Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 6 (7.2.1908)
- Date
- 1908-02-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 6 Charite. Nachdruck verboten. In den egoistisch kalten Zeiten Lobe ich mir die Geselligkeiten, Wo der Mensch sein Menschentum verspürt Und es sozusagen transpiriert. Insbesondere löbelicb sind feine Hilfe-, Schutz- und Fürsorge-Vereine Die da wohltun nur um Gottes Lohn Ohne Unterschied der Konfession. Doch das Wohltun legt sich in die Taschen — Darum kann es niemand überraschen, Wenn der edle Gönner puncto Geld Sich dann anderweitig schadlos hält. Mancher herzensgute Präsidente Nimmt privatim zwölf bis zehn Perzente Gern vom Bauer, Bürger und Baron Ohne Unterschied der Konfession. ' Nach dem Texte tiefgefühlter Lieder Sind bekanntlich alle Menschen Brüder: Demzufolge wischt der edle Zweck Alle Völkerunterschiede weg: Tschechen, Polen, Russen und Franzosen, Ungarn, Deutsche (grösstenteils aus Posen), Doch die allermeisten heissen Kohn Ohne Unterschied der Konfession. Nach der programmatischen Belehrung Gibts alljährlich eine Christbescherung Und Frau Generaldirektor Kraus Teilt als Christkind milde Gaben aus- Wenn die Schützlinge dann gross geworden Rekrutieren sie die wüsten Horden, Die das Volk vergiften und verroh’n Mit dem Unterschied der Konfession. Beda. D. D. V. Diese geheimnisvollen Ghiffern, die man seit einigen Wochen auf Strassenplakaten prangen sieht, bedeuten nicht etwa die Ankündigung einer neuen Attraktion bei Ronacher, sie bezeichnen vielmehr einen politischen Verein, dessen Name nicht „Das dumme Volk“, sondern „Deutsch-demokratischer Verein“ ist So nennt sich nämlich eine unter der Patronanz der „Neuen Freien Presse“ und der ihr gesinnungsverwandten Kreise stehende Clique, die unter diesem neuen Titel, jedoch mit den alten abgebrauchten Mitteln die Wiedereroberung Wiens versucht Im Grunde stellt dieser Verein ein Unternehmen eines mit einem getauften Juden assoziierten strebsamenHandelskamraersekretärs dar, dessen Geschäftszweck es ist, das politische Renommee des Hofrates Hock zu explodieren. Diese Geschäftsbasis machte aber das Unternehmen von vornherein zu einem faulen. Denn Baron Hock, dieser mit einer Zeitungsreklame ohnegleichen auf den Schild ge-; hobene neue Messias des deutsch-liberalen . (lies jüdisch-assimilatorischen) Freisinns hatte sofort seine politische Rolle ausgespielt, noch bevor er sie begonnen hatte. Er wurde zwar — hauptsächlich durch jüdische Stimmen—zum Abgeordneten gewählt, aber anstatt im Parlamente, wie es die Juden gehofft hatten, eine führende Rolle unter den Deutschen zu spielen, wusste er sich dort nicht das geringste Ansehen zu verschaffen und obzwar schon sein Vater getauft war, wurde er, ebenso wie die Abg. Ofner und Kuranda nicht in den sich fortschrittlich nennenden deutschen Klub aufgenommen, weil alle drei als Vertreter von Wiener Juden und nicht von Deutschen angesehen wurden. Als Antwort auf diesen Fusstritt wussten Baron - Hock und Genossen nichts anderes zu unternehmen, als unter der Patronanz der „Oesterreichisch-israetilischen Union“ einen ^Deutsch-demokratischen Verein“ zu gründen. Ein stolzer Titel Niemand würde eine Partei, die wirklich aus demokratischen Deutschen bestünde, freudiger begrüssen als wir. Aber die Mitglieder des „D. D. V.* sind keine Deutschen, sondern Juden und ihre politische Haltung ist eben so wenig demokratisch wie ihre Taktik. In den Versammlungen dieser „Demokraten* wird Gegnern nicht das Wort erteilt und wenn sich jemand das nicht gefallen lässt, so wird er unsanft vor die Türe gesetzt. So ist es einzelnen Jüdischnationalen schon während der Wahlen ergangen. Seither werden die pompös angekündigten aber spärlich besuchten Versammlungen des „D. D. V.