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Jüdische Zeitung · 1908-02-28 · 9 (28.2.1908) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 9 Seite 7 die aschkenasisehen den Anstalten des Hilfsvereines ihr Vertrauen schenken. Mit grossem Interesse nahm der Ausschuss Kenntnis davon, dass durch Vermittlung des Herrn Dr. Nathan der langgehegte Plan betreffend die Begründung der Dr. Salvendi Musterfaritl realisiert worden ist, wodurch für die Hebung der Landwirtschaft und Bodenkultur in Palästina und die Ausbildung von jüdischen Kolonisten ein Schritt vorwärts getan worden ist. Auf der Musterfarm werden voraussichtlich auch in ^Übereinstimmung mit dem Frankfurter Verein zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina die Zöglinge des Lehrerseminars, die während der Schulzeit theoretische landwirtschaftliche Kurse hören, in ihrer Ferienzeit praktische Unterweisung erhalten. Herr Dr. Nathan gab darauf einen Bericht über die Verteilung der Summe, die der) gesell äftsführende Ausschuss ihm zur Linderung der wirtschaftlichen Kotlage und Teuerung in Palästina zur Verfügung gestellt hatte. Alsdann wurde das Budget für Palästina für das Schuljahr 1908/09 festgestellt. Die Budgets eines Teiles der Anstalten des Hilfsvereines resp. der von ihm subventionierten Institute wurden zwecks weiterer Ausgestaltung erhöht und eine Reihe von Xeubewi 11 igungen vorgenommen — u. a. wurden Mittel für eine Ko- | loniesehule bewilligt — womit der erste Schritt vom Hilfsverein getan ist, auc-h in den Dörfern Schulen zu errichten. Von anderen Bewilligungen sei noch er- | wähnt, dass Fonds zur Errichtung oder Unterstützung von Analphabetenkursen in Galizien, sowie Mittel zur Beschaffung von Unterrichtsmaterial für die Schulen des Vereines Oultura in Bukarest zur Verfügung gestellt wurden; ferner erfolgten Bewilligungen zugunsten von Schulen in Bulgarien, und endlich wurde auch ein Beitrag zur Unterstützung an Schulen in Saratow, Russland, angewiesen. Korrespondenzen. Mauschi auf Kriegspfaden. Wien. Die urteutonisehe Verbindung „Fidelitas“ verweigerte einigen Mitgliedern der jüdisch-akademischen Verbindung „Makkabaea“ Satisfaktion. Die Jüdischnationalen, die sioli die Genügtuung nicht rauben lassen wollten, erwarteten die Herren am Samstag vor der Universität. Und Mausohl erschien kriegsbereit, mit Kjniittolin und Bummlern bewaffnet. Vorher schon hatte er den Rektor veranlassen, wollen, die J üdischnationalen durch Drohungen von ihrem Vorhaben ahzuhringen. Nachdem dies aber nicht gelungen war, mussten die heldenhaften Fideliten einsohen, wie kläglich die Rolle der edlen Germanen mit gekrümmten Xasen den. Malckabaern gegenüber ist. Die grünen Kappen deckten den Kot <ler Strasse und die Gesichter dieser Herren strahlten in den jüdischrationalen Farben (blaue Flecken auf weissem Grunde). Mausohl nimm dich m acht und sprich anderen die Ehre nicht ab, die du . . . Koch einige solche Szenen, noch einige solche Stürme und die judäo-gennämisehe Eiche fällt unter den „Makabaerstreiohen“ in ihr Nichts zusammen! Galizien. „Schöne Seelen finden sich." Lemberg. Als Kandidat der Stadt Lemberg tritt 'Unter vielem anderen auch der allgemein bekannte Antisemit und Erz-Katholik, der berüchtigte Begründer des judenfrcsseriselven Blattes „Goniec polski“, der Förderer aller katholischen Vereine unserer Stadt Lemberg, Professor Dr. Ludwig R y d y g i e r auf. Derselbe hatte die Unverfrorenheit, sich auch an jüdische Kaufleute, Aerzte, Advokaten usw. mit der Bitte zu wenden, sie mögen ihre Unterschrift unter einen Aufruf setzen, welcher seine JUDIS.C11F. ZK1TUXG Wald empfiehlt. Manche kriecherische Seelen, Feiglinge und sonstige politische Xullen folgten dieser Aufforderung. Ihnen gesellte sieh auch an erster Stelle Dr.Jeeheskicl C ar o, fortschrittlicher Rabbiner von Lemberg, zu. Welch innere Herzensgefühle oder welche politische Motive ihn zu" diesem Schritt:* veranlasst haben mögen, ist schwer zu erraten. Xacli den verschiedenartigsten Beweisen von Selbstentwürdigung. die von gewissen Juden in Galizien bereits gegeben worden sind, kann das nicht wunderneluiien. Für solche Juden ist der Antisemit auch der richtige Vertreter — nur er schätzt sie richtig ein! W'ie sagt doch ein deutscher Wahlvers? „Kur die allergrössten Kälber wählen ihre Metzger selber!