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Jüdische Zeitung · 1908-02-28 · 9 (28.2.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 9 Wir sind der festen Ueberzeugung, dass die jüdischen Wähler auch bei diesen Wahlen den glänzenden Beweis erbringen werden, dass ein neues Judentum erstanden ist aus dem Geröll und den Trümmern des galizischen Golus! Wir sind überzeugt, dass sie alle ihre Kräfte daran setzen werden, dass aus der Wahlurne als Gewählte des jüdischen Volkes hervorgehen, die echten jüdischen Volksmänner und verdienten Führer unserer Bewegung: Dr. Markus Braude und Reichsratsabgeordneter Adolf Stand! Zionistische Kolonisationspolitik. Von Adolf Böhm. n. Im vorhergehenden Artikel*) habe ich das Vorhandensein folgender Voraussetzungen für unsere Kolonisationspolitik konstatiert: 1. Die europäische Orientpolitik verfolgt seit einigen Jahren die Maxime der friedlichen wirtschaftlichen Erschliessung der Türkei. Die Pforte, dadurch beruhigt und ermutigt, unterstützt diese Bemühungen aufs kräftigste. 2. Die Erschliessung des Landes erfolgt in immer rascherem Tempo. Die Frage der Kolonisation brachliegender Gebiete, durch welche Eisenbahnen geführt werden, muss für alle Interessenten immer akuter werden. 3. Für eine Massenkolonisation in Vorderasien kommen ausschliesslich Juden in Betracht, .welche Erkenntnis langsam Gemeingut aller Interessenten wird. Welche Gesichtspunkte ergeben sieh daraus für unsere Politik? (Das Wort «Politik“ natürlich im Sinne planmassigen Handelns zur Erreichung bestimmter Zwecke, nicht aber in jenem von Diplomatie gemeint, wie dies fälschlich bei uns gebräuchlich ist.) Ich habe schon im vorhergehenden Artikel aüsgefübrt, dass die Pforte und alle andern interessierten Kreise mit dem Fortschreiten jener Arbeit der Erschliessung des nahen Ostens eine immer grösserer Geneigtheit zeigen müssen, auf unseren Plan der Massenkolonisation Palästinas durch Juden einzugehen.**) Diese Erkenntnis wird, je mehr sie sich in unseren Kreisen verbreitet, *) Siehe Nr. 8 d. Bl. **) Paal Nathan, der Präsident des Deutschen Hilfsvereines bestätigt diesen Gedankengang in einem gleichzeitig mit meinem ersten Artikel erschienenen Interview (.Welt“ Nr. 8, dieses Jahres): „Die Eisenbahnen entwickeln das Land ... Ist alsdann mit der Einführung moderner Technik der Reichtum der türkisch-asiatischen Länder, den sie zweifellos bergen, nicht nur unsere Zuversicht stärken, sondern auch Klarheit über die zu befolgende Politik schäften. Beides ist aber dringend nötig. Denn was seit dem Tode Herzls so desorganisierend auf unsere Partei gewirkt hat, war nicht allein das Fehlen dieser gewaltigen Persönlichkeit, sondern ebenso sehr der Mangel eines Systems. Herzl hatte eines. Und das war es, nicht die Idee des Charters an und für sich, was Leben und Zuversicht in unsere Reihen brachte: Jeder Zionist wusste, dass Herzl einen Plan habe und rastlos an seiner Ausführung arbeite. Seit seinem Tode haben wir kein System mehr. Drei kostbare Jahre gingen mit den homerischen Kämpfen der sogenannten .Politiker“ und .Praktiker“ verloren, bis am Schlüsse in der Berliner Aklionskomiteesitzung vom Jänner d. J. die Politiker „praktische“ und die Praktiker „politische“ Forderungen vertraten, so dass man schon von einem Rollenwechsel sprach. Vergebens legten in dieser Sitzung einige Teilnehmer dar, dass diese anscheinende Verwirrung nur daraus resultiere, dass „politische“ und „praktische“ Arbeit nur Mittel seien, welche ohne Klarheit' der Grundauffassung, ohne System nicht richtig angewendet werden können. Ein solches fehlt aber fast allen Anhängern beider Richtungen. Man lese die grossen Reden nach, welche die geistigen Führer der Politiker am 