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Jüdische Zeitung · 1908-03-06 · 10 (6.3.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
10 (6.3.1908)
Date
1908-03-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG proletarischen Parteien beschäftigen sich jetzt sehr intensiv mit dieser Frage. Der .Bund*, die „aseünisten* rufen jetzt ihre Anhänger zu dieser Arbeit. Jedenfalls geben sie dafür eine eigentümliche Erklärung. So steht z. B. im offiziellen Organe der „Sseimisten“ zu lesen: «Die Gemeindefrage begann die bürgerlich-jüdischen Parteien zu interessieren.“ Die Zionisten und die «Volksgruppe“ haben den Entschluss gefasst sich, aktiv an den Gemeindeangelegenheiten zu beteiligen und -es ist sehr wahrscheinlich, dass sie falls die proletarischen Parteien nicht entgegenarbeiten, mit ihren libeialen Forderungen die Masse an sich ziehen werden, wobei die letztere ganz unter ihrem Einfluss kommen wird. «Dürfen wir abseits stehen und indifferent zuschauen, wie die bürgerlichen Parteien untereinander die Hegemonie über die Masse teilen werden?“ Etwas zynisch, aber doch wertvoll. Denn die Masse ist ja nicht das Proletariat Sie ist eben das, was man „Kol-Isroel“ zu nennen pflegt. Da richtet man mit der Predigt des reinen «prinzipiellen“ und zum Selbstzweck erhobenen Klassenkampfes gar nichts aus. Da wird jüdische Politik getrieben werden müssen, selbstverständlich in demokratischem Sinne, aber nicht in orthodox-marxistisch-proletarischen. Denn die jüdische Masse ist kleinbürgerlich. Und so meinen wir, wird das russische Judentum in der nächsten Periode wahrhaft jüdische Politik treiben d. i. Organisierung der Gemeinden auf demokratischer Basis mit Aufhebung aller Privilegien einzelner Gruppen, Demokratisierung aller Gemeindeinstilutionen und Wohlfahrtänstalten Organisierung der nationalen Schule mit besonderer Berücksichtigung der .national-jüdischen Erziehung und der professionellen Ausbildung; Schaffung wirtschaftlicher Wohlfahrtsanslalten, wie billige Leihkassen, Rohproduktenmagazine für die Handwerker, Ausverkaufsinagazine für ihre fertigen Produkte, professionelle Fortbildungskurse; Entwicklung des jüdischen Theaters und der jüdischen Wissenschaft; Arbeitsnachweis- und Emigrantenauskunftsbureaus. Und vor allem Pflege des nationaljüdischen Bewusstseins und .der-jüdischen Würde. Denn die nationale Würde ist die Unterlage der nationalen Auion’omie. Nationale ... Würde heisst nationale Selbsttätigkeit, Selbstvertrauen, Stärkung des eigenen Willens, das Aufhören der Sklavenmoral, die sich immer der des „Herrn“ anpasst Die nationale Würde kann aber nur durch das nationale «Ich“ gepflegt und entwickelt werden. All das beginnt das russische Judentum nicht nur zu fühlen, sondern auch einzusehen. Eigentlich genommen, findet man heutzutage in Russland keine Assimilanien unter den Juden, mit Ausnahme eines Teiles der polnischen Juden — merkwürdig genug —und unter den jüdischen Sozialdemokraten. Sonst ist alles national geworden, sogar die gestrigen Erzassimilanten, die noch vor kurzem die Zionisten für ihr «Fremdentum“ denunzierten. Auch die Neubekehrten sprechen von nationaler Organisation, obwohl sie die nationale Schule perhorreszieren und obwohl sie alles Heil vom „Herrn“ erwarten, wobei man noch nicht sicher ist, ob dieser «Herr“ die «Kadetten? oder die Proletarier sind. Und da liegt eben die grosse Schwierigkeit: die Einheit fehlt Somit auch die einheitliche Initiative. Die Parteizersplitterung unter den russischen Juden ist heillos. 