Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-02-14 · 7 (14.2.1908) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
7 (14.2.1908)
Date
1908-02-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438174--0367-2439877
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

wr~-y P V' . ' . - . Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr../ p. . ' *_;_;_:____l_;_;_ _ —~ ' ~ ~ - ' ' - '' ' fc-.;, ■ £?•.' .. fev $?■: m.. - : V 'ir. ’i-.., •i-, ■ ' l;Vv |i - l - i. j.--- K:‘. * i'. l. I i\. u.. nierte Verkniffenbeit über den gesunden Menschenverstand und wüstes Snöbtum über den guten Geschmack: triuirifieren. Von echtem Geiste des Judentums ist in dieser Presse kein Haucli zu verspüren, weil aber unter anderen die schmutzigen Banknoten jüdischer Grossspekulanten ihr Futter sind, heisst sie die „Judenpresse“ und ihre Verbrechen werden einem Volke angerechnet, dem sie innerlich fremd ist. Der Jude ist nicht auf den Kopf gefallen und er weiss von der Gottähnlichkeit und Stammestreue seiner Geldgewaltigen manch Liedlein zu pfeifen. An ihren Fehlern schärfen er seine Zunge. Ihr Paryenütum, ihre Engherzigkeit und Selbstsucht bilden die dankbarsten und gesuchtesten Objekte für den jüdischen Volkswitz. Aber wenn er ihnen entgegentreten soll, befällt ihn die alte Ghettokrankheit: Respekt bis in die Knochen vor Geld und seinen Trägem. Dieselben Juden, welche die radikalsten Fräsen im Munde führen und mit den extremsten Ideen liebäugeln, dulden in ihrer Mitte die absolute Herrschaft des Geldprivelegiums. Ein krankhafter Widerspruch, dessen Beseitigung eine erste Vorbedingung für die Gesundung des jüdischen Volksgeistes bildet Er hat der österreichischen Judenschaft schwere Wunden geschlagen. Unsere letzte spezifisch-jüdische legale Körperschaft, das Institut der Kultusgemeinde, ist eines seiner Opfer. Namentlich in Wien macht ein den Reichen und ihren Kostgängern an den Leib gepasstes Kurienwahlrecht die Kultusgemeinde zur Domäne des Geldsackes. Die Wirtschaft der Nurreichen hat sie zum Tummelplatz kleinlichen persönlichen Ehrgeizes, zum Instrument für die Erlangung von Orden und Titeln, zum Vermittlungsbureau für politische Spekulationen erniedrigt. Viele Juden achten den Wert der Kultusgemeinede gering. Wenn sie auch recht hätten! Müssten wir es nicht trotzdem als brennende Schmach empfinden, dass im freisinnigen Judentum Werte — und seien es" noch so ’ geringe — hach ultrareäktionärenPrinzipien vergeben werden? Die Kultusgemeinde ist aber in Wahrheit ein wichtiger Vertretungskörper, dessen Funktionen weit über das konfessionelle Gebief binausreichen. Sie organisiert die Armen- und. Krankenpflege, sie beeinflusst ausschliesslich den jüdischen Jugendunterricht, sie ist die einzige Repräsentanz der Juden nach aussen hin. Das Gesetz hat ihrer Tätigkeit einen so weiten — bis nun leider ungenützten — Spielraum belassen, dass sie den Grundstock einer kräftigen nationalen Schutzörganisation für das ganze jüdische Oesterreich abgeben kann.-. Dann müssten aber Männer einziehen, die in ihrem Herzen Juden sind, stammesbewusste Juden. In der jüdischen Geldaristokratie, deren Mitglieder fluchtbereit an den Grenzen des Judentums stehen, sind solche freilich nicht zu finden. Will man erfolgreich suchen, muss man ins Volk gehen. Dass sich diese Erkenntnis Bahn bricht, haben die Kultuswahlen der letzten Zeit bewiesen. In vielen Gemeindestuben sitzen bereits Vertreter des nationaldemokratischen Progammes, in Wien haben die Zionisten trotz eines durchaus unmodernen und volksfeindlichen Kultuswahlrechtes 48 Prozent der Stimmen nach kurzem Kampfe erobert und zwei Kandidaten in die Stichwahl gebracht Ein deutlicher Fingerzeig, dass die jüdische Bevölkerung auf das Regiment des Geldsackes zu verzichten gesonnen ist. Auf einen endgültigen Verzicht werden sich nunmehr auch die heutigen Machthaber vorbereiten müssen. Er wird, ja für sie kein allzugrösser, allzuschmerzlicher sein. Mit Herz und Gemüt waren sie nie bei der Sache, nur Knopfloch und Sitzfleisch