Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 JÜDISCHE: ZEITUNG Seite 7 ruhen, bis der verbündete Staat auch nicht in einem einzigen Falle österreichischen Staatsbürgern gegenüber die völkerrechtlichen Gepflogenheiten missachtet und Unbescholtenen das Recht der Freizügigkeit nimmt. Der Grund dafür, dass Baron Aehrenthal dazu schweigt, liegt darin, dass es sich in neun Zehntel der Fälle ja „nur“ um Juden handelt. Jüdischer Staatsbürger braucht man 'sich nicht anzunehmen, es sind ja Bürger zweiter und dritter Klasse, an schlechte Behandlung gewöhnt und zu verschüchtert, um einen k. u. k. Minister und Geheimen Rat auch nur um Gewährung des ihnen gesetzlich zukommenden Schutzes zu bitten, geschweige denn gegen die erfahrene Behandlung zu protestieren. Es ist nur bedauerlich, dass der Jüdische Klub diesmal in der Delegation nicht vertreten ist. Sonst hätten die jüdischen Interessen eine ebenso nachdrückliche und wirksame Vertretung gefunden, wie in der letzten Delegation durch Doktor Strauch er. Eine Trauerfeier für Abraham Goldfaden in Wien. Wien. Samstag am 1. Februar fand eine vom akademischen Vereine „Jüdische Kultur“ veranstaltete Trauerfeier zu Ehren des unlängst verstorbenen Volksdichters und Schöpfers des jüdischen Theaters Abraham Goldfaden statt. Ein zahlreiches Publikum füllte den grossen Saal beim „Goldenen Widder“ und noch einmal erklangen' jene Weisen, die das Judenviertel in Odessa und Lemberg, in London und New York und überall dort, wo Juden wohnen, in Atem hielten und es mit Freude, Stolz und Hoffnung erfüllten. Nach den einleitenden Worten des Vorsitzenden H. Weissmann würdigte Dr. Michael Berkowicz in deutscher Sprache Goldfaden als nationalen Dichter, als Kämpfer gegen die entwürdigende Assimilation und zeichnetein grossen Strichen das Milieu, aus dem Goldfadens Muse ihre Säfte zog. Der jüdische Redner des Abends war Max Geyer, der in einer gross angelegten, geistreichen und überaus wirksam vorgetragenen Rede Goldfaden als Mensch und Schöpfer des jüdischen Theaters schilderte. Es ist — sagte der Redner — eine sehr leichte Sache von einem Theater bei anderen Völkern zu sprechen, welche auf eine jahrhundertlange Entwicklung blicken können und das ausserdem die grössten Dichter und Geister zu ihren Mitarbeitern und Bahnbrechern zählt. Goldfaden fand für seine Idee nichts, einfach gar nichts. Er musste Stücke schreiben, _ Schauspieler und Schauspielerinnen erziehen und beim Volke das Bedürfnis für Theater wecken. Auf der anderen Seite fand er eine Intelligenz, die der Sache indifferent, wenn nicht feindlich gegenüberstand und die konservativ ehassidischen Kreise, die in einen Theater eine Demoralisationsanstalt und .eine Gefahr fiir Glauben und gute Sitte sahen. Das schwierigste war die Beschaffung des Schauspielermateriales. Goldfaden musste in der ersten Zeit die Frauenrollen von Männern spielen lassen und als er nach langen Bemühungen eine Frau fand, die sich der Bühne widmen wollte, musste er sie erst erziehen, indem er ihr die Rolle einer Stummen zuwies, um sie an die Bretter zu gewöhnen. (Die stumme Kalle.) Mit der Zeit, wo von der russischen Regierung das jüdische Theater verboten wurde, begann für Goldfaden ein ununterbrochenes Wanderleben, das ihn nach Rumänien, Lemberg, Paris, London und New