Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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des Landhauses, die Revolution entfachte. Moritz Hartmann, Ludwig August Frankl, Josef Goldmark, Jellinek, Spitzer und ungezählte andere Juden, waren der Revolution Führer, Sprecher und Blutzeugen. Jüdisches Blut floss auf den Barrikaden, jüdische Dichter schufen die Freiheitslieder, jüdische Redner begeisterten und ermutigten die Massen. Und der Dank der Völker Oesterreichs? Zitieren wir statt aller Betrachtungen darüber wieder eine unparteiische zeitgenössische Schilderung aus jenen Tagen : „Es verbreitete sich plötzlich das Gerücht, der Kaiser habe den Juden die volle Gleichberechtigung mit den Katholiken gewährt Man kann sich vorstellen, mit welchem Jubel diese Nachricht von den Juden aufgenommen wurde und wie gross' die Enttäuschung war, als man schon nach wenigen Augenblicken erfuhr, dass an dem ganzen Gerüchte auch nicht ein Wort wahr sei. Es wäre nur eine Pflicht der Dankbarkeit gewesen, wenn man in Anerkennung der Verdienste, die sich zahlreiche Israeliten Wiens am 13. März um die Bewegung erworben, wenigstens einen ihrer Glaubensgenossen in den Wiener, Bürgerausschuss gewählt hätte. Aber auch dies war unterblieben.Schon kurz nach den Mürztagen zeigte es sich, dass an eine Judenemanzipation yon den verschiedensten Seiten die mannigfaltigsten, oft geradezu lächerlichsten Befürchtungen geknüpft wurden. Die noch während des Märzjubels von Fischhof abgegebene öffentliche Erklärung: „„Die Bürger und Studenten Wiens, deren Tausende ich in den letzten Tagen kennen zu lernen die Ehre hatte, sind viel zu hochherzig, als dass sie die Juden von den errungenen staatsbürgerlichen Rechten ausgeschlossen zu sehen wünschten““, büsste nach einigen Tagen von ihrer Richtigkeit vieles ein . . . . Eine Wiener Korporation, die Schusterinnung, petitionierte sogar bei der Regierung gegen eine Emanzipation der Juden“ ... Warum wir diese Erinnerungen heraufbeschwören? Nicht darum, weil wir bedauern, dass unser Fleisch und Blut den österreichischen Völkern die Freiheit erkämpfen half und wir vorderhand vom Genüsse der errungenen Freiheiten wie überall und immer ausgeschlossen blieben und noch viele Jahre warten mussten, bis auch uns Menschenrechte gewährt wurden. Nein 1 Wir sind stolz darauf, dass es gerade Juden waren, die an der Spitze des Fortschrittes gestanden. Wir tun es auch nicht darum, um die Völker Oesterreichs daran zu gemahnen, wieviel sie uns Juden schuldig sind. Dies wäre töricht, denn! wo hätten die Juden Dank geerntet? Wir j möchten . auch nicht durch Griesgrämigkeit. die Feier des heutigen Tages stören, | aber alle jene, die in fremden Lagern sitzen und für Fremde arbeiten, wollen wir daran erinnern, dass trotz Revolution und Konstitution für uns die Gleichberechtigung nur auf dem Papier existiert und dass es schon hoch an der Zeit ist, uns um unser eigenes. Volk zu bekümmern — damit auch dieses einer unverfälschten Freiheit sich erfreuen könne auf eigener Scholle. Zionismus — Jüdischnational — Demokratie. Von L u ei.a n Br u n n e r. Nach dem le tztwöclientl i ci umj Bericht über.die Verhandlungen des mnerösterreickisclien Distriktstages ist dabei die Aeusserung gefallen, ..Brunner sei auf einem anderen Wege zum Zionismus gelangt als wir“. Da nun meine Mitarbeit an der „Jüdischen Zeitung“' zu Angriffen auf die Partei ausgenützt wurde., so dürfte es im beiderseitigen Interesse liegen, diese Angelegenheit klar zu stellen.' Die Beteiligten) kennen ja ganz genau die Sachlage, aber für die Ausseneteli suden dürfte eine genaue, unzweideutige Konstatierung der Tatsachen wünschenswert sein. Zionismus. Vor -allem also wünsche ich