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Jüdische Zeitung · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 6 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 3 Nationaljudentum; kräftigen wir dieses, so leisten wir indirekt Arbeit für die hebräische Sprache. Dies hat sich jetzt besonders am deutlichsten gezeigt. Seitdem die jüdischnationale Bewegung mit elementarer Gewalt in Galizien und in der Bukowina eingesetzt hat, entstehen fortwährend in beträchtlicher Anzahl neue hebräische Schulen, die fortschreitend einen Sammelpunkt jüdischen Geistes und jüdischer Schaffenskraft darstellen werden und die eine Rückkehr zum Judentume bedeuten, das heisst die Voraussetzung zur Rückkehr ins Judenland verwirklichen. M. W a 1 d m a n n. Parteinachrichten. Rücktritt Dr. Schalits. Dr. Isidor Schalit hat seine Stellen als Obmann des Landeskomitees und als Präsident des Nationalvereines niedergelegt. Dr. Schalit, der in den letzten, für unsere Bewegung so ereignisreichen Jahren mit grösster Hingebung und Selbstaufopferung unermüdlich an hervorragender Stelle tätig war, hat das begreifliche Bedürfnis, sich für einige Zeit von den Geschäften zurückzuziehen und zu erholen, um dann mit frischen Kräften * wieder an die Arbeit zu gehen. Es ist datier nicht an der Zeit, eine abschliessende Würdigung seiner Tätigkeit zu geben. Nur so viel sei gesagt, dass Dr. Schalit es war, der das Eingreifen der Zionisten in die österreichische Wahlbewegung inaugurierte und der die jüdische Nationalpartei schuf. Das allein würde genügen, um ihm in der Geschichte der jungjüdischen Bewegung einen ehrenvollen Platz zu sichern. Eine grosse Zeit fand in ihm den richtigen Mann. Ist dieses Verdienst Dr. Schalits dasjenige, das uns allen noch in frischester Erinnerung ist und das auch nach aussen hin am markantesten hervortritt, so ist seine nunmehr 20jährige Tätigkeit in der zionistischen Bewegung so reich an anderen hervorragenden Leistungen, dass es unmöglich wäre, sie alle hier aufzuzählen. Erst kürzlich wurden in diesem Blatte seine Verdienste um die „Kadimah“ gewürdigt, seine Tätigkeit als Sekretär Herzls ist noch unvergessen und. in dauernder Erinnerung wird es bleiben, dass Dr. Schalit in einem kritischen Augenblick auf das Drängen seiner Freunde die Obmannschaft des Landeskomitees übernahm und die österreichische Organisation aus einer krisenhaften Situation errettete. Dr. Schalit, dessen studentische Klinge gefürchtet war, ist auch heute für alle unsere Gegner der gefürchtetste Mann. Sein Name klingt ihnen wie ein Kampfruf. In unzähligen Schlachten hat er den Assimilationsjuden, ob sie sich als Deutschliberale oder als Deutschdemokraten verkleideten, die Maske vom Gesicht gerissen, ihnen Wahrheiten gesagt, die sie aufschäumen liessen. Sein blosses Auftreten war eine Offenbarung des aufdie Ungebundenheit der amerikanischen Sitten in Betracht zieht, im ganzen ein gesittetes. Die Leute geben sich ganz und gar nicht, wie wenn sie zu Hause oder auf der Strasse, wären. In den Zwischenakten ist es nicht unruhiger als in irgend welchem europäischen Theater. Kurz, von dem sogenannten .Ghetto“ habe ich in den Theatern des .Ghetto* nichts verspüren können. Eigentümlich ist nur, dass die stärkste Beifallsbezeugung im Pfeifen besteht, und an naive Zeiten erinnert die Gewohnheit der höheren Ränge, die Bösewichte und Intriganten mit einem langgedebnten „Buu“ zu begrüssen. Doch ist gerade der letzte Brauch nicht mehr so blutig ernst zu nehmen, wie in jenen Bauerntheatern, wo sich Judas Ischariot nach der Vorstellung nur mit Mühe vor den Bauernfäusten retten kann. Das »Buu* ist zugleich so etwas wie eine Anerkennung, dass man den schlechten Kerl lebenswahr gespielt hat und wird daher von den betreffenden und betroffenen Darstellern mit zufriedenem Schmunzeln entgegengenommen. Schlimmer scheint es mit dem literarischen Geschmacke des Publikums zu stehen. Da ist die Klage noch allgemein, dass es das Gute und Wertvolle ablehnt und die Theaterdirektoren zur Pflege des Schundes rechten, nackensteifen, stammesbewussten neuen Juden. Keiner unserer Führer hat die Furcht und den Hass der Gegner so erregt wie er und mit Stolz kann er von sich sagen: .Viel Feind’, viel Ehr’!