Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 10 (6.3.1908)
- Date
- 1908-03-06
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 sichert. Sie wagen keinen Vorstoss mehr und zahlen sogar Abgaben an die Regierung. Das. Ostjordanland war im Altertum — schon zur Zeit des König David — sehr dicht besiedelt, wovon eine unabsehbare Zahl von Stadtruinen, Wasserleitungsbauten, Zisternen etc. Zeugnis ablegt. Heute wird die Bevölkerung dieses Gebietes auf 3 bis 400.000 Menschen geschätzt, die hauptsächlich in der Hochebene zwischen Jordan und El Nukra (das Basan der Bibel) ihren Wohnsitz haben, von denen aber ein grosser Teil noch nicht als dauernd sesshaft an gesehpn werden kann, da dieNeigung, wieder zum Nomadenleben zurückzukehren, in dieser Bevölkerung latent ist Südlich davon ist das Land fast menschenleer. Zweifellos könnten im Ostjordanland noch Millionen Ansiedler Platz finden. Jene Teile dieses Gebietes, die nicht unter unerträglicher Hitze leiden, erscheinen geradezu als ideales Kolonisationsland für Juden. Die ßodenpreise sind äusserst gering, das Land ist zu extensiver Wirtschaft (Körnerbau und Kleinvieh-, namentlich Schafzucht) geeignet, welche verhältnismassig geringeres Kapital und weniger Erfahrung erfordert, als intensiver Betrieb. Gleichzeitig aber ist die Möglichkeit, zu diesem überzugehen, gegeben, denn ebenso wie in den westlich gelegenen Küstengebieten, gedeiht im Ostjordanland Oelbaum, Mandel, Feige, Wein etc. Die Fruchtbarkeit und Ergiebigkeit des Landes stellt an die Arbeitsleistung des Menschen keine übermässig hohen Ansprüche und schliesslich ist seit Ausbau der Mekkabahn, die erst in jüngster Zeit erfolgte, und durch ihre Verbindung mit dem Meere (über Haifa), die Möglichkeit des Exportes vorhanden. Der Gedanke, dass die zionistische Kolonisationsfähigkeit unter günstigen Bedingungen ihren Anfang nimmt, zaubert verlockende Bilder vor unser geistiges Auge. Wir wollen uns ihnen nicht hingeben, denn schon viel zu viel, mehr als es erlaubt gewesen wäre, haben wir Zionisten unserer Phantasie die Zügel schiessen lassen. Polit k ist eine nüchterne Sache. Sie erfordert einen kühlen Kopf und eine eiserne Energie. Mit romantischer Schwärmerei allein besiegt man nicht unendliche Schwierigkeiten. Zionismus, werde hart! möchte man rufen. Immerhin aber erscheint mir diesmal das Echo, das eine Gründung, wie die Development Company, in unseren Reihen erweckt hat, als ein zu schwaches gegenüber ihrer ungeheueren Bedeutung, Das zeigt sich auch in den Zeichnungen. Für die Bank wurden seinerzeit im Laufe weniger Wochen vier Millionen Francs subskribiert, für die Development Company bisher erst dreissiggründete. Anstatt des Modergeruches vergilbter Blätter und des Dunstes von Wachskerzen erhalten wir jetzt den Duft der Blumen Palästinas. Auf einmal hat sieh das nicht verändert. Es bedurfte erst einer langen Entwicklung. Von Erde und Sand ging man zu getrockneten Blumen über, deren Wert darin bestand, dass sie aus Palästina waren. Allmählich entstand ein jüdisches geistiges Zentrum’ und dieses Zentrum benötigte ein eigenes literarisches Organ. Der Ha’omer ist das Organ dieses Zentrums. Man spürt wohl auch noch im Ha’omer den Geist der Reliquien. Doch überwiegt der gesunde, kräftige Lebensgeist. Der ganze belletristische Teil des soeben erschienenen zweiten Heftes „Naclilese“, „Aus Eisenstadt“, „Ueber Keller und Stall“ von Judith Eisenberg, „Dje Regentage haben aufgehört“ von Ch. L. Sito, „Die Beduinen“ von Goldfarb, „Habaeher“ von M. Wilkonski, „Ueber das Leben der spanischen Juden“ von J. Sdhoni kann man eigentlich nicht als Belletristik betrachten. Keine Probleme und keeme künstlerische Bearbeitung. Und doch weht aus diesen Arbeiten ein Zug, der uns zwingt, sie zu wiederholten Malen zu lesen. Das ist das lebendige und elastische Hebräisch und der Duft von Erde und Arbeit. Wir fühlen, dass 3ia gegenwärtige hebräische Literatur Palästinas nicht bipes einen Teil der allgemeinen tausend.