York führte. Seine Stücke sind oft der Lieder wegen geschrieben, die er in ihnen unterbringen konnte. Aber diese Lieder bergen in sich viel nationale Wärme und Stolz. Zum Schlüsse gab Herr Geyer eine Anregung, die 'auch wir auf das wärmste begrüssen möchten: Die Schaffung eines Goldfaden-Preises für das beste Stück, dass sich zur Aufführung auf einer jüdischen Bühne eignet. Sehr wirksam rezitierten Goldfadens che Gedichte die Herren Hellmann und Singer. Die Herren Opernsänger Urich und Kantor Grob entzückten durch den Vortrag Goldfadenscher Lieder das zahlreiche Publikum und mussten durch stete Zugaben dem Drängen des Publikums nachgeben. Zum Schlüsse hat noch der Geiger Herr Axelrad durch künstlerische Wiedergabe mancher G o 1 dfadenschen Weisen das Publikum erfreut. Im grossen und ganzen ein gelungener Abend, dessen die „Jüdische Kultur“ sich rühmen darf. Galizien. iReichsratsabgeordneter Gabel über die Landtagswahlen. B, T. Sniatyn. Montag, den 3., fand eine imposante jüdisch - ruthenische Wählerversammlung statt, in der Reichsratsabgeordneter Dr. Ga bei über •die Tätigkeit des jüdischen Klubs und über die künf igen Landtagswahlen referierte. Vor einer tausendköpfigen Menge in der grossen Synagoge hat es der Abg. Gabel verstanden, in einer dreistündigen sachlichen Rede — deutsch und polnisch — die Arbeiten der jüdisch-nationalen Abgeordneten klarzulegen. Dr. Gabel hob u. a. hervor, dass die einzige Stütze des jüdischen Klubs die jungruthenische Partei, dass es Pflicht der jüdischen Wähler sei, die Kandidatur des Dr. Try lowski gegen Ritter v. Moysa zu unterstützen. Unter grossem Applaus schloss Dr. Gabel seine glänzende Rede, welche mit grossem Beifall aufgenommen wurde. Dr. Gabel besuchte hierauf den jüdisch-nationalen Verein „Esra“. Dr. Gabel appellierte beim Abschiede an die Jugend, eine hebräische Schule zu gründen. Eine Deputation des ruthenischen Vereines „Bojan“ und dem jüdisch-nationalen Verein „Esra“ hatte den Gast erwartet und dann auch zur Bahn geleitet Abg. Stand in Kolomea. Kolwnea. Samstag, den 25. Jänner abends fand hier eine grosse Volksversammlung statt, in welcher Abg. Stand referierte. Die Versammelten bereiteten ihm am Schlüsse seiner Rede stürmische Ovationen. Sozialdemokraten unter der Führung des Dr. S c h o r r konnten es sich nicht versagen wie gewöhnlich anzurempeln und da sie sahen, dass ihre vorgebrachten Argumente keine Beachtung bei den Anwesenden fanden, provozierten sie Krawalle, so dass die Versammlung noch vor Beantwortung ihrer Interpellationen aufgelöst werden musste. Augenscheinlich wollten sie es nicht darauf ankommen lassen, dass die „volksfreundliche“ Haltung ihres Vertreters Dr. Diamand in Angelegenheit der Sonntagsruhe näher beleuchtet werde. Nach der Versammlung fand zu Ehren des Gastes ein Kommers statt, der einen glänzenden Verlauf nahm. Proteste gegen die theologische Lehranstalt. Lemberg. Das hiesige Blatt der Orthodoxen Galiziens „Machsike Hadas“ veröffentlichte einen fast von allen Rabbinern und Wunderrabbis des Landes Unterzeichneten Aufruf gegen die vom Landesausschuss gegründete theologische Lehranstalt, und verbieten der Bevölkerung die Anstalt durch Spenden zu unterstützen. Sie veröffentlichen im Aufrufe die Namen derjenigen, die für die Anstalt Beträge gezeichnet