“ Nirgends kam seine kampfesfrohe Art besser zum Ausdruck als bei den Kultusgemeindewahlen, bei welchen er die meisten oppositionellen Stimmen erhielt und beim Kampfe um das Reichsratsmandat in der Leopoldstadt. Die Partei wird es ihm stets zu hoher Ehre rechnen, dass er es unternahm, trotz der geringen Chancen, als Parteiführer gerade den exponiertesten Posten: die Kandidatur in der Leopoldstadt zu übernehmen und mit zäher Energie den Kampf bis zu einem ehrenvollen Ende zu führen. Die Arbeit, die Doktor Schalit damals leistete, wo er durch Wochen tagsüber den Anstrengungen seines Berufes und der zionistischen Arbeit gerecht werden musste und Abend für Abend, Nacht für Nacht den aufreibenden Kampf in den Wählerversammlungen führte, konnte nicht ohne ungünstigen Einfluss auf seine Gesundheit bleiben und schon damals — nach Beendigung der Wahlen — hätte er einer längeren Erholung bedurft. Aber mit dem starken Pflichtbewusstsein das ihn beseelt, harrte er aus, da es galt, die ersten Schritte des .Jüdischen Klubs“ auf parlamentarischem Boden zu leiten und die Grundlagen für die Organisation der jüdisch-nationalen Partei zu schaffen. Auch an der .Jüdischen Zeitung“, welche damals gegründet wurde, hat Dr. Schalit lebhaftes Interesse genommen und hat ein wesentliches Verdienst an ihrer Konsoliderung. Wir können es Dr. Schalit nicht verargen, wenn er dem Bedürfnis nach Erholung endlich nachgibt und sich für eine geraume Zeit zurückzieht. Die Partei kann von den Führern nicht verlangen, dass sie sich in ihrem Dienste völlig aufreiben und wir wünschen, dass Dr. Schalit bald wieder mit frischen Kräften in die Kampfreihen tritt. * Anlässlich der Demission des Dr. S c h al i t fand Montag den 3. Februar 1908 im Saale des Zentralvereines eine stark besuchte Vertrauensmänner Versammlung statt. Da Dr. Schalit allen Versuchen zur Rücknahme seiner Demission gegenüber fest blieb und erklärte, dass es ihm seine derzeitigen Kräfte nicht erlauben, weiterzuarbeiten, wurde mit Akklamation folgende von Ggv Adolf Böhm beantragte Resolution angenommen: Die am 3. Februar 1908 zu Wien tagende zionistische Vertrauensmännerversammlung drückt dem Gg. Dr. Schalit ihr tiefstes Bedauern über seinen Rücktritt von der Parteileitung aus, dankt ihm. für seine hingebende Tätigkeit und hervorragende Leistungen, versichert ihn ihres unerschütterlichen Vertrauens und spricht die Hoffnung aus, dass er bald wieder aktiv in der Partei tätig sein werde. Gleichzeitig nimmt die Versammlung mit Genugtuung zur Kenntnis, dass Dr. Schalit als Vertrauensmann der österreichischen Zionisten sein Mandat im grossen A.-C. behält. Palästina. zwingt. Doch wird zugegeben, dass auch hierin, wenn auch langsam, eine Besserung zutage getreten ist. Die alten undramatischen, bloss aufs Sentimentale und Sensationelle zugeschnittenen Machwerke sind längst nicht mehr alleinherrschend. Uebersetzungen von guten, modernen und klassischen Stücken der anderen Nationen werden schon gerne gehört und bringen Kassenerfolge. Und was noch wichtiger ist, es werden auch schon gute, originelle, jüdische Theaterstücke aufgeführt und das Publikum kommt, wobei allerdings noch manche Konzessionen an dessen Geschmack erforderlich sind. Jakob Gordin hat sich um die Hebung des Niveaus der jüdischen Dramen gar manches Verdienst erworben. Seine Stücke sind beliebt, Durchfälle erlebt er selten. Andere, wie namentlich David P i n s k i, der sicherlich die grösste Aufmerksamkeit des Volkes verdient, warten noch darauf, dass die Geschmacksbesserung des Volkes auch sie erreicht. Was schauspielerische Leistungen betrifft, so wage ich die Behauptung, dass die jüdischen Theater New Yorks besseren deutschen Bühnen nicht nachstehen. Vielleicht ist das Zusammenspiel nicht so gut, wiewohl es weit höher stehen soll als das der amerikanisch-englischen Bühne und schlecht ist Ein zionistischer Koionisationsversuch. Das Palästinaressort des engeren A.