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Jüdische Zeitung · 1908-02-21 · 8 (21.2.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
8 (21.2.1908)
Date
1908-02-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 8 Schwierigkeiten, wird niemand im Ernste glauben, dass auch nur ein kleiner Teil des christlich-europäischen Auswandererstromes nach Vorderasien gelenkt werden könnte. Die Strömungen innerhalb der menschlichen Gesellschaft gehen — um Oppenheimer zu zitieren — von Gebieten hohen zu solchen niedrigeren Druckes auf der Linie des geringsten Widerstandes vor sich. Die Fremdj heit, Wesens- und Glaubensverschiedenheit ' der arabischen, türkischen etc. Urbevölkerung, ihr fanatischer Christenhass, die politische Stufe der Türkei (die gewiss niedriger ist, als jene der betreffenden Äuswanderungsländer), die grossen Anstrengungen, welche von den Ansiedlern erfordert werden — all diese Momente machen Vorderasien zu einem »Hochdruckgebiete* für europäisch-christliche Auswanderer. Nur für jüdische Auswanderer stellt Vorderasien,'namentlich Palästina ein »Niederdruckgebiet“ dar. Resümieren wir kurz die in unseren Kreisen bekannten Tatsachen, welche dafür sprechen: Eine Jahrhunderte alte Erfahrung beweist, dass die Bevölkerung der Türkei gegen eine jüdischen . Niederlassung keinen Widerstand leistet. ..Daran ändern auch vereinzelte Ausbrüche des Glaubenshasses seitens fanatisierter ,Araber nichts. Im allgemeinen begegnet der. Jude in der Türkei keinem Hass, er wird .von Türken, Arabern etc. mit Recht oder Unrecht als glaubens- und stammesverwandt .angesehen. Infolge der glücklichen Verbindung von orientalischer Abstammung und europäischer Bildung, sind die Juden die einzig, möglichen, ja sogar die dazu prädestinierten Mittler zwischen Orient und Occident. Und ..der jüdische Auswanderungsstrom wäre mit Leichtigkeit nach Vorderasien zu lenken. Denn anders, als der christlich-europäisehe Auswanderer, den nur die materielle Not treibt, empfindet der Jude, der aus Russland un.d Rumänien flüchtet, froh, sein nacktes Leben zu retten, in der. Türkei ein Aufsteigen zu menschlicheren Daseinsbedingungen, zu grösserer Freiheit. In Palästina tritt dazu die Liebe des Heimat- und Ruhelosen zum alten Heimatboden und steigert seine Kräfte, so dass er den grössten Anstrengungen und Entbehrungen gewachsen ist. Die Probe, darauf, ob der Jude wieder Landwirt werden kann, ist in Palästina schon längst .mit bestem Erfolge gemacht worden. Auch keine politischen Gründe sprechen gegen die Grosskolonisation von Juden in Vorderasien. Denn hinter ihnen steht keine Macht. Die Staaten können daher in einer solchen. Massensiedlung keine Verschiebung der Einflusssphären erblicken, die Türkei kann darin keinen Ansatz zur Festsetzung einer europäischen Grossmacht sehen. Die Erkenntnis, dass aus all diesen Gründen die Juden das einzig mögliche Koloni sationsm aterial für die Besiedlung Vorderasiens darstellen, konnte unserer Sache so lange nichts nützen, als sie nicht über unsere Kreise hinausdrang. Je mehr sich aber Europa mit dem Problem der Erschliessung Vorderasiens beschäftigt, desto mehr müssen die interessierten Kreise auch der Frage der Besiedlung des Landes nähertreten. Keinem unparteiischen Beurteiler können die angeführten Tatsachen verschlossen bleiben und jeder objektiv Urteilende muss daher zu denselben Schlüssen kommen, wie wir. Eine erfreuliche Bestätigung dieser Erwartung finden wir in dem soeben publizierten Bericht eines vom deutschen Auswärtigen Amt nach Syrien entsendeten landwirtschaftlichen Sachverständigen, (Hubert Auhagen),' dem wir folgende Schlussbetrachtungen entnehmen. »Von der grössten Wichtigkeit für die Entwicklung Syriens ist die Kolonisations 1 rage. Was nützen alle Verbesserungsvorschläge auf wirtschaftlichem Gebiete, wenn keine Leute vorhanden sind, die sie durchführen können. Die Deutschen haben zweifellos viel für die kulturelle Erschliessung des Landes getan und sich nach dieser