Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. o JÜDISCHE ZEITUNG Seite 7 rung für ein grosses gemeinsames Ziel. Seid jung, bleibt jung! Jung sein, heisst stark und kräftig sein. Höret nicht auf die Rufe der alten Klageweiber, dass ihr ins Ghetto wollt, dass Ihr die Freiheit fliehet; höret auf den Ruf, der von jenseits der Grenze schallt, höret auf den Todesschrei unserer Brüder, die den letzten Kampf kämpfen in Russland, wo man nicht für ein Landtagswahlrecht, nicht für einen Sitz in der Kultusstube kämpft, sondern wo unsere Brüder für ihr Leben, ihre Kinder und ihre Frauen den letzten Kampf kämpfen . . . Bleibet jung! Schlaget lustig weiter! Der Säbel ist keine deutsche Waffe. Die Deutschen sind noch im Kote ihrer Pfahlbauten gesteckt, als die Juden schon das Eisen kannten. Und das Schlagen ist auch nicht unjüdisch. Unjüdisch ist nur die Feigheit, die Verzagtheit, mit der sich das Opfer zum Richtblock schleppen lässt, jüdisch aber Kraft und Mut. Der Gedanke der Selbstwehr, den wir hinausgetragen haben, hat überall Wurzel geschlagen. Hat man schon vergessen, was in Russland geschah? Ist keine Erinnerung mehr da, für das grosse Heldentum unserer Brüder in Russland, die nicht allein gegen die schwarzen Banden, sondern die Kosakenhorden ihr Teuerstes verteidigen mussten? Kennt man in Wien nicht die jüdische Selbstwehr in Russland? .Nein, man kennt sie nicht, man hat von ihr gelegentlich gelesen, wie von einer Matinee in der Statthalterei. Als wir vor zwei Jahren daran gingen in Wien Unterstützung für die jüdische Selbstwehr zu schaffen, fanden wir in ganz Wien einen einzelnen Juden, der diesen Gedanken aufgegriffen und die Sache unterstützt bat. Wo seid Ihr Juden Wiens, die Ihr uns Träumer scheltet, Rückschrittler, die Ihr prahlt mit Eurer Freiheit und Eurem Fortschritt? Nur für Rennpferde habt Ihr •Geld in Hülle und Fülle, für die physische Entwicklung der jüdischen 'Jugend keinen Groschen. In Wien und in den Provinzstädten besteht eine Anzahl von jüdischen Turnvereinen; notdürftig werden sie erhalten, so dass sie nicht ihren Zweck ganz erfüllen: Juden von Wien, Ihr werdet Euch selbst ehren, wenn ihr Turn-und Fechthallen nicht allein für die akademische Jugend, sondern für die ganze .jüdische Jugend schaffen werdet. Hoffentlich dringt diese Mahnung an Euer Ohr.Ihr Kadimahner aber vergesst nicht, das das Schlagen nicht* Endzweck, sondern ein Mittel zum Zweck ist. Denn ein Volk, das in Knechtschaft liegt, das seine Ketten brechen will, das hinaus ins Land der Freiheit ziehen will, muss Männer haben, nicht Buben, die sich hinter .jedem Kittel verstecken, beugen vor jedem Geldsack, einknicksen bei jeder Autorität. . Wenn die Stunde der Entscheidung schlägt, sollt Ihr wehrhaft und wehrbereit sein.* Redner schliesst mit der Mahnung: .Seid Zionisten! Der Baum des jüdischen Nationalismus, den wir gepflanzt haben und den heute Hunderttausende bekränzen, wird nicht grünen und blühen, er wird verdorren und verwelken, wenn er nicht in der Mutter Erde steht. Freie Männer ■■wollen wir werden und zu freien Taten wollen1 wir schreiten.Unsere Brüder in Russland seien Euch ein leuchtendes Beispiel, wie man für die Freiheit kämpft. Lob und Preis ihnen, die mit ihrem Blute für die Freiheit eines Landes kämpfen, das ihnen immer so ungerecht war. Kadimahner, schenkt einen Tropfen von dem Blute dieser Helden in Euer Glas, auf dass wir die Blutsverwandtschaft mit unserem Volke erneuern und dass uns Kraft und Mut erfüllen. Ihr, die Ihr vor der Schwelle der Tat stehet, schwört •treu zu bleiben Eurem Volke, für Freiheit zu kämpfen, für Recht und Gerechtigkeit zu streiten.