Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 8- Öffentliche Sitzung des Wiener Kultusvorstandes. (Sonntag, den 16. Feber 1908.) Zunächst verliest der Sekretär die sorgsam nach der Höbe der Beträge geordnete Spenderliste mit minderem, normalen und erhöhtem Pathos, doch ohne die Aufmerksamkeit der Herren Vorsteher fesseln zu können. Da nimmt der Präsident Dr. S t e r n selbst das Wort: »Der Herr Baron Rothschild hat — —* und ehrfürchtiges Schweigen breitet sich über die aufhorchende Runde ... er hat gestattet, dass die aus dem Nachlasse des Freiherrn Nathaniel Rothschild der Kultusgemeinde 1905 zugedachte Widmung von 100.000 K. zwecks Aktivierung des Kaiserin Elisabeth-Institutes für israelitische Pflegerinnen aufrechtbleibe, obgleich die der Kultusgemeinde selbst zugedachte unmittelbare Verwaltung dem Vereine Eintracht B.-B. abgetreten worden ist Dr. Berger interpelliert den Präsidenten wegen zweier neuer Fälle christlichen Bekehrungseifers. Ein Leipniker, Kulka, sei körperlich und seelisch schwer erkrankt, nach Wien in das Währinger Haus der Barmherzigkeit zugereist Von seinen Pflegern bedrängt, habe er die Wiener Kultusgemeinde um Hilfe angerufen. Ueber den herzzerreissenden Bericht ihres nach Wäbring entsandten Beamten und da das Statut ihres Siechenhauses die Aufnahme des Ortsfremden verwehre, habe die Kultusgemeinde mit Briefen und Depeschen die Schwestergemeinde und das Versorgungshaus in Leipnik zur Erfüllung ihrer Pflicht gemahnt, jedoch schliesslich nur die Zusage der Einbe rufung einer Vorstandssitznng erzielt. Der zweite. Fall betreffe eine an Magenkrebs leidende Jüdin aus Galizien, die nach wechselreichen Geschicken im städtischen Versorgungshause in Lainz Aufnahme gefunden habe, indes nach Ermittlung ihrerHeimatsgemeinde ' vor die Wahl: Taufe öfter1Abschiebung gestellt worden sei, so dass die Kultusgemeinde Wien, welche der Kranken schon bis nun Koscherkost geliefert hatte, sie provisorisch ins jüdische Spital aufnabm. Dr. Berger fragt, was der Präsident gegen solche Fälle vorzukehren denke und ob er nicht insbesondere die jüdischen Kranken und Spender vor jenem Hause der Unbarmherzigkeit warnen wolle. Der Präsident bestätigt die Richtigkeit der Angaben des Interpellanten, lässt sich zur Uebernahme der Kranken Galizianerin ins jüdische Siechenhaus ermächtigten, bedauert aber, bei der Teilnabmsdass <he Künstler bei den anderen mit den vorhergehenden Generationen ihres Volkes und mit ihrer Umgebung organisch verwachsen sind. Für die „Nichtjuden* sind die Künstler keine rätselhaften, unerwarteten, fast unnatürlichen Erscheinungen wie bei uns. Künstler sind für sie vielmehr nur Folgen ihrer gesellschaftlichen Erziehungsbedingungen und wachsen aus einem von den vergangenen Generationen und der gegenwärtigen Gesellschaft kultivierten Boden hervor. Bei den „Anderen“ ist ausser den Künstlern auch die Gesellschaft künstlerisch erzogen und künstlerischer Geist herrscht dort überall: er wirkt auf das soziale, private, häusliche, öffentliche und nationale Leben. Alles wird direkt oder indirekt von ihm beeinflusst Bei uns Juden ist es anders. Wir haben zwar grosse und berühmte Künstler, aber sie sind keine Folgeerscheinung des jüdischen Lebens und sind daher mit ihm nicht organisch verwachsen. Ihr Erscheinen und ihre Existenz ist rätselhaft und unlogisch wie das Aufblühen einer Blume in der Wüste. Sie wachsen auf einem Boden, der von der Vergangenheit nicht urbar gemacht und von der Gegenwart nur sehr wenig kultiviert wurde. Unsere jüdische Gesellschaft lebt ohne Kunst und ohne künstlerische Erziehung. Dass unsere „unteren* Schichten von der Kunst entfernt sind, kann nicht wundemehmen. Plage, Hunger, Ueberanstrengung und Unterernährung benehmen die Fälligkeit, Kunsleindrücke zu empfangen. Aber auch die höheren