Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 8 (21.2.1908)
- Date
- 1908-02-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr.. S Konfession in Preussen anbelängf, so hat die kaiserlich « e u;t s c h e Regierung anlässlich, ein^r speziellen "Ä »frage erklärt, es beruhe .auf einer irrigen "Voraussetzung, wenn angenommen werde, dass Ausländern mosaischen Glaubens der Aufenthalt in Preussen überhaupt nicht --gestattet werde. Es bedürfe vielmehr für dieselben nur bestimmungsmässig in der T preussischen . Monarchie, im einzelnen Falle j einer Genehmigung zum Aufenthalte. : . aus dieser-E rid ar un g der kaiserlich { deutschen Regierung, geht hervor; dass es!: . sich hier, nicht um eine, sp ziell gegen u unsere israelitischen Staatsangehörigen gerichtete Massregel, sondern um eine i: generelle Verfügung handelt, die in i; gleicher Weise alle ausländischen. Is r a e 1 i t e n trifft. Gleichgültig nun, welcher Konfession die von Ausweisungsverfügungen Betroffenen angeboren, werde ich nach wie vor, sofern sonst die Voraussetzungen hierzu gegeben sind, meine Verwendung in jedem einz e 1 n en F a 11 e ei n t r eten lassen.“ Damit ist der Fall für den Graten Dzieduszycki, für den Freiherrn von Aehrenthal erschöpft ‘ und muss leider auch für uns erledigt sein. Erledigt aber — wir kennen unsere Leute — wird er auch für die preussische und für die gesamte reicbsdeütsche- Judenschaft sein, deren »grosse*5 Leute wieder begeistert und zufrieden sein werden mit der Bülowschen Staatskunst, der kleinen Mittel und Nichtigkeiten, deren kotrumpiertes Gewissen sich in einer ähnlichen Angelegenheit yor anderthalb Jahren schwach empörte, als es ihnen - an den Kragen. — soll heissen Sack ging — und die russische Regierung jüdisch-deutsche -Handlungsreisende auf russischem Gebiete schikanierte. Auch damals konnte der schwache Protest des deutschen Freisinns nichts richten, ein Protest, der wie im Falle Kohn kein spezifisch jüdischer^ sondern ein allgemein Völker- und staatsrechtlicher ist. Hier handelt es sich um die Beschränkung der' Freizügigkeit des Staatsbürgers, ein Recht, das bei unseren' wirtschaftlichen Verhältnissen, dem immer toller und ungeregelter werdenden Wirbel der kapitalistischen Produktion, für den Einzelnen eine ökonomische Lebensfrage ist. Und Preussen, wohin es gerade den besten intellektuellen und physischen Arbeiter zieht, kann dieses wichtige Recht nach Willkür fremden Juden geben . oder verweigern, deren Stammesgenossen die Bieichröder und Bailin, die Mendelssohn und Demburg sind. Das ist die Tragik des Golus und das Produkt der destruierenden Arbeit unserer Israeliten, dieser Verderber, die in den Eultusstuben. und auf dem Markte des Lebens mehr als aller Antisemitismus unseren rechtlichen Habitus zu immer kläglicheren Formen der »Gleichberechtigung* herabdrücken, in Deutschland und «Oesterreich und überall, wo heule Juden leben. G’est l’ennemi. Fürst Bülow und jede antisemitische Reaktion kann im Rechte bleiben, solange unsere Israeliten als Wortführer unseres Volkes gelten. Für den Juden aber wurde hier einmal das Exempel auf die Gleicqberechtigung und die Ziele einer jüdischen Politik statuiert. * Zionistische Kolonisationspolitik. Von Adolf B ö h m.; I../ Es ist an" dieser Stelle*) vor kurzem äusgeführt worden, welche Wichtigkeit die neue Richtung der europäischen Orientpolitik, die nunmehr endlich auch von,Oester-' reich eingeschlagen wird, für uns hat. Ich will das Gesagte nicht wiederholen, sondern nur nochmals feststellen, worin die fundamentale'Aenderung der Anschauungen und die durch sie bedingten Politik besteht: Man glaubt nicht mehr, > dass die Türkei infolge innerer Wirren zerfallen werde und ist gezwungen worden, den Osmanen die Fähigkeit zuzusprechen, ihre Herrschaft zu behaupten und ihr Land zu entwickeln. Anstatt auf politische .Eroberungen in der Türkei zu sinnen, trachtet man daher, in friedlichem Einvernehmen mit ihr wirtschaftliche Unternehmungen zu begründen, um das ungemein fruchtbare , und an Naturschätzen