Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 8 Weise ausgeführt worden. Herzl, unser . grosser, genialer Meister, hatte die Richtigj keit dessen erkannt, und setzte sich auch i für den von Oppenheimer empfohlenen Kolonisationsversuch mit einer Siedlungsgenossenschaft ein. Viele kostbare Jahre sind seither unnütz verstrichen. Es ist kein Wunder, dass Oppenheimer dadurch verärgert, sich zurückzog und abwartete, ob die Organisation nicht doch endlich einmal zu der Erkenntnis kommen werde, dass sie nach Schaffung von Bank und Nationalfond keine wichtigere Aufgabe habe, als durch einen Modellversuch, der auf Grund aller Erfahrungen, die bisher bei den Ansiedlungen in Palästina gemacht wurden, und nach der neuesten Erkenntnis ' der sozialen und ökonomischen Wissenschaft unternommen wird’ auszuproben, wie eine Massenkolonisation von Juden in Palästina mit Eriolg ins Werk gesetzt werden könnte. Und zwar durch einen solchen Versuch, bei dem nicht nur auf das in Aussicht genommene Menschenmaterial und das zu besiedelnde Land Rücksicht genommen wird, sondern auch Bürgschaften für den ökonomischen und sozialen Erfolg gesucht werder, um einerseits die Kredit basis für eine Massenkolonisation zu schaffen, anderseits zu gewährleisten, dass der jüdische Bauer auch dauernd auf der Scholle sesshaft bleibe. Die , Siedlungsgenossenschaft* ist nur eine der möglichen Formen eines solchen Versuches, bei welchem aller Voraussicht nach, diese Bürgschaften gegeben wären. Oppenheimer hat iu der Berliner Aktionskomitee Sitzung; erklärt, dass es ihm nicht auf Details aukomme, sondern nur auf die leitenden Grundsätze die für jeden solchen Versuch massgebend sein müssten. Der Siedlungsgenossenschaft, fürwelche sich nur die „Poale Zion“ tatkräftigst eingesetzt haben, ist unsere Leitung bisher nicht nähergetreten. Aber was aus einer richtigen Auffassung des Zionismus hätte fliessen sollen, ging aus der Not, die Nationalfondsländereien in Palästina zu verwerten, hervor. Dr. Ruppin, der ersucht wurde, ein Projekt dafür auszuarbeiten, schlug auf Grund einer eingehenden Untersuchung der Verhältnisse in Palästina und gej stützt auf eine glänzende sozialwissenschafti liehe Schulung die Gründung der „PalestineLand DevelopmentCompany“ vor. Das Projekt wurde bekanntlich vom Aktionskomitee einstimmig angenommen." Öiese Gesellschaft stellt einen Kolonisationsversuch dar, welcher auf ähnlichen Grundsätzen aufgebaut ist, wie die „Siedlungsgenossenschafl“. Sie ist dazu berufen nicht nur durch Erprobung der Methode, nach welcher eine Massenkolonisation von Juden in Palästina möglich wäre, die wichtigste Voraussetzung für eine solche zu schaffen, sondern auch das Kolonisationswerk selbst in immer steigendem Umfang durchzuführen. Das soll in einem weiteren Artikel näher ausgeführt werden. Retter des Zionismus neu entdeckt worden ist, hatte mit genialer Intuition die Stelle erspäht, wo er unseren Herzl am schwersten zu treffen hoffte. Dr. Kaminka erkühnte »ich sogar, vor Zionisten auszuspreehen, dass Dr. Herzl sich bei der Bankgriindung „schmutzige Finger geholt habe". In der „Wochenschrift." und im Mainzer „Israelit" erschienen Sehmähartikel ärgster Sorte gegen unsere Bank und ihre Gründer. Dr. Bloeli und der ..Israelit“ Eine kleine Abrechnung. Jeder anständige Mensc-h wird es der Redaktion unseresParteiblat-tes nachfühlen können,; mussten zwar, von den Bankgründern gerichtlich zur Verantwortung gezogen, de- und wehmütig Abbitte leisten. Dr. Karninka wurde -Sekretär der Israel. Allianz, Bloc-hs Hetze gegen den Zionismus aber dauerte bis nach Herzls Tod dass es sie anwider't, der Sehniutzkampagne eutj gegenzutreten, welche von mehreren Seiten zugleich gegen die Vertrauensmänner der Partei unternommen worden ist. Dennoch ist