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Jüdische Zeitung · 1908-02-28 · 9 (28.2.1908) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 eine demokratische Republik werden, aber wird auch nicht lange als autokratischer Staat existieren können. Und die Juden werden in Russland niemals ein Eldorado finden, aber sie werden auch nicht immer ein Spielball der „schwarzen Hunderte“ bleiben. Es gibt gewisse unabänderliche Gesetze der staatlichen Evolution; zu dieser gehört die Umwandlung des Willkürstaates in einen Rechtsstaat; zu diesen gehört auch die sukzessive Einführung der jüdischen formal sanktionierten Gleichberechtigung. Dafür spricht die ganze Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, dafür spricht die Erkenntnis der soziologischen Gesetze. Aber nicht darum handelt es sich. Diese allgemeinen Prophezeiungen haben keinen grossen praktischen Wert. Vielmehr handelt es sich darum, die Sachlage zu präzisieren, das Abstrakte zu konkretisieren, das Leben in seiner Wirklichkeit zu erfassen. Nur auf diesem Wege können wir praktische Werte schaffen. Um so mehr als wir jetzt grosse Erfahrungen besitzen. Wir können jetzt aus positiven Tatsachen sichere Schlüsse ziehen. Und nun, vor allem die allgemeine Lage Russlands. Bis vor kurzem existierte eine Gefahr — die aber noch nicht völlig geschwunden ist — der Anpassungsfähigkeit bureaukratischen Regimes an die reif gewordenen Staatsnotwendigkeiten. Denn die allerwichtigste Staatsnotwendigkeit in Russland ist vor allem die Lösung der Agrarfrage zugunsten der Bauern, und zwar in doppelter Hinsicht: in ökonomischer und kultureller. Russland ist wesentlich ein Agrarstaat, dessen Kraft und Macht hauptsächlich von der Lage der Bauernklasse abhängt. Hat Russland ein wirtschaftlich gestärktes und kulturell blühendes Bauerntum, so hat es eine blühende Industrie, die ja fast ausschliesslich auf den inneren Markt angewiesen ist, hat es eine zufriedene Bourgeoisie, kann es ihre Militärmacht wieder auffrischen. Wäre also die russische Bureaukratie fähig, diese Grundaufgabe zu lösen, so könnte man befürchten, dass die Umgestaltung der rechtlich-politischen Grundlagen des russischen Staates für viele Jahre hindurch paralysiert werden konnte. Es würde also eine Wiederholung dessen sein, was Alexander II. im Jahre 1861 vorgenommen hat, als er gegen den Willen des Adels die Leibeigenschaft abschaffte,' wodurch die politische Revolution für viele Jahrzehnte unmöglich wurde. Hinausschiebung der politischen Revolution aber bedeutet zugleich Hinausschiebung der rechtlichen Lösung der Judenfrage. Die sozial befriedigten Bauern werden sicher keine Judenemanzipation verlangen, wofür wir nicht etwa hypothetische, sondern faktische Beweise haben und zwar aus der Tätigkeit der ersten zwei Dumas. Und diese Absicht Bauernpolitik zu treiben, bestand auch tatsächlich, wie wir aus ganz sicherer Quelle wissen . .. bei dem russischen Ministerpräsidenten Stolypin. Er fand aber keinen Alexander II., dagegen stellte sich ihm der „Rat der Edelleute“, d. i. der Gro ssgrundbesitzer entgegen, die von keiner Konzession hören will. Alles was jetzt geschieht beweist, dass man die Bauern nicht befriedigen will. Somit ist der Weg zur politischen Revolution wieder geöffnet und somit auch zur Judenemanzipation. Aber die physische Stärke der Bureaukratie, die Unorganisierbarkeit der Bauern andererseits, schliesst alle plötzlichen Veränderungen aus. Trotz aller möglichen politischen Stürme marschiert Russland auf den Bahnen der österreichischen Verfassungsentwicklung und nicht