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Jüdische Zeitung · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 6 drängenden aktuellen Aufgaben, die Vermehrung und Vertiefung -der Probleme bewirken esT dass eine noch so feierliche Proklamierung -der heute schon selbstverständlichen Grundideen des Zionismus — und "r-twas anderes kann auch der festlichste Kommers nicht bringen — keine so ergebende Wirkung mehr auf jene ausüben T:kann, welche, in dieser Weltanschauung ’ wurzelnd, an der Weiterentwicklung der Idee; und der Lösung der aus ihr entspringenden , praktischen Aufgaben arbeiten. Es wäre datier ungerecht, in kleinen Mängeln der. Verf anstaltung zu suchen, was nur ein Ausdruck der geänderten Verhältnisse ist. Die Studenten- ■ schaft selbst ist sich vollkommen klar darüber, wie heute die Dinge liegen. Sie verlangt nicht mehr, wie in den Zeiten des ersten Kampfes im Vordergrund zu stehen. Dafür sind ihr neue und nicht minder schwierige .Aufgaben erwachsen. Sie hat dafür zu sorgen, dass in den jetzigen friedlicheren Zeiten die moralischen Waffen nicht rosten, dass in ihrem Nachwuchs der Geist der Heroenzeit wach bleibe und jener Idealismus, der zu grossen Taten beseelt, der Opfermut,' der vor keiner Schwierigkeit zurückschreckt, der Radikalismus, welcher das Vorrecht und der Vorzug der Jugend ist. Die opportunistischen Neigungen, die hie und da zutage getreten sind, müssen mit der Wurzel aüsgerissen werden wie giftiges Unkraut, das die junge Saat bedroht. Nicht minder wichtig als die moralische Erziehung ist die intellektuelle Ausbildung des studentischen Nachwuchses. Die Studentenschaft muss dafür sorgen, dass die schwierigen zionistischen Probleme Interesse und Verständnis in ihren Reihen finden. Dazu sind nicht bloss spezielle Kenntnisse erforderlich, sondern vor allem eine gewisse allgemeine philosophische, historische, soziologische und natioualökonomische Bildung, welche die studentischen Bildungsvereine ihren Mitgliedern in systematischer Weise vermitteln müssten. Eine dritte wichtige Aufgabe der Studentenschaft ist . es, Einfluss auf die Berufswahl der Akademiker zu nehmen. Der jüdische Jüngling, der an die Hochschule kommt, dürfte nur solche Studien wählen, welche zu Berufen führen, deren Ausübung heute einem Juden nicht allzusehr erschwert ist und die ihren Träger auch befähigen, sein Wissen und sein Wirken hier oder in Palästina in den Dienst des Volkes zu stellen. Dabei muss sorgfältig vermieden werden, dass die zionistisch Betätigung während der Hochschulzeit dem Studenten zu viel Zeit raubt. In der -Heroenzeit“ gaben manche aus reinem Idealismus ihr ganzes Sein, ihre Kraft und ihre Zeit der Bewegung, hin und vergassen darob an sich seihst, ihr Studium und ihr Fortkommen. Heute verlangt die Bewegung keine solchen Opfer mehr. Die Zeit des stürmischen Ringens um das Neue ist vorbei, heute gilt es, nach dem als richtig erkannten Grundriss, die Detailpläne zu verfertigen die Mauern aufzuführen. Dass wir aber heute schon so weit sind und die Kelle bereits mehr zu fun hät, als das Schwert, das eben ist. die erfreulichste Tatsache, die wir im Momente konstatieren können, - in welchem wir 25 Jahre zionistischer Arbeit feiern „Kadimah“ — wie sie es damals gehofft, so geht es jetzt vor allem durch ihre wackere Vorarbeit: Vorwärts und ostwärts. ' ' ' Hebräische Schulen. Das untrüglichste Zeichen einer normalen, von gesellschaftlichen Kräften hervorgerufenen, durch keine künstlichen Mittel erzwungenen Entwicklung eines nationalen Organismus ist die Harmonie zwischen. den Leistungen auf allen Gebieten des Lebens, die er aufzuweisen hat. Wenn wir unsere nationale Entwicklung untersuchen, finden wir ein