Richtung bleibende Verdienste erworben. Sie haben gezeigt, wie man es machen muss. Aber für eine Massenkolonisation wie sie in Syrien erforderlich sind, kommen sie nicht in Frage. Da kann nur neben der weiteren Einwanderung von Tscherkessen, die aber auch nur in verhältnismässig geringem Umfang möglich ist. die zionistische Bewegung für dieses menschenleere Land von grösster Bedeutung werden. Tausend und aber Tausend jüdische Bauern Russlands, Rumäniens usw. sehnen sich darnach, sieh in dem Lande ihrer Väter anzusiedeln und schon jetzt wächst in Palästina eine Generation jüdischer Landleute heran, die auf den Erfahrungender ersten, unter grossen Enttäuschungen und Schwierigkeiten fussend, zu grossen Hoffnungen berechtigen. Dass, der jüdische Bauer, der als solcher aufgewachsen ist, ebenso leistungsfähig ist, wie der beste andere Bauer, davon habe ich mich durch denBesuch von zahlreichen jüdischen Kolonien, in denen ich mich tagelang aufgehalten habe, überzeugen k ö nnen.“*) *) Hubert Auhagen: Beiträge zur Kenn n der Landesnatur und derLandwinschaft Syrien Berlin, Oktober 1907. (Seite 84—85.) zahlreicher kleinerer Bahnen in Syrien, die heute noch Projekte sind. Daran werden sich grosse Bewässerungsanlagen der Bau von guten Landstrassen, die Erweiterung der Häfen etc. schliessen. Nicht nur die türkische Regierung und die dette publique, sondern auch die interessierten Unternehmergruppen selbst, sowie die hinter ihnen stehenden Mächte haben das grösste, brennendste Interesse daran, dass all diese Unternehmungen rentieren, dass sie wirklich eine Hebung des Landes bedeuten und die Erweckung der schlummernden Produktivkräfte ermöglichen. Pazu fehlt aber in den meisten Gegenden, namentlich im Gebiet der Mekka- und der Bagdadbahn ein wichtiger Faktor. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle Fachwerke, durch alle Konsularberichte, durch alle Voranschläge die Klage: »Was nützen alle Fruchtbarkeit und die verschwenderischsten Geschenke der gütigen Mutter Erde, wenn das Eine fehlt, was sie erst beheben und verwerten kann: der Mensch?“ *) Welches Menschenmaterial steht nun zur Verfügung! Eitle »innere“ Kolonisation ist nicht möglich, da ja eben ganz Vorderasien - entvölkert ist. In Betracht kommen nur einige mohammedanische Auswanderer aus dem Kaukasus und aus Nordafrika, sowie die geringe Zahl von Beduinen, die sich sesshaft machen lässt. Das sind zusammengenommen nur wenige Tausende, während viele Millionen in Syrien und Mesopotamien angesiedelt werden konnten. Manche Autoren denken daher daran, einen Teil des europäischen Auswanderermaterials in jenen Gebieten sesshaft zu machen. Aber .von diesem Material kommt das europäischchristliche Element absolut nicht in Betracht. Schon die Eifersucht der Mächte und das Misstrauen der Türkei würde verhindern, dass sich etwa deutsche, russische, italienische etc. Auswanderer in grösserer Zahl in Vorderasien festsetzten, auch wenn die Bedingungen für sie günstig wären. Am 11. d. musste der Staatssekretär des Aeussern, v. S c h ö n in der Budgetkommission des Deutschen Reichstages erklären : „Es handelt sich uns bei der Bagdadbahn um ein rein wirtschaftliches Unternehmen.wenn man uns Absichten einer Besiedlung türkischer Provinzen zuschreiben würde, so wärediesganz phantastische Kombinationen.“ Aber selbst abgesehen von den unübersteiglichen politischen *) Mygiew: Syrien und die türkische Mekkapilgerbahn, Halle 1906, Seite 75. g chaftlich aufgewühlten Strassen der New Yorker Judenstadt toben, mögen noch so viele Gesichter zu sehen sein, denen die alte jüdische Kulturweihe verloren gegangen ist und die nur von Weg- und Uferlosigkeit trauriges Zeugnis ablegen — die unerschöpfliche Innenkraft unseres Volkes wird dies alles überwinden. Revue der hebräischen Presse. Was die „Anderen“, die „Fremden“ aus anderen Sphären und aus anderen Welten tun, denken und fühlen, wie sie urteilen und empfinden, das ist der Kardinalgedanke der jüdischen Köpfe, die