Schichten sind unkünstlerisch erzogen. Darum ist es eine Seltenheit, wenn sich ein jüdischer Reicher für jüdische losigkeit der Kultusgemeinde Leipnik den kranken Kulka nicht' ebenso berücksichtigen zu können, zumal über 50 dringliehe Aufnahmsgesuche von ^Personen erliegen, die vielfach schon seit ihrer Geburt in Wien wohnen. Hoffentlich werde die im Zuge befindliche Erweitprung des Siechenhauses um 25 Plätze künftig der Betätigung des Rachmones freieren Spielraum lassen.! Hierauf werden! folgende Subventionen an jüdische Studentenvereine vorgeschlagen und beschlossen : Lese- und Redehalle K 600, Kadimah K 490, Bar-Kochba K 300, Libanonia K 250, Unitas K 200, Ivria K 150, Theodor Herzl, Bar-Giora, Jüdische i Kultur ä K 100. Die Gesuche der „Makkabäa“ und des „Erez Israel“ seien noch zu erledigen. Da der Kultusvorstand ansonst die Oeffentlichkeit wie; das höllische Feuer scheut, ist es klar, dass der Herr Präsident, durch Publizierung obgenannter Subventionen, welche.—bis auf die Lese- und . Redehalle - ausgesprochen zionistischen Vereinen zufliesseh, unserer Partei einen Tort anzutun denkt. Wir aber •' fühlen uns keineswegs blossgestellt Es ist kein Gnadenakt, den da die Gemeinde setzt,‘.sondern ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die jüdische Jungmannschaft zu fördern. Auch bleibt keine Wahl, da die Spezies des mosaischen Studenten von der Couleur „Seitenstettengasse* - seit Jahren ausgestorben ist. Die zionistischen Studenten sollen getrost mit der Linken die die Subvention eihstreichen und mit der Rechten für die , Parole unserer Partei weiter kämpfen: „Die jüdische Gemeinde dem jüdischen Volk!“ Um jedoch einem unziemlichen Wettbewerb und hieraus entspringenden Missdeutungen vorzubeugen, wäre es ratsam, wenn alle Vereine sich auf einen Einheitssatz ihrer Subventionsgesuche einigen würden. Der Punkt „Koscherfleisch“ wird von der Tagesojdriunglfabges0tzt, -da erst-gestern ’ das Rabbinat-Güfachten eingelangt sei. (Zwischenruf: Das wievielte?!) Sodann wird über Antrag des Vertreterkollegs das Statut dabin abgeändert, dass die drei oberen Klassen für Leichenbegängnisse und Grüfte um 25 Perzent im Preise erhöht, die 4. Klasse hingegen unverändert gelassen, bezw. gar ermässigt wird. Hieraus erhofft man eine jährliche Mehreinnahme von 70.000 K. So sehr wir diese nicht nur finanziell, sondern; auch sozialpolitisch glückliche Massnahme begrüssen, sei es dem Präsidenten eingeschärft, dass wir uns durch diese erhöhten Beiträge der Reihen und Wohlhabenden in .dem lebensfrischen Kampf- Kunst interessiert Er hat selten künstlerische Interessen, wenn er aber doch vorgibt, Kunstinteresse zu besitzen, so unterstützt er — der Mode wegen — die offizielle Kunst.“ Herr Katzeneisohn ist nicht der einzige und der erste, der das Fehlen der Kunst in der Judengasse beklagt. Die Klage darüber war lange Zeit die Spezialität Dr. Berdyczewskis. „Sie und wir* ist - fast der einzige Inhalt all seiner Schriften. „Sie* das sind die „Nichtjüden* und „wir* das sind die Golusjuden. „Sie* sind künstlerisch erzogen, sie haben Kunst Schönheit und Form, sie haben Museen, Akademieen und andere Institute, die sich mit der Pflege der Seele beschäftigen und wir Golusjuden haben nur Bücher und Bücher, welche unsere Seele töten. Und Dr. Berdyczewski begnügt sich nicht mit der blossen Konstatierung der Tatsache. Er ist ein Gewaltmensch — das heisst, wenn er am Schreibtisch sitzt Sonst aber ist er sehr ruhig. Am Schreibtisch aber will er mit Ge- . walt das jüdische Gdlusleben umändern. Ach! ruft - er, wenn er die Feder ergreift. Ach! gebt uns Schönheit! Ach! gebt uns die Natur wieder! Ach! nehmt unsere Bücher weg! Ach! gebt uns Bilder, Statuen! schafft eine eigene Kunst! belebet und erfrischet unser altes,1 verdorrtes Herz! Ach! Ach! mit vielen Gedankenstrichen, die die Seufzer und Hilferufe darstellen sollen, die man durch Worte nicht ausdrücken kann. Dr. Berdyczewskis Hilferufe haben gewirkt und lange Zeit beschäftigte sich die jüdische Presse mit dem Thema: „Der Gesellschaft die Kunst, der Kunst der Gesellschaft.