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Jüdische Zeitung · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7 JÜDISCHE ZiEIT¥K6 Seite 5 Bocharer Juden Jerusalems, die in ihrer transkaspischen -'Heimat die-' Einführung dieser Kultur mitangesehen haben, sich eben jetzt zu einer Gesellschaft zusammengeschlossen, um Baumwolle schon in nächster Zeit in grösserem Massstabe anzubauen. Es wäre von grösstem Interesse, wenn durch die - Aufnahme dieser Kultur der Kreis der palästinensischen Produkte wieder um ein höchst wichtiges vergrössert würde und speziell die jüdischen Kolonisten damit einen weiteren Schritt aus der Einseitigkeit ihrer Landwirtschaft herauskämen. Aber die Sache hat noch eine Seite: Baumwolle ist heute einer der Artikel, die internationales Kapital in jedes Land ziehen, wo dieses wichtige Produkt gedeihen kann. Und schliesslich hängt . mit dieser Kultur eine der grössten Industrien der Gegenwart zusammen. Eigene Baumwolle würde aber sehr schnell zur Errichtung von Spinnereien' und Webereien — auch zur Extraktion des Oeles aus den Kernen (die übrigens auch als Viehfutter in dem hieran so armen Lande eine Rolle spielen würden — selbst die nach der Oelpressung verbleibenden Rückstände sind hier-, für wertvoll) führen, und diese industrielle Seite der Sache mag für unsere spezielle Art von Ansiedlungstätigkeit von noch viel grösserem Nutzen sein, als die Landwirtschaft. Sehr gute Baumwollgeweb« werden übrigens jetzt schon — hauptsächlich von yemenischen und nordsyrischen Juden — in den Werkstätten der „Alliance Israelite“ in Jerusalem auf recht primitiven Webstühlen hergestellt. Schliesslich spricht auch für Baumwollkultur in Palästina der rapid steigende Bedarf an Baumw oll waren im Lande selbst, der sich in den letzten sieben Jahren im Quantum verdoppelt, nach dem Werte aber vervierfacht hat. * Zu diesem Berichte unseres Korrespondenten erhalten wir von einem fachkundigen Gesinnungsgenossen folgende Mitteilungen, welche die Bemerkung unseres Berichterstatters, dass durch den Baumwollanbau internationales Kapital nach Palästina gebracht werden kann, illustrieren sollen:,,.,.,, Baumwolle rangiert in der Wichtigkeit als Weltkonsumartikel gleich nach Getreide. Denn nächst dem Bedürfnis nach Nahrung ist dem Menschen jenes nach Bekleidung das dringendste. Die grossen Massen kleiden sich aber ausschliesslich in Baumwolle, da andere Textüstoffe viel teurer sind. Mit der Zunahme der Bevölkerung und der Stärkung ihrer Kaufkraft wächst nun der Bedarf an Baumwollwaren ganz rapid, während die Baumwoll-Produktion damit schon lange nicht mehr gleichen Schritt halten kann. Die Hauptproduktionsländer für Baumwolle sind: die Vereinigten Staaten, Aegypten und Indien. Die anderen Bezugsländer haben daneben wenig Bedeutung. Die Vereinigten Staaten liefern allein */, der Weltausbeute in Baumwolle. Betrachtet man die Ziffern der amerikanischen Ernte der letzten .Jahre: Tausende Ballen 1902/3 10.728 1903/4 10.011 1904/5 13.566 1905/6 11.346 1906/7 13.540 so findet man allerdings eine, wenn auch nicht konstante, Steigerung. Der Verbrauch an Baumwolle wächst aber in einer vielstärkeren und regelmässigeren Progression. Die Spindelanzahl vermehrte sich in einem einzigen Jahre (1907) fast in allen Ländern um 20 bis 25 Prozent. England allein stellte in diesem Jahr mehr Spindeln auf, als das ganze übrige Europa überhaupt besitzt. So kommt es, dass von Zeit zu Zeit eine förmliche Baumwöllnot herrscht und wiederholt mussten englische Spinnereien mangels des erforderlichen Rohmateriales einige Wochen den Betrieb einstellen. Diese Baumwollnoi hat ihre Ursache nicht nur in der Disparität zwischen Erzeugung und Verbrauch des Artikels, sondern auch in der Politik der amerikanischen Farmer und Spekulanten. Die Pflanzer sind bemüht, wahre Monopolpreise von Europa zu erpressen. Sie drohen’ mit Einschränkung der Produktion und halten, unterstützt von einer trefflichen Organisation des Kredites, ihre Ware so lange vom Markt zurück, bis die von ihnen erwünschten Preise erzielt werden können. Die wilde Newyorker