Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 11 (13.3.1908)
- Date
- 1908-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2438141-2438167-2438178--0420-2439934- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., ^ÜFl^eoslrasse 9* Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufst eilen in Wien: Administration, r|'ürkenstrasse Nr. 9. Zeitungs6ureau Goldschmiedt, L, Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. er =□ Atunnementspreiss: ln Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, vierteljähr. K 3.—. ln Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, vierteljähr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Fres. 15.—. Ö - — Vertretungen ln der Provinz ln Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlezek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bncbstab. Bachhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 11 Wien, Freitag, den 13. März i908. II. Jahrgang. 1848. Wien, 12. März 1908. Morgen jährt sich zum sechzigsten Male der Tag, an dem in Oesterreich die Revolution begann, die ihre Fortsetzung in einem fast zwanzigjährigen Verfassungskampfe gefunden hat, welcher Oesterreich aus einem absoluten, klerikal regierten, fortschrittsfeindlichen, mittelalterlichen Staate, zu einem Gemeinwesen verwandelte, in dessen Konstitution der von Metternich so sehr gehasste, freiheitliche Geist seinen Niederschlag gefunden hat. Den ersten Anstoss zu dieser umfassenden Veränderung hat das Jahr 1848 gegeben. Wie eine Sturmflut wälzte sich damals die Revolution von Frankreich über Deutschland her, überschritt die von Metternichs Polizeileuten und Naderern so sorgsam: ^behüteten. Grenzen, vernichtete die mittelalterlichen^ freiheit, erzwang den Machthabern eine Konstitution, befreite die Universitäten vom Einfluss der Kirche und brach die Sklavenketten des Bauernstandes. Was die ungeheueren Erschütterungen des Jahres 1789 und 1830 nicht vermocht, das bewirkte die Revolution von 1848, denn um diese Zeit fand sie in den Grossstädten bereits eine kulturell vorgeschrittene, mit den Gedanken der Aufklärungsepoche vertraute, 'für freiheitliche, demokratische Grundsätze begeisterte Bevölkerung vor, deren Erregung ünd Empörung über die herrschenden Zustände so hoch gestiegen waren, dass es nur eines Funkens bedurfte, damit eine ungeheuere Flamme emporschlage, die alle veralteten Institutionen vernichtete. Und ausserdem traf die über Europa strömende revolutionäre Wellein Oesterreich auf.eine Bevölkerungsschichte,welcheinfolgederünerträglichenLage, in welcher sie sich befand für Aufnahme und Verbreitung der revolutionären Ideen besonders empfänglich sein musste. Dies waren die Juden welche, abgesehen von den allgemein, geltenden reaktionären Gesetzen noch unter speziellen entehrenden und qualvollen Bedrückungen, den Jud en verord nungen zu leiden hatten. Die Juden schmachteten im vormärziiehen Oesterreich in einem Zustande der drückendsten Rechtlosigkeit, der unerträglichsten Knechtung, der grausamsten - Misshandjung. Die Behandlung, welche sie zu erdulden hatten, war in den verschiedenen Ländern des Reiches^ eine verschiedene. Sie war am barbärischesten, ^uhmens^uiasieafTa^Böfiiiiefi^ und Mähren, aber auch in den andern Ländern liess sie an Härte, Lieblosigkeit nichts zu wünschen übrig. In Böhmen und Mähren war die Zahl der Judenfamilien die dort ansässig sein durften mit 14.000 festgesetzt worden. Um dort eine Vermehrung der jüdischen Familien hintanzuhalten, durfte immer nur ein Sohn heiraten und der zweite Sohn und Enkel erst dann, wenn er von der Regierung die Bewilligung erhielt, in eine durch das Aussterben der Männer erledigte Judenfamilie einzurücken, ln Niederösterreich, in Wien wurde gleichfalls einer Vermehrung der Juden mit Strenge entgegenzutreten gesucht. Die fremden auswärtigen Juden durften sich in Wien bloss drei Tage unentgeltlich aufhalten. Wollten sie länger als drei Tage verbleiben, so mussten sie sich beim „Judenamte“ melden und dort einen Leibzoll entrichten ... ln anderen Ländern des Reiches, in Steiermark, Tirol, Kärnten, Krain wurden die Juden gar nicht geduldet und es gab viele Städte, die besondere Privilegien besassen, entweder keine Juden oder nur eine einzige Jndenfamilie