gleicbmässiges Sich-Entfalten der Kräfte in kultureller, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht Sind auch die Erfolge nicht überwältigend, weil solche durch den Hauptgrund unserer Volksnot — die Tatsache, dass wir als kleine, in jeder Hinsicht schwache Minorität im Gegensätze zu den anders gearteten, anders nationalen Majoritäten stehen —" nur bis zu einem gewissen Grade möglich gemacht werden, so ist doch die Feststellung der Tendenz einer kontinuierlichen Evolution höchst erfreulich. In der letzten Zeit zeigt' es sich am deutlichsten, dass die Entwicklung unseres nationalen Lebens normal ist. Denn, abgesehen von der Schaffung politischer Organisationen, schärfer hervortretendem- < Nationalbewusstsein und negativer Kulturarbeit, wie Ausmerzung alles Krankhaften, Snobistischen und Äusserlichen fremder Kulturen, die uns anhaften, regen sich Kräfte, die positiv schöpferisch auftrelen: der entfesselte jüdische Geist, das eigenartige jüdische'Enipfiriden. Und nur eine Folge des Bestrebens, diesen jüdischen Geist in seiner reinsten Torrn von den Schlacken fremder, (ungesunder Einflüsse herauszukristallisieren und vor allem eine jüdische Weltanschauung und ein jüdisch-kulturelles Gesellschaftsleben zu schaffen, ist das erwachte Interesse. für jüdisches Schrifttum, für die hebräische und die jüdische Sprache. Denn beide atmen den eigenartigen jüdischen Geist Gewiss aber ist es,- dass für künstlerische Leistungen, die von rein jüdischem Geiste getragen sein sollen, sich die hebräische Sprache wohl eher eignet, als. das Jüdische, da dieses im Gegensatz zum Hebräischen noch langer Entwicklung und Reife bedarf, bevor es sich für den Ausdruck subtiler Begriffe eignen könnte. Darum muss man es mit Genugtuung begrüssen, dass allenthalben Schulen entstehen, die es sich zur Aufgabe stellen, die Kenntnis des Hebräischen zu verbreiten und so die viplen, die den Wil 1 en, Jude zu sein, als Tatsache, dass sie Juden sind, annehmen, zu vollen National- und Kulturjuden machen. Durch das Hebräische soll der jüdische Geist, der durch die Assimilation verdrängt wurde, wieder zu Ehren-gebracht, wieder in die Reihen unserer Besten, der Nationaljuden, getragen werden. Doch genügt dazu die Kenntnis einzelner Wörter, die dann als eine unnatürliche Hülle für stilistisch und inhaltlich wesensfremde Schöpfungen dienen sollen, noch lange nicht Die Anpassung an die jüdische Eigenart, die Rückassimilierung an das Judentum: dies ist der Zweck, der durch das Studium des Hebräischen erreicht werden soll. Von diesem Gesichtspunkte sollten sich alle diejenigen leiten lassen, die die schwere und verdienstvolle Arbeit auf sich genommen haben, die neu entstehende Organisation der jüdischen Moderne, mit jüdischer Kultur zu erfüllen und in richtiger Erkenntnis, dass die einzig sichere Uebermittlung jüdischen Geistes nur durch den Fluss der eigenen Spräche möglich ist, das Hebräische zur allgemeinen Kultur und Volkssprache der Juden machen wollen. Inwieweit dies schon im Golus möglich ist, lässt sich wohl nicht genau bestimmen. Dass aber bedeutende Ansätze für die Erreichung des Idealzustandes, wo jeder Jude in der hebräischen Sprache denkt, sie spricht und sie zum vornehmsten Verständigungsmittel im alltäglichen und höheren Leben geworden ist, sich bereits hier im Golus herausbilden können, kann man ruhigen Gewissens behaupten. Die Kenntnis und die Verbreitung der hebräischen Sprache wird natürlich mit der Entwicklung des Zionismus parallel lapfen. Zwischen nationaler Bewegung und Kenntnis der Sprache besteht aber eine Wechselwirkung, das Interesse für beide ist einer Wurzel entsprossen, der jüdischen Wiedergeburt. Wenn wir die Sprache pflegen und