reiche Land nicht nur immer stärker in den Kreis der Weltwirtschaft und des Weltverkehrs zu ziehen, sondern auch, um es zu pazifizieren, und seine Bewohner an einer geordneten Verwaltung zu interessieren. Im Bewusstsein, dass die Mitarbeit an diesem grossen Unternehmen jeder daran beteiligten Macht nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch eine Stärkung^.ihres, politisphen> Einflusses bei" der Pforte verbürgt, trachten die Mächte im Wettbewerb mit einander darnach, Konzessionen für Eisenbahn-, Hafenbauten, Bewässerungsanlagen etc. von der türkischen Regierung zu erwerben. Auch das Säbelrasseln Russlands in letzter Zeit ist nur ein Pressionsmittel in diesem Konkurrenzkampfe.DiePforte kommt jenen Be-! Strebungen in weitestem Masse emgegen und f trägt auch selbst Aus eigener Kraft viel für die Hebung des Reiches bei. 'Dass die Mächte die Türkei nicht mehr durch Blut und Eisen, sondern durchfriedliche wirtschaftliche Erschliessung pazifizied. Bl. *y Vgl. Artikel : „Orientpolitik“ in Nr. 5 ren und zivilisieren wollen, ist f^1": unser politisches Kalkül von grösster' Bedeutung, weil einerseits der alte- Einwand, wir wollten die Juden in ein zerfallendes, barbarisches Land mit ungewisser Zukunft bringen, hinfällig wird, andererseits aber bei der Pforte selbst heute gewiss viel mehr Neigung als früher bestehen wird, unsere kolonisatorischen Pläne zu fördern. Schon Herzl , operierte in Konstantinöpel mit dem Argument, dass eine jüdische Siedlung in Palästina im, eigenen Interesse der Türkei läge, weil eine solche zur Vermehrung des Wohlstandes und. der Macht des Reiches beitragen würde. Aber damals sah sich die Pforte infolge der. Haltung der Mächte unmittelbar in ihrer Existenz bedroht, sie gewärtigte von Tag zu Tag das Losbrechen eines Krieges, der um ihr Sein und um ihr Erbe geführt werden würde. Es ist begreitlich, dass sie in dieser Lage wenig oder gar keinen Wert auf die Möglichkeit legte, dass irgend ein Teil ihres Landes durch jahrzehntelange Arbeit entwickelt werden könnte. Durch die fortwährende Kriegsfurcht war sie gewöhnt worden, von der Hand in den Mund zn leben, sich „fortzufretten*. Deshalb legte sie damals das grösste Gewicht auf momentane Hilfe — vor allem auf Geld für militärische Rüstungen. Das hatte aber Herzl nicht - in genügendem Masse zur Verfügung und :dai an scheiterten hauptsächlich die Verhandlungen. Es ist Sache unserer politisch en L e itung, kl ar z u erkennen, dass die heutige Situation eine völlig andere, für uns überaus günstiger e ist. Hatte damals die Pforte ein taubes Ohr für weitausgreiferide Kolonisationspläne, weil sie mit den Sorgen des Tages beschäftigt war, so drängt sich ihr jetzt, da.sie. auf Erschliessung, brachliegender Landsfrecken'bedacht ist, das Problem der Besiedelung solcher Gebiete von selbst auf. Und das Tempo dieser Erschliessung wird ein immer rascheres. In den letzten 10—12 Jahren wurden (von kleinen Bahnen und anderen Unternehmungen abgesehen) erbaut: Die Bahnen Beirut—Damaskus, Damaskus — M e s e r i b, die Schlussstrecke der anatolisehen Bahn (Eskischeir— Konia), die erste Teilstrecke der Bagdadbahn (Konia—Eregli), die Bahnen: Häma- Aleppo, Derä t—H a i f f a und der grösste Teil der Mekkabahn. In den nächsten Jahren steht bevor: Der Weiterbau der Bagdadbahn mit dem Anschluss des syrischen Bahnnetzes (über Aleppo) der Ausbau der Strecke Beirut—Rayak zur Vollbahn und Ankömmlinge wissen sofort, an wen sie sich wenden können. Und - sie finden herzliche Unterweisung, liebeyollen - . Rat. Ich war auch bei der letzten Generalversammlung des Vereines, die einen Massenbesuch aufwies und wo wieder das klare Bewusstsein von dem „jidischen* Charakter des- Vereines deutlich hervortrat Namentlich war es der Volksredner Mastiansky, der mit nichts zu wünschen übrig lassender Eindeutigkeit und mit gewohntem Ungestüm den Standpunkt der „jidisehen* Wohltätigkeit des Herzens gegenüber der „jahudischen*, die bloss mit dem Kopfe arbeitet, .vertrat Andere Redner, hauptsächlich Dr. Blaustem, der übrigens