Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. M JÜDISCHE ZEITUNG Jie Studenten auf, in weithöherem blasse als bisher bestrebt zu sein, jüdischen Bildnngpinlialt anfzunehanen und zu verwerten. Gg. Adolf Böhm gibt seiner Befriedigung darüber Ausdruck, dass sich die Beratungen auf einer gewissen Höhe gehalten haben. Dies sei bei allen letzten Distrikts tagen der Fall gewesen und nicht zuletzt ein Verdienst der Leitung. Er konstatiert, dass dem D.-K sehr ■ wenig greifbare Vorwürfe gemacht wurden und bedauert, dass viele, die gegen das D.-K im Stillen aufgehetzt haben, hier nicht offen aufgetreten sind. Gegenüber dem Vorwurf, das D.-K habe nicht für die 'theoretische Ausbildung der Studenten gesorgt, weist Bedner nach, dass das D.-K. sieh bemüht hat, Anregungen zur Schaffung der theoretischen Grundlagen zu geben, solche selbst zu schaffen, sei nichl Aufgabe des D.-K. Bedner sagt, dass nicht nur das D.-E dem Distriktslag Bede zu stehen habe, sondern -auch die Organisation dem D.-E Er müsse bemerken, dass diese das D.-E bei wichtigen Unternehmungen nicht genügend unterstützt habe. Gegenüber der Bemerkung eines Vertretern einer studentischem Korporation, dhs D.-E habe kein Becht, einer solchen bei ihren öffentlichen Veranstaltungen etwas dareinzureden, sagt Gg. Böhm, dass umgekehrt, kein zionistischer Verein bei einer öffentlichen Veranstaltung eine Politik auf eigene Faust machen darf. Die Beschlüsse der Disitriktstage seien für alle Organisierten unbedingt bindend. Bedner bespricht schliesslich die drei von Dr. Weisen grün vorgeschlagenen Resolutionen. Bezgl. 3 bemerkt er, dass bezgl. der politischen Leitung eine vollkommene - Verwirrung der Anschauungen herrsche. Entschloss sich einmal die zionistische Organisation, in die Politik, einzugreifen, so gibt es nur zwei Wege, die Leitung in der Hand zu behalten: 1. Eine völlige Umwandlung der zionistischen Organisation in eine politische — das sei nicht opportun und auch nicht beschlossen worden. 2. Die Seliaff ung von kleinen politischen Vereinen, um dean Gssetze zu entsprechen, wobei aber unbedingt die Leitung in den Händen der zionistischen Führer bleiben müsse: Nur in der Identität der Personen könne die Gewähr dafür liegen, dass die Politik im zionistischen Sinne geführt werde. Bezüglich, der anderen beiden Besolntionan richtet Gg. Böhm an die Versammlung einen warmen Appell, sie einstimmig anzunehmen. Der Zionismus sei „alljüdisch“, nichts Jüdisches sei ihm fremd. Das sei aber nur so gemeint, dass der Zionismus keine Erscheinung des jüdischen Lebens vernachlässigen dürfe und alle mit seinem Geiste durchdringen müsse — so auch die Politik, die -keinem Selbstzweck darsbeie — „alljüdisch“ heisse aber nicht die Arme öffnen für alle Assixmlanten. Der Kampf gegen diese müsse, nicht in der Form, aber in der Sache mit. aller Schärfe geführt und jedes Kompromiss abgelebte; werden. Dieser Kampf nach innen, die Eroberung aller Positionen des Judentums ist für uns das wichtigste. Dieser Kampf fliesst aus unserer Weltanschauung, er ist das primärste Erfordernis für einen Erfolg unserer Sache, er allein hält unser Schwert scharf und unsere Ueberzeugimgen rein von aller Verwässerung! (Langanhaltender stürmischer Beifall.) Gg. Dr. Zweig (Mitgl. d. D.-E) lehnt die Wahl zum Distriktsobmann ab, da er sich •mit den vom Gg. Böhm vertretenen Anschauungen in prinzipiellen and taktischen Fragen vollkommen einverstanden. erklärt. Auch Gg. Markus lehnt eine Wahl in das.D.-E ab. Hierauf wird zur Abstimmung über die eingebracliten Anträge und Resolutionen. geschritten : Die Besolntionen I und II des Dr. Weisengrün werden angenommen; Besolution III wird abgelebte. Ferner werden folgende Anträge angenommen: Antrag Waltueh: Der heutige Distriktstag drückt der Distriktsleitung sein vollstes Vertrauen aus und bittet dieselbe, ihr [bisheriges Wirken im Interesse des Zionismus fjortzueetzem. •■;■.