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Jüdische Zeitung · 1908-02-07 · 6 (7.2.1908) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
6 (7.2.1908)
Date
1908-02-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zeitiiii Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., ^UFl<cnstrass« 9> Telephon Nr. 14.199. Sprechstunden tBglich von 10—12 Uhr vormittags. Wochenschrift. Erscheint jeden Freitag. I Verkaufszeiten in Wien: Administration, Türkenstrasse Nr. 9. Z eitungsbureau Goldschpiedt, I., Wollzeile Nr. 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Ab annementspreiss: la Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10.— halbjähr. K 5.—, Vierteljahr. K 3.—. In Dentschlsud: Ganzjähr. Mk. 10.—, halbjähr. Mk. 5.—, Vierteljahr. Mk. 3.—. Im übrigen Ausland ganzj. Pres. 15.—. Vertretungen In der Provinz In Brfinn : Zeitungsbureau, Ferdinandgasse. — ln Prag: Zeitungsverschleiss Wlezek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Bnehstab. Buchhlndlerlsche Vertretung für Deutschland; Otto Klemm in Leipzig. Nr. 6. Wien, Freitag, den 7. Februar 1908. i: m II. Jahrgang. Die Aufgaben unserer Studentenschaft. Die Kadimahwoche ist vorüber. Sie war reich an erhebenden Momenten. Der Glanzpunkt war zweifellos die Auffahrt zur Universität und der Empfang beim Rektor. Dagegen war am Kommers, so schön und glanzvoll er auch verlaufen ist, schon eine gewisse Ermüdung bemerkbar. Das ist nur zu begreiflich. Man kann nicht eine Woche lang Feste feiern und dabei erwarten, dass die Stimmung sich von Tag zu Tag steigern werde. Wenn aber von mancher Seite der Studentenschaft ein leiser Vorwurf gemacht wird, dass sie selbst daran schuld sei, dass gerade der abschliessende Kommers nicht der Höhepunkt der Festlichkeiten war, so muss dem entgegengetreten und es müssen die tieferen Ursachen aufgezeigt werden, die es verschuldeten, dass er es nicht sein konnte. . Sie sind vor allem in der heilte vollkommen veränderten Stellung zu suchen, welche die Studentenschaft in der zionistischen Bewegung einnimmt. Vor 25 Jahren war das Auftreten einer jüdischnationalen Verbindung ein Ereignis von historischer Bedeutung. Die Studenten waren tatsächlich .mit Wort und Wehrdie ersten und einzigen Verfechter des neuen Judentums und der neuen . Erkenntnisse. Die Wahrheiten, die man damals plötzlich entdeckte, waren so bedeutsam und ei hebend, dass schon ihr blosses Aussprechen durch Jahre genügte, um die Hörer zu berauschen und zu begeistern. Die FEUILLETON. Briefe aus Amerika. Von Matthias Acher. New York den 20. Jänner 1908. Nichdrock verboten. Das Schicksal hat’s wohl gut mit mir gemeint, als es mir eine stürmische Ueberfahrt bescherte. Sie vollendete das Erlebnis, gab ihm die volle Wucht des Lebens. Es mag ja wie ein Märchen schmecken, wenn man in einem sanft wiegendem Schiffe die alten Gedanken und Empfindungen ruhig weiter spinnt und landend, plötzlich in eine neue Welt hineiugafft. Aber unstreitig ist für die dramatische Einheit lebendiger Handlung mehr gesorgt, wenn uns die aufsteigende neue Welt aus Sturm geboren, im Sturm vermittelt wird. Ja, es ist eine neue Welt, eine andere Welt. Wie vom Mars heruntergefallen! Wenigstens wie ihn Wells gesehen hat. Oh, gehe und lerne um, alter Europäer, so du ein Amerikaner werden willst! So du es willst 1 Willst du es etwa nicht und beharrst dabei, es nicht zu wollen, bleibst du auch grosse innere Wandlung des neuen Jaden vom assimilierten Halbmenschen zum jüdischen Vollmenschen, machte ihn an inneren Kämpfen, die tapfere Abwehr antisemitischer Exzesse an äusseren Erlebnissen so reich, dass es Jahre brauchte, um all das zu gefestigtem innerem Besitz zu machen. Und kaum war diese erste Heroenzeit vorüber, als durch das Auftreten Herzls sich plötzlich der Studentenschaft ein neues und grosses Arbeitsfeld auftat, eine neue und grosse Hoffnung sie begeisterte. Wieder waren die Studenten die Avantgarde; der Ausbau der Organisation war zum guten Teil ihr Werk, ihre Redner zogen durch die Lande, ihre Delegierten beherrschten die Parteitage, sie beeinflussten in massgebender Weise die Politik- Auch diese zweite Heroenzeit ist vorüber. Die Studenten haben jn dieser Epoche gewaltige Arbeit verrichtet, aber grösstenteils im .