Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr.'* Hausjaden, die sich als Berater der Juden aufwerfen, nicht, dass man nicht mit heiler Haut davonkommen kann, wenn man hartnäckig, im Momente des erbarmungslosesten Draufeeblagens, die Finger zwischen Hammer und Ambos steckt? Haben es diese Herren nicht vorausgesehen, dass nur blaue Flecken und zertrümmerte Fensterscheiben der Lohn für die niedrigen Schergendieaste sein können, zu denen sich eine Clique von kaltblütigen Unterdrückern einer verzweifelt um ihre Existenz ringenden Nationalität die Juden auserkoren bat? Werden es diese Kreaturen vor der Nachwelt, vor ihrem eigenen Gewissen — wenn ein solches bei ihnen überhaupt noch vorhanden ist — verantworten können, dass sie für den schmeichlerischen Druck einer blaublütigen Hand, für einige gleisnerische Phrasen, die nie ernst gemeint waren, schwer erworbenes jüdisches Vermögen der Vernichtung preisgeben. Tausende unschuldiger, wehrloser Juden dem begreiflichen Märtyrertum entgegentreiben und die Wut, den Zorn erbitterter, der Selbstbeherrschung unfähiger Massen, gegen das ganze jüdische Volk entbrennen lassen? Denn die Befürchtung ist nur allzu begründet, dass die Ereignisse von Czortowiec nicht vereinzelt bleiben werden, wenn die Juden Galiziens nicht rasch, energisch und endgültig der frevelhaft leichtfertigen Assimilationspolitik ein Ende machen und im nationalen Kampf strengste Neutralität bewahren. Wenn die Hausjuden uns sagen, „wir sind Polen, wir müssen die Ruthenen bekämpfen so sollen die Juden Galiziens nicht etwa antworten, — dass sie Ruthenen sein wollen. Das verlangen diese gar nicht von uns. Nein, wir wollen Juden bleiben, Juden, als welche wir geboren wurden, Juden die eine Jahrtausende alte Geschichte als Volk hinter sich haben. Wir wollen als Nation mit den beiden Nationen des Landes, dessen Geschicke mit den unserigen so eng .verknüpft sind, Tn E inlr ad ht lebe n,” wir wollen nicht, die eine gegen die andere ausspielen und uns nicht von der einen gegen die anderen missbrauchen lassen. Abg. Dr. Straücher in Radautz. Ueber Einladung der Jüdischnationalen und Zionisten von Radautz begab sich Abgeordneter Dr. Straücher.in.Begleitungmehrerer Freunde und Parteigenossen am Sonntag den 9. d. nach Radautz, um dort in einer Volksversammlung über die politische Lage der Juden in Oesterreich zu referieren. Bei seiner Ankunft in Radautz wurde Abgeordneter Dr. Straücher am Bahnhof von den Vertretern der jüdischen Gemeinde und sämtlichen Honoratioren sowie einer vieltausendköpfigen Menschenmenge empfangen und begrüssL Der feierliche Empfang am Bahnhofe steigerte sich in der Stadt zu einem wahren Triumphzuge, an dem rieh die gesamte Judenschaft der Stadt beteiligte. Am Nachmittage fand im Schützensaale unter dem Vorsitze des GR. Dr. Bier er eine massenhaft besuchte Volksversammlung statt, in welcher Dr. Straücher in anderthalbstündiger Rede über die jüdischnationale Frage sowie die Tätigkeit des jüdischen Reichsratsklubs referierte. .Die Rede Dr. Strauchers wurde mit begeistertem Beifall aufgenommen. In die Debatte griffen die Herren Dr. Chaim Kinsbrunner und Dr.Neumänn Wender mit trefflich gehaltenen wirkungsvollen Reden und grossem Erfolge rin. Zum Schlüsse sprach der Vorsitzende Dr. Bi er er, über dessen Antrag unter grossen Ovationen für Dr. Straücher demselben Dank und Anerkennung für seine hingehende Tätigkeit im Dienste des jüdischen Volkes votiert und gleichzeitig gemäss den Beschlüssen des jüngst abgehaltenen Judentages die Organisation der Bukowinaer Judenschaft auf nationaler Grundlage durch Gründung jüdischnationaler Vereine und Schaffung eines jüdischen Volksrates in der Bukowina unter lebhaftester Zustimmung rinstimmig beschlossen wurde. Abends fand ein von