derjenigen der französischen Revolution: es wird ein allmähliches Hineinwachsen in den Verfassungsstaat sein und nicht ein plötzlicher Umsturz. Unter einer Bedingung: wenn dabei keine internationalen Konflikte die Macht der russischen Bureaukratie Umstürzen, was man nie ausschliessen kann. Unter normalen Verhältnissen ist also die Judenfrage nicht plötzlich lösbar — ich meine, die Emanzipation der russischen Juden nicht möglich. Was können die Juden dabei tun?.G a r nichts! Ich weiss, dass ich durch diese Antwort den Zorn vieler russischer Juden erregen werde, aber ich bleibe bei meiner Meinung. Und zwar aus einem einfachen Grunde: weil die Juden keine materiellrevolutionäre Macht besitzen; sie sind weder Bauern noch grosskapitalistische Arbeiter. Handwerker, Händler und Intellektuelle sind revolutionäre Wertlosigkeiten. Höchstens „Frondeurs“ oder Meetingredner. Wenn sie wollen, Geldsammler und revolutionäre „commis voyageurs“. All das kann wohl eine Revolution vorher siten, nicht aber sie machen. -In Russland jedoch handelt es sich darum, die Revolution zu machen, denn sie ist schon lange vorbereitet. Ich gehe noch weiter; ich behaupte, dass jedwede Einmischung des Juden in den künftigen revolutionären Kampf Russlands ihnen Pogrome einbringen und der Revolution schaden wird. Das ist meine tiefste Ueberzeugung die nicht auf theoretischer Voraussetzung, sondern auf tatsächlichen Beobachtungen beruht. Denn die Judeneinmischung gibt der Bureaukratie die Möglichkeit von einer „Judenrevolution“ zu sprechen und dadurch ruft sie die Gegenkommern Sollte heuer eine ähnliche Katastrophe hereinbrechen? — Die hohem Finanzkreise waren ohnehin nur schwer zu bewegen gewesen, sich diesmal an dem Feste zu beteiligen, weil ihnen die Gesellschaft „zu jüdisch“ war. Feierlich hatte man ihnen versprochen, es werde heuer ganz sicher besser sein,-Und nun? Aus allen Herzen stieg das inbrünstige Gebet zum Himmel: „Jaromir, ach Jaromir, verlass uns nicht!“ Da erbarmte sich Gott der betenden Gemeinde und — Jaromir erschien. Welche Feder wäre imstande, den Jubel zu schildern! Wenn Messias, der Erlöser, dereinst mit solcher Begeisterung emfangen werden wird, kann er ganz zufrieden sein. Unter den mächtigen Klängen des Huldigungsmarsches von Richard Wagner hielten die Paare ihren Einzug. Voran, als Vertreter der Armee, ein Reserveleutnant vom Train mit der Tochter des Ehrenpräsidenten. So patriotisch die Gesellschaft auch sonst gestimmt war, (heute wurde das erste Paar kaum beachtet, denn ihm folgte Jaromir mit seiner Dame. Der gute Jaromir! Wer hätte ihm solche Triumphe prophezeit. Er war zweifellos der König deg Festes, der Clou des Abends. Liebevoll, zärtlich, dankbar ruhten aller Blicke auf ihm. Er hat die Ehre des Vereines gerettet. Durch ihn war das Fest der schrecklichen, der vernichtenden Kritik: „Lauter Juden“ entgangen. Dabei war der gute Jaromir nur halb bei der Sache. Er fühlte sich nämlich nicht ganz wohl in der Magengegend. Er hatte im Reichenberger Beisei genachtmahlt. Ein Schweinsgulasch, einen Stehkäs und sieben Krügel Pilsner. Aber was hatte dies zu bedeuten! Auch der halbe Jaromir besass noch immer arischen Essenz genug, um dem semitischen Gesellschaftsbrei einen arischen Beigeschmack zu verleihen. Freilich, tanzen konnte er heute nicht. Er liess sich an einem Tischchen nieder und bestellte eine Flasche Bier. An ihm vorbei tanzen die Kinder Israels ihren Freudentanz. Ist es Freude, was heute aus ihren Augen leuchtet? Nein, das ist nicht Freude, das ist Wahnsinn. So müssen dereinst die Augen ihrer Vorfahren