8. Kongress gehalten haben! Findet sich darin auch nur eine Spur einer von der Charterschablone abweichenden Auffassung? Ist darin auch nur die leiseste Andeutung über eine Methode enthalten, die wir anwenden sollen? Und die Praktiker? Der Kampf um die Siedlungsgenossenschaft, zu deren Gunsten nur ein sehr zahmer Antrag im Palästinaausschuss durchgesetzt werden konnte, hat mir gezeigt, wie wenige von den Praktikern einsehen, dass die von ihnen propagierte Förderung der jüdischen Wirtschaft in Palästina,, a^l 1 e i n bei dem relativ geringen Umfang 'dieser Wirtschaft niemals zu einem nennenswerten Ziel führen kann, wenn nicht die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, im gegebenen Moment mit einer zu steigender Entfaltung gelangt, dann wird natürlich auch das Problem der Immigration ein ganz anderes werden, als es jetzt ist. Und wenn die Türkei heute noch, auf dem Standpunkt steht, dass die Einwanderung aus politischen Gründen bekämpft werden muss, so ist zu hoffen, dass sie alsdann diese Einwendungen zurückstellen wird in der Erkenntnis, dass geeignete Einwanderer zur wirtschaftlichen Erschliessung der Länder ausserordentlich beitragen.“ Massenkolonisatiou einzusetzen! . Das aber ist der springende Punkt! Von welchen Gesichtspunkten aus man auch, immer die Erfordernisse unserer Politik ableiten mag, ob man von der Gharteridee ausgeht oder annimmt, dass die Verhältnisse in der Türkei von selbst unseren Plänen entgegenreifen werden, immer drängt sich da grundlegend die Erkenntnis auf, dass der Zionismus 'ein Problem der Massenkolonisation ist und zwar einer solchen, die mit ursprünglich ungeeignetem Menschenmaterial, auf brachliegenden Landstrecken im raschesten Tempo vor sich gehen soll! Wir müssen fest im Auge behalten, dass die Frage der Besiedlung Vorderasiens durch Juden früher oder später, beschleunigt durch unsere diplomatischen Verhandlungen oder naturnotwendig hervorgehend aus den tatsächlichen Verhältnissen spruchreif werden wird, und dass wir darauf vorbereitet sein müssen! Ohne diese Vorbereitung könnten wir selbst einen Charter nicht ausnützen und daher sind jetzt meiner Ansicht nach, alle diplomatischen Verhandlungen von sehr geringem Wert. Es ist sogar möglich, dass im Laufe der Zeit, wenn einmal das Problem der Kolonisation Vorderasiens für die Interessenten ein aktuelles geworden ist, diese an uns herantreten und dann wi r unsere Bedingungen stellen können. Keinesfalls haben wir ihnen aber etwas zu bieten, bevor wir nicht garantieren können, dass wir auch imstande sind, eine Massenkolonisation schnell und erfolgreich durchzufuhren. Daher sehe ich die nächsten und wichtigsten Erfordernisse unserer Politik nicht in diplomatischen Verhandlungen, die jetzt nur den Wert haben können, die Pforte davon zu verständigen, dass der Wille zur Kolonisation Palästinas im jüdischen Volk unverändert stark ist und ebensowenig in all den wertvollen und nötigen Aktionen für die geistige und ökonomische Hebung der jüdischen Wirtschaft in Palästina. Das primitive Erfordernis unserer Politik ist es vielmehr, Vorsorge zu treffen, dass das nötige zur Landwirtschaft ausgebildete Kolonistenmaterial in immer steig enderProgression beschafft werden kann und dass die Methode, nach welcher wir mit Erfolg kolonisieren können, durch Versuche festges t e 1 i t w i r d. Das ist zuerst am sechsten Kongress von Oppenheimer in glänzendster Urteil über unser Leben, das er aus den Statuen schöpfen würde, kann man sich schon vorstellen. Er würde glauben, dass unser Leben innerhalb gewisser Gebärden begrenzt ist. In seiner Heimat auf dem Mars hatte er sieh immer eineu tosenden Lärm und ein bewegtes Treiben auf unserer Erde vorgestellt. Nun stellt <‘1' vor Gemälden, die in sieb die Quintessenz unseres Lebeus konzentrieren und sieht dass die Linien, die einzige im Museum herrschende Sprache, schweigen und gar keine Neigung zum Sprechen haben. Die Statuen sind von einem tiefen, fast toten Schweigen umhüllt und eine schmerzliche Stille beherrscht den Saal. Ein stummes Schweigen und ein stilles Leiben, voll Halte und Frost. Aehnliehe Empfindungen wird jeder fremde, niehtjüdiscbe Leser haben, wenn er ans Mendeles Erzählungen sieh ein Urteil über unser Leben bilden wollte. Der Fremde würfe au nehmen, dass unser ganzes lieben nur darin besteht, dass wir in unseren Zähnen herumstochem, wenn wir am Markte vor einem bäuerlichen Wagen Vorbeigehen oder dass unsere Hand Stets bereit ist, in eine fremde Schnupftabaksdose oder in einen fremden Sack mit Getreide zu greifen, um ein Muster zn nehmen. Der Fremde, der Mendeles Bilder studieren wird, wird glauben, dass unser jüdisches Leiben sich nur dann äussert, dass wir im Schwitzbad auf der höchsten Bank laut kreischen und dass wir alle auf sämtliche an uns gerichtete Fragen nur ein „ü" und „be“ als Antwort haben. Vom farbenreichen Leben aber, das im jüdischen Ghetto lebt und wöbt, vom Leben, das sieh unter dem Drucke ununterbrochener Verfolgungen entwickelt hat und das dadurch erfindungsreich und empfindungstrotzend geworden ist, vorn Leben, das gebrochen und doch voll- Ivrajü ist, das eng und breit, klein und tief, ruhig und zugleich sturmbewegt ist, das monoton grau und doch reich an verschiedenen Schattierungen ist, vom 1 •! -m, das ständig vom Odem des Todes.. umweht wird und doch noch genug Kraft zum Blühen hat, vom Leben, das untergehend und sterbend, noch immer neue Kräfte für neue Kämpfe mit den Weltelementen findet, von diesem unermesslichen Reichtum unseres Lebens wild der fremde, nicht jüdische Leser gar keinen Begriff haben, wenn er es durch Mendele moeher sforim kennen lernen sollte. Die Liniensprache, deren sich Mendele bedient, ist sehr fein und tief. Seine Striche sind wie graviert und packend, treffend gestalten sie ganze Stücke unseres Lehens. Aber die 'Stücke, die er gestaltet, sind nur Bruchstücke unseres Lebens, nicht das Leben selbst. Denn der Geist, der die einzelnen Momente und Bruchstücke zu einem lebendigen Ganzen vereinigt, dieser Geist fehlt in Mendeles Schöpfungen, weil er ein Bildhauer in Worten, ein Plastiker im Erzählen ist. Das bewegende Leben, das fühlen wir in seinen Erzählungen nicht, weil es ihr plastisches Wesen erfordert, dass sie stumm bleiben.' Wir bewundern ihre plastischen Linien, fühlen aber zugleich eine Kalte von ilmen ausströmen, die Kälte des Marmors, die vom natürlichen Schweigen der Plastik keriükrt. Mendele zeigt uns die Momente, wie sie sind, aber nicht das Werden und Entstehen derselben und das veranlasse viele seiner Kritiker, ihn für einen Impressionisten zu halten. Es ist richtig, dass Mendele die Neigung hat, in seine einfachen Worte geheimnisvolle Gedanken zu verstecken, allein zwischen ihm und den Impressionisten liegt der ganze Kleinrealismus, der sieh bestrebt, alles genau rund und gedrexelt herzusteilem Mendele hat die Gewohnheit, vorerst die Oberfläche zu betrachten und erst später das Wesen zu ergründen. Denn der alte Mendele 'hat trotz seiner langen Peoth aad seines alten Kaftans, trotz seines jüdischen Golutsaekes, in dem sich ein alter Talles, Tefillin, edh Stück trockenen Brotes und Zwiebeln befinden und! trotzdem er die Sprache von „Perek Schirah“ oder der „Tchinoth“ von „Sarah bas towdan" spricht, eine griechische Seele und griechische Augen. Wenn Mendele. seine Augen auf tut, um das Weltall Gottes und dessen Wunder zu be-

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