sämtlichen jüdischen Vereinen der Stadt veranstalteter Kommers statt, bei welchem neuerdings Abgeordneter ’ Doktor Straücher und Dr. Kinsbrunner sprachen. Die Reden weckten bei den Festgästen begeisterte Stimmung und hinreissenden Beifall, welcher sich in grossen Ovationen für die Festgäste auslöste. Es wurde gleichzeitig, gemäss den Beschlüssen des jüngst stattgefundenen Bukowinaer Judentages, die’Gründung eines jüdischen Nationalvereines in Radautz beschlossen, welcher gemeinsam mit dem Gzemowitzer jüdischen Nationalverein einen Volksrat beschicken wird. Der Kommers schloss um halb 3 Uhr morgens mit stürmischen Ovationen für Dr. Straücher und die Czemowitzer Gäste. Der D. D. V. auf dem Kriegspfade. „Die Schlacht bei Zögernitz“ hat immerhin auf die um Hock erziehlich gewirkt. In der nächstgefolgten Versammlung im „Hotel Post“, wo die deutsch-demokratischen Wahlwerber um die freien Mandate für Gemeinderat und Bezirksausschuss Innere Stadt aufmarschierten, liess sich keiner der offiziellen Redner das kitzliche Wort „Deutsch“ entschlüpfen. Oder sollte das eine zarte Aufmerksamkeit für den Kandidaten Doktor Alex. Mintz sein, der erklärte, er könne sich dem Rufe seiner Gesinnungsgenossen nicht länger entziehen und begreiflicherweise wünschen muss, im Dunkeln zu lassen, wer eigentlich diese Gesinnungsgenossen sind!? Denn als Mitglied des engeren zionistischen Aktionskomitees wehklagte er am I. Basler Kongress über das Elend der Jaden Oesterreichs, zog sich alsdann ins Privatleben zurück, angeblich weil sein „Freund- Herzl die innerpolitische1 Betätigung ablehnte, weigerte sich trotzdem mitzuarbeiten, als die zionistische Partei in den innerpolitischen Kampf eintrat, bohrte vielmehr mit an den Gegenminen der'„israelitischen Union* wurde von ihr mit der Vizepräsidentenstelle belohnt und erbat sich in Offener Versammlung von den Wiener Assimiianten den Hammer, womit er die* zionistischen Knechte an den Ohren annageln vypllte und nun, da der Hammer sich als zerbrechlich erwies, ist Herr Dr. Mintz bei den Hockmännern angelangt. Er versprach, sich im Bezirksrat unentwegt der Frage der Kehrichtabfuhr zu widmen“, bis die Fanfaren der Freiheit wieder tönen und die Quellen der Freiheit wieder rauschen.- Wie sagt das Sprichwort? „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür!“ Baron Hock drückte Mintzen warm die Hand, dann sprach der Obermeschumed von Döbling Herr Kuffler. Ein harmloser Jude namens Othon wollte den Verein bitten, jeden Chauvinismus und das Deutschtum bei Seite zu lassen, da der Verein doch : zunächst auf die Juden angewiesen sei. Vdm Vorsitzenden Hock unterbrochen, bat ‘ Othon anderseits den hochgeehrten Herrn Baron „namens der gesamten Judenschaff“ um Verzeihung für die ihm bei Zögernitz widerfahrene Kränkung. Als es daraufhin im Plenum grollte, beschwichtigte Baron;. Hock den nahenden Sturm mit den köstlich naiven Worten : „Es ist uns dauernd unerwünscht, dass Fragen der Konfession und Rasse bei uns erörtert werden. Vlfit möchten den Zustand erreichen, dass dies nie mehr geschieht.“ (Stürmischer Beifall.) Schliesslich sprachen noch der bei anderen Gelegenheiten jüdischnationaie Doktor Lifczis, ein deutschvölklicher Arbeiter (Hockianer) und ein,Student, dem aus Wut über eine wissensfeindliche Steile, die er im jus canonicum gefunden hatte, die Stimme überschnappte. Nachdem noch der fris-bgetaufte Dr. Habndl einen Geschäftsordnungsantrag gestellt hatte, zerstreute sich die Versammlting zu. beiden Seiten des Kais. Dr. E. M. Zweig. Korrespondenzen. Ein Vortrag über Ch. N. Bialik. Wien. Donnerstag den 13. Februar sprach Herr Dr.,M. Grunwald im Ingenieur-und Architektenverein über den berühmten hebräischen Dichter Gh. N. Bialik und verstand es, über die ganze Versammlung Stimmung