Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 4- Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG war und nicht bloss in dieser Zeitung, sondern auch im ..Lemberger J ii di sehen Tugblari" wiederholt Propagandaartikel veröffentlicht luytte —; all dies ohne Einspruch Landaus und Consories — zum l’ressl'onds der „Jüdischen Zeitung“ nach seinen Kräften beitrug,- ..enbdec&te“ Landau, dass die zionistische Organisation Wiens urn 5000 K für die ehrgeizigen Zwecke Brunners,'der den entsetzten 305 Abonnenten der ..Xationalzeitung“ als dentseiter „Assinii- Janr” nicht schwarz genug ausgemalt werden konnte, gekauft sei! Hierbei gebi’auehle ])r. Landau den anrüclvigeit Hcfcsortkriqviff. seine famos«? Information als von einer „zi o'nist i sch eil Perso n 1 i ch ko i t“ stammend, eiuzufiihren. . „B e n - A c h e r“ -nannte er diesen Gewährsmann, der sicli bei näherer Uintersuehung den sicht sein’ entzückten Beschauern als eine von Hintermännern vorgeschobene „Bas- A c h e r“ enthüllte. Als nun Landau nicht müde wurde, sein Thema vom ..Verrat“ zu variieren und als sich gar Ehren-Bloeh mit demselben Blech hören liess, brachte die „Jüdische Zeitung“ eine sachliche nichtigste!hing, die, ohne einzelne ans jener lieblichen Sippe herauszugreifen, wie folgt zusannnenfasste: „Mit Verachtung weisen wir die Unterstellung zurück, dass irgend ein Führer oder ein.leitendes Komitee unserer Partei auch nur in eine Diskussion irgend eines „Paktes“ eingegangen wäre, der unsere Partei um Haaresbreite von ihrem Programme hätte ablenken sollen. Wir erklären hiermit öffentlich jedermann, der von einem „Verkauf“ oder „Verrat“ unserer Partei sprechen sollte, für einen Verleumder- und werden die Mittel finden, ihn zur Beckenschaft zu ziehen.“ Dieser Passus gibt Hlarrn. Landau die willkommene Handhabe, unseren sachlichen Argumenten auszuweiehen und ums „p ersön- ■ lieber Insinuationen und Anzapfungen, feiger, allgemeiner Verdächtigungen ohne’jede tatsächliche Anführung“ anzuklagen und an diese Einleitung eine ausführliche Selbstbiographie über seinen zionistischen Werdegang anzusekiiessen. Leider kann deren Authentizität von Landaus Zeitgenossen nicht bestätigt werden. So stimmt es schon nicht, lass unser Held „nie vom Zionismus und vom Judentum gelebt hat“', vielmehr erhielt er als Redakteur des zionistischen Organs „Die Welt“, gleich den übrigen „Parteisehmarotzern“ pünktlich seinen ' „Sold“. Audi ist es nicht richtig dass Landau „sich vom Schauplatz zurück z ö g, weil der arme Hiera! von einer Prätorianergarde mit Besehlag belegt wurde“; vielmehr musste unser „Soldschreiber“ zufolge für ihn peinlicher Vorfälle, immerhin aber nach gesetzlicher Kündigimsfrist, schon 1898 die damals erst frisch bezogenen Bäume in der Türkenstrasse verlassen. Sein ..Freund“ Herzl, der von Landaus „Beziehungen zu Diplomaten“ damals offenbar noch nichts wusste, seufzte erleichtert auf: „Ich habe mich in diesem Manne schwer getäuscht!“ Dieser Mann-versuchte nun, nachdem er auch, vom Vorstand des „Zion“ aus dessen Lokale in der Bembrandtstrasso unter Drohung mit der Wache hinausgewiesen worden, erst unter proletarische]’ Maske den neugegründeten „zionistischen Arbeiterverein Aeliwah“ und dessen Zeitung gegen das Aktionskomitee aufzuwiegeln, was prompt mit seiner eigenen Aussehliossung endigte, hierauf eilte er nach Basel zum zweiten. Kongress, um, wie er fälschlich vorgab, namens dieser selben „Aeliwah“ die bedrohten Interessen des Proletariates zu schützen und dem Präsidenten Herzl alle möglichen Priigei zwischen: die Beine zu werfen. Laut Protokoll rief da Herzl unter dem lebhaften Beifall und Händeklatschen aller Delegierten aus: „Es ist uns wohl bekannt, dass der gedeihliche und würdige Verlauf des Kongresses nicht allen passt; es muss aber der Störungswille einzelner von der Versammlung medergehalten werden.