Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 7 (14.2.1908)
- Date
- 1908-02-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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*V V Zeitan Redaktion, Administration und . Inseraten aufnahme: IX., f fip1<cDsbasse $f. 9. Telephon Nr. 14.199. - Sprechstunden tSglich von IO—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. Verkaufstellen in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Zeitungsbureau G old sehmiedt, I., Wollzeile Nr. II. Einzelne Nummern 20 Heller. Atunnementspreis»: ln Oesterreich-Ungarn.: Ganzjähr. E 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Deutschland: Ganzjähr. Mb. 10.—, halbjähr. Hk. 5.—, Vierteljahr. Mb. 3.— Im übrigen Ansland ganzj. Pres. 15.- '•rf Vertretungen ln der Provinz ln Brünn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — ln Prag: Zeitungsverschleiss Wlozeb, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bnchstab. _ Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 7. Wien, Freitag, den 14. Februar 1908. II. Jahrgang. Geldjuden. Wenn sich mordlustige Haufen gegen die Ghettotore wälzten, leerten die- Juden Kisten und Kasten und liefen zum Bischof oder dem weltlichen Fürsten. Sie boten irdische Schätze und er gewährte göttliches Mitleid, das liebliche Klirren der Taler und Dukaten weckte in seinem Herzen himmlisches Erbarmen. Die Linke streckte er geöffnet den Flehenden, die Rechte, eisenhart zur Faust geschlossen, den Mordbrennern entgegen. So brach sich am güldenen Schutzwall die Macht des wütenden Pöbels. Wehe, wenn zuzeiten der Gefahr der Säckel leer war! Dann schliefen die Herzen der grossen Edlen und im Ghetto wüteten Mord, Brand und scheussliche Gelüste! Um diese Zeit lernte der Jude das Geld lieben, inbrünstig heiss lieben. Im Gelde liebte er den Frieden seines Hauses, dasLebenseinerKinder, die Ehre 'seines Weibes und die Reinheit seiner Töchter. Um diese Zeit lernte er auch den reichen Stammesbruder hochachten. Sah er doch in ihm den Hüter der Quelle des Lebens, den Träger eines heilspendenden Juwels. Ein Mann, der es verstand, Reichtümer zu sammeln, war ein Mann, der es verstand den Fortbestand des Stammes zu sichern. Dem Besitzer bot der Reichtum nichts. Er war und blieb der. verfluchte Christusmörder, der dem trunkenen Landsknecht ehrfürchtig den Weg freilassen und dem ehrsamen Bürger Schuhflicker sein Kompliment machen musste. Er durfte nicht Paläste bauen, keinen Dienertross halten. Für Machtgelüste bot sich kein Raum. Der Ueberfluss des einen gehörte allen. Er vererbte sich nicht auf den Enkel, er war nur Kriegsvorrat, den die nächste Gefahr verschlang. Man liebte und schätzte den Reichen und er führte die Gemeinde. Lacht nicht* über Shylok! Wer heute von dem Goldhunger des Ghettojüden verächtlich spricht, seinen Respekt vor dein Besitzenden verdammend kritisiert, handelt verständnislos und töricht. Aber die Eigenschaft, welche im alten Milieu selbstverständlich war, ist heute eine hässliche Krankheit, ein Erbübel. Sie ist heute nicht mehr; durch die Verhältnisse bedingt. Dem jüdischen Gelde ist der Charakter des nationalen Schatzfaktors benommen. Es bietet dem Besitzer viel, der Gemeinschaft nichts. Wenn sich die Juden heute vor dem Reichtum des Stammesgenossen heugeivsoileisteir^a^ "der? ireia persönlichen Machtfülle -sklavischen Tribut, wenn sie heute im Reichen und Nurreichen den berufenen Führer uud Repräsentanten erblicken, so ist das gemeine Selbsterniedrigung, die in den Umständen keine entschuldigende Erklärung findet. Der jüdische Geldaristokrat steht weit ab vom jüdischen Volke, seine Macht ist dem jüdischen Interesse nicht dienstbar. Nur der verbissene Judenfeind, dem der wütende Hass den Blick trübt, nur der jüdische Gewohnheitsleser pauschalierter Gemeindeblätter, dessen Hirn mit gutbezahlten Hymnen auf die segensreiche Macht des Börsejobbertums infiziert ist, kann das Gegenteil glauben. Wohl ist das jüdische Grosskapital ein Mitbeherrscher des Weltmarktes, dessen Einflusssphäre bis an die Zentren der höchsten Staatsgewalten reicht. Nie aber bekommt das jüdische Volk diesen Einfluss wohltätig zu verspüren. Abgesehen davon, dass es heute unmöglich ist, einem Vokle seinen Judenhass abzulisten, indem man die Tasche des Herrschers füllt, ist eine derartige Tendenz in jüdischen Kapitalskreisen absolut nicht vorhanden. Der antisemitische Fantast sieht den jüdischen Grosskapitalisten als Opfernden vor dem Altäre des jüdischen Volkswohles, der jüdische Grosskapitalist aber blickt nüchtern dorthin, wo Profit blüht Und selbst der Anblick jüdischer Leichen stört ihm nicht die Freude an der schöne