Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 2 (1908)
- Issue
- 5 (31.1.1908)
- Date
- 1908-01-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG Nr. 5 erledigt* und fügte hinzu: «Der Architekt war ich, die Baumeister würden sich finden.“ Darauf rief ich meine Studenten zur Hilfe. Zusammen mit allen jüdischen Korporationen veranlagten wir eine Kundgebung der jüdischen Intelligenz und schon nach wenigen Wochen konnte ich Herzl eine mit tausenden von Unterschriften bedeckte Adresse bringen, in welcher ihm der Dank der Nation dafür ausgesprochen wird, dass er den Mut hatte, der Sehnsucht unseres Volkes nach Freiheit in so klarer und prägnanter Weise Ausdruck zu geben und den nationalen Bestrebungen neue und für die Zukunft verheissungsvolle Bahnen zu weisen. Gleichzeitig stellten sich die Unterzeichner der Adresse — geistige Arbeiter des Judentums — in den Dienst der heiligen Sachs. Herzl wurde unser Führer und während seines ganzen, ach so kurzen Lebens hatte er keine hingebungsvolleren, treueren und begeisterteren Anhänger als unsere Studentenschaft Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, Herzls Tätigkeit zu schildern. Seine selbstlose, bis zur Selbstaufopferung reichende, von Freund und Feind bewunderte, grosszügige und erfolgreiche Wirksamkeit für das jüdische Volk gehört der Geschichte an. Ein grausames Schicksal hat ihn uns allzu früh entrissen. An seiner Bahre brach der ganze zweitausendjährige, gewaltige Schmerz eines Volkes hervor. Cs weinen die Grossen und Kleinen, Sogar die kalten Herrn, Die Frauen und Blumen weinen. Es weinen am Himmel die Stern’. Und alle die Tränen Messen Nach Süden, im stillen Verein, Sie Messen und ergiessen Sich all’ in den Jordan hinein. Der Tod Herzls hat eine gewaltige Lücke in unseren Reihen gerissen. Der plötzliche Abgang eines so starken Willens, einer so mächtigen Persönlichkeit, einer so hervorragenden Arbeitskraft musste die Entwicklung des Zionismus zeitweilig hemmen. Der Fortbestand unserer Bewegung aber ist dadurch nicht gefährdet, wie manche mit dem Wesen des Zionismus nicht genügend vertraute Schwarzseher voraussagten. Der Bestand des Zionismus ist an keines einzigen Menschen Leben gebunden, wer immer er auch sei. Der Zionismus ist für das Judentum eine historische Notwendigkeit. Das Judentum wird zionistisch sein, oder es wird überhaupt nicht sein. lauben. Ich habe darauf alle türkischen Untertanen vom Zahlen entbunden und zählte allein mit drei Zählern (zwei Bussen und einem Engländer) weiter. Nachdem weiterhin auch die Bassen zurückgetreten sind, da sie der anstrengenden Arbeit auf die Dauer nicht gewachsen waren, arbeitete ich allein mit dem erwähnten Engländer weiter. Das Besultat der bisherigen Arbeit ist, dass wir fast 5000 Familien mit der Durchschnittszahl von 5 Personen gezählt haben. Dies ist fast der ganze ausserhalb der Stadtmauern gelegene Stadtteil, den ich sicherlich nach vier Tagen fertig haben werde. In der Stadt, d. h. innerhalb der Stadtmauern, habe ich nur 500 Familien gezählt, ich habe aber jetzt sehr gute Aussichten und hoffe, in ungefähr 2 Wochen auch damit fertig zu werden. Sie sehen, dass wir unser Ziel, wenn auch nicht vollkommen und zur erwünschten Zeit, doch immerhin erreichen werden, ich meinerseits setze meine ganze Kraft daran, das möglichst Beste zu erlangen.