung dieser Bestrebungen. Ich möchte wünschen, dass recht viele Stammesj genossen sieh diesem Programm ansehliessen, dessen Endzweck die Bildung einer grossen österreichischen Partei aus den Demokraten aller österreichischen Völker auf Grundlage der nationalen Autonomie ist. Nach den Abgeordneienernennungen für den Landtag. Die Komödie ist zu Ende. Galizien hat wieder einmal Wahl gespielt und nunmehr •ist die Ernennung einer gesetzlich festgesetzten Anzahl von Landtagsabgeordneten vollzogen. Bei dieser „Wahl* beteiligte sich auch die jüdischnationale Partei, jedoch wie es vorauszuseheu war, ohne praktische Erfolge erzielt zu haben. Wir haben uns in dieser Richtung keine Illusionen gemacht und wurden daher auch nicht enttäuscht. Unsere Gegner werden wohl über die Erfolglosigkeit des Wahlkampfes, den die Jüdischnationalen zum ersten Male auf diesem Gebiete geführt haben, höhnisch-vergnügt lächeln; Freunde dagegen, die es mit uns gut meinen, denen jedoch die genaue Kenntnis der Sachlage abgeht, werden vielleicht kopfschüttelnd uns bemitleiden. Allein bei nüchterner Beurteilung der Tatsachen wird man zur Ueberzeugung kommen, dass für derartige Gefühlsregungen bei Freund und Feind gegenwärtig kein Grund vorhanden ist. Unsere eigentlichen, einzigen politischen Gegner sind -doch nur die Assimilanten, denn — und das haben wir bereits mehrmals mit Nachdruck betont — mit der polnischen Nation wollen und können wir im besten Einvernehmen leben. Auch haben wir gegen eine ehrliche polnischnationale Politik, soweit sie unsere eigene nationale Integrität nicht bedroht, nichts einzuwenden. Wenn wir dennoch Gegner haben, so sind .sie leider nur im eigenen jüdischen Lager ,xzu suchen. Diese Gegner aber, die uns ein- _ reden wollen, dass wir als Juden zu existieren I bereits aufgehört haben, diese haben sicher den Stimmungsbildern aus dem ehassidisehen; Leben sind alle seine Sadien Erzählungen — schafft er nicht, sondern sammelt bloss rauhe, ungeschliffene Steine, ln Pore?/ Bildern fehlt die richtige Linie, die Farbe und. das Wort, das treffend charakterisieren könnte, die Verkörperungsmanier ist übertrieben, unnatürlich, denn es fehlt dem Dichter der Blick für das Wesentlich Charakteristische. Obendrein arbeitet er mit Cliehes ohne eigene künstlerische Individualität. Aber Perez versteht seine unkünistle- %&heint es, dass wir sie sehen, dass wir ihre AGegenWart fühlen, dass wir ihren Protest ver- ..«ehnKTi. Wir haben dassellje Gefühl, als oh wir .-uns in der Nacht vor einer Stalue befinden -würden, die ganz in Schatten gehüllt, deren Schultern! aber vom blassen Mond lieht gespensterhaft umspielt werden. Krakau. rischen Sadien .mit zitterndem Moudseheinlieht za beleuchten und das Publikum meint, dass dies die zitternde Beele eines geheimnisvollen Lebens ist. Und man muss zugeben, dass es Perez meisterhaft versteht, Stimmungen festzuhalten und sie mit den kunstvollsten Schlaglichtern zu zieren. Typisch für seine, Manier sind seine Bilder . „Die Witwe“, „Die Verlassene“ und „Der - kranke Knabe“. Der Monolog in „Der kranke, Knabe“ ist denn Inhalte nach leer. Sehr oft,1. überschreitet Perez die Grenzen der Naivetät- und kommt zu einfachen Duanmiheiten, aber düse weiche, blasse Licht, welches über jeder Zeile., ansgegossen ist, packt uns sehr stark. Im Bildje „Die Verstossene“ hat er die Hauptperson nicht genügend scharf charakterisiert. Sie ist eine „jüdische Tochter“ und nichts mehr. Und doch Von Moses Wald mann. Krakau ist eine alte Stadt. Alt die Häuser Hind grau die Kirchen. Aus den dunklen Gassen Tjugt das Mittelalter; der Wawel erzählt-Aon’ Kasimir dem Grossen-und von'verschwundener , sehlaehzjziseher Pracht. Der Kazi-mierz, das t- Judenviertel, ist ein auf geschlagenes Blich,, dessen Seiten voll sind von alten Gesehichign,. heimlichen Märchen und schrecklichen Bildern. ,Judengeschichten sind es eben; da" findet man /.viel Innigkeit -unid Poesie — der "Refrain aber , all dieser Geschichten ist Wehklagen, der. Büchsehmiuek ist rotes