verbreiten, nützen wir dem scharfen Rassenzüge und Geberden hervorfiebend. Ein Stück ostjüdischen Gemeinschaftslebens von packender Tatsächlichkeit. Ich bin ergriffen, fast fassungslos. Der nie gesehene Anblick dieser gewaltigen jüdischen Ansiedlung hat mich erschüttert. Ich möchte weinen, nein, ich weine. So haben sie mich gepackt, Hochgefühl und —- Mitleid. Ja, auch Mitleid. Ein seltsames, quälend unsicheres Mitleid. Ich habe das dunkle Gefühl, als schwebte irgend ein Ungeheuer in der Luft, mit weit ausgebreiteten, schwarzen bügeln und drohte dieses ganze tosende, jüdische Massenleben zu umkrallen, zu ersticken und zu verschlingen. Es ist mir, als ob ich den Schrecken (fieses Ungeheuers überall eingenistet sähe: auf den Antlitzen der Gassenjungen, die da mitten in einer "verkehrsreichen Strasse eine alte Matratze verbrennen und über dieses lodernde Freudenfeuer mit Iudianergeheul hinüber und herüberspringen. Auf den Lippen der schreienden Wagenpeddler, die nicht müde werden, den fast duicbaus jiddisch sprechenden Vorübergehenden in schlechtestem Englisch ihre Waren anzubieten. In den fieberhaften Augen Tausender, die mit unheimlicher Hast irgend einem unbekannten Ziele nachjagen "und dabei zusehends ein Stück idealen Gehaltes nach dem andern verlieren. Und auf den unzähligen Pfeilern und Rippen der Hochbahnbauten sah ich den Schrecken hocken und lauern ■ und über alle die kulturöden Häuserfassaden mit ihren garstigen Feuerstiegelchen vom ersten bis zum letzten Stockwerke sah ich ihn gleiten. Und ich glaubte zu spüren, wie ein feuriger Hauch von ihm ausging. Ob, sollen auch alle die bunderttausende Erben und Vererber jüdischer Geistesärt diesem unheimlichen Schrecken zum Opfer fallen? Sollen auch sie in seiner Gluthitze zu grauer Kulturasche verbrennen? Oder ist das doch kein Moloch hier, sondern bloss eine Art jüngsten Tages, eine Art Weltenbrandes, aus dem die Seelen der Völker wieder geläutert emporsteigen werden? Und auch deine Seele, du jüdisches Volk? .. . Und vielleicht stehst du überhaupt mit siegender Lebenskraft über allem Schrecken.,? Jüdische Bühnen gibt es sozusagen auch in Europa. In Lemberg und Czernowitz, auch in Wien, wo Truppen manchmal ihre Bretter aufschlagen. Ich verzweifelte nie auch an diesen Theatern, aber ich konnte sie doch nie ohne ein Gefühl tiefer Beschämung verlassen. Der äussere Rahmen unsagbar hässlich und dürftig, das karge Publikum unglaublich anspruchslos, die Stücke erbärmliches Zeug, die Schauspieler oft begabt, aber in ihrem bejammernswerten Bühnenmilieu zugrunde gegangen. Da sind die New Yorker jüdischen Theater doch ganz anderer Art. Vor allem sind sie, trotz der Höhe der Eintrittspreise, die leider grosse Volksmassen in die Varietes treibt, Häuser des Volkes. Es gibt einen Theatereothusiasmus in der jiddisch sprechenden Bevölkerung New Yorks, der einigermassen an Wien erinnert. Auch in seinen Ueberschwänglichkeiten, was beliebte Persönlichkeiten betrifft. Nur dass hier auch oft der Autor mit in die Popularität gezogen wird. Dieser wirklich nationalen Stellung der Theater entspricht ihre Ausstattung. Auch diese kündigt an, dass das jüdische Volk in Amerika etwas wie Kultursouveränetät gewonnen hak Keine Jahrraarktbuden mehr, die sozusagen um Entschuldigung bitten, dass sie neben den Bühnen der anderen Völker sich aufzutun wagen, sondern stolze Gebäude von allerdings nicht reicher, aber entsprechender und ansprechender Ausstattung, mit Fassungsraum für Tausende und allen den Behelfen und Notwendigkeiten moderner Theater. Das Publikum fand ich besser als den Ruf, der zu mir' nach Europa gedrungen war. Das Benehmen ist, wenn man noch

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