“ Diesen Worten folgte begeisterter Beifall, die Versammlung erhob sich und die Tische, ah denen die Mitglieder der „Kadimah“ sassen, wurden von den anwesenden Damen mit Blumen überschüttet. Nach Dr. S c h a 1 i t kamen Abg. Doktor Mahler, Prof. Ehr mann, Prof. Königstein und Ad. Böhm zu -Worte. Der A. H. Reich toastierte auf die erschienenen Damen, Dr. B i e r e r ermahnte zum Studium der jüdischen Geschichte und der hebräischen Sprache, M. U. G. Deutsch sprach den Toast auf die akademischen Lehrer und die alma mater, M. U. C. P1 a c z e k sprach im Namen der Wiener Verbindungen, Arie im Namen der Czernowitzer Hasmonäa, dann folgten die Ansprachen der Vertreter der verschiedenen Verbindungen. Erst um yz3 Uhr nachts fand der Kommers, welcher einen würdigen und imponierenden Verlauf genommen hatte, seine Ende. — Telegraphische Glückwünsche hatten übersandt: David Wolfsohn, Dr. Nord au, Prof. Warburg, Dr. Oppenheimer, Prof. Raudnitz aus Prag, die Abg. Dr. Straucher und Dr. Gabel, die Kultusgemeinde Czernowitz, die Rigaer, Wilna er Zionisten, die .Kadimah“ Bern, die gleichzeitig einen Kommers veranstaltet hatte; brieflich gratulierten: Abg. Stand und viele andere. Ausserdem kamen viele Telegramme aus Palästina, Amerika, Kapstadt und Australien. Reichsratsabgeordneter Dr. Arthur Mahler vor seinen Wählern. (Von unseren Korrespondenten.) Czortköw. Am 22. d. M. erschien hier der Abgeordnete Dr. Mahler, um vor seiner Wählerschaft seinen Rechenschaftsbericht zu erstatten,; Auf dem Bahnhofe hatte sich eine tausendköpffge Menge eingefunden, die dem Abgeordneten einen begeisterten Empfang bereitete. Aus den umliegenden Ortschaften waren ruthenische und jüdische Deputationen in grosser Zahl erschienen, um sowohl den Rechenschaftsbericht anzuhören, als auch die Spezialwünsche jeder einzelnen Ortschaff zu übermitteln. Um halb 2 Uhr nachmittags fand in der grossen Synagoge in Anwesenheit von mindestens 2000 Zuhörern die vom Obmanne des jüdischen Komitees Doktor Appenzeller einberufene öffentliche Versammlung statt. Sie gestaltete sich zu einer imposanten Vertrauenskundgebung für unseren Abgeordneten und den Jüdischen Klub. In einstündiger Rede legte Dr. Mahler die Tätigkeit des Jüdischen Klubs im Parlament und insbesondere seine auf Milderung der Härten der Sonntagsruhe sowie auf Erreichung der Anerkennung der jüdischen Nationalität gerichteten Bestrebungen dar. Eine aus der Mitte der Versammlung eingebrachte Resolution, die. Dr. Mahler Dank und unerschütterliches Vertrauen aussprach, wurde unter minutenlangem Beifall einstimmig ohne Debatte zum Beschluss erhoben. Vor dem Versammlungslokal harrte eine vielhundertköpfige Menge, die keinen Einlass hatte mehr finden können. Als nach Schluss der Versammlung Abgeordneter Dr. Mahler die Synagoge verliess, begleitete ihn eine ungeheure Menge, die auf dem Marktplätze spontan die „Hatikwah“ anstimmte. Später stattete Dr. Mahler im jüdischen Spital und bei den jüdischen Handwebern Informationsbesuche ab. Der Verein „Linas Hazedek“ ernannte Doktor Mahler zu seinem