haben, um sie als Feinde des Judentums zu brandmarken. Die Schliessung einer Baron Hirsch-Schule. Stanislau. Die hier seit 1891 bestehende Baron Hirsch-Stiftungsschule dürfte zu Ende dieses Schuljahres, zufolge eines Beschlusses des Kuratoriums, geschlossen werden. Als Beweggrund wird angegeben, dass die Schule ihre „Zivilisationsmission“ erfüllt habe, da fast alle jüdischen Kinder in Stanislau ohnehin öffentlichen Unterricht geniessen. Diese Motivierung dürfte allerdings nur die Uneingeweihten befriedigen. Wir hingegen erblicken hierin bloss einen Vorwand, den hebräischen Unterricht abzuschaffen, denn im Gegensätze zu den staatlichen Volksschulen besitzen diese Stiftungsschulen den Vorzug, dass sie dem Unterrichte im Hebräischen und in der Bibel einige Stunden wöchentlich einräumen. Dabei bleiben auch die Samstage und die jüdischen Feiertage unentweiht usw. Es ist also kein Wunder, dass der Entschluss des Kuratoriums auf Schliessung der Schule, den heftigsten Protest der ganzen jüdischen Bevölkerung hervorruft. Namentlich sind es die zur ärmsten Klasse gehörenden Eltern der 300 Schüler, die am meisten entrüstet sind. Ihnen handelt es sich hauptsächlich um den freien Mittagstisch, die Kleidung, Schuhe und dergleichen, welche ihre Kinder dort zu bekommen pflegten! Es wäre daher dem Kuratorium anzuraten, den Entschluss, die Schule aufzuheben, rückgängig zu machen, denn ihre Mission haben sie noch nicht erfüllt, wenn noch der grösste Teil der galizischen Juden in Elend lebt. M. Henisch. Bukowina. Annullierung von Kultuswahlen. Suczawa. Bei der vor einigen Monaten hier stattgefundenen Kultuswahl wütete ein heftiger Kampf zwischen den Anhängern des früheren Vorstehers Dr. Finkler, denen ihre Farbe selbst unbekannt, einerseits und den Zionisten und den Nationalen anderseits. Trotz der heftigsten Agitation der Anhänger, des alten Regimes gelang es der Opposition, fünf ihrer Kandidaten durchzubringen. Dennoch wurde von ihr, weil dies bei weitem nicht dem Stimmenverhältnis entsprach, ein Wahlprotest durch den Advokaten Dr. Heinrich Lupul überreicht, dem nun vor wenigen Tagen von der hiesigen Bezirkshauptmannschaft stattgegeben wurde. Von beiden Seiten wird jetzt lebhaft gerüstet. Die Einzelagitation die die Oppositionellen betreiben, trägt zwar Früchte; doch wäre die Einberufung einer grossen Volksversammlung mit der Tagesordnung: „Stellungnahme zu den Kultuswahlen“, von grosser Wirkung. Russland. Unliebsame Geständnisse. Kiew. Der Prozess wegen des Oktoberpogroms ist noch nicht zu Ende. Offenbar fallt es der russischen Justiz schwer, ihre Schosskinder, die Hooligans und „Schwarze Hundert“-Männer zu verurteilen. Diese langwierige Prozedur ist einfach nutzlos, denn schliesslich werden die Pogromhelden doch vom milden Väterchen Gzar begnadigt. Das Interesse für die Verhandlungen ist daher erloschen. Nur hie und da wird ein besonders bemerkenswerter Zwischenfall berichtet. So erzählt man jetzt von der Zeugenaussage eines gewissen Freimann, der sich beim Ausbruche des Pogroms, telephonisch an den Stadtkommandanten mit der Bitte um Schutz wandte und darauf die „beruhigende“ Antwort erhielt, der Pogrom werde bloss drei Tage dauern ... Der Pogromprozess. Kiew. Der Pogromprozess ist zu Ende geführt. Ueberraschungen hat er weder während der