i'estzustelleu, dass ich der zionistischen Organisation nicht angehöre und dass also die Partei für meine Aktionen in keiner Weise . verantwortlich gemacht werden kann oder umgekehrt. Zum Zionismus brauchte ich nicht erst zu kommen, weil ich von jeher für diese Bewegung und ihre Bestrebungen die aufrichtigsten 'Sympathien empfand und dieselben auch betätigt habe. Namentlich interessierten mich ’die Aktionen der Studentenschaft und ich habe dieselben 'seit länger als einem Dezennium eitrigst gefordert. Bei aller Sympathie kann und' konnte "ich mich jedoch mit der Bewegung nicht identifizieren, weil ich finde, 'dass dieselbe für meine Anschauungen au einseitig ist, mit andern Worten nicht allen den Bestrebungen Rechnung trägt, welche ich für erreichbar und notwendig halte. Aus diesem Grunde dürften sowohl die Zionisten als auch ich feststellen, dass mir das Eeeht nicht zusteht, midi einpn Zionisten zu nennen, weil diese Bewegung von ihren Anhängern beansprucht, dass sie sich ganz mit ihr identifizieren. Idh gehe also mit ihr, so lange sie den jetzt eingeschlagenen Weg verfolgt, hin aber nicht in ihr. So durfte.es viele Tausende von aufrichtigen Juden geben welche g sich eine ähnlidie Anschauung gebildet haben. Dass mich hauptsächlich die politische Bewegung , interessiert, ist selbstverständlich. Dabei soll jedoch sofort; festgcstellt werdeu, dass ich keinerlei Mandatsgelüste habe, von der Partei nichts verlange, als dass sie ihren jetzigen Tendenzen treu bleibe. Wichtig ist, festzus teilen; dass die zionistische Bewegung in Oesterreich in den letzten J ahren ihr Arbeitsfeld'dahin ausgedehnt hat, dass sie in das politische Leben der Gegenwart einzugreifen entschlossen ist. J ü d i s c h n at i o n a 1. Die Entwicklung der österreichischen Politik hat ergeben, dass sämtliche Volksstämmc. dies Reiches sieh national organisierten. Die Juden haben sich willig dam Volke, unter dam sie jeweils wohnten, ängesehlossen und sieh überall werktätig für die nationalen Interessen ihrer christlichen Mitbürger eingesetzt. Sie glaubten auch als gleichberechtigte Bürger dazu verpflichtet zu sein. Sie waren der Meinung und in dem Glauben aufgewaehsen, dass wir Juden nur eine feligiöse Gemeinschaft bilden und im übrigen zu dem Volke gehören; in. dessen Mitte wir seit Generationen wohnten. Die Ereignisse sollten sie bald eines anderen belehren. Der Antisemitismus, welcher wo verschwunden war, wurde bald; zur Parole bei allen Völkern und Parteien. Entweder offen oder geheim. Unendlich sind die Opfer, welche unsere Stammesgenossen mit grenzenloser Hingebung und- Selbstverleugnung, für die anderen Völker,. ne mentlich dje Deutschen und' Polen brachten. Soweit ging dieselbe, dass sie für andere Völker das Odium auf sieb luden, gerechtfertigte Bestrebungen der wirklichen Yolksmajoritäten . unterdrücken zu helfen, wie in Mähren und Galizien. Es ward ihnen, schlecht vergolten. Man nahm ihre Mithilfe an, aber nie liess man sie als voll-, wertige Genossen gelten, alle Pflichten sollten sie tragen, aber die. Rechte bliebem ihnen versagt. Und nun entstand die Reaktion. Plötzlich wurde es den Hellsehenden klar, dass sie umsonst" sich' bemühen, in die Gemeinschaft der anderen. Völker auf genommen zu werden1, und so entstand das Bewusstsein dter gemeinsamen Leiden und die eiserne Notwendigkeit führte zur Erkenntnis, dass die Juden, ein Volk für sieh seien .und nur als solches ihre Rechte geltend machen könnten, als geeintes Volk könnten sic ein Faktor des öffentlichen Lehens werden, ihre Rechte erkämpfen, Bündnisse abschüiessen, ihre Macht in die Wagsehale des Völkerlcampfes wer- Perez mit seinen natürlichen angeborenen •Fähigkeiten arbeitet: . Gaxaz anders ist es, wenn