zu breiten, ln glänzender Weise trug er Bialik sehe Gedichte vor und schilderte den Werdegang des Dichters. Der Vortrag war formvollendet. Doch fühlte sich jeder, der die Bialiksche Poesie näher kennt, einigermassen. enttäuscht. Die Schilderung Doktor Grün walds war zu europäisiert, möchte man sagen, Stimmung, Form alles war da, nur haben uns wir den ßialik anders vorgestellt. Wir hielten ihn für den Dichter des neuen Judentums. Wir waren der Meinung, dass Bialik ein Verkünder einer neuen grossartigen Kultur des Judentums ist. Der Vortrag hat uns eines anderen belehrt. Er erzählte uns, dass Bialik hebräisch schreibe, dass er des Beth-Hamidrasch mit Wehmut und Ehrfurcht gedenke. . Warum vergass er zu erzählen, wie stark die Sehnsucht Biaiiks nach Erde ist, nach dem Leben in der Natur, nach Kraftentfaltung und nach Freiheit? Warum vermittelte er uns die Kenntnis des eigenartigen Milieus nicht, aus dem neue Kulturwerte entstehen? Vielleicht weil sich das alles glicht in den Rahmen eines einstündigen Vortrages zwängen lässt, vielleicht weil er auf Unverständnis stossen würde? Immerhin, wir sind dem Dr. Grunwald dankbar, denn aus seinen kunstvollen Worten und stilistisch aüfgehauten Sätzen klang hie und da der Unterton echten Mitempfindens und Fühlens für die Schönheiten der Bialikschen Kunst wie' für das Milieu, in dem er fusst, mit. Galizien. Zionistischer Wahlsieg. Zaleszczyki. Bei der Wahl in die Erwerbsteuerkommission ist die jüdischnationale Liste vollständig durchgedrungen. Vorige Woche nahm die neugewählte Kommission die Einschätzung vor. Dabei benahm sie Aich derart korrekt, dass sogar die Gegner ihre Anerkennung.ausdrücken mussten.. Zu den, Laiidta^^ijtfahliBn. in. Galizien^^ y Manche Parteihlätter brachten Nachrichten von jüdischnationalen Kandidaturen in den galizischen Landtag und nannten einzelne Namen als Kandidaten für gewisse Städte. Auch von einem bereits offiziell getroffenen Abkommen mit den radikalen Ruthenen wurde berichtet. Ihr Korrespondent ist nun in der Lage, die erschienenen Nachrichten vollinhaltlich zu dementieren. Eine Abmachung mit den radikalen Ruthenen oder überhaupt mit irgend einer Partei ist derzeit noch nicht erfolgt und die in manchen Städten Galiziens vorgekommenen Rallierungen, wie beispielsweise in Sniatyn, waren ein Produkt der lokalen Verhältnisse .und der lokalpolitischen Struktur. Die Nachricht von den bereits nominierten Kandidaten ist vollständig ans der Luft gegriffen. In Wirklich-' keit wird die Namhaftmachung der Kandidaten erst in den nächsten Tagen erfolgen. Ungarn. Budapest. DieVerbreltung d es Antisemitismus in Ungarn nimmt beständig, zu. Das ist dem in Budapest gegründeten „katholischen Volksverbande“ zuzuschreiben, der sich als rein religiösen Verein angekündigt hat, nunmehr aber in einem grossen Teile des Landes die Flamme konfessioneller Hetzereien trägt. Vorige Woche veranstaltete der katholische Volksverein in hundert Ortschaften des Landes, besonders aber in Nordungam. zahlreich besuchte Versammlungen, in welchen die Konstituierung der Provinzorganisationen dieses Verbandes vorgenommen' wurde. Reichsratsabgeordnete der antisemitischen Volkspartei hielten in diesen Versammlungen Reden, die vom Geiste der Intoleranz und des Judenhasses durchdrungen waren. Deutschland. Misrachiorganisation. Frankfurt a. NI. Das in Frankfurt bestehende Bureau der Misrachi plant jetzt eine Weltorganisation aller Misracbisten zu begründen, die sich aus Landsmannschaften zusammensetzen soll! Die einzelnen Landsmannschaften zerfallen wieder im Filialen. Für Oesterreich-Ungarn sind folgende vier Filialen in Aussicht genommen: Wien, Budapest, Kolomea und Krakau. Alle Orthodoxen werden' in einem Aufrufe aufgefordert, sich der Organisation anzuschliessen.