Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1908-01-31 · 5 (31.1.1908) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
2 (1908)
Issue
5 (31.1.1908)
Date
1908-01-31
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438167-2438172--0344-2439852
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 5 JÜDISCHE ZEITUNG Seite 5 sehen der jüdischen Bevölkerung Galiziens Rechnung trage und nicht, zu einer Polonisi erungsunstalt mit „israelitischem“ Aufputz veranstaltet werde? Allein, die Kultusgemeinden in ihrer jetzigen Zusammensetzung zeigten sich zu einer solchen einheitlichen Kundgebung unfähig. Sie haben zur Genüge bewiesen, dass sie nicht auf der Höhe ihrer Aufgabe stehen; denn sie sind aus Elementen zusammengesetzt, die nicht im Volke wurzeln, sondern nur, dank dem Indifferentismus der Wähler, ihre Mandate usurpieren konnten. Solche Gelegenheiten für ein einheitliches zielbewusstes Eingreifen der Kultusgemeinden in ihrer Eigenschaft als offizielle repräsentative Körperschaften des Judentums, kommen nicht vereinzell vor; sie bieten sich vielmehr täglich dar, werden aber leider unbenutzt in verschwenderischer Weise vernachlässigt. Die zionistische Agitation sollte demnach auf diesem Gebiete mit der grössten Intensität entfaltet werden. Die lokalen Führer der nationalen Bewegung in den einzelnen Ortschaften, sollten den Kampf um die Kultusratsmandate, wenn diese auch nicht geeignet sein sollten, ihren persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen: ja, wenn sie hierbei sogar — wie es .häufig vorkommt — einen gewissen Widerwillen zu überwinden hätten, im Interesse der Sache ihres Volkes mit der grössten Energie aufnehmen und bis zum Erfolge führen. Es fragt sich nur, auf welche Weise wir unseren galizischen Juden diese Ueberzeugung beibringen können, welche Mittel wir zu ergreifen haben, um gegen den eingewurzelten Indififerentismus erfolgreich anzukämpfen. Die Antwort auf diese Frage lautet: Agitation. Denn diese ist doch das Alpha und Omega jedes politischen Kampfes, Agitation aber, das ist-die Macht des Wortes, des gesprochenen und geschriebenen Wortes, und deshalb müssen wir, mit dieser Waffe ausgerüstet, den Kampf gegen den inneren Feind beginnen. Es soll zum Volke unaufhörlich gesprochen und geschrieben werden, und zwar nicht nur in seiner Volkssprache, im Jargon, sondern auch in den Landessprachen, die von einem grossen und gerade dem intelligenteren Teile unserer Brüder, wenn nicht als Umgangsso doch wenigstens als Literatursprachen täglich gebraucht werden. Auch für diesen Teil der galizischen Juden muss eine entsprechende Lektüre geschaffen werden. Wenigstens ein deutsches und polnisches Tagblatt sind notwendig um die jüdische Intelligenz dem verderblichen Einflüsse der assimilatorischen Presse zu entziehen. Zehn Wochenblätter können agitatorisch das nicht leisten, was ein einziges Tagblatt. Die Richtigkeit dieser Behauptung beweist am besten das Lemberger „Tagblatt“, das in der kurzen Zeit seines Bestandes geradezu glänzende Erfolge aufzuweisen hat. Deshalb begrüsse ich mit Freuden den ausgezeichneten Artikel in der „Jüdischen Zeitung“, der zur Gründung eines jüdischen Tagblattes in Wien aufruft und es wäre eine grosse Errungenschaft, wenn uns dieses Werk gelänge. Denn ein Wochenblatt, das doch meistens von bereits organisierten Parteigenossen gelesen wird, hat schon eine gleiche politische Gesinnung bei einer gewissen Anzahl von Genossen zur Voraussetzung denen das Blatt nur zur Befriedigung eines bereits vorhandenen Bedürfnisses dienen kann. Ein Tagblatt dagegen hat den Vorteil, dass es sich auch auf einen neutralen, parteilosen Leserkreis ausdehnen kann, wo nur pure