*) .Die Ursache hierfür liegt darin dass die Bedeutung der neuen Gründung noch nicht genügend gewürdigt worden ist. Es kann daher nicht oft und nicht nachdrücklich genug ausgesprochen werden, dass es sich bei ihr um nichts geringeres handelt, als um den Beginn der zionistischen Kolonisation! Von dem Momente, in welchem die neue Gesellschaft ihr Werk beginnen wird, - und er ist nicht fern, - wird eine neue Epoche nicht nur des Zionismus, sondern der Geschichte des jüdischen Volkes datieren. Wohl gab es schon früher eine Kolonisation von Juden in Palästina, sogar eine solche, die in der Begeisterung für die nationale Regeneration ihre Triebkratt hatte — mit dieser Gesellschaft aber nimmt das durch die zionistische Organisation repräsentierte jüdische Voik die Sache der Kolonisation Palästinas selbst in die Hand — fest im Wollen und klar im Ziele! Das ist die ungeheure Bedeutung dieser Gründung. Möge sie allen Zionisten bewusst werden! Mögen alle darin einen Ansporn finden, das ihrige zu diesem bedeutsamen Werk beizutragen! Die Judenpolitik in Russland. Von Dr. Daniel Pasmanik, Genf. II. Was wir behaupten ist folgendes : die rechtlich-politische Emanzipation der Juden ist ein mechanisches Resultat des Rechtstaates. Die nationalpolitische Emanzipation der Juden kann nur ihrer eigenen Hände Arbeit sein. Jüdische Politik ist national-politische Tätigkeit und keine andere. Auf diesem Gebiete gehört alles — Initiative, Machtentfaltung, Zwecksetzung und Zielverwirklichung — ausschliesslich den Juden; eben deshalb ist es jüdische Politik. Aber auch da herrschen unter den russischen Juden verschiedene Meinungen, sogar . unter denjenigen, die nicht gewillt sind, die Judenfrage mit der formal-politischen Gleichberechtigung j zu vtrquieken und die begreifen, dass die Juden auch eine Nation sind. Die einen meinen — die überwiegende Mehrheit — nur der demokratisierte Staat *) Die Development Company beabsichtigt bereits am 1. April mit der Arbeitin Palästina zu beginnen. Dies wird jedoch nur dann möglich sein, wenn noch wenigstens 1000 b i s 2 0 00 P f u n d S t e r 1 i n g gezeichnet werden. Sonst geht eine ganze Saison verloren. hebräischen Literatur, der ein Lokalkolorit an sieh hat, darstellt, sondern dass die Palästina- Literatur die Keime einer zukünftigen sowohl an Sprache als auch an Geist echten, hebräischen Literatur in sich trägt. Der publizistische Teil ist recht beachtenswert. Speziell verdienen Dr. Klausners Artikel „Palästina und die jüdische Umwälzungsepoehe“ und M. Smiiianskis Abhandlung „Der praktische Zionismus und seine Taten in Palästina“ gelesen zu werden. 1. w. Allerlei. Die luden im Sudan. Der Cbacham Baschi von Alexandrien hat in Begleitung Jseines Sekrtärs und eines Mohels eine Inspektionsreise nach Chartum angeireten, um in der Hauptstadt des Sudan eine jüdische Gemeinde zu organisieren und den ersten Rabbiner derselben, der zugleich die Fu< ktionen eines Mohel zu versehen haben wird, zu installieren. Während der letzten Jahrzehnte hat sieb eine grosse Anzahl Juden aus Alexandrien und anderen Teilen Aegyptens im Sudan angesiedelt und daselbst gross» Handelszentren gegründet Ihr» Familienmitglieder folgten ihnen, und so entwickelte sich ans dieser recht ansehnlichen Kolonie bald eine jüdische Gemeinde. Ein Hans wurde für Pyoagogenzwecke gemietet, eine Sefer Thora besorgt, allsabbailich fand regelmässiger öffentlicher Gottesdienst statt Es fehlte ihnen jedoch noch ein Rabbiner, an den sie sich in rituellen Fragen kann die national-politischen Bedürfnisse der Juden befriedigen. Der Grundgedanke ist der: die demokratische Duma wird allen Nationen und auch der jüdischen einen nationalen