“ Eine Silhouette. Lemberg. Folgende ergötzliche Beschreibung des „gemässigten Israeliten” aus Tamopol, Abgeordneten Rudolf Gail, die ein polnischer Journalist Lni Petersburger „Kraj” veröffentlicht lvat. macht jetzt durch alle galizisc-lien Blätter die Runde: .Rudolf Ball* Er besass eine Dampfmühle und Sieinbrfiche, ein schönes Gut und viele Häuser — und lebte rnhig in der Nähe Tarnopols, genoss ruhig, aber umso intensiver den Ertrag seiner Besitzungen und beschäftigte sich nicht mit dem Wohle seiner Mitbürger. Er bewahrte sich einen umso freierem Sinn, als sein Gehirn durch keine allzu grossen Kenntnisse beschwert war, die Kunst des Lesens and Schreibens hatte er sich jedoch einigermassen angeeignet. Da kam wie ein Blitz ans heiteren Himmel das allgemeine Wahlrecht^ Die Ehre der nationaldemokratischen Partei erheischte es, dass in Tarnopol, der viertgrössten Stadt Galiziens, einParteikandidat aufgestellt werde.Dochwehe! Es fand sich kein geeigneter Mann. Nichtats ob eskeine Ehrsüchtigen gegeben hätte! Aber keiner besass die entsprechenden Eigenschaften. Denn ein Kandidat in Tarnopol musste mit der polnischen, rnthenischen und jüdischen Bevölkerung nicht nur rechnen, sondern ihr auch gehörig zahlen. Da sprach jemand in dieser Bedrängnis den Namen Rudolf Gail ans. Man entsandte zu ihm Vertrauensmänner: Werter Gail rette! Werde Allpole und nimm das Mandat an! Du kannst zwar nicht p'doisrh sprechen, dafür aber kannst du noch weniger deutsch, Dn hast somit wenigstens negative Eigenschaften. Herr Rudolf liess sich überreden. Er kam, zahlte und siegte. Es kostete zwar viel — aber das Mandat war erobert. Da ereignete sich während der Wahlkampagne ein unangenehmer Zwischenfall. Das offizielle Korrespondeozbnrean in Lemberg, dem es nicht bekannt war, dass Gail ein Allpole geworden, wusste nicht wobin es ihn einreihen sollte. Ohne laDg zn überlegen, gab es ihm die Etikette : Gemäszigter Israelit-Diese Bezeichnung erregte in der deutschen Presse Heiterkeit Herr Gail aber ward ein treuer Nationaldemokrat nnd trägt nach seinen Kräften zürn Ruhme seiner Fraktion bei. Andere können reden, er versteht zn schweigen. Er machte sich ausserdem dadurch verdient, dass er über eine Million an einer Getreidespekulation in Berlin verdient hat.“ Zu den Landtagswahlen in Galizien. Brody. Samstag den 22. Februar wurde die Agitation für die Kandidatur des Herrn Dr. Markus Braut! e begonnen. In einer zahlreich besuchten Wälilerversaminhvng referierten die Herren D. Sehre i he r und Dr. F. VVasehitz aus Lemberg. Die Redner schilderten die antisemitische Wirtschaft des galizischen Landtages, resp. Landesausschusses: sie charakterisierten die Untätigkeit, der bisherigen sogenannten jüdischen Vertreter und forderten die jüdische Bürgerschaft der Stadt Brody auf, auch bei den Landtagswahlen ihre Unerschrockenheit, ihren Mannesmut und warme jüdische Gesinnung zu bekunden und einen wahren jüdischen Vertreter in den galizisehen Landtag zu entsenden. Die* Ausführungen der Redner fanden überaus beifällige Aufnahme. Die Kandidatur des Herrn Dr. B r a nde wurde von der jüdischen Bevölkerung mit Begeisterung aufgenommen. Der Versammlung präsidierte Herr Paul B r a f f, Herr Täubin (Pole) und Herr Pawliuk (Ruthene). Als Sekretär fungierte Herr Jonas Levin (jüdischer Sozialdemokrat). — Sonntags fand die zweite Versammlung Statt, auf welcher Herr Dr. Leon Reich referierte. Auch diese Versammlung