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Jüdische Zeitung · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seit« 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 7 Schon im Jahr« 1904 versuchte Herr Brummt mit Hilfe der Demokraten aus : dien Lagern, unter Mitwirkung Masaryks,; der Röthenen, ja selbst des Sozialdemokraten Renner, einen Verein ,Nationale Autonomie* ins Leben zu rufen. Das war also schon zu einer Zeit, als die Zionisten noch nicht an dem politische Leben Oesterreichs : Anteil nahmen. Auch seine Stellung zur Jadenfrage : liegt klar vor aller Welt. In früheren Zeiten I war Brunner Kosmopolit, wie fast jeder von uns, bevor er mit der jüdischnationalen Idee bekannt würde. Während aber viele von in ihrer kosmopolitischen Vergangenheit sich als Deutsche fühlten, hat Brunner sich niemals als Deutscher bekannt, sondern schon vor 20 Jahren betont, dass er kein Deutscher, sondern ein Jude sei. .Und als von Seite der deutschen Parteien die Juden zurückgeslosseu und als Fremde erklärt wurden, sah Brunner die Notwendigkeit einer jüdisch-nationalen Organisation ein, er bekannte sich öffentlich schon im Jahre 1904 als Jüdisch n ational und vertrat die Forderung der jüdischen Autonomie. Das Programm der Jüdischnationalen: Autonomie für alle Völker Oesterreichs, auch für die Juden, deren Nationalität anerkannt werden müsse, Demokratisierung von Legislation und Verwaltung, Bekämpfung der Reaktion aufpolitiscnem, kulturellem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiete hat Luzian Brunner schon zu einer Zeit verfochten, als er fast allein stand und die jüdischnationale Partei noch gar nicht konstituiert war. Kein Wunder, dass Brunner das kräftige Auftreten unserer Partei mit Freude begrüsste, dass er während der Reichsratswahlen für unseren Kandidaten agitierte und dass er auch formell der jüdischnationalen Partei beitrat. Brunner, der immer alle demokratischen Bestrebungen unterstützte, trug auch in der Partei, der er selbst angehört, das seinige bei. Einer Partei aber vorzuwerfen, dass sie für ihren Pressfonds Geld von ihren eigenen Anhängern nimmt, ist etwas neues, und nur verständlich bei Leuten, die sich infolge ihrer eigenartigen seelischen Verfassung nicht vorstellen können, dass man nur ans reinen Quellen schöpft. Wir aber können nur wünschen, dass alle Parteigenossen sich der Pflicht, ihre Presse zu unterstützen, ebenso bewusst werden, wie Herr Brunner. Es ist selbstverständlich, dass Herr B. nicht die geringste „'Bedingung* an die Unterstützung seiner Partei geknüpft hat. Mit Verachtung weisen wir die Unterstellung zurück, dass irgend eia Führer oder ein leitendes Komitee unserer Partei auch nur in eine Diskussion irgend eines „Paktes* eingegangen wäre, der unsere Partei um. Haaresbreite von, ihrem Programme hätte ablenken sollen. Wir erklären hiermit öffentlich jedermann, der von einem „Verkauf* oder „Verrat“ unserer Partei sprechen sollte, für einen Verleumder und werden die Mittel finden, ihn zur Rechenschaft zu ziehen Die voa böswilliger Seite ausgehenden Angriffe suchen eine Begründung ihrer Verleumdung dadurch zu konstruieren, dass sie den Besuch der deutsch-demokratischen Versammlung in Döbling seitens der Jüdischnatioualen als „Gegenleistung“ der Partei für Herrn B. hinstellen. Wie geistreich! Seit 25 Jahren führen wir den erbittertsten Kampf gegen die assimilatorischen Juden. Ja, wir haben gar keine anderen Gegner unserer Prinzipien, die bekanntlich von den arischen Parteien anerkannt und begrüsst werden. Im Wahlkampf und nachher haben die Jüdischnationalen, selbstverständlich den erbittertsten Kampf gegen die von assimilatorischen Juden gebildeten Parteien, die „Deutschliberalen“, „Freiheitlichsozialen“ und „Deutschdemokraten“ geführt. Was soll also : der Unsinn, dass unser Kampf gegen die Verlogenheit des „deutsch-demokratischen Vereines“ in der Judenfrage eine Gefälligkeit für Herrn B. sei? Welcher Mensch von gesunden Sinnen