Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 8 JÜDISCHE ZEITHEG Nr. 9' W 427: der Einladung von Verwandten folgten 396 Personen: infolge von Arbeitslosigkeit ver- Eessen 211 Emigranten die Stadt; der Wunsc-h s i c h m i t L a n d w i r t s e b a f t zu beschäftigen voran lasst« 522 zur Auswanderung usw. 2913 Emigranten gaben als Reiseziel Kiew-York an, 219 zogen nach Philadelphia, nach anderen amerikanischen Städten 412; nach Argentinien 347; nach Kanada 292. Leiden dsr marokkanischen Juden. Marokko. Wie .bekannt, haben die Franzosen in Settat eine Anzahl Juden angetroffen, von denen etwa 80 unter französischen Schutz 6ieh gestellt haben und von einer französischen Abteilung nach Casablanca geleitet werden sind. Der Vertreter der ..Alliance israelite universelle“ in Casablanca, Herr Pisa, hat an den Vorsitzenden der Allianz einen Biief geschrieben, aus welchem Näheres über die Episode zu ersehen ist. Darnach hat der französische Konsul am S. Februar Herrn Pisa eine Depesche des Generals d'Amade miigeieHi, in der es heisst: „Achtzig Israeliten von Settat sind unter französischem Schutz auf dem Wege nach Casablanca; treffen Sie Vorbereitungen zu ihrer Aufnahme.“ Der Konsul, Herr Malpertny, sicherte sofort das nötige Brot zu und mit Hilfe des israelitischen Lokalkomitees traf Herr Pisa die Vorbereitungen zur Aufnahme der Flüchtigen. „Heute Früh um 11 Uhr,“ meldet sein vom 9. Februar datierter Bericht, „sind , i«, 135 an der Zahl, in kläglichem Zustand angelangt. Die Männer sehen aus wie Gespenster, die Haare struppig, der Bart ungepflegt, in .^chmnizige Säc-ke gehüllt, teilweise nackt, die Füsse geschwollen, die Frauen notdürftig in ein Stück farblosen Gewebes gehüllt, an den ausgetrockneten Brüsien halbverhungerte Kinder. Unmöglich, jung und alt von einander zu unterscheiden, so sehr hat das Elend sie gleichgemacht. Wir bereäteten ihnen ein Strohlager, geben ihnen Wasser, bieten ihnen Brot und Orangen, und hörten den Bericht über die Schrecknisse, denen sie seit Monaten ausgesetzt gewesen sind.“ Auf die Frage, was aus den anderen Israeliten geworden sei. deren es in Settat und in den Dörfern doc-h mindestens Tausende gegeben habe, und von denen jetzt nur 150 vorhanden seien, wurde der Bescheid gegeben: „Wir wissen es nicht. Viele sind in Casablanca bei ihren Verwandten, andere sind jenseits der Berg«, und sicherlich viele unter den Arabern." Der Bericht sehliesst:' „Es kann nicht davon die Rede sein, die Flüchtlinge zu repatriieren. Wir organisieren das Hilfswerk geben ihnen Kleidung und Nahrung, und dann wollen wir für sie Unterkunft und Arbeit suchen, so dass sie sich unter die Bevölkerung mischen. Ich appelliere andre Grossherzigkeit des Zentralkomitees, dass es den Unglücklichen Hilfe schicke.“ Die Direktion der Allianz hat Herrn Pisa sofort 500 Francs zur Verfügung gestellt und weitere 2000 Francs nach Marrakeseh geschickt, wo die Li ge der Israeliten gleichfalls überaus misslich ist. Der Rechtstaat Rumänien. Bukarest. (Korr, der „Jüd. Ztg.“) Die Lage der Juden im Distrikte Dorohoiu wird von Tag zu Tag trauriger. Wiewohl der Militärskandalprozess Ma raseseu nach der Antisemiten Wunsch und Willen, trotz der erdrückenden BetvoisJast mit dem Freispruc-he des Henkers in Uniform geendet, halten sieh die rachsüchtigen, bornierten Judenfresser in den Kopf gesetzt, es „den Juden dennoch heinrauzahien“, weil sie es gewagt, über die bestialischen Misshandlungen des berüchtigten Soldatensehinders Maraseseu an kompetenter Stelle in Bukarest Klage zu führen. In Stadt und Land des Bezirkes Dorohoiu wird seit Wochen ein Kesseltreiben ohnegleichen inszeniert. Der ganze antisemitische Apparat idt in Bewegung gesetzt, das lichtscheueste Gesindel wird aufgebetzt und die Arrangeure dieser Mache sind' — so unglaublich es Idingen mag — der B ii r - germeister Dorohoius, Advokat Maren, und der Präfekt des Distriktes, Herr Manoliu! Beide Herren entwickeln eine „Tätigkeit“, wie die seligen