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Jüdische Zeitung · 1908-02-28 · 9 (28.2.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Zeitnn Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme : IX.,- ^äpl^costfasse 9 Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden täglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien : Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau Goldschmied t, I., Wöllzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abannementspreise: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.— . In Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15.—. □ ■ .^_- "=D Vertretungen in der Provinz tn Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — In Prag: Zeitungsverschleiss Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl BuchstaD. 1 Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 9. Wien, Freitag, den 28. Februar 1908. II. Jahrgang. Der Wahlkampf in Galizien. Treu den demokratischen Prinzipien, durchdrungen von der Ueberzeugung, dass das jüdische Volk auf die neue Bahn einer selbständigen Politik geleitet werden muss, im vollen Bewusstsein der Verantwortlichkeit, die derjenige auf sich‘lädt, der ein Volk in den Kampf führt, hat die jüdischnaiionale Parteileitung für Galizien nach eingehender Beratung beschlossen, aktiv in die Wahlen für den galizischen Landtag einzugreifen. In drei städtischen Wahlbezirken hat sie die Kandidaturen erprobter treuer Männer, ergebener Arbeiter für ihr Volk, unermüdlicher Kämpfer für das Wohl und die Ehre der der jüdischen Massen proklamiert. Politische Klugheit, konsequente Durchführung des einmal aufgestellten Prinzipesj der Selbstbestimmung'.haben : trQtz der ungünstigen Aussichten, den. Entschluss der Leitung reifen lassen und nun liegt es an den Wählern zu’ beweiseri^öb sie sich mit den Kündern einer freien Zukunft, mit den Wortführern des Fortschrittes im Einklänge befinden oder ob sie trag und sklavisch ihren ärgsten Feinden, der korrumpierten Kahalclique und der gewissenlosen Pluto^ratie Gefolgschaft leisten wollen. An den jüdischen Wählern liegt es jetzt, zu zeigen, ob sie gewillt sind, weiter durch Moschkos vertreten zu sein, die nie ihre Stimme für ihr Volk erhoben haben, ob sie wünschen, dass G o 1 d m ä n n s, Fruchtmanns und L ö w e n s t e i n s im Namen eines ganzen Volkes Handlanger und Lakaien einer Politik bleiben, die ein Volk gegen das andere ausspielt und mit Hilfe der Juden die Ruthönen unterdrückt. 800.000 Juden leben in Galizien. Nach ihrer Steuerleistun£, Intelligenz und wirtschaftlichen Bedeutung für das Land sollten sie zumindest zwanzig Abgeordnete im Landtage haben. In -Wirklichkeit aber wurden sie durch Repressalien und Drohungen zum Stimmvieh für die Vertreter eines korrupten Adels, einer gewissenlosen Herrscherklasse heruntergedvückt. Und diejenigen, die sich als jüdische Führer gerierten, verkauften um persönlicher Vorteile willen ihr ganzes Volk, das in Elend und Not dahinsiecht. Eine neue Zeit reift heran und jedes Volk will seinen Platz an der Sonne haben. Auch die Juden haben den alten Golusstaub abgeschüttelt und in gewaltiger Kraftanstrengung haben sie ijn FrMiinije vorigen Jahres bewiesen, dass sie der Knechtschaft und des imwürdigeii'^ustäfid'esT in' dein sie gehalten wurden, müde sind und von nun an ihr Geschick selbst bestimmen wollen. Hat dieser Wille dem Kampfe um die Reichsratsmandate die Signatur gegeben, so muss er auch bei den Wahlen für den galizischen Landtag, der viel mehr für Wohl und Wehe der galizischen Juden tun kann, als das Zentralparlament, zum Durchbruche kommen. Und die Wahlen in den Landtag haben höhere Bedeutung erlangt, umsomehr als in der kommenden Landtagssession Wächter nötig sind, die bei der Wahlreform und Wahlkreiseinteilung strenge darauf zu achten haben würden, dass auch den Juden ihr Recht werde. Solange wir uns auf andere verliessen, haben wir bittere Erfahrungen gemacht. Wie können wir es nach den Drohungen der Schlachzizenpartei, nach den brutalen Vergewaltigungen unserer Rechte durch die Nationaldemokraten, bei der Unfähigkeit und der so oft erwiesenen sklavischen Lakaienhaltung unserer Moschkos erwarten, dass man uns bei der Wahlreform gerecht behandeln wird, wenn wir nicht verlässliche treue Männer im Landtage haben, die schonungslos jeden Missbrauch der Macht aufdecken, die