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Jüdische Zeitung · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Nr. 7 JÜDISCHE ZEITUNG sind etwa, ihre Mandate nicht mit jenen Flecken behaftet, die jedem geraddenkenden Menschen, geschweige denn.jedem ehrlichen Politiker, der seinen Demokratismus ernst nimmt, bestimmen müssten, ein solches Mandat mit Abscheu von sich zu weisen? Und dennoch hat sich in allen Kreisen die Ueberzeugung durchgedrungen, dass das Slanczykentum abgewirtschaftet hat, dass es dieser noch immer bevorzugten Kaste, abgesehen von der Grossgrundbesitzerkurie, wo die Schlachzizen unter sich sind, kaum gelingen wird, einen kleinen Bruchteil ihrer einstigen unbeschränkten Macht hinüberzuretten und dass sie dezimiert in die neue Landesstube einziehen wird. Diese allgemeine Ueberzeugung ist die Wirkung jener suggestiven Kraft, die aus den ersten praktischen Erfolgen des allgemeinen Wahlrechtes ausströmt. In den Köpfen der indifferenten Bevölkerung Galiziens sind bereits , die Anzeichen einer beginnenden Morgendämmerung bemerkbar; mit dem allgemeinen Wahlrecht ist ein neuer mächtiger Faktor auf der politischen Arena erschienen und diese Tatsache allein genügt schon, um den bisherigen Machthabern Furcht einzujagen, noch bevor sie es versucht haben, sich mit dem neuen Athleten, der doch noch — wenigstens was den Landtag anbetrifft — unbewaffnet und ungeschult dasteht, zu messen. Auch mit den Juden Galiziens fängt man endlich an, ernstlich zu rechnen. Nachdem man sie so lange als quantite negligeable betrachtet hat, beginnt man auf einmal einzusehen, dass es so weiter nicht geht und die Führer— oder sagen wir besser die „Verführer“. — des polnischen Volkes in Galizien machten plötzlich die interessante Entdeckung, dass es auch Juden in diesem gelobten Lande gibt. Knapp vor den Landtagswahlen erst, sehen sich die leitenden Männer des Polenklubs veranlasst, auch zur Judenfrage Stellung zu nehmen, und da das reichsrätliche Polen* schifflein jetzt unter der neuen allpolnisch-demokratischen Flagge segelt, musste man,nolens volens, das politische Blendwerk fortsetzen und mit einem neuen Programm hervortreten. Selbstredend durfte auch den Juden gegenüber keine Ausnahme gemacht werden und man erfand auch für diese eine neue Phrase, die allerdings zu nichts besserem geeignet sein kann, als Politiker ä la Gail und Gold zu befriedigen. Juden aber, die jüdisch denken und fahle n, werden auf den Kö der si ch e r lich nich t h in e i n fa 11 en. Geradezu drollig ist es zuzuhören, wie G 1 o m b i n s k i et consortes, die mit dem antisemitischen Zentrum und Revue der hebräischen Presse. Ein neues Jahr ist gekommen und die Presse zieht Bilanzen, um zu erfahren, was wir im Vorjahre bekommen, was wir geschaffen haben, was wir verloren und was wir unterlassen haben. Die Golus-Bilanz ist bei uns Juden wiederkehrend: Passiva denen keine Aktiva gegenüberstehen. Ein Jahr ist vorüber und die Zahl der Wanderer hat sieh verdoppelt und verdreifacht, Wanderer, die kein Ziel haben und die nur darum wandern, weil sie wandern müssen. Die Aktiven dieses Jahres sind neue Friedhöfe, mit vielen Gräbern und Judengesetze mit verzwickten und verdrehten Paragraphen. In jedem Grabe ist frühzeitig unterbrochenes Leben und jeder Paragraph vernichtet diejenigen, die noch am Leben sind. Ein Jahr ist vorüber und die jüdische Geschichte hat ein Klagelied mehr, das nach Inhalt und Form den alten Klageliedern gleicht, ein neues Klagelied mit der alten jüdischen Melodie: Hilferufe kleiner Walsen, Angstschreie entehrter Frauen und Agonie-Röcheln der Väter und Brüder ... Ein neues Jahr ist gekommen und die Presse zieht Bilanzen. Ein Artikel gleicht dem anderen. Nur hie und da bringt uns ein jüdisches Blatt neue Daten und vermischt unsere Klagelieder mit einigen höhlichen Dur-Akkorden. Was hat uns Palästina in diesem •Jahre gebracht? Mit