waren enga- . giert. Die Herren sind findige Köpfe und werden ihrem persönlichen Ehrgeize für die Jagd nach Orden, Titein und sonstigen Ehrungen bald irgend ein anderes Revier erschliessen. Auch in dieser Hinsicht bedeutet es keine absolute Notwendigkeit, dass die jüdischen Patriziergeschlechter mit Kultusräten abschliessen. Die christliche Kirche, welche die Söhne empfängt, kapriziert sich nicht darauf, und die blaublütigen Windbeutel, welche man für das Ehebett der Töchter einkauft,; werden dadurch nicht billiger. Der wiedererwachte, alte demokratische Judengeist erhebt seinen Anspruch auf die jüdischen Vertretüngskörper und er wird diesen Anspruch durchzusetzen wissen, Er wird den unjüdischen Gebrauch, dass der Steuerbogen als Wahllegitimatioh gilt, beseitigen und auf Kosten der kleinlichen, persönlichen Interessen einer , dem Judentum entfremdeten Klasse, dem Interesse der gesamten jüdischen Nation gebührenden Raum verschaffen. Robert Stricker. Briefe aus Galizien. IX. Der n eue Kurs im Polenklub und d i e L a n d t a g s w a h 1 e n. Politische Siege und Niederlagen müssen nicht nur von der Seite ihres unmittelbaren realen Erfolges, sondern auch nach der ihnen innewohnenden suggestiven Kraft bewertet werden. Auch, die' langanhaltende Nachwirkung, gewaltsamer politischer Machtverschiebungen, nachdem der Waffengang bereits als beendet befrachtet wird und . das Säbelgeklirre schon längst .verklungen ist, muss in Betracht gezogen werden, Wenn man das Ergebnis des Kampfes nach* seinem’ wahren Werte beurteilen will. Denn auch die mittelbaren indirekten Wirkungen, die erst in einem späteren Zeitpunkte fühlbar werden, sind von grosser nicht zu unter-, schätzender Bedeutung. Als eine derartige suggestive Nachwirkung der auf dem Felde des neuen ,vierbeiwörterlichen“ Wahlrechtes geschlagenen Wahlschlacht, sind die Symptome, unter denen dm^gegenwärtige Landtagswahlkampagne begonnen hat, zu betrachten. Die Horoskope/sämtlieher politischer Wetterpropheten sind seit Wochen in vollster Tätigkeit und in der Presse aller Parteien werden jetzt die verschiedensten Vorhersagungen über allerlei mögliche Parteikonstellationen in dem voraussichtlich letzten Kurienlandtage, dem sogenannten Wahlreformlandtage, gemacht. Begreiflicherweise will jede Partei, die besten Wahlchancen und die grössten Erfolge für sich glaubhaft machen. In einer Hinsicht jedoch stimmen alle Ansichten überein <— die konservativ-schlaclizizischen nicht ausgenommen — dass die Schlachta eine sichere Niederlage zu gewärtigen habe und die sogenannten Stanczyken rechnen bereits als mit einer Tatsache, dass die Neuwahlen bedeutende Verschiebungen zugunsten dier der Ruthenen und der polnisch-radikalen oder polnisch - demokratischen Parteien bringen werden. Woher aber auf einmal diese. Zuversicht bei den Oppositionellen und diese hoffnungslose Resignation im Lager der herrschenden Partei, die doch noch immer im ungeschmälerten Besitze des gesamten politischen Verwaltungsapparates ist? Ist doch vorläufig das Wahlgesetz das alte, die Verwaltung dieselbe und die Wahlp'raktik die nämliche geblieben. An welche Umstände also klammert sich diese allgemeine Erwartung, dass eine Umwälzung kommen müsse? Etwa an die „Demokratie“’ der neuen Herren im . Teichsrätlichen Polenklub; der mit Stö j a 1 owski und Abrahamowicz alliierten Glom b ins kis und Dulembäs? Haben denn diese allpolnischen, verwässerten Demokraten an den letzten himmelschreienden Wahlmissbräuchen nicht .ihren Anteil gehabt? Haben sie nicht mit Rät . und Tat bei der brutalsten Vergewaltigung nationaler Minoritäten mitgetan und snobistische Phrasen, wie dass sich die jüdische Kunst durch ihre Milde, durch ihre Gedankenfülle, ihren ethischen Gehalt auszeichnet usw. Gegen solche Literaturdeuter sollte man mit aller Entschiedenheit auftreten und ihnen das Handwerk legen, denn „ihre Nähe ist Pest und ihr Atem Gill“; wo sie nur hinkommen und ihre Entzückung im hohen C singen, dort wird lange kein Gras mehr wachsen. Jahrelanges Geschrei über jüdische