Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10 JÜDISCHE. ZEITUNG Sötte 5 'Gg. Böhm bemerkt, •schliesslich, dass solche Krisen nur Eniwicklungskrankheiten io dem schweren .Prozess der Erziehung der Juden hu demokratischer Selbstverwaltung seien und1 uns daher nicht allzu, sehr erschüttern sollten. Gg. Dr. Weisengrün erklärt, die Ursache seines Rücktrittes sei nicht Arbeitsmüdigkeit, sondern die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtig in der Partei herrschenden Geiste. Wenn man auf seine Mitarbeit nicht verzichten wolle, müsse man auch seinen Ideen den Einfluss in der Partei sichern, der ihnen gebührt. Es sei ein schwerer Irrtum, zu glauben, dass die gegenwärtige Situation durch persönliche Konflikte entstanden sei. Die Ursachen liegen viel tiefer. Erstens fehle Unserer zionistischen und jüdischnationalen Partei jede einheitliche theoretische Grundlage. Daraus ergebe sich der Mangel eines klaren Programmes. Und ohne Programm können wir auf die Intellektuellen nicht werbend wirken. Nichtsdestoweniger wohne der Idee eine ungeheure Wer belauft inue. Dies habe sieh bei den Reiehsratswuhlen gezeigt. Dann sei unsere Organisation morsch und faul. Am Prager Parteitage wurde das la-ndeskomitee erschlagen, so dass wir heute keine Möglichkeit haben, eine starke, einheitliche Leitung zu schaffen. Und schliesslich bestehe •in unserer Partei kein Zusammenhang zwischen Programm und Taktik. Jede andere Partei habe eiue prinzipielle Taktik. Dieselben Leute seien heute für radikale Politik, morgen für Kompromiss. Und das Kompromiss wird niobtt nach prinzipiellen, sachlichen Gesichtspunkten, iondera nach persönlichen Motiven geschlossen. Bei vielen unserer Gg. herrsche das Bestreben, eine sog. alljüdische Politik.zu machen, eine Politik, die von vornherein auf ein detailliertes Programm, auf eine grosszügige Taktik verzichte und sich damit begnüge, einige Gruppen reicher Juden zu gewinnen. Und das' iät die gefährlichste und verfehlteste Taktik. Dieser Khilleständpuhkt müsse definitiv aufgegeben werden. Sonst wären wir Ghettozioniste nj so wie es Ghettoasäidiilaihten gibt. Nur eine ganz Meine Gruppe von Gegnern sei überhaupt bereit, mit uns Kompromisse . zu schliessen. Wir müssen, meint Redner, auch nicht vergessen, dass wir schliesslich die Partei der jüdischen Renaissance sind-, dass wir auch in unserer inneren Politik: und in unserem ganzen praktiseh-ziondsischen Gehaben hier au Lahde, deutlich und sichtbar den mutigen, selbstbewussten, seelisch aufrechten Juden hervorkehren müssen. Wenn wir schon nicht jetzt durch unser ganzes Auftreten vorbildlich wirken können, dann hole der Teufel alle Mandatspolitik: Redner schlägt hierauf drei Resolutionen vor, von deren Annahme er sein Bleiben in der Leitung abhängig macht. I. Der ausserordentliche Distriktstag erklärt sich gegen jede opportunistische Taktik. Der ausserordentliche Distriktstag lehnt jede Politik, durch welche die Kampfnatur, die der zionistischen, wie jeder nationalen Bewegung anhaften soll und1 muss, insgerade Gegenteil verwandelt und die der gesamten Partei so notwendige Kamptfesfreude gelahmt wird, von vornherein ab. II. Indem der ausserordentliche Distriktstag auch für unsere Partei das Prinzip der demokratischen Selbstentwicklung.als allein heilsam, ansieht, spricht er eich gegen jede Kompromisspolitik bei .den Wiener Kultuswahlen aus. UI. Bevor sich nicht , eine vollständige Klärung der Situation sowohl nach der zionistischen als der politischen Seite hin vollzogen halben wird, gibt es für einen jeden Wiener Zionisten keine andere Autorität und Leitung, als das i.-ö. D.-K Redner seihliesst wörtlich : „Ieli dringe nicht in Sie, meine Aufträge anzunehmen, ich warne Sie sogar davor, wenn Sie nicht ihrer innersten!,' tiefstem Ueberiseiiguhg entspreeban. Ich brauche kein papierenes :Yerbrauenövortulm für meine Person, sondern rein' Vertrauensvotum für meine Ideen und meine Taktik.