Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 10 Korrespondenzen. Oie jüdische Nationalität an den Hochschulen. Wien. In Ausführung des Beschlusses, den die Vertreter aller jüdisch-akademischen Korporationen am Montag, den 24. v. M. gefasst hatten, begab ach eine. Deputation, bestehend aus den Herren cänd. lechn.Hoch Städter, J. U. C. Löw,cänd. tecbn. Schindler, am Donnerstag, den27. Februar zu den Rektoren der Universität und der technischen Hochschule. Der Sprecher der Deputation in der Universität, J. U. C.'Löw, erklärte im Namen der jüdischen Studentenschaft, dass sie schon müde sä, zu petitionieren, vorzusprechen und zu betteln, and sich mit Versprechungen abspeisen zu lassen. Er erinnerte den Rektor an sein Versprechen, die gerechte 'Forderung der jüdischen Studenten zu unterstützen und machte darauf aufmerksam, dass der. Ausschuss der jüdischen Studentenschaft zur Anerkennung'der jüdischen Nationalität keine Verantwortung dafür übernehmen könne, wenn die herrschende Erregung und Erbitterung, sich Luft machen werde. Vielmehr mussle dör' Ausschuss die Verantwortung hiefur auf' die kompetenten Faktoren überwälzen. Rektor Dr. Ebner erklärte, dass er die Angelegenheit dem akademischen Senate vorlegen und wärmslens befürworten werde. Hierauf begab sich die Deputation zum Rektor der technischen Hochschule, Dr. Vortmann, wo cand. techn. Schindler die Forderungen der jüdischen Studenten vorbrachte. Rektor Dr. Vortmann sprach der Deputation seine Sympathie aus und versprach, persönlich beim Unterrichtsminister vorstellig zu werden und die Forderung der jüdischnationalen Studentenschaft nach Krälten zu unterstützen. Jüdisches Theater in Wien. Wien. Die Direktoren des Theaters an der Wien, die Herren Karczag und Wallner gedenken.' ihr Theater im Sommer des Jubiläumsjahres 1908 verschiedenen nationalen Bühnen zu überlassen, um einen Ueberblick über die dramatisch«! Produktionen in allen Kronländem Oesterreichs zu gewähren. Der. hiesige akademische Verein »Die jüdische Kultur* griff diesen Plan auf, und -wandte sich an die Direktoren mit dem Vorschläge, auch eine jüdische Schauspielerlruppe auftretenzu lassen. Das jüdische Theater, das im Osten Europas seinen Ursprung hat, erreichte den Höhepunkt der Entwicklung in England und in Amerika. Es wäre daher am angezeigteslen, sich mit einem jüdischen Theater in London in Verbindung zu setzen. Die Herren Karczag und Wallner erklärten sich sofort einverstanden, die nötigen Schritte zu unternehmen, und es. ist zu erwarten, dass man demnächst in Wien Gelegenheit haben wird, eine gute jüdische Schauspielertruppe zu sehen und zu hören. Es muss nicht erst henrorgehoben werden, von welcher Bedeutung es ist, dass einmal der Westen die jüdische Kunst, das jüdische Drama kennen lerne. Wir wünschen nur, dass die Verhandlungen einen gedeihlichen Fortgang nehmen. Allzu scharf macht schartig. Wien. Wie erinnerlich hat der Vorstand der israelitischen Kultusgemeide in Wien über Antrag •des Herrn-, Fuchsgelb, unterstützt vom L Vizepräsidenten, Herrn Dr. Gustav Kohn, trotz warnend«* Stimme des Herrn Dr. Markus Spitzer in seiner Sitzung vom 22. Dezember 1907 be-' schlossen, das Minjan des Vereines. „Schomre hadath* sofort zu sperren und den Magistrat und die Statthalterei um sofortige Durchführung des Beschlusses anzugehen. Der Kultus Vorstand hat auch den Verein »Schomre hadath* verständigt, dass »etwaige Rekurse gegen diesen Beschluss keine aufschiebende Wirkung haben/ ln der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 16. Februar 1908 inteipeUierte das Vorstandsmitglied Herr Simon den Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern über die Angelegenheit des Vereines »Schomrehadath*. Die Antwort des Herrn Kultuspräsidenten war aber nicht so kriegerisch wie der Beschluss vom 22. Dezember v. J. Mit einiger Resignation teilte er dem Knltusvorstande mit, dass die; Durchführung des geharnischten Beschlusses des Kultusvorstandes gegen »Schomre hadath* durch Eingaben des Vereines au die Behörden verhindert wurde, und dass er, Dr. Stern, hoffe,, dass die Autorität des derzeitigen Kultusvorstandes gegen die »Minjanim* «egen werde. Wie wir aus verlässlicher - Quelle «rtähren, hat der wehmütige Ton des Herrn Kultuspräsidenten