■ < Antrag Dr. Zweig: Der Ditriktstag erklärt, dass die Durchführung der Kultuswaklen ausschliesslich in die Kompetenz des i ö. D.-E fällt. Antrag W i n te r s t e i n (Ivria) : Der D.-T. beauftragt das. D.-E, in dfer „Jüdischen Zeitung“ ejne Diskussion über das Verhältnis der zionistischen zur inmerpolitischen Organisation einzuleiten und geeignete Schritte zu unternehmen, dass ehobaldigst ein ausserordentlicher Parteitag der zionistischen und Nationalpartei einberufen werde. Der III. Punkt der Tagesordnung „Neuwahlen“ wird auf Sonntag den 8. März, 3 Uhr nachmittags, verschoben. Nach längerer teils stürmischer Debatte werden noch folgende Anträge angenommen: 1. Der heutige D.-T. konstatiert, dass die akad. Verbindung „Libanorda“ der zionistischen Organisation seit 2 Jahren nicht angehört. ■2. Der D;-T. fordert die Parteiblätter auf, Veröffentlichungen der: „Libanonia“ nicht auf- zu nehmen. Hierauf sehliesst der Vorsitzende um . 10 Uhr nachts den Distriktstag. ** * * I Ausserordentlicher Distriktstag. Sonntag den 8. März a. c. präzise 3 Uhr nachmittags, findet im Saale des „Zionistischen Zentralvereines,, die Fortsetzung des ausserordentlichen Distriktstages statt. * * * Sitzung des engeren Aktionskomitee. Anr Freitag den 28. Februar 1908 hat in Köln eine Sitzung des Engeren Aktionskomitees der zionistischen Bewegung stattgefunden, die der Erledigung wichtiger und dringender Geschäfte galt. An der Sitzung nahmen ausser den drei Mitgliedern des Komitees, dem Präsidenten Wolffsohn und! den Herren Prof. Dr. W a r b u, r g (Berlin) und J. H. Kann (Haag) auch der Direktor der Angio- Palesiiue-Bank ita. Jaffa, L e v'o n t i n, der auf einer Geschäftsreise^ in Europa weilt, teil. Der Leiter des Palästinä-Amtes/Dr. Ruppig, war durch seinen Wiener Vortrag verhindert. Palästina. Gesellschaft Bnei Jehuda. Wir erhalten von dieser Gesellschaft, die vor kurzer. Zeit in Jerusalem zwecks Hebung von Gewerbe und Industrie unter den palästinensischenJuden gegründet wurde eine Zuschrift, worin die Glaubensgenossen aufgefirdert werden,, die Kultusgegenstände, wie Sifre Thora, TefiJlin, Mesusbth, Gebetbücher, Bibel, Hagadah mit Uebersetzungen, Atzei Chaitn, Leuchter etc. sowie Andenken aus Olivenholz von ihr zu beziehen. Die Gesellschaft, die für diese Gegenslände eine eigene Abteilung unter dem Namen „Kodesch Mikodesch“ gegründet hat, sagt in ihrem Aufrufe, dass den Glaubensgenossen die aus dem heiligen Lande stammenden Kultusgegenstände besonders lieb sein werden und betonte, dass durch die Anfertigung dieser Gegenstände tausende von palästinensischenJuden mit gut lohnender Beschäftigung versehen werden könnten. Bestellungen sind vorläufig direkt an die Gesellschaft (Bnei Jehuda, Jerusalem) zu-richten, die ausführliche Kataloge gratis und franko versendet In späterer Zeit wird die Gesellschaft in allen grösseren Städten Europas Depotstellen erricht n. Wir wünschen dem Unternehmen den besten Erfolg. Eine neue genossenschaftliche Kolonie in Palästina. . Eine Gruppe von Zionisten in Podolien hat auf Anregung des Rechtsanwaltes D. Schleifer aus Eamenetz-Podolsk den Beschluss gefasst, eine genossenschaftliche Kolonie in Palästina zu gründen. Die, Gruppe soll aus 50 Mitgliedern bestehen. , Der Beitrag der einzelnen. Mitglieder schwankt, zwischen 350 und 500 Bubeln. Es wird beabsichtigt,. in Terriin von 200 Desjatinen zu erwerben. Vortrag Dr. Ruppin. Auf Einladung des Jüdischen Kolonisations- Vereines hielt Herr Dr. Artur Ruppin, der Leiter des Palästinaamtes, am Donnerstag den 27. Februar einen Vortrag über „Die