“ Gg. Ingen. Stricker (Miitgl. des D.-K.) bedauert den Mangel an Offenherzigkeit in unserer Partei. Der Präsident Wolfsohn habe sich bei seiner Anwesenheit in Wien mit Herrn Marinorek u. a. ins Einvernehmen gesetzt, mit sich über die zionistischen Verhältnisse in Oesterreich zu informieren, statt mit den vorn Kongresse gewählten Vertrauensmännern der österreichischen Organisation. Md aller Deut- , liehkeit müsse ausgesprochen worden, dass Herr j Marinorek nicht mehr das Vertrauen unserer Partei geniesse. Er verweise diesbezüglich auf den Beschluss eines früheren Distriktfstaga^ welcher dies iu unzweideutiger Weise ausgesprochen habe. Redner bespricht hierauf die Ursachen, die zur Separierung der galizisc-hen Organisation geführt -haben und zeigt, dass es auch hierbei au Offenheit 'seitens der galizisehen Gg. gefehlt habe. Er erklärt schliesslich dass er aus denselben Motiven zurücktrete wie Dr. Weisengrün. , Gg. Sitzmahn (Mitgl. d. D.-K.) er- | Märt, dass die Ursachen^ welche die anderen | Mitglieder des D.-K. aur Demission veranlasst« l haben, im grossen ganzen auch für ihn bestimmend waren. Er finde es ausserdem1 für 2-ißhtig, dkss in einer demokratischen Partei eine Gruppe die andere ablöse. Er polemisiert gegen Dr. Weisengrün, der den Mangel einer prinzipiellen Taktik in unserer Partei beklagt. Dies sei kein Mangel. Denn eine Partei müsse I sich die Wege, die zum. Ziele führen, offen 1 haltlen. , •Hierauf wird die Sitzung unterbrochen. von vorneherein festlegen. Man könne auch •Kompromisse schliessen, wenn nur die Prinzipien der Partei darunter nicht leiden. Dr. K a d i s c h (Mitgl. <L D.-K.) : Unsere ganze Organisation sei einer gründlichen Reform bedürftig. Solange nicht ein anderer Zug durch unsre Bewegung gehen wird, wird sie sich nicht ausbreiten. Wir müssten uns bemühen, neue Elemente heranzuziehen, sie national zu erziehen, ihren sozialen Bedürfnissen Rechnung tragen, dann könntrn wir sie für unsere Sache gewinnen. Die Begriffe Koatpro- I miss und Radikalismus, die heute gebraucht wurden, seien Schlagworte. Man müsse den Zionismus harmonisch auffassen. Gg. Koh n (ünitas) wünscht, dass die „Jüdische Zeitung“ zu einem rein nationalen Organ mit zionistischer Beilage umgewamdelt werde. Gg. Stöckel (Bar Kochba) : Die Behauptung, wir hätten mit Bnnmer einen Pakt geschlossen, ist lächerlich. Die politische Be- Nachmittagssitzung. In der Nachmittagssitzung ergreift als erster Gg. Waldmann (Bar Kochba) das Wort. Die Mitglieder des D.-K. seien übel beraten, wenn sie glauben, dass sie nicht mehr das Vertrauen der Majorität der Wiener Gg. gemessen. Gg.-L i e.ht en stein (Kadimah) : Unsere Politik ist in unserem Distrikte vollständig diskreditiert. Das ist die Schuld jeneT, die init ihrem Kopfe gegen steinerne Mauern rennen wollen. Man müsse 'den Gegnern erntgegenkoimmen. Gg. Reich (Z. Z. V.) anerkennt die grossen Verdienste, die sich die Leitung des D.-K. erworben. Das D.-K. habe aber vieles getan, was; s hätte unterlassen sollen, andererseits vieles unterlassen, was es hätte tun sollen. Die Krisis im D.-K. sei durch den Rücktritt Dr. Sehalits ausgebroehen. Und' Dr. Sehalit sei zurückgetre-ten, weil er mit dem D.-K. nicht arbeiten konnte. Die „Jüd. Zeitung“ sei mit mehr Mut als Vorsicht gegründet worden. Baurat Marinorek habe sich unmöglich gemacht. Gg. Dr. Lanzer (Ivria): Das D.-K. sei im Irrtum, wem, es glaube, dass die Ventrauensmärmerversammhimg Abg; -Dr. Mahler zum Chef der ganzen Partei wählen wollte. Dies sei schon formell unmöglich gewiesen. Die gegenwärtige Krisis habe ihre Ursache in dem Mangel an. jeder theoretischen Grundlage. Unsere Leitung habe es' rieh nicht zur Aufgabe gemacht, die Studentenschaft theoretisch zu bilden. Ueber die Demission des D.