es unabweislieh, von Zeit zu Zeit einige der stimmbegabtesten- Stänker herauszugreifen und sie mit der’ Feuerzange der Osffentliehkeit vorzuzeigen, tun ahnungslose Leser jener Sudeleien vor einem Iloroinfall zu bewahren. Der Hass gegen Zion hat da eine nette Gesellschaft zusannnengeführt! Heines Wort: „Nur trenn wir im Kot uns fanden, so verstanden wir uns gleich,“ scheint für sie wie gest-baffen. Da ist natürlich zunächst Dr. Blochs „Oester r. Wocheaschrif t“, die den Zionismus wie eine verschmähte Geliebte seit je mit ihrer Rache verfolgt. Der Zionismus wollte sieh eben nie dazu entseldiesseu, diese Liebe für echt fort, Als mm die „Welt“ von Wieu nach Köln iibersiedelte, erglühte ßloelis Herz von neuem, er fühlte sich als „Altzionist“ und erhoffte von niakkabäisch angehauchten Leitartikeln und der Konjunktur einen grossen Abonnentenfang. Auch dieser Hoffnung Blütentraum, wurde durch die Gründung der „Jüdischen Zeitung“ vernichtet und da sie gar in ihrer ersten Nummer mit aller Energie Dr. Sehalits FMe-hsrai:skandidatur in der Leopoldstadt gegen Bloch propagierte, trat dieser, in seinen heiligsten Gefühlen verletzt, zugunsten des deutschliberalen Kahalniks Dr. Gustav Kohn zurück und machte seine Wochenschrift wieder zum Tummelplatz für Itoisteu. Mcsopotamdsten und sonstige Antizionisteu. In der gehässigen Anfeindung der zionistischen Partei hat nun Bloch einen würdigen Genossen gefunden — es ist unser alter Freund; zu nehmen, da die wiederholten Annäherungsveräuoho merkwürdigerweise stets mit einer gewissen geschäftlichen Konjunktor zusammentrafen. Als unser llerzl daranging, der zionistischen Bewegung ein publizistisches Organ zu schaffen, da erbot sich die „Wochenschrift"’, für den jährlichen „Ehrensold“ von 1200 fl. ö. W. und gegen Barersatz für jeden verscheuchten Abonnenten, die Sache Zions zu ihrer eigenen zu machen. Herzl war leider so pedantisch, zu erklären, „dass er nur auf ein reines Blatt reflektier,“ und schuf die „Wellt“. Und schon ging die Hetze los! Deutschliberale, Protestrabbiner, der ,,Arabist und Wüstenwanderer Dr. Glaser“, der Nordau-Demoberer Dr. Marcell Hoffinann. Faibius Schaeh-Haumbit, kurz jeder, jeder, der mit einem Giftpfeil gegen den spröden Zionismus bezahlen konnte, durfte sich in den Spalten der „Wochenschrift“ Nummer auf Nummer frei zu betätigen. Eine eigenartige Rolle spielte hierbei auch der Gottesmann D r. A r m a n d K a - ininka aus Berditschew. Dieses verabschiedete Mitglied des grossen Aktionskomitees, das eben - jetzt erst von Dr. S. R. Landa-u als D r. S. R. Land a u. Nachdem er durch einige Jahre sieh darauf beschränkt hatte, auf advokatorischem Gebiete Lorbeeren zu sammeln, erwarb er noch vor Gründung dieses Blaittes von dem, der Opposition gegen Dr. Stern mäkle gewordenen und nun als Sekretär des Sternseben Israelitischen Gemeindebundes sieh erholenden Jakob Krausz, die „Nationalzeitung”'. Dr. Landau glaubte wieder seine Zeit gekommen, um die von der zionistischen Partei ins Lehen gerufene politische Bewegung unter der österreichischen Judensehaft für sich fruktifizieren zu können. Sein Plan, in Krakau mit Hilfe unserer dortigen Organisation als Reichsratskandidat aufzutreten, fiel sofort ins Wasser; daher der Spezialgroll Landaus gegen die „Unfähigkeit“ der Krakauer Zionisten! Audi seine Hoffnung, die „Nationalzeitung“ zum Organ der „Jüdischen Nabionalpartei“ zu madien, wurde durch die Gründung und erfreuliche Enltu wicklung der „Jüdischen Zeitung" vereitelt. Er schnob Rache. .Vis nun Lucian Brunner, der seit Beginn der jüdisch-politischen Bewegung in Versammlungen als unser Redner aufgetreten trachten, so ist das Körperliche das erste, das er sieht, und er sieht sehr scharf und deutlich. Kein Eli liehen, keine Furche gehen ihm