“ Aber alle diese Schreier konnten es in ihrer Wut ruf nach dem allgemeinen gleichen Wahlrecht nicht im geringsten werden beirren lassen. # Hierauf folgte eine Polemik des Präsidenten gegen das Zirkular des Vereinee „Schomre Hadass“ über die Sperrung seines Bethauses durch die Kultusgemeinde. „Seit Jahren schiessen die Minjanim wie Pilze hervor, und mögen sie auch Wöhltätigkeitsvereine heissen, ein jeder will sein eigenes Bethaus haben, ohne das Geld zu besitzen, es erhalten zu können; Für das stärkere Betbedürfnis an den hohen Feiertagen sei ohnedies gesorgt. Bei jedem Streit innerhalb eines Minjans spalte es sich in zwei, drei Konkurrenzminjanim. Hierdurch sei seinerzeit die Kultusgemeinde Sechshaus dem Konkurs nahegebracht und nur durch des seligen Taussig Energie gerettet worden. Der 1903 gegründete „Bildungs- und Unterstützungsverein Schomre Hadass'* habe sogleich — ohne den Kultusvorstand zu fragen — ein Bethaus errichtet und dessen Sperrung bis nun durch. Eingaben an alle Behörden hintertrieben. Trotzdem werde die Gemeinde schliesslich ihre Autorität durchsetzen. Bei Beurteilung von Bethausgesuchen müsse auch auf die Persönlichkeit der Petenten gesehen werden. So sei die Haltung des „Marpe lanefesch“ gegen die Kultusgemeinde bekannt (er hat sich nämlich erkühnt, in Eingaben an die staatlichen Behörden stärkere Berücksichtigung orthodoxer Interessen zu verlangen) und die anderen oppositionellen Vereine seien zum Teil blosse Tischgesellschaften.“ Der kleine Herr Präsident auf seinem hohen Stuhle teilt so nach der Art von Lies allseits Bosheiten aus. Das ist ein ganz probates Mittel, eine friedliche Einigung auch'da zu verhindern, wo sie sich sonst naturgemäss ergäbe. Aber mag die Gemeinde in Fransen gehen, wenn sich Herr Dr. Stern nur als den Trepow der Seitenstettengasse fühlen kann. Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschäftsbücher-Fabrik A. Grünsfeld & Co., Wien, I., Gonzagagasse 21. und in ihrem Rausche nicht begreifen, dass jüdische Kunst im Golus unmöglich und daher auch unmöglich ist, die jüdische Gesellschaft im Golus durch jüdische Kunst zu beeinflussen. Unsere Maler und Bildhauer sind Juden und oft lässt sich in ihren Werken Spezifisch-Jüdisches erkennen, j üdisehe Maler und Bilder besitzen wir aber nicht und können sie nicht besitzen. Denn unseren Malern und Bildhauern fehlt das künstlerische jüdische Milieu. Es genügt nicht, wenn der Privatmann im Künstler sein privates jüdisches Milieu besitzt, auch der Künstler muss sein künstlerisches jüdisches Milieu haben. Ohne ein solches ist seine Kunst höchstens die Kunst eines Juden, aber noch lange nicht jüdische Kunst. Jüdische Erzähler und Poeten haben noch ein künstlerisches jüdisches Milieu: ihre Literatur und ihre Sprache. Auch Sänger und Musiker können wenigstens in ihrer Anfangserziehung in der Synagoge ein jüdisches künstlerisches Milieu finden. Wenn sie auch in ihrer späteren Entwicklung in ein fremdes Milieu geraten, finden sie doch wenigstens einen Rückhalt in den Volkesmelodien und Synagogengesängen, in denen der jüdische Geist schon seinen spezifischen, jüdischen Ausdruck gefunden hat, der durch eine lange Tradition unterstützt, auch auf die jüdische Gesellschaft erzieherisch einwirken konnte. Anders aber verhält es sich mit der Malerei und Bildhauerei. In diesen Künsten hat der jüdische Geist seinen spezifisch-jüdischen Ausdruck noch nicht gefunden. Beim Empfangen künstlerischer Eindrücke und beim Schaffen neuer künstlerischer Werte ist der jüdische Maler und Bildhauer auf