Dr. Alfred Sterhyseinen Grund darin, dass die politischen Behörden g.us gesetzlichen Gründen Bedenken tragen, sich der Anschauung des derzeitigen Kullusvorständes bezüglich der Sperrung von jüdischenMinjanim überhaupt und insbesondere der des Vereines »Schomre hadath*, ahzuschliessen. Die staatlichen Behörden sind vielmehr der Anschauung, dass ein Anlass zu einem »sofortigen Sperren“ des Minjans des Vereines »Schomre hadath* nicht gegeben ist, dass dem Vorstande der israelitischen Kultusgemeinde durch das 'vorläufige Weiterbestehen dieser Minjanim keine Gefahr drohe, dass vielmehr: das vom; derzeitigen Kultusvorstande gewünschte »sofortige Sperren“ den Verein »Schomre hadath“ und dessen Mitglieder in religiöser und materieller Beziehung schädige, und deswegen eine rechtskräftige Entscheidung aller Instanzen (Statthalterei, Ministerium des Innern, Pieicbsgericht, eventuell Verwaltungsgerichtshof) abzuwarten sei. Im Interesse der Autorität der Kultusgemeinde (und nicht des gegenwärtigen Kultus^’ Vorstandes) ist es wahrlich gelegen, dass Beschlüsse betreffend, die Sperrungeines Minjans erst nach reiflicher Ueberlegung bei Vorhandensein triftiger Gründe gefasst werden. Allenfalls möge der derzeitige Kultusvorstand in Zukunft vermeiden, Vereinen Rechtsbelehrungen in der Art zu erteilen, dass Rekurse gegen seine Beschlüsse keine aufschiebende Wirkung haben, Belehrungen, die sich als unrichtig herausstellen. Galizien. Die galizischen Landtagswahlen. Lemberg. Es liegen bereits alle Wablresultäte von Galizien vor. ln den Wahlen der städtischen Kurie siegten, wie vorauszusehen war, die Demokraten. Die oppositionellen Parteien, die sehr wohl wussten, dass sie bei der jetzigen Wahlordnung nichts ausrichten werden, haben sich grösstenteils, insbesondere in den kleineren Provinzstädten, wo Bezirkshauptmannschaft und Magistrat unumschränkt walten, vom Kampfplatz rechtzeitig zurückgezogen. Sogar in Lemberg konnte man sich kaum des Terrors der Nationaldemokraten erwehren, die alle Wahlmaschinen ln Bewegung setzten und sogar während des gestrigen Wahltages offene Korruption in der nächsten Nähe der Wabllokaliiäten betrieben. Es kam dabei zu einem sehr argen Zusammenstosse zwischen den Nationaldemokraten und den Sozialdemokraten', die das Korruptionsnest aufstöbern wollten. Revolverschüsse wurden gewechselt und Dr. B.attaglia .wurde durch Stockhiebe schwer verletzt Erst am Morgen des nächsten' Tages wurde das Skrutinium geschlossen. Es wurden gewählt: Bürgermeister Ciuch cinski, Dr? Nathan Löwenst ein und der Präses des; Polep^lubs Dr. Gl^binski. Von ca. 18.000 wahlberechtigten Bürgern stimmten bloss 5305.. Da Lemberg. 6 Mandate hat, so musste eine neue Wahl stattfmden.Der katholisch-antisemitische Prof. Rydygier, den der hiesige »Rabbiner* Dr. Caro öffentlich unterstützt bat, ist mit 1Ö53 Stimmen durchgefallen. Die Zionisten, die ursprünglich in Lemberg einen Kandidaten aufstellen wollten, traten im letzten Moment zurück. Dasselbe geschah auch in Stryj, wo der alte Assimilant Doktor Fruchtmann, fast mühelos gegen einen Ruthenen siegte^ Brody aber fiel! Der Pole Salabekam 411, Dr. Bratide kaum 66’ Stimmen. Die Tatsache ist nicht zum Verwundern, wenn man die offene Abstimmung bei diesen Wahlen in Betracht zieht Aus Furcht vor dem Magistrat, der alle ihm zugebote stehenden Wahlschrauben angewandt hatte, gingen Hunderte von. jüdischen Wählern in Brody nicht zur Urne. Die Niederlage bildet für uns jedoch keine Ueberrascbung. Wir haben sie vorausgesehen. Russland. Der Pogromprozess. . Kiew. Die echtrussischen Männer sind an der Wühlarbeit Einer ihrer Führer, Professor Josefo wicz, hat entdeckt, dass (he Richter im P gromprozess »allzu parteiisch* vorgegangen and, da sie die; Pogromhelden für Mord und Totschlag mit einigen Monaten Gefai^gnis bestraft haben. Das ist ungerecht, denn es Ist doch klar, dass sie Orden verdient haben. Professor Josefo wicz wandte sich nun an den allerhöchsten Protektor der Hooligans lind Pogromleute, den Zaren, mit .der Bitte, den Prozess zu revidieren. Er erhielt darauf folgende Antwort: »Hochgeschätzter Herr Boris Michai- 10 wicz! Seine Majestät haben geruht, auf Grund Ihrer Bitte den - Justizminister zu beauftragen, Informationen einzuziehen .und darüber Bericht zu erstatten.? Man sieht, wie. der russische Zar sich . bemüht, alle Wünsche seiner Völker zu berückrichtig«!, ihn ihnenr gerecht zu werden — vorausgesetzt, dass die Bittsteller »Schwarze Hunäert*- Mäütiet sind. : ' . Arrefiefungen. - . Grodno. Die russische Regierung scheint. für alle Juden ein neues Wohngebiet geschaffen zu haben, nämlich: die Gefängnisse. Man arretiert jetzt nicht mehr zehn oder fünfzehn auf einmal, sondern zu Hunderten. So wurden am 29. Februar in Grodno alle Schüler der jüdischen Lehrerbildungsanstalt sanit allen Lehrern arretiert Die Regierung beabsichtigt wahrscheinlich, Unterricht nur unter Aufsicht von Gefängniswärtern erteilen zu lassen. Dieser letzte Streich der russischen Verwaltung ist derart empörend, dass man wahrlich nicht gepug Worte hat, um ihn gebührend zu charakterisieren. Hungersnot in den jüdischen Kolonien Russlands. Ekatorinoslaw. Die Not in den jüdischen Kolonien des Ekatorinoslawer Gouvernements ist sohoch gestiegen, dass sogar einige Fälle von Hungertod vorgekommen sind. Die Kolonisten wandten sich an das Gouvernement-Komitee mit der Bitte um Unterstützung, wurden aber äbgewiesen. Nun heisst es, dass ihnen die Ica beispringen wird. Neue Judenausweisungen. Ekatorinoslaw. Die Ausweisungen von Juden aus den verschiedenen Orten des Ekatorinoslawer Gouvernements nehmen immer mehr überhand. So wurden' in diesen Tagen wieder eine ganze Anzahl von Juden, die in den Dörfern des Gouverments bei den Eisenhütten und Kohlenbergwerken arbeiten, mit Ausweisungsbefehlen bedacht Trotz, des strengen Winters werden ganze Familien rücksichtlos aus Orten, in denen sie seit Jahren gearbeitet haben, einfach verwiesen und mit Gewalt ausgetrieben. Ein Gesuch, ihnen den Aufenthalt biszum Frühling zu gestatten, wurde abgewiesen. Rumänien. Rumänische Gesetze. Bukarest. Das Wort liberal hat in jedem Lande seine, eigene Bedeutung und einen spezifischen Landes-Beigeschmack. Der Herr Ministerpräsident von Rumänien, St urdza, zum Beispiel ist liberal, was zu deutsch übersetzt bedeutet: Er ist kein theoretischer, sondern ein praktischer Antisemit. So erklärte er letzthin, dass von Juden eingebrachte Gesuche um Naturalisation, von vornherein abzuweisen sind. Nicht genug, dass man die Juden in Rumänien, trotz des Berliner Vertrages, trotz dem sie der Militärpflicht unterliegen, als Fremde behandelt, soll ihnen nun sogar die Möglichkeit benommen sein, jemals rumänische Staatsbürger zu werden. Und ein »liberaler* Minister ist es, welcher das Recht und geschlossene Verträge noch brutaler missachtet und mit Füssen tritt, sds ’ seine Vorgänger. Europa aber, das von Humanität triefende, im christlich-moralischen Geiste regierte, das sogar um das Seelenheil der Chinesen besorgt ist, und Friedenskongresse einberuft, schweigt, und mengt sich nicht in die inneren Angelegenheiten eines fremden-Staates, wenn es sich um Juden, handelt. Eingesendet Im Juli dieses Jahres werden es 200 Jahre, dass das jüdische Gemeinwesen in Eisenstadt unter der Aegide R. Samson Wertheimer und R. Meir, Eisenstadt rvmtö n’:a wiederrichtet wurde. Aus diesem Anlasse wird die Herausgabe einer Geschichte dieses Gemeinwesens geplant. Wiewohl bereits eine Fülle interessanten -Materials dem leitenden Komitee zur Verfügung steht, werden doch alle diejenigen Gelehrten des In- und Auslandes, die eventuell Wissenswertes aus alten Urkunden, Büchern, Responsen, Grabsteindaten etc. zur Verfügung stellen können, gebeten, ..diese Daten an das »Komitee zur Herausgabe der jüdisch eh Geschichte Eisenstadts*ihEisenstadt (Kismarton), Ungarn gelängen zu lassen. Hierfür wird im vorhinein der herzlichste Dank, ausgesprochen. Vereins- und Versammlungs- Nachrichten. Voranzeigen. . . Wien. Der Verein jüdtecher Mädchen »Mi r-< jäm“ bringt zur Kenntnis,, dass §önntag..deh' 15. März, 4 Uhr nachmittags, im Kongressbureah, .DE, Törkenstrasse 9, ein Vortrag des Herrn Moritz: E h r 1 i c h über: die /„Megilla. Esther“ stattfinden wird. Gäste, Damen und Herren, willkommen. . Wien. Am Dienstag, den 24. März 1908 findet im Festsaale * des -Hotel- Zentral,' itj 'Tabörstrasse 8, eine geschlossene M a sk enredoute (Purimball) statt, deren Reinerträgnis dem Könditionslosenfonds für jüdische Arbeiter und