verloren. Zwar erwacht in ihm sofort der Jude, um ihn zu strafen: „Pfui, Mendele, es passt gar nicht für einen würdigen Juden mit Bart und Peoth, für einen Vater von Kindern und den Mann einer Fhau, sieh mit solchen Dummheiten und Spielereien, mit dem Malen von Menschlein zu beschäftigen“ und der J u d e in ihm sucht tastend nach einer Seele. Er macht aus allem eine Parabel, die auf die-im Golut schmachtende „Knessetih Jisroel“ Bezug haben muss. Aller der Grieche, der kn Innern Mendeles wohnt, hindert ihn, in solchen „erhabenen“' und „verborgenen“ Sachen restlos aufzugehen. Daher kommt es, dass Mendele, wenn er sieh auch in die Geheimnisse der jüdischen Seele vertiefen und darüber grübeln will, mit ■■»inen Fingern instinktiv Linien und Formen graviert, meisselt und' knetet. Denn körperliche Formen zu gestalten; das ist Mendeles grösstes Vergnügen. Darin besteht seine Eigenart, die ihn unter den hebräischen und jüdischen Erzählern einen besonderen Platz cinräumt. Die anderen Erzähler haben sieh die äusserliebe europäische Form unddie technischen Geheimnisse der Kunst ungeeignet. Im Innern aber, in. ihrer kleinen Welt, sind sie die alten Judenmit den alten Vorzügen und Feldern geblieben. Mendele hat sieh nie bestrebt,- fremde europäische Künstler naehzuahmen, sich ihre Art anzueignen. Seine Schöpfungen tragen meistens den echt jüdischen Golusstempel an sich und — fast schäme-ich mich, es zu sagen — sie riechen nach „Kugel“ und Knoblauch. Die Flecke, die an den jüdischen Kaftans haften, findet man auc-h in seinen Schöpfungen, alles ist bei ihm gestückelt und geflickt. Dafür aber wohnt in seiner inneren Wellt eine griechische Seele. Die Fabel ist bei Mendele nicht das Wichtigste; bei ihm ist die Verkörperung einzelner Momente, Gebärden und Gesten, die Hauptsache. Mit dem grössten Wohlbehagen pflegt er die Körper, meisselt er die Falten der jüdischen Kaftane und Bettelsäcke. Und das gesündeste Element in Mendele moeher-sforims Schaffen ist eben der plastische Zug, der ihn nicht nur über die jüdischen Erzähler stellt, die in fremden Sprachen schreiben, sondern auch über die hebräisch und jüdisc-h schreibenden jüdischen Künstler. So wie jeder grosse Künstler, so hat auch Mendele moeher sforim durch seine Gestaltungen die hebräische und die jüdische Sprache vielfach ausgestaltet und geformt. Mendele ist einer der grössten Sprachmeistar, ja Sprach k ii n s 11 e r in unserer Literatur. Erst seine künstlerische Feder hat aus der hebräischen Sprache das gemacht, was sie .heute ist: Eine deutlich •schillernde, ruhig erzählende Sprache, reich an ^passenden Farben für das Golms leben und seinen Galgenhumor. Deshalb finden auch sein Stil und seine Sprache immer mehr Anhänger und Schüler. Der Einfluss Mendeles auf die anderen jüdischen Erzähler ist von weitgehendster Bedeutung. Fast alle jüngeren stehen — wenn auch unbewusst — unter der Wirkung dieses Einflusses. Die meisten jungen Erzähler beschäftigen sich nur mit dem Malen und Meissein von Bildern, Skizzen in Wörtern. Während in den alten Zeiten, der jüdische Geist in lyrischen Schöpfungen sich zu betätigen und auszndrüeken pflegte, sucht das jüdische Schaffen von heute sieh in plastischen Formen auszudrücken. Die Kunst des Erzählens wurde vergessen und man beginnt statt dessen au malen und zu meissein. Freilich, es fehlt unseren Künstlern jene olympische Ruhe, deren sie bedürften. Deshalb empfindet man in unserer Plastik das Zittern und Vibrieren einer lyrischen Seele, die sieh in ausgravierten Linien, gedrückt und zum Ersticken eingeengt fühlt. Das ist aber die Folge der Eigentümlichkeiten der jüdischen Psyche und darin besteht eben nach meiner Meinung die Originalität der jüdischen Kunst. Das ist der moderne, speziell jüdisch künstlerische Ausdruck.