“ stets so eingerichtet, dass immer die gleichen Herren stundenlange Referate halten, damit niemand anderer zu Worte kommen könne. Am 22. Jänner fand im Hotel Post wieder eine solche Versammlung statt. Es waren im ganzen 49 Personen anwesend, darunter auch einige Jüdischnationale. Als nach Schluss der Referate einer derselben das Wort verlangte, wurde ihm vom Vorsitzenden Baron Hock erklärt, er könne Jüdischnätionalen das Wort nicht erteilen. Da unser Gesinnungsgenosse für diese demokratische Redefreiheit kein Verständnis hatte, wurde er gewaltsam aus dem Saal entfernt. Es ist begreiflich, dass dieser Vorgang in jüdischnätionalen Kreisen lebhafte Erbitterung hervorrief und bei der nächsten Versammlung des „D. D. V.“, die am 29. Jänner in Döbling stattfand, erschienen bei ihr auch zahlreiche Jüdischnationale, um sich das Treiben der Herren vom „D. D. V.“ etwas näher anzusehen. Eine Sprengung war nicht beabsichtigt. Die Vorträge der Referenten wurden von den Jüdischnationalen, welche die überwiegende Mehrheit repräsentierten, mit musterhafter Ruhe angehört und in keiner Weise gestört. Als Hofrat Hock in seiner Ansprache die Erlangung der nationalen Autonomie erwähnte, fand er sogar einstimmigen Beifall. Nach Schluss der Referate meldete sich unser Gesinnungsgenosse Dr. Scbalit zum Wort Er sagte, dass er sich vergebens nach deutschen Demokraten umsehe, er könne nur'Juden erblicken. Der Verein versende die Einladungen zu seinen Versammlungen lediglich au der Hand der Wählerliste der israelitischen Kultusgemeinde. Die letzten Wahlen -hätten bewiesen, dass ein deutschfreisinniges Bürgertum in Wien nicht existiere und die,, für die freisinnigen Abgeordneten abgegebenen Stimmen ausschliesslich von jüdischen Wählern herstammt. Während dieser Ausführung wurde der Redner fortwährend durch höhnische und gehässige Zwischenrufe antisemitischer Färbung: Polnischer Jude!! Gehen Sie nach Galizien! etc. unterbrochen, natürlich nur von Seite mosaischer Deutschen. Auf die Rufe, der Redner möge die Tribüne und den Saal verlassen,' antwortete Dr. Schafft; die Herren. sollen sich doch freuen, wenn anständige Leute ihre Versammlungen besuchen. Dies gab das Signal zu einem furchtbaren Tumult. Sofort stürzten eine Anzahl Ordner auf die Tribüne und auf den Redner. Die Gesinnungsgenossen eilten zu Hilfe, die von dem Demokraten bereitgehaltene Polizei, welche schon bei Beginn der Versammlung die Eingänge bewacht hatte, stürmte in den Saal und alle Versuche die Ruhe herzustellen waren vergeblich. Angesichts dieser skandalösen Haltung der Hockpartei, welche jede Redefreiheit unmöglich machte, verzichtete Dr. Schafft auf das Wort. Nun bestieg Herr Dr. v. Thayent h a 1 das Podium, um eine Ansprache zu halten. Die Jüdischnationalen erhoben sich von ihren Sitzen, stimmten ein jüdisches Nationallied an und verliessen in geschlossenen Reihen den Saal, welcher nun bis auf eine Ecke gänzlich leer wurde. Nicht 30 Leute blieben zurück und der Beweis war erbracht, dass der Anhang des Vereins ein ganz lächerlich geringer ist. Das ist der wahre Sachverhalt. Dass die Wiener „liberale“ Presse, voran die würdige „Sonn- und Montagszeitung“ ihn gehässig entstellt und zur Auffrischung der sattsam bekannten Angriffe auf die Jüdischnatjonalen benütz that,jst selbstverständlicb.Wozu ist man sonst, Judenblatt“, als damit man eine jüdische Volksbewegung entweder totschweigt, oder begeifert. Dieser Presslärm kann über die Tatsache nicht hinweghelfen, dass der deutsch-demokratische Humbug aufgedeckt ist. Auch die naivsten Gemüter wird er nicht mehr lange locken. Weder das Deutschtum, noch die Demokratie werden an der deutsch - demokratischen Partei etwas verlieren, am wenigsten aber das Judentum. Diesem kann nur eine ehrliche, nüchterne Politik helfen, nicht eine Politik des Scheines, des Truges, der Illusionen, wie die deutsch-liberale es war und die deutsch-demokratische es ist. Fahnenflüchtige. In der Zeit vom 5. bis zum 28. Jänner 1908 haben bei der Wiener Kultusgemeinde ihren Austritt aus dem Judentum angemeldet: Leopold Kohn, 1880, Wien, ledig, Maler, II., Rueppgasse 29; Friedrich Langfelder. 