* Wir hoffen auf die Besultate der Zählung in einiger Zeit noch ausführlich zurückkommen zu können. Oie Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Ostpreussen, auf welches jetzt infolge der Enteignungsvorlagen im preussischen Landtage die Aufmerksamkeit derwelt gerichtet ist, illustrieren folgende Daten. Im Jahre 1871 lebten im Bezirke Posen 39.786, im Bezirke Danzig 6782 Juden; im Jahre 1885 im Bezirke Posen 37.891, im Bezirke Danzig 6526; 1906 lebten im Bezirke Posen bloss 19.392 und im Danziger Bezirke 5247 Juden. Dies bedeutet eine Abnahme der jüdischen Bevölkerung in Posen um 39%, in Danzig um 23%. In ganz Ostpreüssen nahm die jüdische Bevölkerung um 38% ab. ■ .. Mehr als einmal im Laufe dieser fünfundzwanzig Jahre musste ich' mir die Frage vorlegen, ob wir uns denn wirklich auf dem richtigen Pfade befinden. Mehr als einmal beschlichen mich bange Zweifel an die Gangbarkeit unserer Wege. Mehr als einmal, als Schwierigkeit auf Schwierigkeit sich türmte und die Hindernisse uns fast zu erdrücken drohten, tauchten in uns Bedenken über die Durchführbarkeit unserer Absichten auf, aber wie die Sonne durch dichtes Gewölk, brach sich immer die Ueberzeugung Bahn: das Judentum -wird, zionistischsein, odereswirdnicht sein. Wenn wir bedenken, dass weder die babylonische, noch die persische, weder die hellenische noch die spanische Assimilation eine Auflösung des jüdischen Volkes herbeizuführen vermochten, wenn wir die zersetzenden Folgen sehen, zu welchen die Assimilationsbestrebungen des XIX. Jahrhunderts führten und notwendigerweise führen müssen, wenn wir den entsittlichenden Einfluss betrachten, den die Entjudung auf viele Juden ausübt, welche die Moral ihres Volkes abgelegt haben, ohne sich eine andere anzueignen, wenn wir hören, wie mit den Hilfsmitteln der Wissenschaft die Inferiorität unserer Rasse proklamiert wird, um uns der allgemeinen Verachtung preiszugeben, wenn wir endlich auf unsere christlichen Freunde blicken, die uns manche gute Eigenschaften zusprechen, um das Aufgehen des jüdischen Volkes unter den anderen Völkern zu rechtfertigen, dann drängt sich uns zwingend die Ueberzeugung auf: Das Judentum wi r d zio n is t i sc h sein oder es wirdnicht sein. Vor mir liegt der Text einer Rede, die ich gelegentlich der ersten Makkabäerfeier, am 20. Dezember 1883 gehalten habe. In dieser Rede wird ein Brief erwähnt, den der Geschichtsschreiber Grätz an die Gründer der rKadimah“ gerichtet hat: «Wenn Jünglinge mit akademischer Bildung solche Ziele verfolgen — sagt Grätz u. a. — dann steht es wahrlich nicht schlecht um das Judentum.“ Nichts charakterisiert besser als diese Worte die Wandlung, die sich in den letzten 25 Jahren vollzogen hat. Zu jener Zeit hatten Jünglinge mit akademischer Bildung kein Interesse für das Judentum und der greise Gelehrte war durch das damalige Häuflein jüdischer Studenten ebenso verwundert als erfreut. Heute ist die Zahl der Akademiker im zionistischen Lager eine gewaltige, ja die sogenannten Intellektuellen bilden vielleicht das verhältnissmässig grösste Kontingent des Zionismus. Welche Wurzel der Zionismus im jüdischen Volke gefasst hat, das zeigt die Ausbreitung der zionistischen Organisation über die ganze Erde. Und so dürfen wir denn nicht ohne innere Befriedigung auf die bisherige Entwicklung des Zionismus zurückblicken. 25 Jahre sind eine kurze. Spanne im Leben eines alten Volkes. Noch sind wir weit entfernt von dem Endziele unserer Bewegung, aber schon hat sie uns etwas Kostbares gegeben — ein Ideal. Gar oft sind wir ob unseres Idealismus gescholten worden, als ob jemals eine grosse Tat mit nüchternem, kalten Egoismus vollbracht worden wäre. Wir aber freuen uns dieses Idealismus, denn er hat unserem Leben neuen Inhalt gegeben. Aus ihm schöpft unser Volk neuen Mut, neue Hoffnung, neue Lebenskraft. Wir haben uns wieder auf uns besonnen, wir haben den Mut wir selbst zu sein, wir glauben an uns, wir hoffen auf uns, wir schämen uns unserer Art nicht mehr, wir sind ihrer froh, wir sind ihrer stolz. Wir preisen das Schicksal, dass es uns vergönnt war an dem Aufbau des Zionismus mitzutun. . Seine Ideale bildeten die Träume unserer Jugend, für seine Entwicklung