dieser Frage beschäftigt sich Ben-Owi im „Ha-olam“. Das alte Chaluka — Palästina geht zugrunde und ein neues Palästina voll Kraft und Leben ersteht vor unseren den Konservativen unter einer Decke spielenden Auch demokraten, aus der Schule schwatzen. Ein Geheimnis, das uns N^tionaljuden schon längst bekannt war, nämlich dass die Gleichberechtigung der Juden in Galizien bisher nur ein Schlag.wort war, wird jetzt in einer o f fiziell en Kundgebung vor der .0 e f fentlichkeit enthüllt. Und das will ein politisches Programm heissen; das wollen ernste Menschen als bare Münze in Kurs bringen! Wenn die Gleichberechtigung der Juden bisher nur ein Schlagwort für die Wahlen war, was nunmehr in einem amtlichen Communique bestätigt und durch die Unterschrift des Obmannes beglaubigt ist, wie konnten unsere Polen mosaischer Konfession jahrelang im Polenklub sitzen, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, dieses Sch lag wort ernst zu nehmen und ao die Verwirklichung der auf dem Papiere nie verleugneten Gleichberechtigung wenigstens zu erinnern? Jahrelang also täuschten die Herren K o 1 i s c h e r et tutti quanti ihre eigenen jüdischen Wähler und mit diesen die ganze Judenschaft Galiziens durch Versprechungen und Vorspiegelungen, von denen sie wussten, j a wissen mussten, dass sie nur als Schlagworte für die Wahlen ausgegeben wurden. Jahrelang wurde das unschuldige jüdische Volk belogen, verführt von seinen eigenen Führern, betrogen um seine politischen und bürgerlichen Rechte. Allein die Vergangenheit wollen wir der Geschichte überlassen. Dieser soll es Vorbehalten bleiben, über den Gesinnungsschacher jener Zeit ihr verdammendes Urteil auszusprechen. Wenden wir uns lieber der Zukunft zu und prüfen wir das Programm der alten, aber neu aufgefrischten Partei im chauvinistisch-demokratischen Gewände auf seinen wirklichen Wert. Die Firma Glomb i n s k i & Comp, verspricht dahin zu wirken, dass die Gleichberechtigung der Juden ernstlich verwirklicht werde. Da möchte ich aber gerne wissen, welche Garantien uns diese Firma zu bieten vermag, dass auch ihre Versprechungen nicht ein Schlagwort für die Wahlen bleiben werden! Oder ist das mehr als ein Schlagwort im Munde einer Partei, die seit Jahren die wirtschaftliche Boykottierung der Juden predigt und tatsächlich betreibt, einer Partei, die Hunderte von „Kölka rolnicze1* geschaffen und das „Kauft nur bei Polen“ (sprich Christen) auf ihre Fahne geschrieben hat? Man . ist also noch immer so naiv zu Augen. Dieses neue Palästina hat uns vor allem die Mutter Erde zurückgegeben. Im Leben und in der Literatur ist für uns die Mutter Erde zu einem Hauptfaktor geworden. Zweitens hat uns Palästina Hebräer geschaffen das heisst Faust- und Kraftjuden. Drittens hat sie uns die hebräische Sprache gebracht. Nicht jenes kranke und tote Buch- und Gebet-Hebräisch, sondern eine neue, junge, lebendige reine Sprache, welche in sich den Duft des arabischen Bodens mit dem italienischen Wohlklang vereinigt. Viertens hat uns Palästina einen neuen Stil gebracht. Schon die spanischen Juden haben mit ihrem gesunden Instinkt einen neuen, elastischen Stil geschaffen, dessen Entwicklung plötzlich unterbrochen wurde. Als wir nachher erwachten, da fehlte uns die-Fähigkeit, einen neuen Stil zu schaffen. Wir griffen zur Bibel und ahmten die klingenden Verse und die erhabene Rhetorik nach, die in der Bibel so schön und natürlich ist. In unserer Nachahmung wurde sie geschmacklos. Whwollten schreiben und schaffen und haben bloss nachgeahmt. Da kam Palästina und zeigte einen neuen Weg: Man schreibt hebräisch genau so, . wie man spricht. Fünftens gab uns Palästina die Freiheit. Bisher sagten wir immer Religion und meinten die Nation und umgekehrt, sagte man Jude, meinte man die Konfession. Kann man denn Zionist sein und für sein Volk arbeiten, hebräisch schreiben und reden und nicht an die Thora und an den Berg