1884, Wien, ledig, Ingenieur, V., Margaretenstrasse 61; Franz Pollitzer, 1881, Wien, Ingenieur, I., Freyung 6; Richard Stern, 1885, Wien, ledig, Maschinist, XVII, Maissengasse 25; Jeanette Redinger, 18/6, Czernowitz, ledig, Private, XVIII., Aiseggerstrasse 10; Friedrich Po latsch ek, 1885, Wien (Fünfhaus), ledig, XVIII-, Währingergürtel 2 >; Alice Berger, 1884, Wien, ledig, Private, VII, Hermanngasse 5; Marianne Berger, 1884, Wien, ledig, Prjvae, VII, Hermanngasse 5; Josef. Weissberg, 1870, Czernowitz. II, Obere Donaustrasse 6; Marie'G rün w al d, 1882, Prag, VI., Gumpendorferstrasse 74; Hvrmann Maikut, 1871, Wien, verh, Architekt, IX., Eisengaese 25; Klara Fr i e dm an n, 1885, Bortniki (Matrikel Chodorow), ledig, IIL. Blütengasse 6; Ignatz Roth, 1881, Szascebes (Ungarn), ledig, Schriftsetzer, HL, Erdbergstrasse 37; Natan Paul Goldschmied, 1885,Wien, ledig.Techniker, III., Marxergaaae 11; Emil Köstenbaum, 1880, Wien, ledig, Handelsangestellter, XX., Gerhardusgasse 11; Löni, geb. Wasservogel Jungwirth, 1885, Ung. Holics, verh., Privatbeamtensgattin, XX., Stresslauergasse 4; Eman. Luft, 1881, Lemberg, ledig, Privatbeamter, XX, Hannovergasse 27; Blanka Gross, 1885, Durovar (Slawonien), ledig, Private, II, Ausstellungsstrasse 19; Ignatz Kohn. 1881, WieD, ledig, Assistent der k. k. Staatsbähn, VII., Stollgasse 3; Paul Schönberger, 1883, Wien, ledig, Ingenieur, IV., Hechtengasse 4; Ernst Abramovic, 1880, Wien, ledig, Kommissionär, XVH, Neuwaldeggerstrasse 41; Dr. Alexander Redlich, 188t, Olmütz. ledig, XVIII., Gentzgasse 166; Amalie Berhasg, 1877, Stapniceszlach, ledig, VI.. Fillgradergaese 11; Oskar Hrdliczka, 1885, Wien, ledig, Tischlergehilfe, V., Reinpreehtsdorferstrasse 23; Dr. Friedrich Marcus, 1869, Berlad (Rumänien), ledig, Arzt, XVI. , Payergasse 13; Geza Buri as, 1866, Budapest, ledig, I., Schwarzenbergplatz 4; Eugen Goldhaber, 1874, Wien, ledig. VI., Dürrergasse 10; Berta Drucker, 1873, Neuetting (Böhmen), ledig, Handarbeiterin, XVII.. Klopfstockgasse 55; Ignatz Gapp, 1873, Weidling a. Bach, ledig, Kassier, HI., Diestlergasse 8; Alfred Per e.les, 1888,Karolinenthal (Böhmen), ledig, Jurist, III, Erdbergstrasse 35; Amalie Palme, 1884, Wien, ledig, Stickerin, XVII., Hormayergasse 26; Karl Humpoletz, 1884, Wien, Ingenieur (Protest.). Korrespondenzen. Zu den Ausweisungen aus Preussen. Wien. Baron Aehrenthalhat auf eine Interpellation über die zahlreichen Ausweisungen österreichischer Staatsbürger aus Preussen erwidert, dass nur in 93 Fällen die Intervention des Ministeriums des Aeussem angerufen wurde. Bei bloss 24 davon sei die Ausweisung ohne gewichtige Gründe erfolgt, indem die betreffenden einfach als „lästige Ausländer“ ausgewiesen wurden. Dass Baron Aehrenthal offiziell überhaupt nur von 93 Fällen Kenntnis hat, obzwar es notorisch ist, dass die Ausweisungen einen grossen Umfang angenommen haben, erklärt sich wohl daraus, dass in den seltensten Fällen das Ministerium wegen Einschreitens angegangen wird. Inoffiziell und vielleicht auch durch Konsularberichte wird er aber gewiss genau informiert sein, dass es sich durchaus nicht um „vereinzelte“ Fälle, sondern um eine systematisch geübte Praxis der preussischen Polizei handelt. Warum schweigt er dazu und lässt österreichische Staatsbürger in einem eng befreundeten und verbündeten Staat derart behandeln? Und wenn wirklich nur in 24 Fällen die Ausweisung ohne Grund, mit der bequemen Ausrede, der betreffende Ausländer sei „lästig“, erfolgte: Baron Aehrenthal dürfte nicht