Blut.' Juden-biluL das immerwährend geflossen ist, manchmal nur in ganzkleinem Strömen und'dies" nennt man heute die glücklichen Zeiten -des jüdischen Volkes. Der Hazimierz beherbergt jetzt nicht mehr alle Juden Krakaus: viele von ihnen sind in ck'e keinen Grund über den Ausgang der Wahlen zu frohlocken. Sie werden doch nicht so dumm sein, behaupten zu wollen, dass sich die jüdische Bevölkerung mit ihrer Stimmenabgabe für die Assimilalion und gegen die jüdischnationale Idee ausgesprochen hat. Denn die Landtagswahlen, wie sie nach dem bestehenden Gesetze und den sattsam bekannten Praktiken durchgeführt wurden, können nicht eine Kundgebung des Volkswillens im wahren Sinne des Wortes genannt werden. Diese Parodie einer Wahl kann nur eine entstellte Karikatur des Volkswillens darstellen und die Resultate derselben dürfen daher nicht dem Volke aufs Kerbholz geschrieben werden. Wollte man aus den Ergebnissen der Landtagswahlen auf die politische Gesinnung der Wähler Schlüsse ziehen, so müsste man beispielsweise die Majorität der armen Juden von Brody, die sich durchwegs von Kleinhandel und Handwerk kümmerlich ernähren, für feudale Grossgrundbesitzer halten, da sie doch als ihren Vertreter in den Landtag einen konservativen Schlachzizen entsendet haben. Wenn also in Brody die Wahl eines Agrariers, dessen wirtschattliche Interessen denjenigen seiner Wähler diametral entgegengesetzt sind, zum Abgeordneten möglich war, so kann da von einer Willenskundgebung des Volkes absolut keine Rede sein. Denn, man sage was man will, aber dass die Brodyer Juden aus innerer politischer Ueberzeugung, aus Zweckmässigkeitsgründen spontan für einen ihrem Milieu ganz fernstehenden polnischen Edelmann, der mit ihnen nie in Berührung kommt, dessen Sprache sie sogar nicht verstehen — tatsächlich spricht und versteht das Gros der Brodyer Juden weder polnisch noch rutbenisch — gestimmt haben, das wird auch der Abgeordnete S a 1 a selbst nicht behaupten. Wenn aber ein Wahlergebnis, wie es der Brodyer Fall beweist, nicht als Gradmesser der politischen Gesinnung der Wähler betrachtet werden kann, so wäre es doch nur eine Selbsttäuschung wenn da die Assimilanten etwa von einem Gesinnungswechsel reden und eine galizische Landtagswahl als Beweis anführen wollten. Den Freunden hingegen, die mit uns vielleicht Mitleid haben, denen wollen wir sagen, dass die Wahlen für uns eher einen Erfolg als eine Niederlage bedeuten. Einen Erfolg schon deshalb, weil sie eklatant bewiesen haben, dass die Juden, die 12 Prozent der ganzen Bevölkerung Galiziens ausmachen, im Landtage überhaupt nie vertreten waren, und dass sie bei einem Wahlbreiten Strassen der Stadt -gezogen lind haben, ihr ein jüdisches Gepräge verliehen. Rein jüdisch ist nur der Kazimicrz gebiieben. Dort sieht man die vielen Samtjnite und Öhiiöekcken, die geschwungenen Nasen, 'die durchgeistigten blassen Gesichter, das geschäftige i landein und den regeil V erkehr: Dort hört inan 'den merkwürdigen Singsang,; den sonderbaren Tonfall der Juden. Dort wohnendie jüdischen Denker und Schriftsteller und dort ist der Sitz jüdischer Gelehrsamkeit. Hinter blinden Scheiben wohnt in manchem -Hause die höchste Verfeinerung jüdischer Kultur, Im Krakauer . Juden viertel "' Wohnen aber auch alle möglichen Ideen,: entstehen neue Werte und ringen .eine-neue und eine alte Welt miteinaitder. ' Es. vollzieht .sieh ein Umschwung im ,!&oziiwerz. ...Zwei Gegner stehen dort einander gegenüber. .Einerseits der altewegge wohnte Konservatismus. und anderseits,,ein Chaos von Weltanschauungen!, ein-Drängen und Sehnsüehteln; tausend Theorien^ viele Ueberzengungeii. Bin jedem.ist ein Weltverbesserer. Ich glaube kaum; dass man irgendwo in der Welt so viele interessante Typen findet, wie im Krakauer Jndenviertel. Vom extremsten Anarchisten bis zum orthodoxen Sozialisten, vom Glaubenstfanati'ker bis zim Atheisten — jede Schattierung tet vertreten. Und jeder junge Krakauer Weltver-

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