kann einen solchen Blödsinn glauben? Aber — so sagten unsere Verleumder — die Versammlung fand gerade in Döbling statt, dem Bezirke, wo ß. bei den Reichsratswahlen kandidierte! Wenn wir auch keinen Einfluss darauf haben, w o Baron Hock seine Versammlungen abhält, so müssen wir doch darauf folgendes erwidern : In der Versammlung des „deutschdemokratischenf* Vereines“, welche dieser Döblinger Veranstaltung, unmittelbar voraus-- ging, die im Hotel Post stattfand, hätte ein ■; Jüdisclinationaler das Wort verlangt und von diesen sogenannten „Demokraten“ nicht erhalten. Zur Währung der Redefreiheit beschlossen unsere Gesinnungsgenossen die nächste Versammlung des Baron Hock zahlreich zu besuchen, um eine Wiederholung eines solchen empörenden Vorfalles zu verhindern. Dass der „deutsch-demozratische Verein“ seine nächste Versammlung gerade in Döbling veranstalte, war ein Zufall, sie hätte ebensogut in Favoriten stattfinden können. Darin besteht aber gerade die perfide Technik derartiger Angriffe, Zusammenhänge aus zufälligen äusseren Momenten zu konstruieren, wo überhaupt keine vorhanden sind. Solche Behelligungen, wie anwidemd sie auch sein mögen, werden die jüdischnationate Partei nicht beirren, im Bewusstsein der Reinheit ihrer Prinzipien und der Lauterkeit ihrer Führer, ihren Weg weiter zu verfolgen. Palästina. Baumwollanbau in Palästina. (Von unserem Spezialkorrespondenten.) dt. Es scheint, dass es jetzt mit dem Baumwollbau in. Palästina endlich vorwärts gehen soll. Bekanntlich sind schon seit Jahren — hauptsächlich von englischer und jüdischer Seite — Anstrengungen in dieser Richtung gemacht worden, aber das Resultat war weit hinter den aufgewendeten Mühen zurückgeblieben. Obwohl Palästina im Mittelalter und sogar noch (seit dem Steigen der Preise zur Zeit des amerikanischen Bürgerkrieges) bis ungefähr vor 30 Jahren Baumwolle in grossem Massstabe und mit gutem Erfolge produziert hat, obwohl auch in Aegypten die Baumwolikultur so hochlohnend ist, trotzdem dort der Grund und Boden zehnmal so teuer ist, als in Palästina, hat es doch grosser Anstrengung bedurft, um die "Wiedereinführung dieser Kultur durchzusetzen. Die ersten Versuche der neuen Zeit erfolgten vor vier Jahren. Die von englischer Seite mit Arabern angestellten Proben gaben kein Resultat (wie der englische Konsul berichtet, wegen der Unfähigkeit und Faulheit der Eingeborenen, die bei der Ausführung der Pflanzungsanweisungen zu nachlässig waren), doch soll soeben von einem Araber bei Jericho ein ziemlicher Erfolg erzielt worden sein. Dagegen hat unsere Kolonie Petach-Tikwah schon im vorigen Jahre auf ca. 3‘/i Dunam unbewässerten Bodens — 400 kg Baumwolle einer vorzüglichen Qualität erzielt. Der Versuch wurde in diesem Jahre erneuert und ermutigte nunmehr zur Bildung einer kleinen Genossenschaft von 30 Mitgliedern, die sich sogar die Beihilfe der Ica gesichert haben. Durch eine kleine Entkernungsmaschine, die Herr Haym in Jaffa kommen liess und-“die : vorzüglich funktioniert, hat der Baumwollbau der jüdischen Kolonien in Palästina eine weitere Ermutigung erfahren. Unbewässerte Baumwolle wird jetzt übrigens auch seitens der jüdischen Ackerbauschuie Mikwah-Israel angebaut und da das betreffende Stück Feld gerade an der verkehrsreichen Landstrasse Jaffa-Jerusalem liegt, so dürfte dieses Vor-Augen-Führen der neuen und doch alten Kultur zu ihrer Wiederaufnahme anregen. Wie wir hören, haben auch eine Anzahl von Mitgliedern der Pflanzungsgesellschaft „Agudath- Netaim“ soeben beschlossen, an mehreren Stellen des Landes Baumwollversuche zu veranstalten und schliesslich sagt man, dass die indirekt sehr gross.