Neugierde nach Neuigkeiten und nach dem Gange der Weltpolitik befriedigt werden will. In solchen Kreisen kann ein Tagblatt viel sicherer als ein Wochenblatt agitatorisch wirken. Denn neben der allgemeinen Politik wird hier ja auch die Parteipropaganda nicht vernachlässigt. Die jeweilig auftauchenden Tagesfragen werden dem Leser im Lichte der Parteipolitik dargestellt und es entfaltet sich vor seinen Augen ein klares Bild von dem, was er vom Standpunkte seiner Nationalität und seiner sozialen Stellung dem Staate bieten und was er von diesem zu verlangen hat. Die Leser eines zionistischen Tagblattes würden dadurch unbewusst zum Zionismus bekehrt werden, indem sie einerseits dem verderblichen Einflüsse der sogenannten liberalen Presse entzogen, und anderseits in ihrem politischen Denken von einem treuen Führer in die richtigen Bahnen gelenkt wären. Aber nicht für eine Tagespresse allein muss gesorgt werden; auch nichtperiodische Schriften und Flugblätter sollen von Zeit zu Zeit bei verschiedenen Gelegenheiten herausgegeben und unentgeltlich verteilt werden, Parlamentsreden unserer Abgeordneten sollen die grösstmögliche Verbreitung finden und jeder praktische oder moralische Erfolg ihrer Tätigkeit soll in die breiten Massen hinausgetragen und agitatorisch verwertet werden. Denn nur auf diesem Wege kann die Idee in alle Schichten des jüdischen Volkes Eingang finden und nur auf diese Weise kann im Volke ein Interesse für die Politik geweckt werden. Das alles ist jedoch leicht gesagt, aber nicht so leicht getan. Denn zur Gründung und dauernden Erhaltung von Tagblättern sowie zur Herausgabe von Flugblättern bedarf es grösserer Geldmittel, über die wir leider nicht verfügen. Es muss daher für einen Pressfonds*) gesorgt werden, der einmal auf die richtige Höhe gebracht, genügen soll, die Defizite der Blätter, die in ihrem Anfangsstadium unver-, meidlich sind, zu decken, und die Kosten der Flugblätter zu bestreiten. Die Zionisten Oesterreichs — ich spreche hier nicht von der Weltorganisation — sollten daher eine Sammlung zu diesem Zwecke einleiten und eitrigst dafür agitieren, bis der Fonds auf eine genügende Höhe gebracht sein wird. Der Ertrag von diesem Fonds soll für ewige Zeiten nur dem einzigen Zwecke dienen, die Parteipresse auszugestalten und Agitationsschriften zu verbreiten. Man wird vielleicht einwenden, dass der Nationalfonds darunter leiden müsste, wenn an die Opferwilligkeit unserer Gesinnungsgenossen neue Anforderungen gestellt werden. Ob diese Befürchtungen begründet sein werden, will ich dahingestellt sein lassen. Ich aber wage die Ansicht zu vertreten, dass wena dies auch der Fall wäre, so müsste die Agitation für den Pressfonds mit Rücksicht auf seine eminente Wichtigkeit, selbst auf Kosten des Nationalfonds aufs intensivste betrieben werden, bis er das ihm gesteckte Ziel erreicht haben wird. Denn eine ausgebreitete, gesunde Tagespresse wird den eventuellen Ausfall von Nationalfondsspenden in einer kurzen Zeit wettmachen; die Partei aber wird mit Waffen ausgerüstet sein, mit denen sie jedem Feinde furchtlos entgegentreten kann. Also Zionisten Oesterreichs! Schaffet einen Pressfonds so rasch als m öglich. Sammelt fleissig, bei jeder Gelegenheit für diesen Zweck, und verhelfet dem jüdischen Volke dieses Reiches, durch eine unabhängige nationale Tagespresse zur wirklichen nationalen Unabhängigkeit! Kozlöw, Jänner. Joachim Neiger. *) Nachdem der Artikel bereits fertiggestellt war, las ich in der neuesten Nummer der „Jüdischen Zeitung“ die diesbezügliche Anregung des Gg. Herrn Simon Lamm. Die Gleichzeitigkeit dieser beiden voneinander unabhängigen Anregungen beweist nur die Wichtigkeit und Notwendigkeit einer