geleuchtet haben beim Tanze um einen andern Götzen, beim Tanze um das goldene Kalb. Der Wahnsinn hat sich vererbt, der Götze hat die Form gewechselt. Ist Wahnsinn heilbar? Im Ampezzotal. Der eine hiess Kurt Egon Kohden Und trug eine Hose von grauem Loden Und einem ebensolchen Rock Nebst Ruekesack und Pickelstock; Daran erkennt man den Touristen Und fast den röhmisch-katbolisehen Christen. reaktion der reaktionären Elemente hervor- Leider ist hier nicht der Platz und es ist auch noch nicht die Zeit gekommen, um alle Tatsachen der letzten zwei bis drei Jahre des russischen Lebens in bezug auf die Judenpolitik mitzuteilen. Jetzt können wir nur eins sagen: die jetzige Politik der russischen Bureaukratie in bezug auf die Juden ist nur von einem Prinzip getragen — von dem der Rache. Von oben bis herab. Ohne Ausnahme. Und wenn man da kommt und sagt, die Juden sollen die Gemässigten oder die Linken, oder die äusserst Linken unterstützen, so schadet man jenen und uns. Vorläufig ist eine Judenpolitik in Russland unmöglich, denn es fehlen dazu die elementaren Voraussetzungen: die Normen eines Rechtsstaates. So war es in allen Ländern und so wird es auch in Russland sein. Und wenn wir auch Blut vergiessen, so helfen wir damit der Revolution nicht, weil wir keine bodenständige Nation, weil wir keine objektiv -materielle Macht sind. Das beginnen übrigens heute viele Juden einzusehen — aller Klassen und aller Richtungen. Aber man schämt sich, es offen auszusprechen. Man kann dadurch unpopulär werden. Es ist Geschmackssache: mir macht es Vergnügen, manchmal gegen den Strom zu schwimmen. Und weil viele Juden es einzusehen beginnen, deshalb ist es möglich geworden von jüdischer Judenpolitik zu sprechen, und auch etwas in dieser Hinsicht zu unternehmen. Denn andere Politik können die Juden nicht machen: die wird oime ihr Zutun gemacht. Parteinachrichten. innerösteri*eichisches Distriktskomitee. Ausserordentlicher. Distriktstag. Sonntag, den I. März a. c. präzise 10 Uhr vormittags, findet im Saale des „Zionistischen Zentralvereines“ ein ausserordentlicher D i s t r i k t s t a g mit der Tagesordnung statt: 1. Besprechung der gegenwärtigen Lage. 2. Neuwahlen. 3. Eventualia. Vereine entsenden für je 25 Mitglieder einen Delegierten. Besondere Einladungen an die Vereine ergehen nicht! Innerösterr. Distriktskomitee des Verbandes „Zion“. * * * In einer Vertrauensmiinnerversammlung wurden mit der provisorischen Leitung de» jüdischen Nationivereines in Wien die Herren Gg. Dt. Hermann Kadiseh, Dr. A. Lanzer und Dr. Hugo Znekermann betrant. Der andere hiess Heinz Rotenhain Und war ein Mitglied beim Piusverein; Er pflegte an Sonn- und Wochentagen Einen schwarzen Salonrock zu tragen, Denn erstens ist man würdiger so Und zweitens verdeckt es der Fiisse 0. Die beiden trafen sieh einmal Irgendwo im Ampezzotal Und fühlten bereits nach kurzer Bekanntschaft Eine Art von Seelenverwandtscliait Und kamen nach dem gewohnten Schema Nach „Kunst“ und „Wetter“ aufs Judenthema. Und hier begann Knrt Egon Kohden Und sah mit finsterm Blick zu Boden: „Ic-h finde den Grpnd znm Jndenhasse In der Pouverte der Rasse, Wie überhaupt und im allgemeinen Nur die Germanen vollwertig erscheinen^ Wahrend die andern viel tiefer äteh’n! (Er las gerade den Chamberlain) Es ist das beste, mit Juden und Tschechen Jede Beziehung abznbreehen. Der andere versetzte mit ernsten Mienen: „In puncto der J ndeu geh’ ich mit Ihnen, Hingegen mns3 ich in puncto der Tschechen Auf das entschiedenste widersprechen;

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