“ Und als Landau, von der allgemeinen Entrüstung bedrängt, sieh als vergewaltigt darstellte, tat Herzl den inhaltsschweren Ausspruch: „Es ist sehr leicht, solche Szenen zu provozieren; es genügt dazu, dass man die Schonung und Duldung, die man erfahren hat, missbraucht“. Hiermit verschwand Landau aus der trostlosen Oeffentiiehkeit. Ein paar Jahre darauf erlitt er im Beic-lisratswalilhezirke Brody, wo nachmals Stand als Kandidat unserer „korrupten“ Partei so ruhmvoll durehdrang, mit 14 Stimmen einen B.üek- und Durchfall. Dann aber begann der „Unentwegte“ seinen unaufhaltsamen Siegeslauf als Purifikaltor der zionistischen Partei. Und nun öffnet eure Schleussen, Kloaken Wiens! ‘ Dr. E. M. Zweig. Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschäftsbücher-Fabrik A* Grünsfeld & Co., Wien, I., Gonzagagasse 21. Die Judenpolitik in Russland. Von Dr. Daniel Pasmanik, Genf. I. Judenpolitik bedeutet zweierlei, je nachdem die Juden als Objekt oder als Subjekt der Politik betrachtet werden. Sehr lange Zeit waren die Juden nur Objekte der Politik, sie dachten nicht einmal daran, selbstständige Politik zu treiben, die politische Entwicklung Russlands zu ihren Gunsten beeinflussen zu können. Erst seit einigen Jahren begannen die russischen Juden sich politisch zu betätigen — zuerst das jüdische Proletariat — später, viel später — auch die sogenannte bürgerliche Intelligenz. Una merkwürdig; nun glaubten die Juden wirklich nur als schaffende Subjekte an der russischen Politik teilnehmen und sich sogar an die Spitze der politischen Bewegung Russlands stellen zu können, um gleich dem mythologischen Schmied sich selbst das Schicksal zu schmieden. Es war aktive Judenpolitik. Aber noch lange nicht jüdische Politik. Es war der Kampf für die Freiheit Russlands, deren automatisches Resultat auch die Befreiung der Juden sein sollte. Und das Resultat dieses radikalen Frontwechsels? Nun sind wir bis zur dritten Duma angelangt. Und die Juden sind wieder Objekte der Politik geworden. Von Kampf ist keine Rede mehr. Nicht bloss in den Reihen der bürgerlichen, sondern auch in den der proletarischen Kreise. Eine schwüle, bleierne Apathie lastet auf allen. Planlos irrt das russische Judentum umher, man lebt vom Zufall. Wer kann emigriert, wer nicht kann wartet Ein Warten fast mystischer Natur. Wunder müssen kommen. Wunder von oben oder von unten. Aber auch der Wunderglaube verliert mehr und mehr an Boden. Und trotzdem, wird sich wer tiefer blickt, einer sonderbaren Empfindung nicht erwehren können: etwas Neues, aber ganz Neues entsteht im Judentum Russlands: die jüdische Politik, von und-für Juden geschaffen. Die Lage der Juden in Russland ist mit der allgemein politischen Lage dieses Staates eng verknüpft. Und man braucht kein grosser Prophet zu sein, um Voraussagen zu können, dass die jetzige Lage Russlands nicht ewig, nichjt einmal lange andauern kann. Sie muss sich ändern, weil es die Staatsnotwendigkeiten erfordern. Und somitkann man mit voller Sicherheit Voraussagen, dass die Lage dpr Juden sich zum Besseren ändern wird. Wir geholten niemals zu den Optimisten, wir sind auch jetzt gegen den Pessimismus. Russland wird nicht so rasch Der Parade-Arier. Von A. H. Frosch. I. Wir waren damals noch liberal und nannten zwei Arier unser Eigen. Des einen konnten wir nicht recht froh werden. Er war wohl ein findiger Bursche, nahm aber wenig Anteil am Verbindungslebeni Ueberdies wurde seine arische Provenienz im Kreise unserer Neider stark