Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Reiche an der Verbesserung des Loses der landwirtschaftlichen Bevölkerung gearbeitet wird. Aber während in so vielen Provinzen die Ordnung in der Besteuerung etc. durchgeführt wird, fällt Palästina durch den gegenwärtigen Gouverneur in Zustände zurück, die gerade hier schon längst beseitigt waren. Aber, wie gesagt, handelt es hier um nichts mehr, als solche Dinge, wie sie während und nach der letzten Wahlkampagne in Galizien zu vielen Dutzenden Malen vorgekommen sind. Diese Dinge sind unangenehm und störend, aber es liegt ihnen kein Prinzip der Zentralregierung zugrunde und sie werden sicherlich in kürzester Zeit wieder geordnet werden, zumindest wenn eine entsprechende Intervention bei der Zentralregierung erfolgen würde, welch letzterer ja die Loyalität und Nützlichkeit ihrer jüdischen Untertanen wohl bekannt ist. Diese Feststellungen könnten unter regulären Verhältnissen genügen, um Klarheit zu schaffen. Da aber auch von mancherlei jüdischen Seiten eine geschäftige Propaganda gegen unsere Palästinabestrebungen betrieben wird, so wird es vielleicht am Platze sein, auf einige Vorkommnisse der letzten Zeit hinzuweisen, die unsere Auffassung von der Haltung der türkischen Regierung bestätigen werden. Als im Jahre 1899 in Rumänien eine wirtschaftliche Krise herrschte, unter der bei dem dort herrschenden Regime besonders die Juden zu leiden hatten und eine fluchtartige Auswanderung stattfand, da hat — während die zivilisierten Länder Europas ■ und Amerika ihre To.e immer mehr und mehr schlossen —■ die türkische Regierung nicht nur die ihrigen geöffnet, sondern sie hat mehr als tausend völlig mittellose rumänische Flüchtlinge fast den ganzen Winter hindurch mit allem Notwendigen (Wohnung, Nahrung etc.) versehen und ihnen dann Ackerland, Arbeitstiere, Aussaat, Bauholz und dergleichen mehr gegeben, um ihnen die landwirtschaftliche Ansiedlung in Anatolien zu ermöglichen. Hätten damals die grossen jüdischen Organisationen ihre Pflicht begriffen, so stünde uns beute aller Voraussicht nach das ganze türkische Reich offen. Aber zur entscheidenden Zeit wurde kein Finger gerührt und als schliesslich immer und immer mehr absolut mittellose Einwanderer kamen, war die Türkei den steigenden Anforderungen an ihre Kassen nicht gewachsen und liess keine weitere Ansiedlung auf dieser Basis zu, nachdem sich von jüdischer Seite kein Verständnis der Lage dokumentiert hatte.- Vor einigen Jahren war bekanntlich die Situation in Saloniki äusserst kritisch. Kein Kenner der Verhältnisse bezweifelt, dass nur das Vorhandensein einer so starken jüdischen ' Bewohnerschaft der Stadt (75.000 Juden und 35.000 Türken gegenüber etwa40.000 Christen verschiedener Bekenntnisse) Schlimmeres verhütet hat Als der Grossherr die betreffenden Berichte erhielt, soll er sich in der kräftigsten Weise über diese Dinge geänssert haben. Bei jener Gelegenheit war es auch, dass er die Juden wissen liess, sie sollten sich mehr als bisher die Kenntnis der. Landessprache aneignen, um so sich besser für den Staatsdienst zu eignen, in dem er gern eine grössere Anzahl seiner jüdischen Untertanen sähe.- Es wurde schon oben erwähnt, dass in den letzten Jahren viele tausende von russischen Flüchtlingen sich nach Palästina wenden konnten. Es ist aber noch hervorzuheben, dass die früheren (administrativen) Einwanderungsschwierigkeiten abgestellt wurden, als die Pogrome in Russland stattfanden — also zur selben Zeit, zu der die Länder des Westens Massregeln trafen gegen die zu erwartende jüdische Einwanderung. Hierbei hat sich also' der Vorgang 1899/1900 wiederholt, der damals zur Aufnahme der rumänischen Ansiedler geführt hatte. 1, JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 5 Alles in allem lässt sich wohl sagen, dass unsere Position und unsere Chancen — sowohl im Türkischen Reiche wie auch speziell in Palästina — in einer Vorwärtsentwicklung begriffen sind. Und es lässt sich des weiteren sagen, dass in dem Masse, in dem die gelegentlichen administrativen Schwierigkeiten sich vermindern, eine immer steigende Zahl unserer Einwanderer— besonders der Kolonisten — die ottomanische Untertanenschaft erwerben werden. Dies würde wieder dazu dienen, unsere Tätigkeit im Lande wesentlich zu erleichtern, wir würden dadurch im Laufe der Zeit einen wachsenden Einfluss auf die lokalen Verwaltungskörper gewinnen und dadurch wieder immer besser befähigt werden, neben der Entwicklung unserer Ansiedlung auch an der der reichen Möglichkeiten des Landes mitzuarbeiten. Es ist selbstverständlich, dass unsere Bestrebungen in diesem Sinne nur dann Aussicht auf Erfolg haben, wenn unser loyales Vorgehen Hand in Hand geht mit einer guten Kenntnis des Landes, geschäftsmässiger Vorsicht und — nicht zum mindesten — mit geduldiger Arbeit. Kadimah-Jubiläum. 0er Ball. Am 21. d. M. fand der Ball statt. Schon um 8 Uhr abends begannen sich die Räume der grossen Sofiensäle zu füllen. Vorherrschend war das jüngere Element. Vertreter aller Korporationen waren anwesend. Unter den Gästen bemerkte man Prof. Ehr mann und die Schriftsteller Be er-Hofmann und Felix Salten. Um 10 Uhr erschien, von den Klängen des „Gaudeamus“ begrüsst, der Rektor der Universität Dr. v. Ebner, der über 1% Stunden im Ballsaal verweilte. Das ebenso elegante wie fröhliche" Ballfest dauerte bis in die Morgenstunden. -r Der Festkonvent. Donnerstag, den 23. November, fand im Saale des Zentralvereines der Festkonvent statt, der vom Erstchargierten cand. jur. Rosenhekeröffnet wurde. A. H. Upfimny und cand.med. Deutsch sprachen über das Programm und die Entwicklung der Verbindung. Die folgenden Redner Löhner, A. H. A. H. Sitzmann und Reich beantragten die Ernennung der A. H. A. H. M. T. Schnirer, Rüben Bi er er und Natan Birnbaum zu Ehrenburschen. Unter dem Beifall der Anwesenden wurden diese Anträge angenommen. Fahrt zum Grabe Herzls. Freitag, den 24., fand die Fahrt zum Grabe Herzls statt, an welcher sich ausser der Aktivitas und den Ä. H. A. H. Vertreter alle zion. Korporationen undVereine Wiensbeteiligten. Am Grabe sprachen der Präses cand. jur. Rosenhek sowie cand. med. Deutsch einige warm empfundene Worte, wonach auf das Grab eine Bronzeplakette mit der hebräischen Inschrift: „DieKadimah ihrem grössten Ehrenburschen“ niedergelegt wurde. Bevor sich der Zug auflöste, verharrten die Versammelten noch einige Augenblicke in stiller Andacht am Grabe. Auffahrt zur Universität. Samstag, den 25. um %11 Uhr, fand die Auffahrt, zur Universität statt. In 36 Wagen bewegte sich der Zug vom Couleurcafe über die Rotenturmstrasse, den Karlsplatz und den Ring bis an die Universität, wo etwa fünfhundert jüdisch-nationale Studenten aller Verbindungen, Vereine und der Finkenschaft versammelt waren. Die Chargierten der Verbindung begaben sich zum Rektor Hofrat v. Ebner, um ihm das fünfzigste Semester zu melden. Der Rektor dankte