'Bürgerliche und proletarische, scheinnationalistische, opportunistisch-nationalistische und zionistische Gruppen, alles durch, vielfache Abstufungen und Kombinationen kompliziert, und unten die liierte, totgehetzte, gejagte und geplagte Masse — oh, wie traurig! Und ringsherum finster und schwül, dass der Atem stockt Seine leichte Aufgabe, hier gesundes Leben anzufachen. Und trotzdem muss die Arbeit geleistet werden. Von wein? Und darauf , diktiert das-Lehen hur eine Antwort: von allen wirklich national gesinnten Element ten. Da darf keine Partei » für: sich Pöpula- Nr.-10 rität herausschlagen wollen oder alles geht J zugründe. Und besonders müssen die zynischen Reden von Hegemonie über die Masse aufhören. Denn es handelt sich vor allem Leben überhaupt zu schaffen, das sich erst später differenzieren ^vird. Es handelt sich erst darum die jüdische Nation zu einer bewussten Wirklichkeit zu machen und da gilt es «zusammen marschieren und vereint schlagen“. Die Lage der russischen Juden ist sehr traurig. Der westeuropäische Jude hat eigentlich keinen Begriff von der verzweifelten Lage des russischen Judentums. Politische Rechtlosigkeit, wirtschaftliche Verarmung, moralische Apathie und Verfolgungen ohne Ende — das sind die Grundelemente unserer gegenwärtigen Lage. Was kann da helfen? Die amerikanische Krisis,: hat die Chancen der Emigration sehr verschlechtert und keine Galvestons können da helfen. Vor allem die Selbsttätigkeit der russischen Juden selbst — nationale Organisation! Aber — vielleicht wiederhole ich mich t— wird das westeuropäische Judentum, ganz indifferent bleiben wollen und können?r Nur keine Philantrropie! Aber eia grossjüdischer Gedanke, ein allgemein jüdischer Plan, eine alle Juden, umfassende Weltorganisation! Und dieser Gedanke sollte nicht wieder, .an Golus geknüpft sein und dieser Plan sollte einmal die Judenfrage an ihrer Wurzel erfassen und die Organisation müsste einmal, jüdisches Leben schaffen. Denn Golus ist und bleibt ein Unterwegs, eine Wanderung; die Judenfrage bedeutet die Frage des jüdischen Bodens, des. jüdischen Heims; jüdisches Leben aber bedeutet Unabhängigkeit von-allen — von den schlechten Feinden, aber auch von den „guten“ Freunden, denn jene ' sind Judenkörperpeiniger, diese —Jüdenseelentöter. Ich weiss wirklich nicht, vorwem . sich das Judentum eher schützen sollte. Und wissen Sie — ich glaube an die jüdische Judenpoliti^!. Nicht an die der russischen Juden — •jfi^Jkönnen nur Palliative schaffen, sondern, ajpj' ajg .des Weltjudentums,; Und' deshalb verzwei^e^ich nicht an - der Zu: kunft des russiscHen.'rfuäentums. Nicht dass ich etwa viteles von der Judenpolitik erwarte, nicht einmal von der Jadenpolitik einer demo- 'krafischen ünä .sogar . . ...einer proletarischen Duma, sondern weil ich an den jüdischen Willen glaube. Und diejenigen, die von Assimilation sprechen, .sind eben heissblutige Jungen, die die. Geschichte nach Jahrzehnten :zählen. ‘Öäs jüdische Volk zählt nach Jahrtausenden, Alles ist schon dagewesen : wir hatten J schon Joseph Flavius, aber nach ihm hatten wir einen Jehuda Halevy.? T Eigentlich handelt es sich bei uns um eine Kleinigkeit: wir müssen beginnen nach Jahrtausenden zu 'Harfdeln und nicht bloss zu zählen. Statt passiven Wartens — Judenpolitik — aktives Handeln— jüdische Politik! Parteinachrichten. Ausserordentlicher Distriktstag für Innerösterreich. Ahn 1. März :d. J. fand in Anwesenheit von 30 Delegierten; die 12 Vereine vertraten, ein ausserordentlicher Distriktetag für Inner- Österreich statt.’ ./v ‘ Die V-e r h ä n-.d 1 n ri.g. :; ' Der Obmann des rf.-JL Gg. Adolf R ö h m eröffnet um halb 11 Uhr den Tag.-umcLgibf der Hoffnung Ausdruck, dass er eh^jEid wÄrrdig' vers-' laufen werden wie die Distriktsiäge in den let^-i ten zwei Jahren. Zum Präddenitieax des Distrjktsr. tages wird eodamn Gg' i Max M ark u s/ zum Schriftführer Gg: Alex' GÄhler ’gewählt. ' : ■ Gg. A. B ö h m :teijtiiniiti,*-deasrfa® gamze D.-K. beschlossen habe, die EJippfindjing .bah?,' hMt. 'dgr, Distriktstages nicht mehr in Uebei-einstinmuung zu sein. Nachdem dieses D.