Landtag — „Sseim“ oder .Nationalversammlung“ zuerkenner, dem sie gewisse Machtbefugnisse erteilen wird, wobei wir jetzt alle Auseinandersetzungen über den Umkreis dieser Machtbefugnisse ausser acht lassen. Es ist also, mit einem Worte, die Lösung der nationalen Frage von oben herab. Die anderen meinen — die kleine Minderheit — wie es auch mit den anderen Nationen sein mag, die jüdische Nation muss ihre nationalpolitische Tätigkeit von unten auf beginnen — d. i. durch freiwillige Organisation der Gemeinden, aus denen heraus der Gemeindebunri mit dem Naiionalrat sich entwickeln würde. Und meine tiefste Ueberzeugung geht dahin, dass nur die letzte Eventualität gangbar ist. Schon aus einem einfachen Grunde. Wenn di konstitutionelle Duma noch in weiter Ferne liegt, so haben wir jedenfalls noch sehr lange auf eine demokratische Duma zu warten, die gesonnen wäre die nationale Frage in demokratischem Sinne zu lösen. Ich gehöre jedenfalls zu den Skeptikern, die nicht einmal von einer demokratischen Duma in bezug auf die nationale Autonomie der Juden vieles erwarten, denn alle Demokraten werden stumm oder gehässig, sobald von der jüdischen Nation die Rede beginnt. Da bekommen wir einmal das Lied von der Assimilation der Juden, oder aber — vom reaktionären Charakter des . . . Nationalismus zu hören. Aber eins ist jedenfalls sicher, auch diejenigen, die alle ihre Hoffnungen in eine demokratische Dunia setzen, müssen doch zugeben, dass unser Verlangen nacti nationaler Autonomie, umso leichter durchzuiühren sein wird, je organisierter und national-gestärkter wir in jenem Momente sein werden. Das fühlen ja jetzt die jüdischen Nationalisten O sterreichs am besten. Würden die österreichischen Juden während der letzten vierzig Jahren an ihrer nationalen Organisation gearbeitet haben, es wäre nicht vorgekommen, dass hei der le zten Wahlreforni die Juden vollständig übergangen wurden. Wer was hat, bekommt mehr, wer nichts hat, bekommt nichts. Und ebenso ist es mit den russischen Juden. Tatsächlich mehren sich die Anzeichen der erwachten Selbstbetätigung der russischen Juden. Fast alle jüdischen Parteien predigen jetzt die Reorganisation der jüdischen Gemeinde. Nicht bloss die Zionisten und die kleine Gruppe der Dubnowisten, sondern auch die jüdischwenden könnten. Noch mehr j-*doch machte sich der Mangel eines Mohels fühlbar. Die wohlhabenden Juden brachten ihre Neugeborenen nach Kairo, um sie innerhalb der vorgeschriebeuen Frist in den Bund Abrahams aufnehmen zu lassen; diejenigen jedoch, die sich eine solche Reise aus irgendeinem Gründe nicht leisten konnten, mussten die Circumcision auf spätere, ge-ignetere Zeit aufschieben. Um diesen Uebetständen abzuhelfen, hat sich Oberrabbiner Hazan jetzt nach Chartum begehen. Er bat die Absicht; auch einige Tage in der Stadt As-Souar, wo eine kleine jüdische Gemeinde mit eigener .ständiger Synagoge besteht, zu verweilen, und die Ii.sel Etephantine, auf welcher die interessanten aramäischen Papyri gefunden worden sind und weitere Ausgrabungen vorgenommen werden, zu besuchen. Auffindung biblischer Manuskripte. Iu einer der letzten Nummern der „Döüats“ beuchtet M. Gaston Vligeon von einer letztes Jahr erfolgten Auffindung echter biblischer Ma uskripte. In Verbindung mit M. Charles Freer fand er in den Ruinen von Akuim in Oberägypten verschiedene durch Kanfleute von Gizeh gesammelte Manuskripte. Eine eingehende Prüfung durch amerikanisch» Bibelgelehrte ergab, dass die Manuskripte aus dem vierten, fünften und sechsten Jahrhundert stammen. Das erste enthält das Bu -h Josua, das zweite die Psalmen und soll vollständiger sein als das vatikanische Manuskript Das dritte enthält die vier Evangelien, und das vierte die Episteln. M. Freers Manuskripte sind umfangreicher als. die bekannten alexandrinischen Texte im British Museum. W .