war überaus zahlreich besucht. Für Dienstag wird hier die Ankunft des Kandidaten Doktor t Markus. Bra ude in Begleitung des Reiehsj ratsabgeordneten Adolf Stand erwartet I a. k. Russland. Ausweisung eines eineinhalbjährigen Kindes. ' Moskau. Ein lehrreiches Beispiel aus der ■russischen Verwaltungspraxis wird uns mitgeteilt: Ein kinderloses jüdisches Ehepaar, das in. Moskau das Wohnrecht, besass, hatte vor einigen Monaten ein Kind adoptiert und diese Adoption wurde gerichtlich dnrcligefüihrt. Vor einigen Wochen starb der Mann und tags darauf kam eine Polizeiverordnung, das Kind, welches 1 •/_> Jahre zählt, atiszuweisen. Da es aber krank war, liess sich die Polizei dazu bewegen, dem Kinde bis zur Gesundung den Aufenthalt in Moskau zu erlauben. Nachher müsse cs aber die Stadt verlassen. Diesen* Vorfall wirft ein grelles Licht auf die finsteren, mehr ah barbarischen Zustände, die im heiligen russischen Reiche herrschen. Man kann sieh übrigens nicht wundem, dass Kinder a.usgewiesen werden, während der Pogrome wurden sie hingemordet. Undurchführbare Projekte. St. Petersburg. Das Komitee der jüdischen Volksgruppe hat im Vereine mit den jüdischen Dumaabgeordneten eine Anzahl von Vorschlägen zn den Gesetzentwürfen über die Religionsfreiheit und Sonntagsruhe ausgearbeitet, die in der Duma von den jüdischen* Abgeordneten vorgebracht wprden sollen. Diese Vorschläge sollen die speziellen jüdischen Interessen schützen. Gb sic* aber berücksichtigt werden — wer ist so naiv, daran zu glauben? Elf jüdische Soldaten angeklagt. St. Petersburg. Elf jüdische Soldaten wurden revolutionärer Umtriebe wegen angeklagt. Denunziert wurden sie von einem jüdischen Kameraden, der aber russisch-patriotisch ist. Man sieht, wohin der Patriotismus eines Assimihinten führt: zur Denunziation! Um sich in günstiges Licht zu stellen, verleumdet und verrät man. Die Anbieddrungssucht unserer Fahnenflüchtigen und jüdischen Antisemiten hat in dem Benehmen des denunzierenden Soldaten ihre letzte Konsequenz und ihren deutlichsten Ausdruck gefunden. .Mit Anbiederung beginnt es, in Abneigung artet es aus, um schliesslich zum widerlichsten jüdischen Antisemitismus zu führen: der Entwicklungsgang so manches „Karriere-Juden“. Eine Dumadebatte. St Petersburg. In der Debatte über die terroristischen Akte in der Duma wurde ein langes und breites gesprochen, bi» schliesslich die gesamte Rechte entdeckte, dass die Juden au allem schuld seien. Abgeordneter Kelepowski erwähnte als erster die „Fremden”'. Der nächste Redner Sasanovicz sagte schon „Juden“ und stellte die Behauptung auf, „die Revolution in Russland sei von der Alliance Israelite angezettelt*'. Der geniale Gedanke wurde mit Beifall quittiert. Der nächste Orator ein „Echt-Russischer“ reklamiert die Entdeckung, dass die Juden die Schuldigen seien, für seine Partei. Er wollte nun von seinen | Verdiensten um die Veranstaltung der Pogrome sprechen. Der Vorsitzende unterbricht ihn aber schleimigst: „Väterchen, ich bitte dich, darüber zu schweigen, das gehört nicht hierher** . . . Eine jüdisch medizinische Wochenschrift. Odessa. Vor einigen Tagen erschien die erste Nummer einer jüdisch-medizinischen Wochenschrift, die sieh hauptsächlich die Bekämpfung der speziell unteT den Juden herrschenden Krankheiten zur Aufgabe gemacht hat. Die Gründung ist auf das lebhafteste zn begriissen, doch wäre zu wünschen, das Augenmerk vor allem auf die jeder Hygiene spottenden Zustände im jüdischen AnsiedInngsravon zu richten. Ursachen der Emigration. Odessa- Das Informationsbureau für die jüdischen Emigranten/ in. Odessa veröffentlicht jetzt den Bericht über das Jahr 1907, dem wir folgendes entnehmen: Ans Odessa wandern monatlich 300 bis 350 Personen aus. Die Ursachen, welche die ßnugralüon hervorrufen, sind folgende: Aus Angst vor Pogromen emigrierten

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