wirtschaftliche Lage der Juden in Palästina“, für welchen sich unter unseren Gesinnungsgenossen ein reges Interesse geltend gemacht hatte. Doktor Ruppin ist in jüdischen und zionistischen Kreisen teils seiner wissenschaftlichen, teils seiner zionistischen Täügkeit wegen aufs beste bekannt und man erwartete daher mit Recht, eine interessante, klare Darstellung der gegenwärtigen Verhältnisse in Palästina, welche Dr. Ruppin durch einige Monate an Ort und Stelle studiert hatte. Dr. Ruppins Vortrag entsprach vollkommen dieser Erwartung. In sächlich ruhigem Toue erörterte er die Verhältnisse der Juden in Palästina. Von den 80.000 Juden Palästinas ist der grösste Teil erst in der letzten Zeit eingewandert. Die Hauptmasse der jüdischen Bevölkerung lebt in Städten. Jerusalem besitzt 45.000. Jaffa 10.000, Hebron 1500, Tiberias 6000—8000, Haifa 2000 und Saida 1000 jüdische Eifiwohner. Diese Städte können in drei Typen eingeteilt werden. Saida und Hebron stellen den ersten -Typus dar. Die jüdische Bevölkerung dieser Städte ist sephardisch und seit ungefähr 1000. Jahren im Lande. Kulturell unterscheiden sie sich sehr wenig von den Arabern; sie sind arbeitsam und nehmen nie Almosen. Den zweiten Typus stellen Tiberias und Saffed dar. Ihre Bevölkerung ist aschkenasisch und lebt von Chalukah. Auch sie stehen kulturell sehr niedrig. Die Städte Haita, Jaffa und Jerusalem stellen den dritten Typus dar. Die Bevölkerung dieser Städte steht kulturell höher. Man findet unter ihnen viele Handwerker, Kaufleute und Arbeiter. Nach diesen Siädten strömten die Einwanderer der letzten Jahre. Ueberall sieht man die Ansätze zu einem neuen Leben. Die zahlreichsten Einwanderer der letzten Jahrzehnte haben sich in Jaffa ' niedergelassen. Den Lichtpunkt des jüdischen Palästina bilden die Kolonien. Es muss anerkannt werden, dass die Anstrengungen des Barons Rothschild nicht vergebens waren, trotz der Fehler, die bei Anlage seiner Kolonien begangen wurden. Ditse . betreffen hauptsächlich folgende fünf Punkte: Das .Kolonistenmaterial war nicht genügend ausgewählt, daher den klimatischen Verhältnissen des Landes nicht angepässt. Ausserdem wutden’. die Kolonisten zu rasch „in Brot gesetzt“. Ohne gearbeitet zu haben, fanden sie sich sofort im Besitze einer vollständigen Wirtschaft. Ein weiterer Missstand ist die „Monokultur“ in den Kolonien, die ein grosses Risiko darstellt, da durch eine schlechte Ernte der einen Kulturpflanze, der gesamte Ertrag der Kolonie •vernichtet wird. Als besonders schwerwiegenden •Missstand müsse man die Administration bezeichnen, die ein Selbständigkeitsgefühl der Kolonisten nicht aulkommen liess und jede, Privatinitiative von vornherein ausschloss. Alle diese Fehler müssen bei neuen Kolonisationsversuchen vermieden werden. Frage man, was für die Hebung der jüdischen Wirtschaft in Palästina gemacht werden könne, so wäre zu antworten: Für die städtischen Juden müssten die hygienischen Verhältnisse verbessert und Sorge für Kleinindustrien, getragen werden, die, ähnlich wie die Damaszener Gewerbe, für den Export produzieren könnten. Für die Vermehrung der ländlichen Bauern und Arbeiterschaft müsse durch Schaffung neuer Kolonien gesorgt werden. Dazu wäre die Development Company ein viel versprechender Anfang. Stürmischer Beifall lohnte die interessanten Ausführungen des Redners. Es wäre zu hoffen, dass der Jüdische Kolonisationsverein sich endlich aufraffe, die thesaurierten .Gelder im Sinne der Spender für palästinensische Zwecke zu verwenden. eichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwarben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücta**r und aller Bureaurequisiten empfiehltsich Geschäjtsbücher-FabriK A. Grünsfeld & Co., I , Wien, L, Gonzagagasse. 21. \