zunächst für den festlichen Empfang auf dem Balle und sagte: „Ich gratuliere Ihnen aufs herzlichste zu Ihrer Feier und beglückwünsche Sie zur Stellung, welche Sie sich in Ihrem 25jährigen Kampfe um Freiheit, Ehre und Wahrheit errungen haben“. Der imposante, von keinem Misston und keinem Zwischenfall unterbrochene Verlauf dieser Veranstaltung sowie die warmen, von wirklichem Freisinn und Verständnis für unsere nationalen Bestrebungen zeugenden Worte . des Rektors spiegeln am deutlichsten die Erfolge der Wirksamkeit der jüdisch-nationalen Studentenschaft wieder. Der Festkommers. Den Gipfelpunkt der ganzen Feier stellte der in den festlich geschmückten Sofiensälen veranstaltete Kommers dar. Ein grosses Herzlbild, über weichem die Zahlen 1882—1908 (aus elektrischen Glühlämpchen zusammengestellt) prangten, verriet sofort, wessen Geist über der Feier wehte. Auf den Baikonen und in den Logen hatten die zahlreich erschienenen Damen Platz genommen. Unter den Anwesenden bemerkte man viele A. H. A. H., die aus der Ferne herbeigeeilt waren. Genannt seien Dr. B i e r e r, einer der Gründer der Verbindung, der an dem Verdienste, sie wehrhaft gemacht zu haben, einen Haaptanteil hat, Dr. Salz, Mitglied des Grossen A.’ C., Dr. Neuberger, Dr. G o 1 d b e r g, Dr. Silbermann. Der jüdische Klub war durch Abg. Dr. Mahler, der akademische Senat durch Prof. Doktor Ehr mann, das L. K. und D. K. durch die Herren Dr. Schalit und Ad. Böhm vertreten. Ausserdem hatten fast alle akademischen Verbindungen Oesterreichs Vertretungen geschickt. Cand. jur. Rosenhek eröffnete den Kommers und teilte unter grossem Beifall den Erschienenen die Antwort mit, die der Rektor der Universität Dr. Ebner der Deputation am Vormittage gegeben hatte. Hierauf hielt der A. H. Ehrenbursch Dr. M. T. Schnirer die Festrede, welche wir an besonderer Stelle bringen. Regierungsrat Dr. Steger:- beglückwünschte die Verbindung zu ihrem Jubelfeste. J. U. C. Löhner sprach auf die A. H. A. H. Rede Dr. Schalits. Hierauf ergriff Dr. Schalit das Wort und widmete den verstorbenen Mitgliedern Kokesch, Sauberberg, Elkan, Doünreich, Chodorower, Sachs, Burstyn ergreifende Worte der Erinnerung und fuhr dann, des verstorbenen Führers Dr. H e r z 1 gedenkend, fort: „Meister, wir grüssen dich. Ueberall, wo jüdische Herzen schlagen, wo die Sehnsucht weilt nach der verlorenen Freiheit und nach unserem Lande, überall, wo der Jude schafft, in der Studierstube oder im hellen Kampfgewühl, wird deiner gedacht. Und aus diesem Saale wehe ein Gruss zu deiner Ruhestätte t All unser Hoffen, unsere Kraft und Arbeit senden wir dir, auf dass dein Leib werde ein Samenkorn der' Freiheit und deiner Gruft entspriesse das Glück und die Freiheit für unser Volk. Denn Trauern heisst nicht klagen, loben und preisen — nicht singen und sagen, sondern fortwirken und fortschaffen im Sinne des Gewesenen. Wenn von uns nichts bleiben wird, als die Spur von Menschen, die den Weg des Lebens hinaufgegangen sind und hinab — dann lasset, junge Freunde, uns alte Kadimahner in Euren Traditionen weiter leben ... Haltet sie hoch, harret aus, lasst Euch nicht .beirren . . . Man sagt Euch, ihr störet den' Frieden der Gemeinde. Ich sage Euch aber, die Gemeinde ist nicht ein Friedhof und der Friede nicht die Stille des Grabes. Die Gemeinde ist die Summe von Kraft, Intelligenz, Opferbereitscbaft und Schaffensfreudigkeit und der Friede ist die laut hinschallende leidenschaftliche Begeiste-