“ Das Palästina-Hebräisch nimmt ■ j immer neue arabische Wörter auf. Die ganze Belletristik steht unter arabischem Einflüsse; die; arabische Lebensweise beherrscht das neue Ge- [ schlecht der jungen Juden immer stärker. I Herr Jsoch-Iwri übertreibt. Es ist wohl richtig,; dass der arabische Jude, das heisst der Jude, der wie ein Araber reitet, fechten lernt und körperliche Uebungen vornimmt, einen neuen häufigen Typus darstellt und es ist gut so, denn der neue Jude hat vor straffen Sehnen und kräftigen Muskeln Respekt Aber das bedeutet doch nicht von j einer fremden Kultur unterdrückt sein! Die Schulen und Zeitungen sind hebräisch, das Milieu ist hebräisch und doch sollten wir vor dem Einfluss der arabischen Kultur Angst haben, weil die Jugend gut reiten kann und mit Schwert und Revolver umzugehen versteht — das wäre doch ein wenig zu vid! Eine andere Bilanz finden wir in demselben Heft des „Haschiloach“ im Artikel des Ploni „Gedanken nach dem Kongress“. Mit dem Leben in Palästina ist Herr Ploni sehr zufrieden, aber mit der Entwicklung im zionistischen Lager ist er es nicht Herr Ploni kann das Ausscheiden Ussischkins aus dem engeren A.-K. nicht verschmerzen, darum sind seine Gedanken so trüb. Der Hauptfehler in der zionistischen Bewegung ist nach Herr Plonis Meinung, der Mangel an richtiger Arbeitseinteilung, die jedem den passenden Platz in der Organisation anweisen sollte. Die Ostjuden, deren jüdisches Gefühl noch stark ist, ollten der zionistischen Bewegung ihren nationalen und kulturellen Reichtum geben und die materiell besser situierten und politisch reiferen Westjuden hätten der Bewegung ihr Organisationstalent, hauptsächlich aber ihren Geldbeutel geben sollen. Bei einer solchen Arbeitseinteilung würde die zionistische Bewegung prosperieren. Aber leider hat der Bäcker Schuhe zu machen und der Schuster Brot zu backen versucht. Geld und Organisationstalent hat die zionistische Bewegung aus dem Osten bekommen und das jüdische Kulturbedürfnis deckten die westeuropäischen Kräfte. Daher kommen alle Fehler in der Bewegung und auch der Kardinalfehler' — dass Ussischkm nicht ins engere A.-K. gewählt wurde, wie auch der Begriff der „politischen Plattform“, welchen die russischen Zionisten in Helsingsfors geschaffen haben. Man sieht Herr Ploni hat Witz. Schade, dass der ganze Artikel mit seinen vielen Bemerkungen an einen Batlen erinnert. Allerlei. Oie grösste Schule der Weit dürfte die jüdische Schule in der Middlesex-Street in London sein, da sie 3500 Schüler zählt. Louis Abrahams, ihr Direktor, wirkt bereits seit 55 Jahren an der Schule; damals — 1853 — war sie ein schmales Gebäude, in dem:600 Knaben und 300 Mädchen Platz hatten. Abrahams interessierte die Familie Rothschild für die Schule und diese machte ihr verschiedentlich namhafte Zuwendungen; auch liess die jüdische Gemeinde zu Ehren Lord Rothschilds einen grossen Anbau mit Mk. 400.000 Kosten errichien. Der südafrikanische Minenkönig Barnato war Freischüler der Schule und der berühmte Schriftsteller Israel Zangwill wirkte an ihr als Lehrer. Hugo von Hofmannsthal. Ueber die Familiengeschichte dieses jetzt wohl meistgenannten österreichischen Poeten’ der jüngeren Generation, gibt Artur Schurig im Raumen eines grösseren Essays einige bisher nicht bekannte, offenbar authentische Daten. Darnach entstammt der am 1. Februar 1874 geborene Hugo Hofmann, Edler von Holmannstbal (wie der Name eigentlich lautet) als einzige s Kind einer wohlhabenden Wiener Kaufmannsfamilie. Sein Urgrossvater, Isak Löw Hofmann, der um 1780 als armer Student der Theologie nach Wien kam und dann die Enkelin des reichen jüdischen. Kaufherrn heiratete, in dessen Hause er Lehrer war, hat sich seinen Adelsbrief als Repräsentant der israelitischen Gemeinde Wiens im Jahre 1835 erworben. Er selbst stammte aus Prostiebor in Böhmen, wohin seine Familie um die Mitte des 18. Jahrhunderts aus ihrem früheren Wohnsitz Bayreuth übersiedelt war. Für die Behauptung, dass Hofmannsthals Vorfahren in Oberitalien ansässig gewesen seien und dass noch sein Urgrossvater im Ghetto einer lombardischen Stadt gelebt habe — womit man den angeblich „romanischen Einschlag“ in seiner dichterischen Natur erklären wollte — fehlt jede Spur eines Beweises.

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