Aussicht. Ein guter Teil des Geldes, das die russische Regierung in-RevoIvern und1 -- Knütteln für die judenmordenden .Schwarzen Hundertschaften“ angelegt hat, ist jüdisches Geld. Jüdische Finanzaristokraten sind die Geldvermittler der Zaren. Ob, welche Lust, zahlkräftige Judenbrüder zu besitzen und — in Odessa zu wohnen l Unsere Kapitalisten beherrschen auch die öffentliche Meinung, die sich aber dadurch nie zu unseren Gunsten gewandelt hat. Sie beherrschen eine Presse, die uns nicht nützen kann, weil sie das Wö-tchen „jüdisch“ betrügerisch unterschlägt, die aber dem Judentume schadet, weil jüdische Hände im Spiele sind. Im Interesse des rein materiellen und gesellschaftlichen Vorteiles ihrer Brotgeber verhetzt sie Völker, lässt raffi- FEUILLETON. Literarische Spaziergänge. Von A. Loubetzky. Nachdruck verboten. L Ueber hebräische und jüdische Belletristik wurde in den letzten Jahren sehr viel gesprochen und geschrieben, aber sehr selten ist der Versuch, sie künstlerisch zu verwerten, unternommen worden. Die ästhetische Kritik wird in der hebräischen und jüdischen Literatur — zumal in der westeuropäischen Presse — vollkommen vernachlässigt. Im besten Falle meint man mit einigen historischen Daten und Anekdoten genug getan zu haben. Es ist auch niemand da, der diese Kritik in der westeuropäischen Presse kultivieren sollte. Sollten das etwa die Herren Theologen und Philologen besorgen? Diese sind ja allzusehr mit der Sezierarbeit alter Texte beschäftigt, so dass ihnen kein Sinn und keine Zeit für neuere übrig bleiben; sie sind derart mit Judaikastaub bedeckt, dass auch ihre ohnehin nicht sehr entwickelten Empfindungen für lebendiges Menschentum und Judentum staubig geworden sind. Wir müssen übrigens froh sein, dass nicht Gräberschnüffler, -die sich Philologen nennen, unsere lebendige neue Literatur monopolisiert haben und durch ihre Berührung entfärben. Denn wessen verstaubte und verkrüppelte Seelen, die überallhin den Modergeruch der Archive tragen, fähig sind, haben wir bereits erfahren können. Sie haben Smolenski zu einem jüdischen Shakespeare gestempelt, einen anderen zu einem neuen Propheten Jesaia ernannt. Um solche Meinungen zu haben, muss man entweder Orientalist an einer Hochschule — oder ein sehr geschmackloser Aeslhet sein . . . Wir Ostjuden haben lange Zeit hindurch von den jungen westeuropäischen Kräften, die uns der Zionismus nahe brachte, Respekt gehabL Wir trugen uns mit der Hoffnung, dass diese jungen Elemente, welche sich in der europäischen Kultur gebildet, entwickelt, gesättigt und gekräftigt haben, uns neue Werte oder neue Begriffe und Lehren über Kunst bringen werden; unsere Hoffnungen sind aber bioss Hoffnungen geblieben. Diese vielen jungen, entwickelten Kräfte haben uns nichts gebracht. Sie sind vielmehr auf uns angewiesen und was wir ihnen nicht geben, das haben sie nicht. Aus den jungen europäischen Kräften, die uns der Zionismus zugeführt, hat sich eine Art von Kulturgigerln entwickelt, welche mit snobistischer Begeisterung Lobhymnen auf die jüdische Literatur und die jüdischen Literaten singen. Dem Namen Smo.lenski sind noch einige beigefügt worden: Ros.enfeld, Perez, Bialik und A b r a h am ö. w i t z. Und diesen singen alle gesprochenen und geschriebenen Referate in derselben snobistischen Tonart Lob und Heil. Was bedeuten Perez und Rosenfeld? Wie sind ihre künstlerischen Leistungeii und wie hoch ist der Weit ihrer Kunst? Jüdische Kunst! Was ist sie? Und worin unterscheidet sie sich von der anderer Völker? Hat sie eine eigene, nie gekannte, nie geahnte Aesthetik? Hat sie eigene, technische Mittel erfunden oder eigene, nie gekannte tiefere Schönheitswerte erzeugt? — Das alles wissen wir jetzt ebensowenig wie früher, denn all die vielen Abhandlungen über Kunst und Literatur der letzten Jahre wissen gar nichts über derlei Dinge zu berichten. Sie haben uns bloss eine unendlich grosse Skala snobistischer Entzückungsrufe gebracht. „Ah! Perez! Oh! Rosenfeld! Göttlich! Elementar! Tief! Wie über Fluren schwebend!“ Man hat uns erzählt, dass Perez ein Freund der Natur und kein Feind der Juden ist (Heil ihm dafür!), dass er das Ghettomilieu kennt (Wunder über Wunder!); dass Rosenfeld mit seinem Herzblut das Leid der jüdischen Proletarier beschreibt, dass Bialik ein Dichter von ungeheurer Wucht und Macht des Ausdruckes ist und dass Mendele Mocher Sforim und Scholem Aleichem — bei diesen Herren angelangt, beginnt man mit haarspalterischen Distinktionen: Das ist der echt jüdische Witz, und das ist Humor, und das ist Galgenhumor! und ähnliches mehr. — Dasselbe gilt für die jüdische Kunst. Auch hier nichts, als nichtssägende and