dulden zu müssen. UeberaU wohnten sie iu besonderen Judenvierteln. Ihre Freizügigkeit war beschränkt, Grundbesitz durften sie nicht erwerben, vom gesamten Staatsdienst, von der -Verwaltung, vom Richteramte, ferner von der Advokatur, vom Lehramte an allen Schulen (von der Volksschule an bis inklusive zur Universität) von allen höheren Stellen im Militärdienste; von allen politischen Funktionen and allen Ehren- Unzählig waren die* beschämenden, entehrenden gesetzlichen Bestimmungen, durch welche der Jude, nach der Aeusserung eines zeitgenössischen Schriftstellers, „auf Schritt und Tritt daran erinnert wurde, dass er, obgleich denselben und noch grösseren Verpflichtungen und Leistungen wie die übrigen Staatsbürger unterworfen, doch eher ein Höriger als ein Angehöriger des Staates sei“. Kein Wunder also, dass die Jaden in den ersten Reihen der Revolutionäre kämpften, dass sie den Hauptteil der heroischen Arbeit im Dienste des Fortschrittes leisteten. Ein Jude — Adolf Fischhof — war es, der durch jene zündende Rede im Hofe FEUILLETON. Literarische Spaziergänge. Yon A. Loubetzky. . J. L: Perez. L Perez ist der Gegensatz von Mendele mocher-sfonim. Mendeles Aeussere ist jüdisch, seine Seele aber griechisch. Perez hingegen ist seiner Seele nach ein Jade, -während sein äusserer .Schliff europäisch ist. Wenn ich „Schriften“ von Perez lese, scheint es mir, als ob ich vor mir einen fanatischen Ohassid mit frisiertem Bart .mud aufgezwirbeltem Schnurrbart sehen würde, einen echten Gbassid, der Srniros singt, eine kunstvoll geknüpfte fin de siecle-Krawatte trägt und chasäidisclie Sehiraimhände hat, die von tadellosen. Manschetten umgeben sind. Perez sieht das Aeussere nicht. Sein Blick ist gewöhnt, in die Seele zu schauen und gleitet über die Oberfläche hinweg, ohne ihrer gewahr zu werden. Erst bei der Beobachtung der Seelesnvorgänge werden seine Augen lebhafter und blicken schärfer ■und kein Zittern der Seele entgeht ihnen. Perez ist kein psychologischer Grübler; er schleppt nicht die Seele auf den Seziertisch, um sie mit einem analytischen Messer in Stücke zu schneiden. Diese Manier würde viel eher für einen Plastiker passen. Denn um etwas zu zerschneiden und zu zergliedern-, muss man es erst plastisch festhalten oder wenigstens plastisch auf fassen. Perez’ Begabung aber ist lyrisch und unter keiner Bedingung lässt sie sich auf den engen Baum der plastischen Linien beschränken. Perez ist psychologischer Stimmungsmaler oder Musiker in Worten. Eine richtigere und passendere Erklärung für sein Talent kann ich nicht finden, Perez ist Musiker, Stimmnngsmaler, und darin liegen seine Fehler und seine Vorzüge. Wenn uns Perez von seinem Chassidismus erzählt — nicht von den Chassidim —dann steht er auf der Höhe eines schaffenden Künstlers, dann wächst er vor unseren Äugest zu einem ungeheuren Künstler empor, denn der chassidiseheGefühlssto.ff passt für Perez’ lyrische und musikalische Fähigkeiten. Ganz anders verhält es sieh, wenn Perez über Chassiclim. öder andere Juden schreibt — da wird er klein und unkimstleriscfc Darum finde ich bei der Analvse der Pcrezsehen Kunst zwei verschiedene Künstler: einerseits sehe ich einen echten Künstler, welcher fest in der Erde wurzelt und sic-ii biä an den Hümmel erhebt — das ist Perez der Stiinmungskiinstler dies Chassidismus, Perez der Musiker in Worten, welcher imstande ist, beim Leser jede gewünschte Seelensuumiung zu erwecken, und anderseits sehe ich einen Handwerker, einen Flickschneider — das ist Perez der Erzähler .und Maier, der für die Malerei keine angeborenen Fähigkeiten besitzt, sieh aber cjit-se durch viel Lesen und Vertiefen in fremde Schöpfungen iiusserlieh. anzueignen versucht hat. Wenn Perez düs Stoffgebiet, welches sch für sein, musikalisches Talent eignet, nicht übersehieitet, dann sind seine Sachen nicht bloss Bilder des Lebens, sondern das Leben selbst. In seinem: Chassidismus spüren wir eine Schaffenskraft, welche alle Lebenseinzelheiten in ein einziges Ganze vereinigt. Als schaffender Künstler versteht Perez die Verbindung zwischen dem allgemein Menschlichen und dem speziell Obassidisehen zu finden, und darum sind seine Sachen unübertroffene Schilderungen des Lebens. ' -Dies alles gilt nur für den Fall, wenn