Renaissance, riesenlange Reklamreferate über die Auferstehung, das Blühen und die Entwicklung aller tiefen, geheimen jüdischen Kräfte — und doch ist das Verständnis für die jüdische Literatur bei den westeuropäischen Juden, sogar bei den Nationalen, nicht um ein Jota gestiegen, weil eben die Snobislen durch ihr Treiben alle diejenigen abgestossen haben, welche für jüdische Kunst und Kultur ein wirkliches Interesse besassen. Kritik üben heisst nicht Etiketten kleben. Die Kritik ist nicht dazu berufen, Meinungen und Urteile für den denkfaulen Teil des Publikums zu fabrizieren. Die Hauptaufgabe der Kritik besteht vielmehr darin, das Publikum künstlerisch zu erziehen und durch ästhetische Analyse selbständig zu machen: denn sie ist für das Publikum da und für den Künstler nur, insoferne er zum Publikum gehört Was der Künstler für das Leben, das bedeutet die Kritik für Literatur und Kunst Die Welt steht mit ihrer Schönheit für jeden Menschen offen, und doch entdecken wir sie erst durch die Vermittlung des Künstlers; Bücher werden von jedermann gelesen, aber erst durch ästhetische Kritik werden wir ihrer Schönheit gewahr. Wenn der Künstler die Biene des Lebens ist die von Blume zu Blume fliegt so ist der Kritiker die Biene der Kunst und Literatur; ist die Kunst das Lied des Lebens, so ist die Kritik das Lied von der Kunst, somit das Lied der Lieder, das Hohelied, die Essenz der Lebensessenze . . . Die Natur bewundern und sich an ihrer Schönheit entzücken, heisst noch nicht Künstler sein. Der Künstler beginnt mit dem Augenblicke, wo er die Natur durch Linien, Farben, Klänge und Worte nachzubilden versucht. Die Bewunderung von Büchern, Bildern und Musik machen noch nicht den Kritiker aus; dazu gehört etwas mehr als das blosse Entzücktsein. Die Kunst, welche die Kritik des Lebens ist, beschäftigt sich mit seinen Geheimnissen, das heisst mit seinem. Entstehen und Werden; die Kritik, welche das Leben der Kunst bedeutet, beschäftigt sich mit den Geheimnissen der Kunst, das heisst mit ihrem Entstehen und Werden. Und darum legt die ästhetische Kritik mehr Wert auf kritisch-analytische Untersuchungen, die Art und Weise des Bildens, der Gestaltung und des Werdens, als auf schnellfertige, wenn auch in sich noch so gut begründete Urteile. ■ Die Kritik ist keine Marken- und Etikettenkleberin, ihre Aufgabe ist: künstlerisch und erzieherisch zu wirken. Darum sind für uns in der ästhetischen Kritik nicht so sehr ihre Schlüsse wie der analytische Teil, der zu den Schlüssen führt, wichtig. Die ästhetische Kritik kann sich in ihren Urteilen irren: gute Sachen für schlecht und schlechte für gut erklären und doch hat sie deshalb ihren Zweck noch nicht ..verfehlt, wenn’; sie in ihrem kritisch-analytischen Teile das Publikum künstlerisch erzieht und ihm zu selbständigem Fühlen und Denken verhilft. Ich habe behauptet, dass die Kritik die Kunst der Kunst ist; um jedoch ihr Wesen genauer zu bestimmen, muss ich hinzufügen, dass die ästhetische Kritik die Wissenschaft der Kunst ist. Und als solche darf sie sich nicht mit metaphysischen Fragen beschäftigen, wie zum Beispiel: Was ist Kunst? Was ist ihr Ursprung? ihr Zweck? sondern sie muss sich in die realen Erscheinungen der Kunst vertiefen und sie erkennen. Wer Gedanken sucht, wende sich an den Philosophen, beim Künstler hat man vor allem Kunst zu suchen. Die Kunst aber kann und darf keinen anderen Inhalt als einen künstlerischen haben. Nur mit diesem hat sich die ästhetische Kritik zu befassen. Die gedanklichen, moralischen oder gesellschaftlichen Elemente des Kunstwerkes dürfen nur als Nebensache behandelt und vorübergehend berührt werden — Hauptgegenstand soll und muss der künstlerische Inhalt, bleiben. Dieses in knappen Zügen gehaltene kritische Kredo halte ich als Einleitung, zu meinen Studien über die hebräische und jüdische Literatur für nötig, um den Leser im vorhinein mit der Tendenz meiner Untersuchungen bekannt zu machen. . (Aus dem jüdischen Manuskript übersetzt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.