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Jüdische Zeitung · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 10 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 Ussischkin Uber die Au'gaben des Zionismus. lug. TJssäsclikin hat an die monistische Föderation in England auliissiioh ihres* Parteitages folgendes Schreiben gerichtet: Ihre gegenwärtige Zusammenkunft wind sich wesentlich von den früheren gleichartigen Veranstaltungen unterseheidear, die sich vornehmlich mit prinzipiellen Fragen befassten. Diese Fragen sind für uns nunmehr einfür allemal, sowohl in der Praxis wie in ilcn Komgressbesehlüssen, abgetan. Wir erörtern nicht mehr die Frage, wohin wir wollen, nach Palästina oder nach irgend einem anderen Lande; wir beraten nicht , mehr darüber,, ob reale Arbeit in Palästina unverzüglich geschehen müsse, oder nicht; es ist für uns kein Problem mehr, ob die Pflege national]üddsehen Lebens mud rationüljüdiseher Kultur dringend geboten erscheint. Trotz des intensiven Kampfes, der segen die. skizzierten Prinzipien von seiten mancher einflussreichen Elemente in unserer Partei geführt wurde, setzte sich, die Wahrheit doch durch, die souveränen Forderungen des Lebens sic°ten — und siegten unwiderruflich. Unsere Konferenzen und Kongresse haben sich nunmehr nur noch mit dem weiteren Ausbau dieser Grundlagen zu befassen, ihre detaillierte Anwendung und Ausgestaltung festzusebzen. — Einige Ableitungen aus diesen Grundlagen gestatte ich mir nun, Ihrer Konferenz zur eingehenden Berücksichtigung angelegentlichst zu empfehlen. 1. Auf dem Gebiete der realen Arbeit in Palästina sind es vor allem dreierlei dringende Bedürfnisse, die .gebieterisch Befriedigung erheischen. Es sind dies: a) das Bedürfnis nach langfristigem Agrarkredit; b) das Bedürfnis nach kurzfristigem Handels- und Industiiekredit; c) das Bedürfnis nach Kultur. Ad a). „Land gegen langfristige Batemaibzahlungen,“ das ist die allgemeine dringende Forderung aller, die mit der Palästinaarbeit vertrant sind. Ein grosszügig organisierter Agrarkredit' ist die Grundlage unserer, Arbeit in Palästina; ohne einen solchen werden wir keinen Schritt vorwärts kommen. Der Nationalfonds muss nun die Basis für den zu schaffenden Ägrarfonds bilden.. Dafür und für nichts anderes ist er best im int. Die verschiedenen geringfügigen geseilsehaftlichen! Unternehmungen werden das Kolonisationsproblem nicht lösen. . Jedem Ansiedler muss Land, Wasser und Luft frei überlassen werden; alles andere muss er sieh mit den eigenen Mitteln, mit dem eigenen Buckel, dein eigenen ßehwoiss verschaffen, oder er gellt zugrunde. Der ihm überlassene Grund und Boden geht, wie die Luft, die er atmet, für das jüdische Volk nicht verloren. Er wird immer dem Besitztum des jüdischen Volke angehören. Von dieser Ueberzeugung ausgehend, halt das Odessaer Palästina-Komitee, dessen Vorsitzender zu sein ich die Ehre habe, den ersten Versuch zur Schaffung von langfristigem Agrarkredit gemacht und auf diese. Weise in letzter Zeit bereits zwei neue, aus bisherigen palästmensisehan Landarbeitern und kaukasischen Bergjuden bestehenden Kolonien ins Leben gerufen: Bir-Salem in der Nähe von Beehoboth und Fedge bei Pethach-Tikwah. Bei den beschränkten Mitteln unseres Komitees konnten wir hierfür nur zirka Francs 100.000 zur Verfügung stellen. Dabei -mussten wir noch die ’Hilfe; des Naitionalfonds in Form eines Darlehens von Fros. 20.000 beanspruchen; wieviel wäre nun zu .erreichen, wenn man für diesen Agrarkredit die verhältnismässig reichen Mittel des Nationalfonds in Bewegung setzen möchte. Dieser würde sich dann, als lebendige, leistungsfähige Institution, die Sympathien der jüdischen Welt, die er "in letzter Zeit leider etwas eingebüsst zu haben scheint, von neuem erobern. Aber auch das in Grund und Boden angelegte Geld des Narfäcnalfonds wird sich dank der rapiden Preissteigerung des Bodens unvergleichlich besser verzinsen, als die englischen Konsole. ’ ~ . Ad b). Eine zweite Hauptforderung der Paläsfamaarbeit ist ein grossangelegter kurzfristiger Kredit für Handel und Industrie, der viele Zweige derselben ins Leiben zu rufen geeignet ist. Dies ist die Aufgabe der Angk> Palestine Company. Die' zionistische Organisation hat allen Grund, auf diese Institution stolz zu sein. Im Laufe -der vier Jahre ihres Bestehens hat die A. P. C. dem Lande ungeheuren. Nutzen gebracht. — Leider aber herrscht in der A. P. C. ein chronischer Geldmangel; auch hat sie insgesamt nur vier Abteilungein, während man darauf ausgehen müsste, in sämtlichen, mehr oder weniger bedeutenden Punkten Syriens und Palästinas Boden zu fassen. Die Vermehrung der Kapitalien der A. P. C. wäre auf zwei Wegen zu erreichen: 1. durch allmähliches Hinüberfliessen. der Kapitalien des J. C. T. in die A. P. C., 2. noch viel wichtiger aber isit es, den Verkauf der Aktien der A. P. C. energisch und mit allen Mitteln zu betreiben. Es ist ebenso möglich, wie notwendig. Ad e). Die kulturelle Erziehung und Umerziehung der palästinensischen Judenheit ist unsere dritte Aufgabe. Die fast hunderttausemdköpfige Bevölkerung in ein organisches, durch, eine und dieselbe, aUjgeme*in herrschende Sprache, jene der Propheten geeintes, nach einer und derselben grossen, freien Zukunft strebendes Ganze zu verwandeln — das ist Sache der Kindergärten, der städtischen und ländlichen Elementar- und Mittelschulen, Gewerbe- und Fortbildungsschulen, Bibliotheken u. dgl. Leider aber hat die .zionistische Organisation bis jetzt diesen wichtigen Punkt ganz ausser achlt gelassen. Der Bilfsverein der deutschen Juden verausgabt jährlich für Erziehungsbedürfnissc in Palästina Frcs. 100.000, das Odessaer Palästina-Komitee Frcs. 60.000 (im laufenden Jahre hat es noch obendrein die Garantie für das Budget des hebr. Gymnasiums in Jaffa übernommen), während die zionistische Weltorganisation für diesen Zweck sozusagen Pfennige ausgibt. In dieser Hinsieht ■muss «ine Aendevung des Kurses eintreten. Die englische Föderation, an deren Spitze ein Mann von so .grossen jüdisch-kültnrellen Gesichtspunkten und Aspirationen wie Dr. Gaster steht, die Föderation, aus deren Mitte ein so edler Spender für jüdisch-kulturelle Zwecke, wie Herr Moser, hervorging, müsste die Initiative ergreifen, in der kulturellen Arbeit der zionistischen Organisation in Palästina. Nehmen Sie das hebräische Gymnasium in Ihre Hände, schaffen Sic ihm einen dauernden Fonds, sichern Sieihm die Existenz in der Zukunft! — Dies wären unsere Aufgaben in nächster Zukunft in und um Palästina. 