bis vor kurzem der, erste. Cbefbeamte der »Educational Alliance* war und rieh um die Organisation der dort untergebrachten Aiistalten die grössten Verdienste erwarb, kündigte eine Ausdehnung der Vereinsagenden auf das ganze jüdische Einwanderungswesen an. Von Krankenhäusern ist das »Beth Israel- Hospital* fast „jidisch*. Ein völlig »jidisches* Spital wird demnächst der „Verband der galizischen und bukowinischen Juden* eröffnen. - ■ Oer „Verband* selbst ist eine der interessantesten Erscheinungen des jüdischen New York. Er ist noch sehr jung, zählt schon über 250 Vereine, die zusammen gegen 60.000 Mitglieder repräsen- . tieren, und bat es Dank seinen bisherigen Leitern, hauptsächlich dem Präsidenten Semmel; verstanden, sich und den galizischen Juden hier Respekt zu verschaffen. Diese haben es schon sehr nötig gehabt Denn sie hatten bisher nicht nur, wie die russischen Juden, die Verachtung der „Jaliudim* zu tragen, sondern erschienen den eigenen ostjü- .dischen Brüdern . aus Rusriand als minderwertig; als eine quantite negligeable. Nun fordern sie auch .ihren Platz an-der. Sonne und kriegen ihn. Die durchaus unnötige gegenseitige Verstimmung hat . zu weichen wenigstens begonnen. Unter anderem haben die Führenden russischer Herkunft meine „Rezeption* durch den „Verband* benützt, um ihre brüderlichen Gefühle für die galizischen Juden und ihre Achtung vor deren jüdischer Gesinnungsslärke und fruchtbarer jüdischer Arbeit zu beteuern. So bedeutet der „Verband“ dadurch, dass er einen namhaften Teil der New Yorker Ostjuden, der bisher sozusagen für die Allgemeinheit brachlag, organisierte, einen bedeutsamen Fortschritt in der Entwicklungsgeschichte des ostjüdischen Blocks von New York. . Trotz aller dieser günstigen Umstände sehen viele mit grossem Pessimismus in die Zukunft des Judentums in Amerika, weil sie dem „jidischen* Element, das sicherlich der Hauptträger jüdischer Hoffnungen in Amerika ist, keine Lebensaussichten geben. Und es wird «unter anderem auf den angeblichen Rückgang c.:r jidischen Sprache hingewiesen: dass die judge Generation, die hier in Amerika geboren odeV vom zartesten Kindesalter erzogen wurde, nicht-' mehr jidisch, sondern nur englisch spreche. Ich 'halte den Pessimismus für übertrieben, speziell auch bezüglich des Jidischen. Ich fand sogar, dass 'Veite Berufskreise von Juden, die nicht aus dem europäischen Osten stammen, oder in der Jugend nicht mehr jidiseli gelernt haben, dem Milieu zuiieb genötigt sind, jidisch zu lesen: Käuüeute, Politiker, Publizisten, Schauspieler Nun ist allerdings mehr entscheidend >was mit den jungen Leuten-geschieht, und da mag. die Klage in der Mehrheit der Fälle berechtigt sein. Aber ich stiess trotzdem auch immer und immer wieder auf Jadenkinder, die im Lande geboren oder frühzeitig eingewandert sind und das Jidische verstehen oder sprechen. Von neueren Schritten zur Erhaltung der Volkssprache abgesehen. Dass auch in New York „Israel nicht verwitwet* ist, wie das schöne Wort sagt, beweist auch der Umstand, dass das Hebräische nicht so ganz vernachlässigt wird, wie man gemeiniglich in Europa annimmt. Es gibt nicht nur viele Zehntausende, die das hebräische und talmudische Studium nach alter Sitte betreiben,' auch die Pflege des Neuhebräischen und seiner Literatur hat beträchtlich grosse Interessentengrüppen — j natürlich fast durchaus unter den Ostjaden. Wie sehr diese auch die neue jidische Literatur ernst nehmen, bewiesen mir, abgesehen von den Theatern, zwei Literaturabende, die ich besuchte und von welchen der eine von den „Poale Zion“, der zweite von dem „Jakob Gordin Literarischen Klub* veranstaltet war. Zu vielen, vielen Hunderten waren die Zuhörer erschienen, das eine Mal ein mehr proletarisches, das andere Mal ein mehr bourgeoises Publikum, um den Darbietungen der Dichter und Sänger zu lauschen. Es ist jüdisches Volksleben, jüdische Volkskraft in New Vork, wie vielleicht in keiner anderen Stadt der Welt. Und mag noch so viel organisierte und niqhtorganisierte Unkultur durch die leiden-