Sinai denken? Dies erschien uns unmöglich.' Das neue Palästina hat dies ermöglicht. Es hat zwischen Nation und Religion eine Scheidung glauben, dass die Jnden auch heute noch, wie anno dazumal, für ein Linsengericht, für eine als Wahlmanöver gedachte leere Phrase zu haben sind. Schade um euch, ihr allpolnischen Wölfe im Schafspelz, jammerschade! Wenn ihr von dieser krankhaften Naivität noch immer nicht geheilt seid, so scheint ihr die letzten Jahre einfach verschlafen za haben und da wäre es mit eurer politischen und staatsmännischen Befähigung sehr schlecht bestellt. Nein, dieJuden wer den die Verwirklichung der ihnen gesetzlich gewährleisteten Gleichberechtigung selbst erkämpfen oder sie werden sie überhaupt nicht haben. Die Juden werden auch jetzt bei den Landtagswahlen, trotz der Mängel des öffentlichen Wahlrechtes, den Kampf mit dem stärkeren Feinde aufnehmen, sie werden auch auf diesem Felde ihre Nationalität verteidigen und bei der Wahlreform des galizisehen Landtages werden auch jüdischnationale Vertreter ein Wort mitreden. Joachim Neiger. Der verkaufte Zionismus. Der traurige Rahm, unseren grossen H e r z 1 verleumdet zu haben, scheint gewissen Leuten nicht zu genügen. Sie benützen die rasche Vergesslichkeit unserer Zeit, um ihr Treiben, das damals in seiner ganzen Jämmerlichkeit enthüllt worden ist, fortzusetzen. Der aufhorchenden Oeffentlichkeit wird die sensationelle „Enthüllung“ aufgetischt, dass die derzeitigen Führer unserer Bewegung den Zionismus an Herrn L u z i a n Brunner verkauft haben. Die Aktionen der zionistischen Partei gehen in solcher Oeffentlichkeit vor sich und die politische Individualität und Entwicklung des Herrn Brunner sind so bekannt, dass jedermann selbst in der Lage ist, diesen läppischen Angriff auf seine Stichhältigkeit zu prüfen. Herr Brunner steht seit mehr als 20 Jahren im öffentlichen Leben und ist nie und nimmer auch nur um Haaresbreite vom demokratischen Pogramme abgewichen. Er blieb ihm treu, als der demokratische Zentralverein immer mehr zusammenschmolz und selbst ein Kronawetter zur „deutschdemokratischen“ Partei überging. Hätte Brunner irgend ein Mandat angestrebt, so hätte er sich bloss der liberalen Partei anschliessen müssen, um es zu erhalten. Er blieb aber den Idealen der Demokratie treu. durchgeführt. Die Religion darf und soll nicht das Kennzeichen unserer Nation sein. Sechstens gab uns Palästina einen neuen Geist. Es Rillt freilich schwer, mit Worten den neuen Geist genau zu detinieren. Aber dass er existiert, kann nicht bezweifelt werden. Die Golusjuden, die Aschkenasim, Sephardim, Jemeniter, Bucharer und Grusinen sind jetzt zu einem Volke vereinigt, kraft des neuen Geistes, der die Golusjuden erlöst hat. Das neue Palästina hat uns hebräische Schulen, hebräische Kindergärten, eine hebräische Bühne und eine jüdisch - nationale Bibliothek gegeben. Die Dur- Akkorde klingen in ein gewaltiges, verzücktes Hallelujah aus. „Wir sind noch jung, wir lernen erst und bereiten uns vor. Wir sind jetzt zehn, zwanzig, hundert vielleicht noch mehr. In einem oder in zwei Jahren kehren wir in unser junges Land zurück, dann wird man erkennen, dass Neupalästina siegt.“ Dieses neue Leben, welches Ben-Owi „mit Begeisterung im „Ha-olam„ schildert“ erweckt bei Isch-Iwri in der letzten Doppeinummer des „Haschiloach“ „Besorgnisse“. Isch-Iwri hat gehofft, dass die neuen Juden, die kulturell höher stehen als die Araber, sich in Palästina nicht von der fremden Kultur werden beeinflussen lassen. Die Schulen gehören uns, ihre Programme sind von unseren Lehrern ausgearbeitet worden. Die türkische Regierung mengt sich nicht in die inneren Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden und Kolonien. In ganz Palästina erscheinen nur hebräische Zeitungen. Und doch ist der arabische Einfluss auf die neuen jungen Juden direkt und

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