übertragenen W&knngskreis“, weil sie die zahlreichsten und afbeitstüchtigsten waren, nicht aber deshalb, weil diese Arbeit ihrer Natur nach gerade von Studenten geleistet werden musste. Heute ist die Organisation gefestigt, die Partei gross nnd stark, sie rekrutiert sich aus allen Kreisen der Bevölkerung, sie greift auf alle Gebiete jüdischen Lebens über, und damit hat die Studentenschaft ihren früher ausschlaggebenden Einfluss auf die Bestimmung von Politik und Taktik verloren. Sie ist heute mehr auf ihren natürlichen Wirkungskreis, den akademischen Boden, angewiesen. Die Stellung der Studenten in der Organisation ist aber noch wer, glaube mir! Willst du es aber doch, so werden deine Urururenkel wieder vieles zurückumlernen müssen.... Doch ich will mich lieber in meinen Betrachtungen beschränken, will mich lieber auf jenes Gebiet zurückziehen, auf dem ich aus begreiflichen Gründen schnellere Fortschritte im Erforschen machen kann und das uns ja alle am meisten interessiert. Ich meine das — Ghetto von New York, wie man es nennt. Ich nenne es nicht so. Ich folge nicht der von instinktiver Judentumsverachtung diktierten Sprachmode, die hier ebenso gedankenfaul ist, wie dort, wo sie das alberne Wort »Jargon“ gemünzt und verbreitet hat. Ich werde den 2. Jänner 1908, den Tag, an dem ich das jüdische Viertel von New York, auf der Ostseite der Manhattan- Insei betrat, nie vergessen. Niemals noch vorher war ich die Beute so mächtig auf mich eindringender Empfindungen. Und ich glaube, dass jeder Volljude, der aus Europa kommt, bei dem gleichen Anblicke, ebenfalls aufs tiefste bewegt werden muss. Mögen seine Anschauungen über Jude, Judentum und Jüdenfrage welche immer sein. Es schien mir wie ein Traum. Strass’ auch deshalb eine anderegeworden, weil sich die Kampfbedingungen für den Zionismus geändert haben. Galt es einst, gegenüber Hohn und Spott bei Jud* und Christ durch ein imponierendes, mutiges Auftreten dem neuen Standpunkt Achtung und Anerkennung zu erzwingen, so ist das heute längst nicht mehr das wichtigste Mittel der Propaganda. Zionismus und Nationaljudentum sind Machtfaktoren geworden, deren Existenz man nicht mehr übersehen kann, mit denen man vielmehr zn rechnen gezwungen ist — im öffentlichen Leben ebenso, wie in der Gemeindestube. Die Verbreitung der zionistischen Ideenwelt erfolgt heute nicht mehr vorwiegend durch die Schärfe des Schwertes und die Kraft des Wortes, sondern durch die Macht der Tatsachen, die für sich selber sprechen und allmählich in langsamem Prozess die Ansichten der Mehrheit umwandeln. Die Studentenschaft wird zwarjaoeh Immer ^el fürdie Propaganda zu leisten haben, die'riäuplariÄi^fäijl^h^r«u>trir nicht mehr zu. Die geänderten Verhältnisse haben auch den Charakter nnd die Bedeutung studentischer Veranstaltungen verändert. Früher war ein Kommers jüdisch-nationaler Studenten ein Erlebnis für jeden Teilnehmer. Die Begeisterung der Jugend, die Hoffaungen der Aelteren, der Zauber der neuen berauschenden Idee, all das kam nirgends kräftiger und fröhlicher zum Ausdruck, als auf einem solchen Kommers. Aber die Entwicklung und Ausbreitung der Bewegung, ihre Konsolidierung nach allen Richtungen, die sich auf, Strass* ah, im tosenden Grossstadtver* kehr, zwischen den knarrenden Strassenbahnwagen, in ihnen, unter den zitternden und dröhnenden Hochbahnviadukten, an den tausenden Stosswägeicben (pushears), mit allerlei billigen Waren, in den einfachen und den eleganten Geschäftsläden — nur Juden! Hunderttausende! Ueberall höre ich jiddisch sprechen. Und von allen Seiten blinken mir neben den englischen hebräische Buchstabeii entgegen. An den Strassenecken die Stände der Zeitungsverschleisser mit den jiddischen Tages- und Wochenzeitungen: orthodoxen, zionistischen, territorialistischen, nationalistischen, sozialistischen, anarchistischen. Ich gehe an einer Unzahl Synagogen — viele früher Kirchen gewesen — vorbei, an den jüdischen Zeitungsofficen, mit ihren gewaltigen Betriebsdimensionen, an den grossen jüdischen Theatern, an den jüdischen Varietes, deren es vielleicht mehr gibt, als gut ist, an den unzähligen jüdischen Gaststuben. Ich komme auf den Fiscbmarkt. Es ist Donnerstag abends, grosser Einkauf für den Sabbat. Viele hunderte Verkaufsstellen, über jeder flackert ein unruhiges Gaslicht, das über die Gesichter der Händler and Kundschaft mutwillig dahintanzt — die f&P ' Mil -ff i

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