Baumwollspekulation ermuntert und unterstützt diese Bestrebungen, da sie fast stets an einer Hausse interessiert ist Dazu kommt, dass die amerikanischen Spinnereien einen immer grösseren Anteil der Ernte'.i(t907;.r 40 Prozent) selbst verarbeiten, so. dass eine immer geringerere Quote zum Export nach Europa gelangt Infolge dieser Verhältnisse wurde Baumwolle die 1899 noch 3 5 Pence, ^as sind zirka K 77 pro 100 Kilogramm (für amerikanische Provenienz) kostete, immer teurer. Sie notiert heute 6 Pence, das sind K 132 . „und vorübergehend war sie sogar schon auf K2ÖO getrieben worden! i Dabei ist selbst zu diesen hohen Preisen nicht immer genügend Ware erhältlich. Seit vielen Jahren . bemühen . sich die Interessenten, Abwehrmassregeln zu finden. Die Spinner aller Welt vereinigten sich und suchen, ebenso wie die Regierungen,, das Uebel bei der Wurzel zu packen, indem sie nach neuen Produktionsländem für Baumwolle Umschau halten, um die Zufuhren zu vergrößern und sich von Amerika etwas unabhängiger zu machen. Für diesen Zweck sind von privaten Interessenten, namentlich aber von der englischen und der deutschen Regierung, schon Millionen verausgabt worden, ln weiteren Kreisen.- bekannt sind wohl die Versuche der deutschen Regierung in Togo, die nach zehnjährigen Mühen, schöne Erfolge erzielt hat. ' Es ist kein Zweifel, dass im Momente, wo in Palästina auch nur kleinere Pflanzungen gelingen sollten, mächtige, kapitalsreiche Gruppen zur Unterstützung des Baumwollbaues gefunden werden können. Unsere Palästinapolitik muss eben immer darnach streben, die tatsächlichen Verhältnisse für unsere Zwecke zu nützen. Dass Palästina für Baumwollanbau geeignet ist — abgesehen von der dazu besonders qualifizierten Jordanebene — war schon deshalb sicher, weü in Syrien diese Kultur in weitem Umfang mit bestem Erfolg betrieben wird, sie war übrigens in früheren Jahren auch in Palästina selbst heimisch. Woran es fehlte, waren die Menschen, die sich für diese immerhin schwierige Kultur interessierten. Nach dem Berichte unseres Korrespondenten scheinen die jüdischen Kolonisten die Bedeutung des Baumwollanbaues einzusehen und mit Eifer Versuche zu machen. Die Baumwollkultur, einmal in Palästina eingeführt, würde zu einem Segen des Landes werden, und auf absehbahre Zeit nicht nur bedeutende Erträge abwerfen, sondern auch hochbezahlte 'jöheiter in grosser Zahl beschäftigen. *■ * * Eine wissenschaftliche Palästinabibliothek in Jaffa. Die jüdischen Institute Palästinas beabsichtigen, eine Bibliothek in Jaffa zu begründen, welche hauptsächlich wissenschaftlicheBücher über Palästina und solche, die auf die jüdische Tätigkeit in Palästina irgendwie Bezug nehmen, enthalten soll. Die Notwendigkeit einer solchen Bibliothek machte sich schon lange fühlbar, besonders aber seit von . allen Seiten die Notwendigkeit realer Arbeit in Palästina erkannt wurde und unsere Freunde in Jaffa eine rege Tätigkeit entwickelten. Die Herren Dr. 0. B o n c h m i 1, J. 0 s e rkowsky, E. Saphir in Jaffa veröffentlichen einen Aufruf, welchem wir entnehmen, dass die Vorsteher aller Organisationen und Anstalten in Jaffa — dem derzeitigen Zentrum jüdischer Tätigkeit in Palästina — einstimmig die Gründung dieser Bibliothek beschlossen haben. Sämtliche Institute haben auch materiell und moralisch soviel als möglich zur Verwirklichung des Projektes beigesteuert. Selbstverständlich können aber die Institute, die ihr knappes Budget für ihren eigenen Zweck brauchen, nur einen Bruchteil der für die Ausgestaltung.der Bibliothek nötigen Summen aus eigenen Mitteln bestreiten. Das Komitee wendet sich daher an alle Freunde der jüdischen Palästinaarbeit mit der Bitte, durch Bücher- oder Geldspenden die Bibliothek zu unterstützen. Wir hoffen, dass die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer solchen wissenschaftlichen Palästinabibliothek in Jaffa allen Palästinophilen einleuchten und der Aufruf zu tatkräftiger Unterstützung dieser Gründung den erwünschten Erfolg haben wird. Die Adresse für Bücher und Korrespondenz ist: Jaffa, Palästina, Bibliotlieque: „Chaaree Zion“ pour la bibliotheque palöstinienne. Für rekommandierte Briefe und Geldsendungen: Jaffa, Palästina, Anglo Palestine Go. pour la Bibliotheque palestinienne. Eine neun Zeitschrift Seit längerer Zeit schon empfand man den Mangel eines der palästinensischen Sache ausschliesslich gewidmeten Organes in Galizien. Infolge der grossen politischen Bewegung der letzten Zeit ist die intensive Aufmerksamkeit vieler Gesinnungsgenossen nach anderen Seiten abgelenkt worden. Nun galt es, das Publikum mit der inzwischen herangereiften und mäehtig gewachsenen Palästinabewegung bekannt zu machen, sie für die palästinensische Sache, die nunmehr im Zionismus entschieden dominiert, zu gewinnen. Das Interesse für Palästina kannbei den bestehenden Verhältnissen aber nur durch spezielle Organe geweckt und wachgehalten werden. Aus diesem Grunde beschloss die letzte Landeskonferenz die Herausgabe einer bereits erschienenen Monatschrift in jüdischer Sprache „Zerubabel“; demselben Zwecke dient auch die gleichfalls erschienene, von der akademischen Verbindung „Judäa“ herausgegebene Vierteljahrschrift „Palestyna“ in polnischer Sprache. Das umfangreiche, reichhaltige Heft ist elegant ausgestattet und enthält viele wertvolle Arbeiten, samt Beiträgen von Prof. 0. War bürg, M. Ussischkin, Dr. Trietsch. Die Redaktion, die von Mitgliedern der Verbindung „Jndäa“ unter dem Vorsitze des Herrn Dr. A. Korkis, gew. A.-K.-Mitglied und dem bekannten Schriftsteller Salomon Schiller als Mitarbeiter, geleitet wurde, verdient für die sorgfältige und gelungene Nummer vollste Anerkennung. Nunmehr ist eine rührige, intensive Agitation für die neue Vierteljahrschrift begonnen worden, hoffentlich mit gutem Erfolg. Neue Taten der Wiener Kultusgemeinde. Wien. Bekanntlich hat der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in Wien in seiner Sitzung vom 22. Dezember v. J. beschlossen, das Minjan des Vereines „Schomre hadath“ in der Brigittenau zu sperren und sich hierbei des Wiener Magistrats als bracchium saeculare zu bedienen. Dieser Beschluss (Referent war der Beamte der Kultusgemeinde Herr Fuchsgelb und nicht Sekretär kais. Rat Dr. Lieben) rief in der Wiener Judenschaft, wie für jeden Juden mit Ausnahme der Kultusgemeinde zu ersehen war, den tiefsten Eindruck hervor. Denn durch diese Massregel sollen nicht bloss die Interessen des wohltätigen Vereines „Schomre hadath“ auf das Empfindlichste geschädigt werden, sondern es sind durch denselben sämtliche in Wien existierende Minjanim in ihrer Existenz bedroht Wer die Geschichte der Minjanim kennt und weiss, dass dieselben die unmittelbarste und ursprünglichste Form der Organisation gleichgesinnter und gleichschichtiger Juden in der Diaspora ist, der wird es verstehen, dass die Zerstörung dieser Organisationsformen durch den rohen Eingriff der Kultusgemeinden tatsächlich in sich die grösste Gefahr birgt. Denn die Auflösung dieser Minjanina ist gleichbedeutend mit dem Zwange, in den grossen Gemeindetempeln zu beten, in welche aber die frommen Juden, die das Bedürfnis haben, täglich oder wenigstens jeden Samstag zu beten, nicht gehen wollen. Man sieht nun. dass diese kleinen Bethäuser, welche von den Armenkreuzern ihrer Mitglieder erhalten werden, mehr sind, als „Kinder des Trotzes“, wie sich Herr Kultusvorsteher Doktor Gustav Kohn so schön auszudrücken beliebte. Diese kleinen Betbäuser und Minjanim sind im gewissen Sinne seit der Zerstörung des zweiten Tempels, insbesondere aber seit dem XV. Jahrhundert, die Zufluchtstätte für arme und deklassierte Juden, die nicht bloss in Gemeinschaft beten, sondern auch in Zeiten grosser Not sich aneinander schliessen wollen, um sich gegenseitig zu unterstützen und beizuspringen. Wer daher ein Minjan schliesst, seine Entstehung verhindert oder es in seiner Entwicklung hemmt, der schlägt Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt. Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaorequisiten empfiehlt sich Geschäjtsbücher-Fabrik A. Griinsfeld & Co., Wien, I., Gonzagagasse 21.

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