wirken wir als Männer und für seine Ausführung wollen wir fortwirken bis die ehernen Gesetze der Natur uns zu ewiger Untätigkeit zwingen werden. Briefe aus Galizien. VIII. Die politische Erziehung. Die Usurpation jeglicher politischer Macht in Galizien durch die Clique, die polnische Schlachta, verdrängte im Laufe der Jahre die breiten Massen aller drei Nationen des Landes vollends aus dem politischen Leben und die Bevölkerung verfiel infolgedessen, wie bereits ausgeführt, in einen Indifferentismus, der der Europäisierung Galiziens im Wege steht. Die ganze Summe von Energie und Willenskraft, die den galizischen Völkern innewohnt, konzentriert sich, besonders in den unteren Schichten, auf die materiellen Tagesfragen und die Politik kann ihnen kein Interesse abgewinnen. Ihr Horizont ist derart eingeengt worden, dass sie über das tägliche Brot hinaus, eine weitere Welt um sich herum nicht mehr sehen können. Wenn wir also das jüdische Volk, aus seiner politischen Indolenz, aufrütteln wollen, so können wir dieses Ziel nur auf dem Umwege über die materiellen Lebensfragen, für welche es vorläufig zugänglich ist, erreichen. Wir müssen auf - die zahlreichen, zwischen Politik und Löben vorhandenen Konnexe hinweisen; dem Volke zu verstehen geben, dass die beiden Begriffe gar nicht getrennt werden können, um auf diese Weise für die politische Betätigung ein gewisses, wenn auch zunächst nur indirektes Interesse zu erwecken. Die wirtschaftlichen Gegenwartspostulate aus dem Minimalprogramm unserer Partei, sollen in den Vordergrund geschoben werden, damit das Volk unsere Polit k verstehe, damit es einsehe dass wir keine Utopisten sind und seine Unterstützung verdienen. Welch grosser politischer Erfolg, zum Beispiel wäre es, wenn es uns gelänge, eine Milderung des Sonntagsruhegesetzes durchzusetzen! Welche Menge von neuen Anhängern würde uns dieser Erfolg zuführen! Wer das erwägen kann und hierfür Verständnis hat, der wird auch die Behauptung begreiflich finden, dass die nationale Selbständigkeit nur indirekt nach vorhergegangener Erfüllung der wirtschaftlichen Postulate erreicht werden kann. Es muss aber unermüdlich und eindringlichst darauf hingewiesen werden, dass die Verwirklichung unserer wirtschaftlichen Postulate nur dann zu erhoffen ist, wenn wir imstande sind an der Gesetzgebung den gebührenden Anteil zu nehmen: dass wir ferner dazu der kräftigsten Unterstützung von unten bedürfen, und dass wir somit trachteil müssen, in sämtliche Vertretungskörper, von der Kultusgemeinde angefangen, wirkliche Volksvertreter zu entsenden, die nicht etwa egoistische Ziele, sondern das Wohl und das Interesse ihrer Wähler im Auge haben. Die Kultusgemeinden aber sind wichtige Körperschaften, nicht nur deshalb, weil sie bei Landtags- und Reichsratswahlen, als höchst bedeutende Hilfsorgane in Betracht kommen, sondern auch deshalb, weil sie als die einzigen autonomen Behörden der Juden, die nationale Selbständigkeit am wirksamsten vorbereiten und das Judentum am besten zu konzentrieren imstande sind. Nur ein Beispiel von vielen, möge hier aus der jüngsten Vergangenheit angeführt werden. Der galizische Landesausschuss richtete vor einigen Monaten einen Zirkularaufruf an alle Kultusgemeinden Galiziens, die zu gründende jüdisch-theologische Lehranstalt in Lemberg durch jährliche Beiträge und Spenden zuunterstützen. Wäre das nicht die beste Gelegenheit für eine offizielle Kundgebung der Juden an die Adresse der Landesregierung gewesen? Wäre nicht damals die geeignetste Zeit gewesen, um mit unseren nationalen und kulturellen Wünschen hervorzutreten und zu verlangen, dass die zu kreierende Anstalt, die uns doch auf das Sollkonto gebucht werden wird, einen echt jüdischen Charakter habe, dass sie den berechtigten Wüni