Verhandlungen gebracht, denn jeder wusste, dass Polizei und Militär, den lebhaftesten Anteil an der Verübung der Greuel genommen hatten, noch hat das Urteil irgendwelches Erstaunen erregt. Von den 71 Angeklagten wurden 54 befreit, zehn wurden zu 8, sieben zu 2 Monaten Kerker verurteilt. Alle Verurteilten sind der kaiserlichen Begnadigung anempfohlen worden. Und da behauptet man noch, Frau Justitia sei blind'. .... Ausweisungen von Juden. St. Petersburg. Die Ansiedlungsverordnungen werden von der seit einigen Monaten wieder unbeschränkt regierenden Herrschaft des Absolutismus aufs schärfste gegen die Juden gehandhabt. Der Senat erfindet fast täglich neue Interrelationen von Gesetzen, welche die Lage der Juden geradezu krisenhaft gestalten. Bald werden die Juden aus Dörfern, in denen sie seit Jahren lebten, veijagt, bald wird ihnen sogar im fernen Wladiwostok anbefohlen, binnen kürzester Zeit die Stadt zu verlassen. Nun geht man daran, sie schonungslos aus ganz Sibirien auszuweisen. Während Züge politisch verurteilter Juden durch Eis und Schnee in die Verbannung nach Sibirien gepeitscht werden, bewegen sich in entgegengesetzter Richtung arme unglückliche Ausgewiesene, die in den Ansiedlungsrayon gepfercht werden, wo die Not den höchsten Grad erreicht hat. Und auch dort werden sie nicht lange ruhig bleiben können, denn schon zeigen sich Bestrebungen, sie vogelfrei zu erklären. Ein Antrag liegt nämlich vor, die Juden von der Militärpflicht zu befreien und dafür von ihnen eine bestimmte Steuer einzuheben. Auf solche Weise sollen sie zu Ausländern erKlärt werden, die als lästige Elemente über die Grenze in ein unbestimmtes Schicksal hinausgestossen werden können. Unsere jüdischen Millionäre aber fahren nach Petersburg, um neue Anleihen zu vermitteln. Wahrscheinlich werden sie auf dem ganzen Wege durch Russland von der Polizei und den Soldaten beschützt werden, die dann aus Rache, dass sie den reichen Juden als Schutztruppen dienen mussten, um so roher mit ihren Nagaiken auf die armen Stammesbrüder, die in Russland leben, losschlagen werden. Italien. Zionistische Arbeit in Italien. (Von unserem Spezialkorrespondenten.) g. r. Mailand. Allgemein rüstet man zum Parteitag („National-Kongress“), der am 22. und 23. Februar in Venedig stattlinden wird. Als erfreulichstes Moment wird er die Gründung einer neuen Ortsgruppe in Turin konstatieren können, die namentlich wegen der hervorragenden Persönlichkeiten, die sich ihr angeschlossen haben, bemerkenswert ist. Es befindet sich darunter A c h i 11 e Loria, einer der bedeutendsten Volkswirte Italiens. Der Parteileitung wird am Kongress von den „Zione-Zion“ vorgeworfen werden, dass sie gegen territorialistische Strömungen zu lau ist. Die von Dr. E. Morpurgo geführte Opposition richtet sich aber nicht gegen die Person des Präsidenten Dr. F. Ravenna. — In vielen Orten haben sich „Komitees für hebräische Kultur“ gebildet, welche überall intensiv arbeiten. In der hiesigen grossen Ortsgruppe hat der derzeitige Leiter Dr. G. R a c a h allwöchentlich stattfindende Vortragsabende eingefuhrt, an denen bedeutende Redner, wie die Universitätsprofessor A r i a s (Rom), Vitale (Turin) u. a. sprachen. Auch gemein- | schädliche Ausflüge werden veranstaltet, und am 2. Jänner erscholl von den Bergen am Comosee