Ehrenmitglied 1. m. Mikulince. Am 23. d. M. kam unser Abgeordneter Dr. Mahler nach Mikulince, um seinen Wählern Bericht über seine und des Jüdischen Klubs Tätigkeit in der abgelaufenen Session des Parlamentes zu erstatten. Am Bahnhofe waren berittene Banderien ruthenischer Bauern aufgesteilt, die dem begeistert begrüssten Abgeordneten das Ehrengeleite in die Stadt gaben. Im Schlitten nahm neben Dr. M a h 1 e r der Bürgermeister Mühlenbesitzer Kurz Platz. Die ruthenischen Reiter trugen blaugelbe Schleifen (ruthenische Nationalfarben). Am Stadteingang wurde der Zug von einer Musikkapelle und einer grossen Menge jüdischer und ruthenischer Einwohner empfangen und bewegte sich durch eine mit dem Mögen David und einer hebräischen Inschrift gezierten Triumphpforte zur Synagoge. Dort erstattete Dr. Mahler seinen Rechenschaftsbericht, worauf jüdische und ruthenische Redner ihre volle Uebereinstimmung mit seinen Ausführungen ausdrückten. Die eingebrachte Resolution gab Anlass zu begeisterten Ovationen und fand einstimmige Annahme. j. z. Rzeszow, 23. Jänner 1908. Der hiesige Verein „Chovvewe Zion“ hat Dr. Mahler einstimmig zum Ehrenmitgliede gewählt. Zu den Landtagswahlen in Galizien. a. k. Sonntag den 26. d. M. fand in Lemberg eine Konferenz der Vertrauensmänner statt, welche sich mit der Stellung der jüdischnationalen Partei zu den Landtagswahlen befasste. Vertreten waren folgende Städte: Stryj, Brzezany, Kalusz, Sokoi, Szczerzec, Sondowa - Wisznia, Przeworsk, Brody, Tarnopol, Zölkiew und Neu-Sandec. Ferner beteiligten sich an der Konferenz sämtliche Mitglieder der C.-K., Vertreter aller 4 D.-K., die Abgeordneten Stand und Dr. Gabel und Vertreter der Parteiorgane „Wschod* und „Tagblatt“. Den Vorsitz führte der Obmann des C.-K. Dr. Markus ß r a u d e, welcher den Gg. Dr. S a 1 z m a n n mit der Schriftführung betraute. Zunächst erstatteten die Vertrauensmänner der Reihe nach Bericht über die politische Lage in ihrem Wahlbezirke. Hierauf referierte Gg. Dr. Leon Reich über unsere Stellung zu den Landtagswahlen. In ausführlicher Weise schilderte er die allgemeine politische Lage im Lande und sprach sich entschieden für die aktive Beteiligung an den Wahlen durch das Aufstellen eigener Kandidaten aus. Seine Ausführungen gipfelten in der Resolution: „Die V er trauensmännerkoaferenz beschliesst, aktiven Anteil an den Landtagswahlen zu nehmen und eine lebhafte Agitation für die zu nominierenden Kandidaten der jüdischnationalen Partei zu entfalten.“ Nach einer erschöpfenden Diskussion, an der sich beide anwesenden Abgeordneten, die Gg. Dr. Heinrich Rosmarin, David Schreiber, Dr. Israel Waldmann, Dr. Wurzel, Dr. Halpern und der Vorsitzende beteiligten, wurde die oben angeführte Resolution Reich zum Beschlüsse erhoben. Ferner wurden folgende Beschlüsse gefasst: 1. Antrag Waschitz: Die weitere Leitung der Wahlaktion wird dem C.-K. übertragen, welcher im Einvernehmen mit unseren Reichsratsabgeordneten und mit den eventuell ad hoc zu kooptierenden Vertrauensmännern vorzugehen hat' Dasselbe wird auch betraut, die Nominierung der Reichtum oder wenigstens Wohlstand kann jeder Geschäftsmann erwerben, wenn er seine Geschäftsbücher genau führt Für die Lieferung bester und billigster Bücher und aller Bureaurequisiten empfiehlt sich Geschäftsbücher-Fabrik A. Grünsfeld & Co.* Wien, I., Gonzagagasse 21.