2. In den ■-Ländern der Diaspora haben wir gleichfalls einen scharf markierten Wieg vor uns. Wir haben hier die Aufgabe^ . a) Die jüdischen Volksmassen unter1 zionistischer Fahne zu einigen und zu organisieren, überall und immer laut und stolz unsere politischen und nationalen Beehte zu verteidigen. Unsere Gesinnungsgenossen in Oesterreich haben den glänzenden Beweis dafür gebracht, von welch zündender Wirkung und grossem Nutzen ein solches Auftreten ist. Diesen Weg schlugen auch die Zionisten Bnsslands ein und ich zweifle nicht daran, dass die tiefer bl-ickenden Führer unseres Volkes in England, in den Vereinigten Staaten Nordamerikas, ja sogar in Deutschland früher oder später dem Beispiele ihrer östlichen Brüder folgen werden. b) Die Verbreitung der Kenntnis des Judentums, der jüdischen Geschichte, der hebr. Sprache und Literatur, ist ein unumgänglicher Faktor unserer Wiedergeburt. Die politische Kenaissanee allein, die nicht gleichzeitig von der kulturellen begleitet wird, genügt noch nicht. — Ihre Nachbarn und Kompatrioten: die Irländer, sind gleichfalls in letzter Zeit zu dieser Einsicht gelangt und gründeten eine spezielle Liga zur Neubelebung der keltischen Sprache und des nationalen Geistes. Wir haben hier in Bussland bei den ungünstigsten politischen und ökonomischen Bedingungen diese Arbeit keinen Augenblick vernachlässigt; „Ibriah“- Vereine wurden gegründet und weiter ausgebaut, der- „JEfaschiloah“ wurde von neuem ins Leben gerufen, und gar manches noch wird auf diesem Gebiete versucht und unternommen. Auch Sie werden dieser Arbeit Ihre ernsteste Aufmerksamkeit zuzuwenden haben. In Ihrer Mitte, in London, weilt jetzt der Vater des Kfolturzionismus, Äehad-Haam. Die Ihnen so gebotene Gelegenheit, mit ihm in Fühlung zu kommen, kann Ihnen dm dieser Beziehung höchst förderlich sein. Suchen Sie hier etwas zu schaffen, was der englischen Juden würdig wäre! .... Mein Brief ist etwas lang ausgefallen, er wird Sie vielleicht ein wenig ermüdet haben, loh hielt es aber für geboten, auf die mich ehrende Einladung nicht mit einer üblichen Begrüssung, sondern mit einer kurzgefassten Darstellung meiner Ansichten über den gegebenen Moment zu antworten. Wird doch uns kaum so bald Gelegenheit zur persönlichen Aussprache geboten sein. Mit vorzüglicher Hochachtung und brüderlichem Zionsgrass gez. M. Ussischkin. Kommilitonen 1 Ihr steht vor der Inskription für das Sommersemester! In diesem Momente müssen wir unsere Forderung nach Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen nachdrückl ich st wiederholen. Mit den blossen Versprechungen der Minister, unsere Forderungen zu prüfen und den problematischen Sympathieerklärungen der akademischen Behörden, geben wir uns nicht mehr zufrieden. Es gilt den Nachweis unserer Stärke und Solidarität den kompetenten Behörden zu erbringen. Jeder selbstbewusste jüdische Student fülle die Rubrik: Muttersprache in seinem Nationale mit »tttd i s ch« aus. Es ist nationale Pflicht und jeder, der es unterlässt, begeht ein Verbrechen an seinem Volke. Nicht um sprachliche Forderungen handelt es sich uns derzeit und wollen wir auch dadurch kein Präjudiz schaffen. Das Exekutivkomitee ist in Permanenz und wird sofort in tatkräftigster Weise bei allen akadem. Behörden eingreifen, falls es erforderlich sein sollte. Wir sind fest entschlossen, selbst die äussersten Massregeln in Anwendung zu bringen, falls in der offiziellen Statistik nicht »Jüdisch« ausgewiesen wird. Wir bitten alle Kommilitonen, welche die Rubrik Muttersprache mit »1U d i s c h« ausfüllen, ihren Namen und Adresse dem Exekutivkomitee (IX)i, Porzellangasse 22) bekanntzugeben. Kommilitonen, erfüllet Euere Pflicht! Es gilt eine Kraftprobe! Das Exekutivkomitee zur Anerkennung der jüdischen Nationalität an den österreichischen Hochschulen.

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