-K. müsse er seinem Bedauern Ausdruck geben. Redner warnt den D.-T. schon aus formellen Gründen vor der Annahme der dritten Resolution des Dr. Weisengrün. Gg. Hartmann (Z. Z. V.): In den letzten zwei Jahren habe die zionistische Propaganda in unserem Distrikte viel zu wünschen übrig gelassen. Bezüglich des Kampfes gegen d|ie jetzigen Machthaber in der Kultusgemeinde sei er anderer Meinung. ■Man müsse sie gewinnen und nicht bekämpfen. Das Wort Herzls vom „Erdbem“ der Kultusgemeinden sei nicht glücklich gewählt. Gg. Wal tu eh. (Z, Z. V.): Es sei nicht nötig, ein neues D.-K. zu wählen. Aus dem Berichte des D.-K. ist zu ersehen, welch grosse Arbeit es geleistet, weich grosse Verdienste , ‘es sich um die zionistische Bewegung erworben | .halbe. Was Brunner betrifft, sei er auf einem anderen Wege zum Zionismus gelangt als wir. Man dürfe sich nicht auf eine bestimmte Taktik gung müsse m den Händen der Zionisten bleiben. Gg. W i n t e r s t e i n (Ivria) polemisiert gegen die studentischen Vertreter, welche einen Unterschied zwischen dem Radikalismus auf der Aula und in der Politik machen. Er bespricht ausführlich die Affäre Marmorek und dessen Vermittlungsversuche zwischen den Zionisten und Assimil amten iu Galizien. Die Verbindung zwischen politischer und zionistischer Arbeit sei notwendig. Gg. Freundlich (Makkabäa) spricht sich gegen jede Kampromisspolitik aus. Gg. L ö w (Ivria) verlangt die Einbrufung eines Parteitages zur Klärung der Lage. Gegen die dritte Resolution müsse er sieh aussprechetu. Gg. Nathan Gtoss (als Gast) vertritt die Anschauung, dass die Angelegenheit der Kultuswahleni ausschliesälleh in dis Kompetenz des D.-E. falle. Er skizziert die Geschichte unserer politischen Partei, die der russischen Revolution ihre Existenz zu danken habe, bespricht Annm. ausführlich den Zusammenhang zwischen Politik und Zionismus und gelangt zum Resultat, dass er gegen jede Vernachlässigung rein zionistischer Tätigkeit sei. Dr. Weise n g r ü n erMärt, nur dann eine leitende Stellung annehmen zu können, wenn auch die dritte Resolution, gegen welche sich eine Anzahl von Rednern ausgesprochen habe, angenommen wird. Die ans3erordenitikhe Situation fordere ausserordentliche Massregeln. Gg. Löhner (Kadimah): Der heutige Distriktstag müsse sieh, über das zn wählend» Distriktskomitee Mar werden. Es müssten unverbrauchte Männer an die Spitze treten, die den Anforderungen der Organisation gewachsen, wären. Die Resolutionen des Gg. Dr. Wedseugrün seien abzulehnen, da wir als junge aufstrebende Partei nicht in das Fahrwasser der liberalen Partei geraten dürften. Mit papierenen Resolutionen könne man keine Direktiven geben. Die Herren des D.-K., die er als gam* bedeultisame Männerschätze, ‘hätten es nicht vermocht, der zionistischen und! jüdischnationalen Bewegung einen höherem Fing zu geben. Redner schlägt hierauf zehn Herren für da» D.-K. mit Gg. Dr. Zweig als Obmann vor. Gg. Thau (Batr Kochba) : Der heutige Distriktetag habe gezeigt, dass nur 1 oder %. Delegierte dem D.-K ihr Misstrauennur angedehtet, nicht einmal ausgesprochen haben. Es sei daher keine Veranlassung zum Rücktritt. Das D.-K. müsse in weit höherem Masse, als bisher, zionistische Arbeit leisten und sieh mit politischen Angelegenheiten überhaupt wicht befassen. Redner schlägt eine diesbezügliche Resolution vor. . Gg. Osehery (2. Z- V.) appelliert an die Mitglieder des D.-K, ihre Stellen zu behalten, da man kaum einen gleichwertigen Ersatz finden dürfte. Go-- Dr. Kupfer (Theologia).hebt hervor, dass es für dta österreichischen Zionisten keimen Gegensatz zwischen der politischen' und (W zionistischen Arbeit sehen dürfe. Et fordert