-C. fordert mit folgendem Aufruf zur Zeichnung von Aktien der von uns schon ausführlich besprochenen Palestine Development Company auf: Gesinnungsgenossen! Die Ueberzeugung von der Notwendigkeit praktischer Arbeit in Palästina ist heute in alle zionistischen Kreise gedrungen. Jetzt gilt es, die Forderung nach praktischer Arbeit in die Tat umzusetzen und die systematische Arbeit zu beginnen. Womit begonnen werden muss, kann nicht zweifelhaft sein. Mehr als in irgend einem anderen Lande beruht im Orient, beruht in Palästina die ökonomische Macht auf dem Besitze an Land. Eine jüdische Bevölkerung in Palästina ohne grösseren Landbesitz ist wurzellos; sie wird in den palästinensischen Städten wohl neue Ghetti gründen, aber niemals aus gedrückten wirtschaftlichen Verhältnissen herauskommen, niemals den Keim zu wirtschaftlichem Wohlstände und zu machtvoller Entfaltung jüdischen Lebens pflanzen können. Das kann nur eine Bevölkerung, die wenigstens zu einem grossen Teile auf eigener Scholle sitzt und aus diesem Boden, dem ausserordentlich fruchtbaren Boden Palästinas, ihre Nahrung zieht. Mit einem Worte: wir brauchen in Palästina mehr jüdische Bauern! Nur der jüdische Bauer ist imstande, mit der Hand am Pfluge Acker um Acker unser altes Vaterland wieder für uns zu gewinnen und dauernd für uns zu bewahren. Aus diesen Erwägungen heraus ist die Pal'estine Land Development Company gegründet worden. Sie stellt sich die Aufgabe, unbemittelten jüdischen Arbeitern, die in so erheblicher Zahl von Osteuropa nach Palästina kommen und es bisher nicht zu einer selbständigen bäuerlichen Existenz bringen konnten, die Erringung einer solchen Existenz zu erleichtern. Die Gesellschaft will nicht kolonisieren, noch will sie Wohltätigkeit üben, wie das andere Gesellschaften tun, sondern sie will nur Wege und Möglichkeiten beschaffen, auf denen die-jüdischen Arbeiter aus eigener Kraft zu selbständigen Bauern aufsteigen können. Die Arbeiter sollen zuerst auf einer grösseren Gutswirtschaft der Gesellschaft mehrere Jahre hindurch gegen Taglohn arbeiten, sie sollen hier mit den besten landwirtschaftlichen Arbeitsmethoden vertraut werden, dem palästinensischen Klima und Boden angepasst und es soll ihnen durch einen Gewinnanteil an den Erträgnissen des Gutes ermöglicht werden, Vieh und Saatgut für sich zu erwerben. Alsdann sollen sie von der Gesellschaft ein hinreichend grosses und in wirtschaftsfähigem Zustand gesetztes Stück Land zuerst in Pacht und später gegen langjährige Amortisationsrenten zum Eigentum erhalten können, eine Methode der Kolonisation, welche die deutsche Regierung sowie private Institutionen seit einer Reihe von Jahren mit grossem Erfolge erprobt haben. es gewiss nicht. Als Einzelne sind die Schauspieler fast durchaus gut geschult und Talente, ja nicht selten geniale Darsteller. Eine Unart der jüdischen Bühnen in Europa, dass die Schauspieler glauben, einen Verliebten, einen König oder dergleichen in schauderhaftem Deutsch statt, in anständigem Jiddisch sprechen zu lassen, ist fast ganz beseitigt. Man sagte mir, dass auch dies ein Verdienst Gordins ist. Ich war auch bei der Aufführung eines seiner Stücke, .Die Wahrheit“, und hörte die Mitglieder einer Yankee-Familie ihre christlichreligiösen ebenso wie ihre antisemitischen Empfindungen einfach in der Sprache der Bühne, das heisst auch jiddisch ausdrücken. Niemandnahm daran Anstoss. Es schien allen ganz natürlich. Die Lemberger und Czernowitzer jüdischen Schauspieler sollten sich daran ein Beispiel nehmen und endlich einmal ihre .deutschen“ Anwandlungen. welche die ganze Zuhörerschaft in Verlegenheit oder in Ulkstimmung bringen, unterdrücken. Ich sage nicht, dass das jüdische Theater in New York nicht noch einer grossen Entwicklung bedürfte, um wirklich als Kunstinstitut zufriedenstellen zu können, ich wollte nur konstatieren, dass gesunde Grundlagen für eine solche Entwicklung vorhanden sind und dass das Stadium kläglicher Jämmerm

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