ihre Stimme zu einem gewaltigen Proteste erheben, wenn man uns weiter als Parias und Knechte betrachten oder mit dem Wohle unserer Massen ein frevles Spiel treiben wollte! Der Jüdische Klub im Reichsrate hat zur Genüge bewiesen, was es bedeutet, wenn freie unerschrockene Vertreter unseres Volkes ihre Stimme erheben, er hat den Namen des jüdischen Volkes zu Ehren gebracht und den alten unterdrückten Stamm aus dem unwürdigen Zustand der Passivität zu neuem aktiven Leben erweckt Der Jüdische Klub hat zwischen mannhaften wackeren Vertretern unseres Volkes und eigennützigen Abenteurern auf Kosten des jüdischen Volkes genau unterscheiden gelehrt. Der 2. März ist der Tag der Landtagswahlen in den galizischen Städten. Die jüdischen Wähler in Lemberg, Brody und Stryj haben Gelegenheit, zu beweisen, ob sie sich bewusst sind, was auf dem Spiele steht und ob sie die Bedeutung dieses Tages zu würdigen verstehen. FEUILLETON. Literarische Spaziergänge. Von A. Loubetzky. Mendele mocher-sforim (S. J. Abramowitz). Mendele moeher-sforim ist kein Erzähler, er ist ein Plastiker. Seine Erzählungen sind eine Galerie von Bildern und Statuen, in welchen das Bestreben bemerkbar ist, durch eine Bewegung den Hauptcharaktcrzug der jüdischen Menschen, die er uns vorstellen will, zu packen. Ich sagte, durch eine Bewegung, aber das Wort gibt nioht genau den Gedanken wieder, denn der Plastiker hat für die Bewegung eigentlich keinen Sinn; Zwar ist er bemüht, durch eine Linie oder Gebärde, das Wesen, das Hauptmerkmal des Menschen, den er darstellen 'will, wiederzugeben.. Die Linienspraehe ist jedoch zu arm, um das Weite und Breite im Leben ausdriieken zu können. Höchstens kann sie eine kleine Episode daraus, einen kleinem Moment wiedergeben, jenen Moment nämlich, in dem die Tat bereits geschehen und die Handlung abgeschlossen war. Wir bewundern die grosse Kraft, mit welcher die plastischen Momente wirken, indem sie uns die Stimmung vor und nach dem Geschehenen zur Empfindung bringen. Gleichzeitig aber mit dieser Bewunderung fühlen wir eine gewisse Kälte in dem vom Plastiker gestalteten Leben. Das ist die Kälte der gemeisselten Linie, die Kühle des Marmorn, die uns stets in einer gewissen Distanz hält und uns daran hindert, in das plastisch gestaltete Leben einzuleben. Diese Kälte empfinde ic-h bei den Schöpfungen Mendels, welcher durch and uurch Plastiker ist. Eine bessere und richtigere Definition für seine Art finde ich nicht. Mendele erzählt — oder alter richtiger gesagt, — er stellt nur einzelne Momente, niemals aber gelingt es ihm, ganze . Menschen zu zeichnen, in deren Sein verschiedene Momente und Entwicklungspliaser. verknüpft sind. Beim Lesen von Mendeles Erzählungen fühlen wir das Leben einzelner Momente, doch das Leben von ganzen Menschen, wie sie .leben und sterben, kämpfen und untergehen, oder kämpfen und sich dnrehringen, diese Menschen finden wir bei ihm nicht. Wir wissen zwar-, wie ihr Angesicht gefurcht ist, sie sind so deutlich gezeigt,, dass wir sogar ihre Falten u:vd Grübchen zu zählen vermögen; aber das Leben dieser Mensc-ben lernen wir doch nicht kennen. Auch in der Schilderung und Gestaltung der einzelnen Momente versteht er nicht das Individuelle und Eigentümliche zu differenzieren. Sein Auge sieht und sein Ohr hört bloss das Typische, äusserlieh Charakteristische, das an sich den Stempel der jüdischen Gasse trägt. Ich stelle mir vor, was geschehen würde, wenn ein Mensch vom Mars oder vom Jupiter plötzlich auf die Erde herunterfiele und unser Leben zu Iietraehten und zu studieren begänne. Das Leben auf unserer Erde hat er niemals gesellen, er hat nur aus der Feme das lebhafte Sieh regen bemerkt; das Kochen. Brodeln und der sonderbare Lärm, dessen Stärke er in den Höhen gefühlt, veranlasste. ihn zu den verschiedensten Kombinationen über unser Leben, und bestimmte ihn auch, auf die Erde herunterzusteigen. um mit eigenen Augen das rauschende Leben zu sehen, dessen Töne ihn in der Feme bereits interessiert haben. Und um ihm das Studium der Entwicklung unseres Lel<ens in verschiedenen Zeiten und Ländern in aller Kürze zu ermöglichen, würde man ihn mm in ein berühmtes Mus.-um führen, damit er dort aus den vielen Bildern berühmter Künstler unser Leben erkenne. Den Eindruck, den auf ihn die Bilder machen würden, und das

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