angezweifelL Der andere jedoch war unser Stolz. Er hiess Jaromir Nelolizky und war ein Prachtexemplar eines Ariers. Ein sanfter Stumpfsinn schimmerte in den lichtblauen Augen. Die Augenbrauen waren fast weiss, die Kopfhaare von einem glanzlosen Strohgelb. Gewaltig dimensionierte Hände und ebensolche Füsse bezeugten unzweifelhaft die reine, bäuerlich-arische Abstammung Mit solchen Gaben von der Natur'ausgestattet, hätte unser Jaromir die Matura niemals befanden, wenn seine geistigen Fähigkeiten unentdeckt geblieben wären. Die Entdeckung war das Verdienst eines jungen Supplenten am Gymnasium. Dieser, ein etwas schief geratener, aber sonst hoffnungsvoller junger Mann hatte sich' gleich nach Erhalt der Supplentenstelle taufen lassen. Hierdurch wollte er gewissermassen das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigen. Um zu beweisen, wie stark er bereits im neuen Glauben sei, liess er, wo nur halbwegs möglich, jüdische Schüler durclifallen. Mit. Jaromir aber gab er sich übermenschliche Mühe. / Bei Gott ist nichts unmöglich und Jaromir erhielt ein Zeugnis der Reife. So kam er an die Hochschule und in die Verbindung. Sein Eintritt bedeutete die Wiedergeburt des damals schon altersschwachen liberalen Gedankens. Festlicher als sonst gestaltete sich der Kommers anlässlich der Eröffaung des neuen Semesters. An der Ehrentafel sassen drei Greise, Veteranen im Kampfe um Freiheit und Fortschritt Sonst müde und abgespannt, schienen sie heute neu belebt Der kleinste von den dreien erbat sich das Wort Sein Vater halte durch 43 Jahre zu Miskolcz in Ungarn den Doppelposten eines Schächters und zweiten Kantors bekleidet. Nun erhob sich der Sohn und sprach also: „Weder die schwarz-gelben Grenzpfähle, noch religiöse Schranken sollen imstande sein einen Keil in das Herz unseres deutschen Volkes zu treihen. Unsere Devise aber soll lauten, jetzt und immerdar: deutsch und treu.“ Tosender Beifall lohnte die kernigen Worte. Alles blickt begeistert auf Jaromir; denn schliesslich war er es, er allein, der durch seine blosse Anwesenheit die schwebende Begeisterung ausgelöst hatte.; Die drei Greise aber sassen da, wie verklärt. Man ahnte, es werde ihnen ein sanfter Tod j beschieden sein; denn unweit von ihnen, zwischen j Siegfried Kohn und Julius Löwy, die Brust mit ■ dem gleichen Bande geschmückt, mit der gewaltigen Rechten den Bierkrug umklammernd, sass in seiner ganzen arischen Herrlichkeit — Jaromir Netolizky. II. Mit unglaublicher Geschwindigkeit hatte sich der Ruf unseres Ariers in der Wiener „lieberalen“ Gesellschaft verbreitet. Die Verbindung wurde mit Einladungen zu Bällen, .Kränzchen, gesellschaftlichen Unternehmungen aller Art überschüttet. Dem rührigen Vereine „Gleichheit“ — zur Unterstützung hilfsbedürftiger Waisen ohne Unterschied der Konfession — war es sogar gelungen, unseren Jaromir zum Eintritte in das Ballkomitee zu bewegen. Man erwartete infolgedessen diesmal einen besonders glänzenden Verlauf des Ballfestes. - Der grosse Tag war gekommen. Eine tadellose Gesellschaft bevölkerte den herrlich geschmückten Saal. Auf der Patronessen-Estrade waren bereits ungeheure Werte in Seiden, Spitzen und Diamanten aufgestapelt. Die jungen Mädchen harrten sehnsüchtig des Beginnes. Warum, ach warum wurde ihr Sehnen nicht gestillt? Man konnte nicht beginnen; man musste warten, denn Jaromir war noch nicht da.-- Noch eine bange Stunde. Er kam nicht. Eine düstere Wolke lagerte über dem vor kurzem so sonnenhellen Getriebe. Die Lage war verzweifelt ernst Ohne Jaromir beginnen? Unmöglich. Im vorigen Jahre waren, sogar zwei Arier im Komitee. Sie hatten ihr Erscheinen bestimmt zugesagt und waren schliesslich nicht ge-