Bezirkspaschas von anno dazumal, und die „Anwendung der Gesetze“ gestaltet sich in den Händen dieser verworfenen und geldgierigen „Amtsträger“ zu einem Mechanismus unendlicher, speziell gegen die Juden gerichteter .Schikanen und Torturen. Täglich werden neue Adtainistrativmassregeln gegen die Juden erlassen und selbst die „königlichen Beamten“ scheuen nicht davor zurück, in öffentlichen Versammlungen Hetz- und Brandreden gegen die Juden zu halten! In grimmigster Kälte werden d i e '• jüdischen Dorfbewohner mit Weibund Kind von Haus und Hof vertrieben und nur die zahlungskräftigen jüdischen Gutspiiehter, welche für die königlichen Beamten aller Kategorien stets von neuem unerschöpfliche Quellen von Nebenverdiensten bilden, erfreuen sich naeli wie vor einer behaglichen Ruhe auf dem Laude. Für die Reichen gilt also noch Schonzeit; ob sie lange währen wird, ist zweifelhaft. Im allgemeinen ist das Mass der Unterdrückungen bereits voll und sollte binnen kurzem kein Wechsel in der Dorolioiuer Kommunalverwaltung und in der ^Präfektura“ erfolgen, dann wird sich die Lage der Juden, daselbst katastrophal gestalten. Ghettojuden. Die „Arbeiterzeitung“ fühlt von Zeit zu Zeit das Bedürfnis, ihre antisemitische Haltung zu rechtfertigen. Sie tut dann so, als ob sich dieser »nur“ gegen eine gewisse Schicht von Juden, jene charakterlose Gesellschaft von Parvenüs und Protzen richten würde, welche bar jedes inneren Haltes sich an diesen Mächtigen des Adels der Krise und des Staates in würdelosester Weise anzubiedern versucht In ihrer letzten Sonntagsnummer brachte sie eine Notiz, die wahrscheinlich nur dem Schmerz ihre Entstehung verdankt, dass die reichen Juden nicht die Kassen den Sozialdemokraten allein, sondern auch die der Klerikalen füllen. Immerhin ist die Bemerkung, Bass diese Juden noch im — geistigen — Ghetto leben, eine sehr richtige. Man sollte meinen, dass die »Arbeiterzeitung“, welche dafür so feines Verständnis hat, für die Bestiebungen unserer Partei, welche diesen Ghettostandpunkt aufs schärfste bekämpft, auch Verständnis entgegenbringen sollte. Aber wie oft hat sie uns Ghettosehnsucht vorgeworfen. Nachstehend die erwähnte Notiz : Modernes Judenschutzgetd. Selbstverständlich hat sich der klerikale Geschäftsgeist sofort des Kaiserjubiläums bemächtig und die klerikalen „Kindersehutzstationen“, die sich von der Gemeinde aushalten lassen, um, indem sieKinderachutz betreiben,’ die Seelen der armen Kinder für den richtigen Himmel vorzubereiten, haben beschlossen, den reichen Goldregen, der zu erwarten ist, auf sich zu leDken. Das ist nicht wunderbar, denn die Kirche hat aus ihrer Geschichte gelernt, dass Wohltätigkeit ein gutes Agitationsmittel für den Klerikalismus ist, auch wenn die milden Gaben, die sie austeilt, die Kirche selbst nicht einen Pfennig kosten. Auch dass der Snobbismus derjenigen zahlreichen Personen ausgenützt wird, die es als besondere Ehre betrachten, ihr Geld unter hoher Protektion los zu werden, besonders wenn ihr Namen neben dem eines Grafen und Fürsten erscheint, mag hingehen; denn wenn pur auch wirkliche Wohltätigkeit geübt würde, möchte der Zweck das Mittel heiligen, und menschliche Eitelkeiten sind immer der beste Vorspann für die Wohltätigkeit gewesen. Bedenklicher ist es schon, dass die .Kinderschutzstationen“, um die Konjunktur auszunützen, hauptsächlich an reiche Juden elegante Handschreiben ausgehen lassen, in denen um Beiträge gebeten wird, ohne dass d,en Spendern von dem Inhalt der Statuten des Vereinesetwas verraten wird; ja-man kann sagen, dass dieser geradezu geheim gehalten wird und dass die „Kinderschutzstationen“ mit einer Art reservatio mentalis »schnorren“. In den Statuten wird nämlich ausdrücklich gesagt, dass der Verein auf dem Boden der christlichen Charitas steht, was eine Umschreibung für Seelenfängerei und Agitation ist, vielleicht auch dafür, dass sich die Tätigkeit nur auf vernachlässigte Kinder katholischen Glaubens beziehen