Hauptempfindung jüdischer Herzen. Mögen die anderen etwas über Juden oder jüdische Angelegenheiten denken und urteilen oder mit sich selbst beschäftigt sein — gespannt stehen wir da und lauschen jedem Worte, jedem Klange, den die „Anderen“ hervorbringen, entzückt und berauscht hören wir das Lob von ihren Lippen und selbstvergessen ahmen wir alles nach, was die Fremden tun. In unserem Rausche vergessen wir daran, dass die „Fremden“, die uns nicht kennen, für uns nicht massgebend sein dürfen. Wir vergessen, dass die meisten „Anderen* — auch wenn sie schon unser Leben zu kennen vorgeben — höchstens die „neue“ Wahrheit entdecken, dass polnische Fische und polnische Kugel nur eine echte polnische Jüdin machen und dass man Risotto oder Gulyas in Mailand respektive in Budapest bekommen kann. Und dumm sind diejenigen, die polnische Fische in einem italienischen Restaurant oder einen Risotto milanese bei einer polnischen Jüdin suchen. Und obwohl die Urteile der „Anderen“ über uns in den meisten Fällen nur oberflächlich sind, wollen wir nicht verstehen, dass alles, was für die Fremden passt, hoch lange nicht uns entsprechend ist. Und doch war unser erster Schritt in der kaum gewonnenen Freiheit knechtische Selbsterniedrigung und Selbstvemichtung. Was die anderen sagten, war für uns entscheidend und ihnen zu Liebe wollten wir unsere geistigen und körperlichen Formen umändem, umgestalten und umschatten. Der jüdische Geist war zu spitz, die jüdischen Nasen zu flach. Wir verflachten daher unseren Geist und machten unsere Nasen spitzer. Aber auch später, als wir selbständiger und selbstbewusster wurden, galt bei uns die Meinung der Nichtjuden sehr viel. Ein hebräischer Schriftsteller, der in eine andere Sprache übersetzt oder in einer nichthebräischen Zeitung rezensiert wurde, war in unseren Augen unsterblich und unerreichbar. Der Hauptstolz Smolenskis und auch Ben Awigdors; war, dass man sie in europäische Sprachen übersetzte. Als echte Kinder ihrer Zeit und ihres Volkes verstanden sie sehr gut, dass der Umstand, dass sie in europäische Sprachen übersetzt wurden, sie in unseren Augen auf das höchste Piedestal erhob. Und auch in unseren Tagen geht dasselbe vor. Man sollte meinen, dass wir schon ganz emanzipiert sind, dass wir schon erfahren haben, dass nicht alles, was „fremd“ und „nicht]üdisch“ ist, gewaltig, erhaben sein muss. Und doch lauschen wir den Urteilen der „Nichtjuden“ über uns mit ehrfurchtsvoller Andacht. Tschaikowski, der russische Kritiker, kam zur Ueberzeugung, dass die jüdischen Schriftsteller, welche in fremden Sprachen schreiben, nicht jene künstlerische Höhe erreichen können, wie die Schriftsteller, die in ihrer nationalen Sprache schreiben. Diese Worte des russischen Kritikers bildeten für unsere Presse ein Ereignis. Die „Welt“ brachte sofort eine Notiz darüber und die anderen jüdischen Zeitungen berauschten sich wochenlang an diesen Worten. Diese banale Wahrheit wurde schon xmai von hebräischen Schriftstellern wiederholt und doch musste erst ein »Nichtjude“ kommen, um die „neue“ Wahrheit zu entdecken. Dass sich die „Welt“ daran begeistert hat, ist zu begreifen, denn sie schreibt ia vornehmlich für Westjuden und für diese der „Fremde“ und „Nichtjude“ die grösste Autorität auf jüdischem Gebiete. Dass aber hebräische und jüdische Zeitungen diese Banalität zu einem Ereignis aufgebauscht haben, muss einen schon wundern. Je te connais beau masque! Du kannst dich drehen und wenden, der alle Goiusschweif verrät dich doch. Was die anderen sagen und was die anderen tun, das raubt uns die Ruhe und auch die des Herrn Katzeneisohn in seinem Artikel „Die Kunst in der Judengasse“, welcher im letzten Doppelheft des „Haschiloach“ erschienen ist. Nachdem Herr Katzeneisohn die Bedeutung der Kunst nachgewiesen, bricht er in folgende Klagen aus: „Nicht um ihre grossen Künstler sollen wir die „Anderen“ beneiden, denn auch wir haben sie, sondern darum

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