-K. mit geringen Persoimlverändemngen fast. 2i/> Jahre im Amte war und. nun unwiderruflich zurüc-ktritt,- gibt Gg. Böhm einen. Uebesrbliek übet die ganize Tätigkeit des D.-K. Zwei Jahre war. der Distrikt ohne .Leitung, welchem Zustande durch Eingreifen des Gg. Markus, der damals dm L.-K. war, ein Ende gemacht wurde. Gg.; Markus war der erste Obmann des D.-K., er führte die Wahlen zum 7. Kongress . durch. In der Obmamnschaft folgt ihm. alsbald Gg. Dr. Isidor M a r g u 1 i e s. Btadner hebt: die grossen Verdienste hervor, die sich dieser Gg. um die Ordnung des Distriktes erworben hat. Er fand ednte volle Desorganisation vor, es gab keinen tätigen- Bürgerveiein mehr. Es wurde der Z i o ni s t ische Z e nt r al ve r e'i n geschaffen, der grosse Aktionen unternahm, wie z. B. die-erste, zionistische P al äst inareise und die Herausgabe der Broschüre: Der politische Zionismus etc. Die regelmässige Zahlung der Parteist e'u er seitens aller Distriktsvereine wurde zum ersten Male von diesem D.-K. durehgesetzt-, die Schekeleingänge um 50 Prozent , erhöht. Die Beschlüsse der Distriktstage drangen auf den Parteitagen zu Prag, Krakau und B i e 1 i t z durch. Den Höhepunkt der Tätigkeit des D.-K. bildete dlie Durchführung des -Kampfes um die Mandate in1 die Kultusgemeinde Herbst 1906. Unsere Kamicidaten erzielten 48 Prozent aller. abgegebenen! Stimmen,, zwei kamen sogar in die Stichwahl. Die Führung dieses Kampfes erhöhte das Ansehen der zionistischen Organisation ganz bedeutend und stärkte unser Selbstbewusstsein. Die Ordnung der Verhältnisse des Wiener NationalfoixMmreaus wurde von Mitgliedern dies Distriktes (Dr. Zweig und Stein) durchgeführt. 'Schliesslich wurde -durch Gründung der „J-tid i s ehe n Zeit u ng‘‘ der Partei ein. Blatt geschaffen,, das massgebende Autoritäten als das beste zionistische Organ, bezeichnen. Redner selbst sei am 1: November 1907 als Nachfolgerdes Dr. Mhrgulies zum Obmann gewählt worden." Wenn, das D.-K. so vieles leisten konnfej So sei:_ das-- demjßjsiem der Tstetigany sa'dilicherf:A!rbe-zb/-- •und der Heiunzieliung aller in der Partei-vorhandenen Kräfte zuzuschreiben, welches Doktor Margulies eingeführt habe. Wenn Bedner -für seine Person jedie Wiederwahl ablehne, so geschehe es deshalb, weil in jüngster Zeit sachliche Differenzen als persön- . liehe aufgefasst wurden. Er wolle durch seinem Rücktritt die Bahn dafür frei machen, dass diite Lösung der Organdsationsfragen aus rein sachlichen Gründen erfolge. Ferner seien anlässlich der Wahl eines Obmannes des Natiomalvereines die Vertreter des D.-K. offensichtlich umgangen wofdten und ihre Meinung blieb.umgehört. Soliliesslieh sei zwar erfolgt, was das D.-K. geraten hatte, es wurde ein provisorisches Komitee gewählt, aber vorher war versucht worden, eine Persönlichkeit zum Präsideniben, des Nationalvereines zu wählen, die war von allen hochgeschätzt werde, die aber bezgl. der von der Partei zu befolgenden Taktik nicht beruhigende Erklärungen abgab. - Es habe sich dabei gezeigt, dass in der Partei starke Neigungen zu einer Komp romisstaktik vorhanden wären, welche Bedner, wie das ganze D.-K. aufs schärfete bekämpfen müsse. Gg. Böhm glossiert die Art und Weise, wie man Führer- „wählen“ wolle, ohne sich um deren Programm uiid Taktik zu kümmern und sagt: Führer vrfrdl nian nicht durch Wahl, aum Führer wird nian gehören, (lg. Böhm bemerkt, flasa er auch darum von den Agenden des D.-K. enthoben, sein wolle, weil er sich anderer zionistisciier 'Arbeit, liaanenltlidi der ' Palästi-napropagahda,. widmen wolle. **; “-^Redner. -wirft-einem . Teil der. Studeyrten -KompnomisstaMikza nrfg^^imdlfdcjit^iM^^eiimn-jwayuLeu Appaflj gefallen. sei: die zioimtyschg' aujgh'.izipi n;,{. durch neifriges: ßttäben^' -V/.;

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