soll. Insbesondere wird aber auf den katholischen Charakter des Vereines bei der Mitgiiederaufuahme Rücksicht genommen: „wirkende“ Mitglieder können laut Statut nur Katholiken werden;, dagegen fällt diese Beschränkung bei den „beitragenden“ Mitgliedern, Stiftern und Förderern weg;, nur die wirkenden Mitglieder haben aktivesund passives Wahlrecht im Vereine — abgesehen von solchen Stiftern und Förderern, denen der Ausschuss es ausdrücklich verleiht. Das heisst mit anderen Worten : Es gibt zwei Klassen von Mitgliedern, solche, die den Verein leiten und — geduldete Juden, welche für diese Duldung, nicht Gleichberechtigung, ei n Schutzgeld za hlen. Man sieht, wie es die Klerikalen verstehen in ihren eigenen Organisationen die idealen Verhältnisse des Vormärz wieder einzuführen. Auch das wärp,. wenn sie es nur ehrlich betrieben, ihr gutes Recht. Bezeichnend aber ist es, dass die Gimpel wirklich auf den Leim gehen. Die reichen Juden sind eben immer noch im geistigen Ghetto und feige genug, das Schutzgeld zu zahlen,, wenn es nur von einem echten Aristokraten verlangt wird. Es kommt ihnen gar nicht die Idee, dass sie durch die Zahlung des Schutzgeldes gedemütigt werden, sondern sie glauben es ihren gesellschaftlichen Beziehungen schuldig zu sein. Ja, sie fühlen sich sogar geschmeichelt, dass dieselben Personen zu ihnen schnorren gehen, die sie nicht der Ehre würdigen, auch nur als Vereinsmitglieder. gleichberechtigt zu sein. Und diese Ghetto-Juden, die sich nicht entschlossen köanen, das Ghetto zu verlassen, schreien dann über Antisemitismus! Liste der Ausgetretenen. Vom 30. Jänner bis 17. Februar haben, iliren Austritt aus dem Judentum bei der israelitischen KultusgemeLn.de in. Wien angemeldet: Stefanie Glück, 1S84, Wien, ledig, XIII., Feldkellergasse 16; Friedrich. Weinwuirm, 1890, Wien, ledig, Realschüler, Ii., Springergasse 11; Alice Schnabel, 1884, Wien, ledig,. Private, VH., Zollergasse 2; Oskar Geiringer,. 1888, Wien, ledig, Disponent, III., Beatrixgasse. 4a; Alfred Husserl, 1885, Wien, ledig, Ingenieur, VI., Strohmayergasse 13; Ernst Sehwonor, 1865, Wien, ledig, Privat, VI., Barnabitengasse 6; Amalie Polifka, 1871, Krems, ledig, Private1, XX., Brigittenauerlände; Theodor David Albrecht, 1S75, AVden, verh.,. XIX., Hofzeile 4; Selma (geb. v. Nassau) Aibreohfc, 1877, Wien, verh., XIX., Hofzeile 4; Valerie Berg, 1S79, Wien, ledig, Beamtin,. IX., Kolingasse 19; Katharina Strauss, 1880, Wällisehbirken (Böhm.), ledig, Näherin, XVII., Klopstoekgasse 22; Israel Leehersaek- Kahan, 1882, Krementschug (Russi.), ledig,. Malergehilfe, III., Klimsehgasse 6; . Dr. Stanislaus Gustav Regelmann, 1SS0, Odessa (Russi.), Ingenieur, IX., Mariannengasse 1; Abrahim Kadisah Stein, 1873, Warschau (Russi.), verh., Kaufmann, XVTII., Währingerstrasse 133; Sigmund1 Hoor recte Bettelheini, IS 75, Prossnife (Mähr.)-, verw., Agent, 11., Brigittenauerlände 8; Paul Salzer, 1879, Wien, ledig, XIX., Hofzeile 29; Gisela Franck, 1866, Wien; ledig, Private, VIII., Alserstr. 53;. Paula Freund, 1888, Wien, ledig, Private, XVIII., Karl Ludwigstrasse .27; Mathilde Geiger, 1880, Swratka (Böhm), ledig, Pflegling, XVIII., Anlbonigasse 70; Irene Siebenechein, 1883, Wien, verh., I., Liehtenfelsgasse 5; Dr. Rudolf Siebensehein, 1867, Göding (Mähr.) verh., I., Ldchtenfelsgasse 5; Rosalia Hoffmann, 1879, Fertö-Szerdahely, ledig, Schneiderin,. XVII., Bkumengasse 11; Emma Meisel, 1885, Troppau, ledig, .Lehramtskandidatin d., Philosophie, IV., Wiedener Hauptstrasse 20; Irma. Krieser, 1866, Sillein (Uug.), verh., XIII.,. Hadikgasse 114; Friederike Baum, 1880, Bielitz (Sehles.), I:, Eohlmarkt 10; Moriz Meitner,. 1881, Wien;, ledig, Ingenieur, I., Esslingg. 15; Heinrich Wabltuok, 1883, Odessa (Russi.),. ledig, Ingenieur, III., Nenilinggasse 13; Margarethe Mandl, IS80, Wien, ledig, Private, 1., Fraazensring 20; Irma Brüll, 1882, Wien,, ledig, Private, II., Laufbergergasse 6; Karl Schütz, 1889, Prag, ledig, Gymnasiast, I., Marximilianstrasse 11;