Perez sieh, an Dinge wagt, welche seinen Fähigkeiten nicht entsprechen, wenn Perez die Stirn mungsmalerei verlasst undi ach. mit plastischer Malerei odierErzählungen abgibt. Perez, der schaffende Künstler mit den scharfblickenden Augen, welcher das weite und breite Leben auch unter dem kleinen, engen chassidischen Gesichtswinkel erfasst, derselbe Perez wird plötzlich ein Handwerker, welcher mit fremden Augen' sieht und! mit fremden Gefühlen fühlt; er wird kurzsichtig und schwerhörig und sieht und hört mit den Augen und Ohren von Smolenskis Zeitgenossen. Seine Chaesidim. werden auf einmal halbe Idioten, seine Melamdim Sehatftengebildfe ohne Körper und ohne Seele und seine Gaboim (Tempelvorstände) mechanische Bösewiehte — alles wie zu Smolenskis Zoicea. Dies bezieht ach auf Perez5 Auffassung des Stoffes und ßesne künstlerische Bearbeitung, von der man auch nicht viel Gutes sagen kann: 4:e wird auf einmal drängend vorwärtsstürmendi, dabei breit und lang ohne inneren rhytmischen Halt.. •Das Bild „Eisikel Schächter“ mit dem Gabbe Schcmajab, weicher Gemeindegelder veruntreut, die Skizzen „Mendel Branes“ oder „Was hdsst Seele?“ — all diese Sachen sind i 'im Smölenskisehen Geiste gehalten unldi aufgefasst. Der junge Boehur erschwindelt in „Was. heisst Seele“ die Einwilligung seiner Mutter zu seiner Verlobung, indem er dir erzählt, der verstorbene Vater sei ihm im Traume erschienen lind hätte dem Srihiddüeh zugestimmt. Einen solch „geistreichen“ Einfall hätte man nicht einmal von Smolenski, höchstens von Sehiunor seligen Angedenkens erwartet. Die Skizze „Was heisst Seele“ ist meiner Meinung nach charakteristisch für Perez den Handwerker, welcher sieh fremder Mittel bedient und mit fremden Gefühlen und Gedanken fühltTind denkt. Der ehassidische junge Boehur, welcher zii sehen vermeint, dass die Seele seines Vaters badet, der naive Boehur, welcher in jedem Vogel eine Seele zu sehen glaubt, der fromme Talmudschüler, dem es um das Seelenheil seines aufgeklärten Lehrers bange ist — derselbe Boehur fragt die Tochter seines aufgeklärten Lehrers, ob sie nicht 9eme Seele, das heisst sein Weib werden will. Wie naiv, senltiniental' und urikünstlerisch ist die ganze Erfindung und Empfindung des Bildes „Was heisst Seele“! 'Mir scheint, es, wenn jemand zu Perez käme und ihm eine derart igeGesekiekte erzählen wollte, so würde Perez selbst über ihre Unnatürlichkeit lachen. Freilich gibt es in der Kunst keine absolute Wahrheit und keine absolute Lüge. Alles, was falsch ist, kann wahr sein und alles, was wahr ist, kann falsch sein. Die Kunst/des Lebens und das Leben der Kunst bestehen nur aus Wahrscheinlichkeiten, das heiss-, aus Vorbereitungen, Verkettungen und Modulierungen von möglichen Vorkommnissen des Lebens. Und eben an der Kunst- und Lebenswahrseheinliebkeit fehlt es Perez, »renn er 'malt und erzählt. Es klingt zwar paradox, aber nach genauer Untersuchung stellt es sieh als eine unerschütterliche Wahrheit diar, dass Perez, der Erzähler, : eine Fortsetzung Smolenskis ist. Dasselbe atemlose Tempo ln der Erzählung, Dieselbe schüblonenmässige Auffassung der Menschen und verwischte Linie in der Zeichnung, derselbe Drang und1 vorwärtspeitschende Gefüblserguss, so dass man .bei den ersten Zeilen glaubt, dass deT Erzähler die ganzeWelt stürmen will. Nach einigen Zeilen oder Beiten aber tritt eine plötzliche Müdigkeit und ein schleppendes Tempo in dier Erzählung und Malerei ein. Alle diese Smolenskischen Fehler finden wiar auch bei Perez -mit dsmi kleinen Unterschiede, dass seine Bilder meistens in einen Gedanken oder eine Pointe ausklingen, welche mit dem Inhalte nicht organisch verknüpft, sondern herbeigezerrt sind. Wenn Perez malt oder erzählt — und ausser