solchen Institution. Palästina. Brief aus Palästina. (Der österreichische Konsulatsbericht — Verbot des Landkaufes und der Einwanderung durch Juden? — Der feindselige Gouverneur. — Die Haltung der Zentralregierung. — Die anatolische Ansiedlung. — Die Ereignisse in Saloniki.) d. t. Entgegen dem Bericht des österreichischen Konsuls in Jaffa, wonach die Regierung sich energisch gegen jede weitere Einwanderung von Juden wende und den Neuangekommenen den Landkauf verbiete, ist folgendes zu konstatieren: Landkauf ist in der Türkei gestattet 1. allen ottomanischen Untertanen (Moslems, Juden und Christen), 2. solchen Untertanen fremder Mächte, die nicht als Emigranten gelten.*) Dies sind keine neuen Bestimmungen und es hat sich daran auch in der letzten Zeit nichts geändert. Es liegt also keine Veranlassung vor, mit einem Bericht über längst gültige Verhältnisse die Oeffentlichkeit zu alarmieren. Diese Bestimmungen haben nicht gehindert, dass Juden in Palästina bis heute einen Landbesitz von zirka 400.000 Dunam erworben haben und werden auch eine weitere Entwicklung in diesem Sinne nicht hindern. Dies umsoweniger, als die türkische Regierung alles Interesse daran hat, die jüdische Kolonisation zu fördern, die das Land entwickeln hilft und seinen Steuerertrag vergrössert, ohne für die Türkei die Komplikationen nach sich zu ziehen, die mit den Kolonisationsbestrebungen von Grossmächten und deren Untertanen öfters verbunden waren. Die Zentralregierang in Konstantinopel ist auch durchaus für rationelle jüdische Kolonisationsbestrebungen. Es ist noch unvergessen, dass die jüdische Ackerbauschule Mikweh-Israel bei Jaffa mit grosser Unterstützung der Regierung ins Leben gerufen worden ist, die ihr sogar ein Terrain von 2600 Dunam als „ewige Konzession“ überlassen hat. Später wurde dem Baron Rothschild mittels speziellen Fermans die Erlaubnis zum Bau von 300 Häusern im Sandschak (Provinz) Jerusalem erteilt Auch den Kolonien wurde der Bau von Synagogen (mit Steuerfreiheit) durch spezielle Regierungsakte gestattet etc. etc. Wiederholt haben auch die bisherigen Jerusalemer Gouverneure die Kolonien besucht und ihre volle Anerkennung der jüdischen Bestrebungen zum Ausdruck gebracht. Die Einwanderung von Juden ist ebenfalls in keiner Weise erschwert und geht zurzeit ebenso vor sich, wie in diesen letzten Jahren, in denen tausende von Juden sich aus Russland nach Palästina geflüchtet haben. Soweit die Haltung der türkischen Regierung. Hingegen liegt dem Bericht des österreichischen Konsuls auch Tatsächliches zugrunde. Das hat aber nichts mit der Haltung der türkischen Regierung, sondern mit der Willkür des gegenwärtigen Gouverneurs von Jerusalem zu tun. Dieser ist in der Tat den jüdischen Bestrebungen nicht geneigt und hindert uns besonders beim Landkauf in einer Weise, die seine Befugnisse weit übersteigt und auch mit dem Sinne des Gesetzes und der administrativen Bestimmungen im Widerspruch steht. Es werden sogar Aeusseruugen des Gouverneurs gegen die Juden kolportiert, die, wenn sie sich erweisen Hessen, zweifellos seine sofortige Absetzung zur Folge haben würden. Im übrigen ist der gegenwärtige Gouverneur nicht nur den jüdischen Interessen feindlich, sondern, der landwirtschaftlichen Bevölkerung im allgemeinen, die er in einer noch kaum dagewesenen Weise ausbeutet und bedrückt. Dieses Verfahren ist umso befremdlicher, als gerade in der gegenwärtigen Zeit überall im türkischen *) Ausser diesen direkten Arten von Landkauf gibt es aber noch andere Methoden, die es jedem ermöglichen, wenn auch manchmal unter Schwierigkeiten, städtischen oder ländlichen Grundbesitz zu erwerben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.